Zum Reformationsjubiläum 1617 illustriert ein Flugblatt einen prophetischen Traum Friedrichs des Weisen
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Nicht beabsichtigte Folgen


11.8.2017
Der Protestantismus hat die Welt verändert – wie das übrigens alle Konfessionen bzw. Religionen für sich in Anspruch nehmen können. Die beabsichtigten Folgen lassen sich auf einen Zeitraum von gut 50 Jahren konzentrieren. Alle weiteren Entwicklungen sind nicht intendiert und deshalb unterschiedlichen Bewertungen sowohl durch die Zeitgenossen als auch durch die Historiker unterworfen.

Ein markantes Ereignis der französischen Religionskriege ist das Massaker an den calvinistischen Hugenotten in der Bartholomäusnacht anlässlich der Hochzeit König Heinrichs IV. mit Margarete von Valois 1572 in Paris.Ein markantes Ereignis der französischen Religionskriege ist das Massaker an den calvinistischen Hugenotten in der Bartholomäusnacht anlässlich der Hochzeit König Heinrichs IV. mit Margarete von Valois 1572 in Paris. (© akg-images)

Protestantismus und weltliche Macht



Die Teilung des christlichen Europa in Konfessionen war seit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 (mit dem Grundsatz: lat.: cuius regio, eius religio, wessen Gebiet, dessen Religion) eine politische Tatsache, ab da veränderten sich die Machtkonstellationen nachhaltig. Statt einer Universalmonarchie, als deren Vertreter sich Kaiser Karl V. (1500–1558) noch betrachtet hatte, entstand eine Vielzahl regionaler Mächte mit durchaus gegensätzlichen konfessionspolitischen Interessen.

16. und 17. Jahrhundert: Da sich auch die innenpolitischen Gegensätze mit Konfessionskonflikten verzahnten, wurde das Europa des ausgehenden 16. und des 17. Jahrhunderts durch eine nicht enden wollende Reihe konfessionspolitischer Konflikte geprägt. Die Spannungen entluden sich nicht zuletzt in verheerenden Religionskriegen, zu denen die Hugenottenkriege in Frankreich (1562–1598), der niederländische Freiheitskampf ab 1568, der englische Bürgerkrieg (1642–1649) und der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) gezählt werden.

Nun hatte es auch schon vor der Reformation militärische Konflikte gegeben, die Anwendung von Gewalt ist also nicht allein auf die Existenz des Protestantismus zurück zu führen. Die Funktionalisierung der christlichen Konfessionen für politische Zwecke, diese unheilige Allianz zur Durchsetzung von Herrschaftsinteressen, zur Umsetzung politischer Ziele mithilfe der konfessionellen Gegensätze aber bleibt eine – wenn auch unbeabsichtigte – Folge der Reformation. Die Tatsache ist als "Konfessionalisierung" auch der Außenpolitik bezeichnet worden und betraf alle in Europa vorhandenen christlichen Konfessionen.

In der Forschung wird die "Konfessionalisierung" darüber hinaus als mögliche Stufe im Werden des "modernen Staates" beschrieben. Ob sie als Machtkonzentration zum Beispiel in der Monarchie aber zu den unvermeidbaren Stufen in der Entwicklung europäischer Herrschaftsformen zählt, ist umstritten. Denn stets sind spezifische historische Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, Alternativen lassen sich fast überall erkennen.

Die Rolle, die Luther den Landesherren als Notbischöfen zumaß, hat die weltlichen territorialen Obrigkeiten aber zweifelsfrei gestärkt, sie blieb keine vorübergehende Erscheinung. Die hochadligen Herrscher strebten danach, ihre Territorien konfessionell, geografisch, militärisch und verfassungspolitisch zu vereinheitlichen. Der Zuwachs an Macht, den die reformatorische Bewegung auch ökonomisch brachte – etwa, weil das Eigentum der katholischen Kirche, darunter der Klosterbesitz, an die weltliche Herrschaft (Adel, Städte) fiel –, erleichterte die Umsetzung solcher Ziele.

Dennoch gab es immer wieder Opposition gegen die Machtansprüche der weltlichen Obrigkeit: Pfarrer, Gemeinden und deren Amtsträger wehrten sich gegen Eingriffe in den als autonom charakterisierten innerkirchlichen Lebensraum; an den Inhalten zum Beispiel von Gesangbüchern entzündeten sich heftige Konflikte. Es ist deshalb sicherlich richtig, von Zentralisierungsabsichten weltlicher Obrigkeiten zu sprechen, zugleich aber muss betont werden, dass sie häufig nur Absichten blieben. Die Trennung von Religion und Politik war "das" Argument auf beiden Seiten – nur über die exakte Abgrenzung beider Bereiche entstand immer wieder Streit.

Eine generelle Infragestellung der weltlichen Obrigkeit war damit allerdings bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in keiner der christlichen Konfessionen verbunden, ebenso wenig wie eine ungetrübte Einheit von Thron und Altar. "Die neue evangelische Religion und der neue selbstbewusste Territorialstaat: Sie sind gewiss nicht unverbunden, aber doch in wesentlicher Hinsicht getrennt. Diese Trennung ist grundlegend für ein westliches Gesellschaftsmodell.", befand 2017 der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio.

Damit ist die Richtung angedeutet, in die sich der Protestantismus seit der Mitte des 19. Jahrhunderts – wenn auch langsam – bewegte. Wie generell in Europa musste auch in dieser Konfession seit dem Ende des 18. Jahrhunderts akzeptiert, gelernt und in die Praxis umgesetzt werden, dass Herrschaft nicht mehr als von Gott gegeben galt, sondern als weltliches Recht, das durch Wahl (nicht sogleich durch alle, wie z. B. das Drei-Klassen-Wahlrecht), nicht durch Erbe übertragen und deshalb durch das Recht kontrolliert wurde.

19. Jahrhundert: Im Kontext der 300-Jahrfeiern der Reformation von 1817 lässt sich eine wachsende Identifikation des Protestantismus mit der nationalen deutschen Einheitsbewegung feststellen, die sich in den Befreiungskriegen gegen das Frankreich Napoleons 1813 gerade erst gefestigt hatte.
Es gehört deshalb in diese Umbruchs- und Aufbruchsphase, dass sich im Umkreis des Jubiläums von 1817 antifranzösische mit nationalliberalen und protestantischen Stimmungen zusammenfanden. Besonders gerühmt wurden die Sprachkraft des Wittenbergers und der Beitrag, den er durch seine Bibelübersetzung zur Einheit der deutschen Sprache geleistet hatte.

Die preußische Politik hat sowohl den Protestantismus als auch die Einheitsbewegung in ihre Politik einzubinden versucht; beide Strömungen sollten dem Ziel dienen, die frühen Verfassungsbewegungen mit deren Wunsch nach Freiheit, Demokratie und politischer Teilhabe (Liberalismus) nicht nur in Preußen, sondern in ganz Deutschland zurückzudrängen. Erneut wurde das Religiöse für die Interessen dynastischer Machtpolitik funktionalisiert, nun als europäisches Phänomen, auch dies eine nicht beabsichtigte Folge der Reformation.

Im Protestantismus des beginnenden 19. Jahrhunderts gab es sowohl Anhänger des frühen Liberalismus als auch Anhänger einer nationalen Freiheitsbewegung; die Verfassungsfragen waren umstritten. Protestantische Pfarrer und Gemeinden waren somit als Teil des sich artikulierenden frühliberalen Bürgertums auf beiden Seiten der Kontroversen um die Verfassungsfrage zu finden. Der hessische Verfassungskampf in den 1830er-Jahren, der auch für die Kirchen Verfassungsformen festlegen sollte, ist ein Beispiel dafür.

Generell muss berücksichtigt werden, dass die Entwicklungen in den deutschen Territorien des 19. Jahrhunderts ebenso wie im übrigen Europa in häufig stark voneinander abweichenden Bahnen verliefen. "Die" Kirche und "den" Protestantismus hat es als einheitlichen Block nicht gegeben.
So lässt sich für die lutherischen Pfarrer und ihre Gemeinden im Großherzogtum Baden um 1860/70 eine große Offenheit für die Auseinandersetzung des Protestantismus mit der modernen Welt feststellen. Für die praktische Seelsorge und die politische Teilhabe der Geistlichkeit existierte ein "pastorales Konzept der Staatsbürgerschaft", das als "politische Bürgerlichkeit" beschrieben wird. Und auch in Preußen war der "politische Geistliche" in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein vieldiskutiertes Phänomen und ein Problem für etliche Gemeindemitglieder ebenso wie für einige Regierungen, denn manche Christen wollten keine politischen Meinungen in die Kirche getragen sehen.

Immer war das Verhältnis zwischen protestantischer Kirche, geistlichem Amt und Politik umstritten, eine "politische Religion" allerdings wurde abgelehnt. Das bayrische lutherische Konsistorium formulierte 1863 nachdrücklich, dass kein Christ zu einer bestimmten politischen Meinung verpflichtet sei: "Was ist denn nun verkehrter als dies, zu sagen, ein Christ müsse als solcher Royalist sein, oder er müsse Republikaner, oder er müsse Constitutioneller oder dergleichen sein? Zu nichts verpflichtet ihn sein Christsein, als dazu, daß er nicht daran denke, die bestehende Ordnung mit Gewalt zu beseitigen, sondern daß er sich als Royalist in einer unbedingten Monarchie, als Constitutionalist in einem constitutionellen Staate und als Republikaner in einer Republik thatsächlich halte." Sowohl von lutherischer wie von calvinistisch-reformierter Seite wurde offen Kritik an der weltlichen Obrigkeit geübt, eine politisch abweichende Haltung wurde ausdrücklich in Anspruch genommen.

Nach der Reichsgründung von 1870/71 verzahnten sich nationale, antikatholische Strömungen in großen Teilen des Luthertums mit dem Bewusstsein, eine staatstragende Rolle zur Unterstützung der neuen deutschen Monarchie im Kaiserreich zu spielen. In der Forschung wird dies als "Pastorennationalismus" beschrieben. Dass es entsprechende Bewegungen im katholischen Teil des Kaiserreichs kaum gab, ist nachvollziehbar, denn dort standen gläubige Katholiken im Dilemma zwischen dem Geltungsanspruch der katholischen Kirche (Ultramontanismus) und dem Machtanspruch des autonomen Nationalstaats.