Internationale Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen

10.11.2017 | Von:
Heribert Dieter

Grenzüberschreitende Investitionen

Vor- und Nachteile grenzüberschreitender Investitionen werden in der Öffentlichkeit immer wieder kontrovers diskutiert. Sie bieten vielfältige Chancen, die zur wirtschaftlichen Belebung von Regionen beitragen können. Zugleich bergen sie die Gefahr, dass die Möglichkeiten einer liberalen Weltwirtschaft ungleich ausgenutzt werden.

Paul Feng ist Chef des chinesischen Midea-Konzerns, der 2016 den deutschen Roboterhersteller KUKA übernimmt. Feng auf der Industriemesse Hannover 2017Paul Feng ist Chef des chinesischen Midea-Konzerns, der 2016 den deutschen Roboterhersteller KUKA übernimmt. Feng auf der Industriemesse Hannover 2017 (© picture-alliance/dpa, Silas Stein)

Ein wichtiges Element der internationalen Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen sind grenzüberschreitende Investitionen. Dazu sind alle grenzüberschreitenden Vermögensanlagen zu rechnen, also auch Wertpapieranlagen (Portfolioinvestitionen).

Investitionen aus dem Ausland sind häufig ein politisch umstrittenes Thema. In Deutschland etwa wurde im Jahr 2016 die Übernahme des Roboterherstellers KUKA durch ein chinesisches Unternehmen intensiv diskutiert: Erwächst der deutschen Wirtschaft Schaden, indem technologisches Wissen nach China fließt? Ist es unklug, sich gegen ausländische Investitionen aufzulehnen und nicht vielmehr sinnvoll, dass ausländische Unternehmen in Deutschland investieren?

Diese Fragen werden keineswegs nur in Deutschland diskutiert. In der Wirtschaftsgeschichte finden sich viele Fälle von ausländischen Investitionen, die von intensiver Kritik begleitet wurden. Dies gilt besonders bei bekannten Unternehmen. In der Schweiz etwa wurde die Übernahme der insolventen Fluggesellschaft Swissair durch die Lufthansa anfangs scharf kritisiert. Erst im zweiten Anlauf ließen sich der Schweizer Staat und die Aktionäre der Swiss auf die Übernahme ein.

Investitionsformen und deren Bewertung

Ausländische Investitionen haben verschiedene Formen. Nutzen und Risiken sind unterschiedlich zu bewerten. Die bekannteste Form sind Direktinvestitionen: Dabei wird in ein neues Unternehmen investiert, oder es werden Anteile an einer existierenden Firma gekauft.

Häufig errichten Unternehmen aus Land A eine Fabrik in Land B. Ein Beispiel aus Europa: Der Autohersteller Daimler errichtet ein Werk zur Produktion der Mercedes B-Klasse im ungarischen Kecskemet und investiert eine Milliarde Euro in dieses Vorhaben. Dies hat für das Zielland der Investition wirtschaftliche Vorteile: Zum einen entstehen im Werk selbst Arbeitsplätze, zum anderen zieht die Errichtung einer Automobilfabrik andere Investoren, vor allem aus der Zulieferindustrie, an. Möglich ist auch, dass Arbeitskräfte in den von ausländischen Investoren errichteten Fabriken Kenntnisse und Fähigkeiten gewinnen, die sie dann bei der Gründung neuer, eigener Unternehmen nutzen können. Im Idealfall entwickelt sich durch ausländische Investitionen ein nachhaltiger wirtschaftlicher Aufschwung.

In früheren Epochen wurden ausländische Direktinvestitionen oftmals kritisch bewertet. Gerade in den sogenannten Entwicklungsländern galten sie vielfach als Problem: Die ausländischen Investoren würden die einheimischen Arbeitskräfte ausbeuten, und der langfristige Nutzen für die inländische Wirtschaft sei beschränkt, weil sie keine eigene Industrie aufbauen könne. Als weiterer unerwünschter Nebeneffekt ausländischer Investitionen wird das "Wildern im Arbeitsmarkt" angesehen: Hochqualifizierte Arbeitskräfte, etwa Lehrer oder Ingenieure, können von ausländischen Firmen mittels höherer Löhne angeworben und dann für gering qualifizierte Tätigkeiten eingesetzt werden. In ihren Ausbildungsberufen fehlen sie dann.

Ausländische Investitionen können aber auch in anderer Form erfolgen. Eine schon erwähnte ist die Übernahme eines inländischen Unternehmens durch ein ausländisches. Der Kauf einer inländischen Firma ist selten ein rein ökonomisches Thema, sondern weckt oft auch Emotionen. Das zeigt abermals das Beispiel der Swissair: Die Fluggesellschaft galt als Verkörperung der Schweizer Nationalstolzes. Übernahmen bestehender Unternehmen werden in vielen Fällen als unerwünschter Ausverkauf des wirtschaftlichen Know-how eines Landes kritisiert.

Unterscheidet man Direktinvestitionen, die mit dem Aufbau neuer Produktionskapazitäten einhergehen (sogenannte greenfield-Investitionen), sowie Fusionen und Übernahmen, ergibt sich für das Jahr 2015 folgendes Bild: Die Industrie-Neuansiedlungen stiegen weltweit gegenüber 2014 um acht Prozent auf 766 Milliarden US-Dollar. Fast genauso hoch war das Volumen grenzüberschreitender Fusionen und Übernahmen, das 721 Milliarden US-Dollar betrug. Allerdings stiegen diese Direktinvestitionen gegenüber 2014 um 67 Prozent.

Ein wesentlicher Faktor für das ausgeprägte Kaufinteresse von Unternehmen ist die Zinspolitik der großen Notenbanken, die die Finanzierung großer Übernahmen durch ein niedriges Zinsniveau leichter finanzierbar machen. Ebenso wie für Häuslebauer bei niedrigen Zinsen auch ein größeres Eigenheim erschwinglich wird, können Unternehmen bei niedrigen Zinsen auch sehr große Übernahmen finanzieren.
Schließlich gibt es als dritte Form noch Portfolio-Investitionen. Auch hier fließt Kapital ins Ausland oder aus dem Ausland. Im Vordergrund steht dabei das Interesse, an den Profiten eines Unternehmens zu partizipieren. Eine Übernahme des Unternehmens oder die Kontrolle des Geschäftsbetriebs sind bei Portfolio-Investitionen nicht vorgesehen. Ein Beispiel ist der Kauf von Aktien der Deutschen Telekom durch einen Australier. Ziel der Investition ist es, von Dividenden und eventuellen Kurssteigerungen der Aktie zu profitieren, aber nicht das Unternehmen zu kontrollieren.

Quellentext

Vor- und Nachteile von ausländischen Direktinvestitionen

[…] Im Grundsatz stimmen die meisten Ökonomen darin überein, dass solche Investitionen von beträchtlichem wirtschaftlichem Nutzen sind. Wenn eine ausländische Firma ihre eigene Technologie und das eigene Kapital nutzt, um eine neue Fabrik zu bauen oder wenn ein Unternehmen Anteile an einer ausländischen Firma kauft und sich so die Kontrolle über sie verschafft, dann kann das für beide Seiten lohnend sein. Die Kontrollübernahme geht zumeist mit der Einführung neuer Technologie und neuer Managementstrukturen einher, die wiederum für gesteigerte Produktivität sorgen. Das Kapital fließt dabei vor allem von fortgeschrittenen in weniger entwickelte Volkswirtschaften.

Von dieser Warte aus betrachtet scheinen ausländische Direktinvestitionen also die "gute" Globalisierung zu repräsentieren. Doch damit vernachlässigt man die Rolle der so genannten "Zweckgesellschaften", die – speziell in Europa – einen immer größeren Teil der ausländischen Direktinvestitionen tätigen. Dabei handelt es sich in der Regel um Dachunternehmen, die dazu genutzt werden, große Kapitalmengen im Ausland zu verwalten, ohne eine wirkliche physische oder wirtschaftliche Präsenz aufzubauen. Der Verdacht liegt nahe, dass dies nur geschieht, um Steuerzahlungen zu vermeiden, bilaterale Steuerabkommen auszunutzen oder steuerliche Sonderbehandlungen zu erwirken.

[…] Das zeigt wiederum, dass wir eindeutig zwischen "produktiven" und strikt "bilanziellen" oder "finanziellen" ausländischen Direktinvestitionen unterscheiden müssen. Dass ein Großteil letzterer Transaktionen vor allem in Ländern mit niedrigen Unternehmenssteuern (Irland) oder vorteilhaften internationalen Steuerabkommen (Niederlande, Luxemburg) abgewickelt wird, versteht sich von selbst.

Das führt teilweise zu ganz erstaunlichen Statistiken. So ist die EU laut offizieller europäischer Handelsstatistiken der größte Nettoexporteur von Computerdienstleistungen – noch vor den USA. Dass ein großer Teil dieser vermeintlichen EU-Exporte aus Irland stammt, legt allerdings die Vermutung nahe, dass amerikanische Technologiekonzerne ihre Profite mittels Direktinvestitionen nach Irland umleiten, um von den dortigen Steuergesetzen zu profitieren. Die jüngste Entscheidung der EU-Kommission, von Apple eine beträchtliche Steuernachzahlung einzufordern, weist in diese Richtung. Makroökonomisch betrachtet ist klar, dass eine solche abgekartete Kapitalflucht unter dem Strich keine positiven gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen haben kann. […]

Daniel Gros, "Globalisierung", in: Internationale Politik (IP) Januar/Februar 2017, S. 62 ff. (hier S. 66 f.)