Internationale Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen

10.11.2017 | Von:
Heribert Dieter

Die internationale Finanzordnung

Finanzmärkte beeinflussen die Entwicklung einzelner Volkswirtschaften. Ihre Organisation, die Finanzordnung, ist das Ergebnis von politischen Entscheidungen, die im Laufe der Jahre starken Veränderungen unterworfen sind. Der unbeschränkte Kapitalverkehr birgt Chancen und Risiken.

Drei Goldbarren von je 250g Gold liegen auf Dollar-BanknotenDer US-Dollar löst Mitte der 1940er-Jahre den Goldstandard als internationale Leitwährung ab. Er bleibt als einzige Währung im festen Kurs an Gold gebunden. (© picture-alliance, CHROMORANGE / Bilderbox)

Neben dem Warenhandel und den grenzüberschreitenden Investitionen werden die internationalen Wirtschaftsbeziehungen geprägt durch den übrigen Kapitalverkehr und die Währungsordnung. Die Finanzmärkte beeinflussen im hohen Maße die Entwicklung einzelner Volkswirtschaften, speziell der Entwicklungs- und Schwellenländer. Verändert sich beispielsweise der Wechselkurs einer Landeswährung, hat dies gravierende Auswirkungen auf den Handel und Investitionsentscheidungen. Die internationalen Wirtschaftsbeziehungen sind daher ohne die Betrachtung der Finanzordnung nicht zu verstehen.

Die heutige Organisation der Finanzmärkte ist sehr stark von liberalen Vorstellungen geprägt. Zwar gibt es in China, Indien und anderen Schwellenländern noch Kapitalverkehrskontrollen (managed floating, also keine vollkommen freien Wechselkurse). Doch in den meisten Ländern ist der grenzüberschreitende Kapitalverkehr nicht beschränkt, und die Wechselkurse von Währungen bilden sich auf Märkten, werden also nicht von staatlichen Stellen festgelegt. In früheren Phasen der Weltwirtschaft war dies anders: Staaten kontrollierten Kapitalströme, und Zentralbanken legten Wechselkurse fest.

Die heutige Organisation der Finanzmärkte ist die Folge von politischen Entscheidungen zur Deregulierung und reflektiert dabei das Interesse einzelner Akteursgruppen. Die liberale Finanzpolitik nutzt vor allem denjenigen Unternehmen der Finanzindustrie, die auf einem globalen Markt grenzenlose Investitionsmöglichkeiten haben, aber auch Staaten, die sich heute leichter Zugang zu internationalem Kapital verschaffen können als früher und damit nun auch eigene Ersparnisengpässe leichter entschärfen können.

Allerdings war dies nicht immer so. In den letzten 150 Jahren haben sich die Bedingungen für die internationalen Finanzmärkte mehrfach und zum Teil drastisch verändert. Ausschlaggebend dafür waren politische Entscheidungen wichtiger Länder, vor allem Großbritanniens und der Vereinigten Staaten von Amerika.

Eine kurze Geschichte der internationalen Finanzpolitik

Der Goldstandard

Im 19. Jahrhundert war Großbritannien auf dem Höhepunkt seiner Macht und ordnete die internationalen Finanzbeziehungen nach seinen Interessen. Das Instrument hierzu war der Goldstandard. Dabei legte zunächst ein Land das Umtauschverhältnis von Papiergeld zu Gold fest. Großbritannien tat dies im Jahr 1844. Andere Länder folgten dem britischen Beispiel und stiegen auf eine Goldbindung ihrer Währungen um.

Von etwa 1870 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 ermöglichte der Goldstandard eine deutliche Ausweitung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Da alle am Goldstandard teilnehmenden Länder ihre Währungen in einem festen Wechselkurs an Gold gebunden hatten, blieben auch die Wechselkurse zwischen den Währungen, also etwa zwischen dem britischen Pfund und dem amerikanischen Dollar, stabil. Zugleich herrschte ein unbeschränkter internationaler Kapitalverkehr. Kapital aus Großbritannien finanzierte so große Investitionen in der Neuen Welt, etwa den Eisenbahnbau in den USA oder in Argentinien.

Der Goldstandard hatte vor allem zwei Auswirkungen: Indem die Notenbanken das Austauschverhältnis zu einem knappen Edelmetall festlegten, förderten sie das Vertrauen in ihre Währungen. Denn die inländische Geldmenge war gebunden an die Goldreserven der landeseigenen Notenbank.

Gleichzeitig schuf der Goldstandard ein frühes System internationaler finanzpolitischer Zusammenarbeit. Die Notenbanken der teilnehmenden Länder trafen sich regelmäßig, um über Fragen der internationalen Wirtschaftsbeziehungen zu sprechen und mögliche Anpassungsmaßnahmen zu vereinbaren. Federführend war die Bank von England, die als "Dirigent eines internationalen Orchesters" fungierte, so der US-Ökonom Barry Eichengreen.

Der Erste Weltkrieg brachte diese internationale Zusammenarbeit zum Erliegen. Danach gab es mehrfach Bestrebungen, den Goldstandard wiederherzustellen. Doch sämtliche Initiativen scheiterten, die Staaten waren in den 1920er-Jahren, vor allem aber in der Großen Depression zu Beginn der 1930er-Jahre, nicht zu internationaler Zusammenarbeit bereit. Im Sommer 1933, bei der Londoner Weltwirtschaftskonferenz, versuchten 66 Länder letztmalig, den Goldstandard wieder einzuführen. Doch der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt, ab März 1933 im Amt, lehnte diesen Vorstoß ab, und so konnten sich die internationalen Wirtschaftsbeziehungen in den 1930er-Jahren nicht mehr erholen.

Das System von Bretton Woods

Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen die alliierten Siegermächte Lehren aus dem Scheitern der Vorkriegsbemühungen. Die neue Währungsordnung wurde maßgeblich von den USA und Großbritannien gestaltet und ist benannt nach dem Konferenzort, an dem sie beschlossen wurde. 1944 tagten 44 Länder in Bretton Woods, einem Dorf im US-Bundesstaat New Hampshire, und vereinbarten drei Institutionen zur Gestaltung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen: den Internationalen Währungsfonds IWF, die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, die zumeist als Weltbank bezeichnet wird, und das General Agreement on Tariffs and Trades (GATT), den Vorläufer der WTO, das sich um die Organisation des Warenhandels kümmern sollte.

Das System von Bretton Woods veränderte vor allem die Finanzpolitik. Die Wechselkurse waren, wie im Goldstandard, gegenüber anderen Währungen festgelegt. Im Mittelpunkt stand nun aber der US-Dollar, der als einzige Währung in einem festen Kurs an Gold gebunden war. Andere Währungen, auch das britische Pfund, waren wiederum in einem festen Kurs an den Dollar gebunden.

Das neue System erlaubte es allerdings, die Wechselkurse anzupassen. So wurde die D-Mark gegenüber dem US-Dollar zunächst im Jahr 1961 von 4,20 DM auf 4,00 DM pro Dollar und dann 1969 auf 3,65 DM pro Dollar aufgewertet. Vor allem aber unterlag der internationale Kapitalverkehr starken Beschränkungen. Unternehmen und Privatleute benötigten für die Ein- und Ausfuhr von Kapital Genehmigungen staatlicher Stellen.
Das System von Bretton Woods funktionierte gut zwei Jahrzehnte lang. Die internationalen Wirtschaftsbeziehungen erlebten in diesen Jahren einen enormen Aufschwung, Finanz- und Wirtschaftskrisen blieben weitgehend aus. Besonders bemerkenswert ist, dass es in den wichtigsten Industrieländern in jener Phase keine einzige Bankenkrise gab. Die Bankenaufsichtsbehörden regulierten streng und verhinderten Übertreibungen, wie sie seit dem Zusammenbruch des Systems von Bretton Woods immer wieder zu beobachten sind.

Die Finanzindustrie konnte allerdings nur auf den nationalen Märkten operieren und war dementsprechend an einer Überwindung dieses für sie unbefriedigenden Zustandes interessiert, um zu expandieren. Auch die Entwicklungs- und Schwellenländer waren im Bretton-Woods-System in ihren Investitionsmöglichkeiten im Wesentlichen auf die zumeist niedrigen eigenen Ersparnisse angewiesen und konnten nicht auf private externe Ersparnisse zurückgreifen. Dies behinderte sie in ihren Wachstumsperspektiven.

Unter Druck geriet das System von Bretton Woods jedoch durch die wachsende Staatsverschuldung der USA. Sie war die Folge einer expansiven Fiskalpolitik, welche Washington von 1965 an betrieb, um den Krieg in Vietnam und die von Präsident Lyndon B. Johnson aufgelegten kostspieligen sozialpolitischen Maßnahmen zu finanzieren.

Diese Politik führte zu einer steigenden Inflation und untergrub schließlich das Vertrauen in die Fähigkeit der USA, US-Dollar jederzeit in Gold umtauschen zu können. Die Partner der USA wollten den Dollar nun bei festen Wechselkursen nicht mehr zur Bezahlung ihrer Forderungen akzeptieren. Damit kam eine zentrale Säule des Systems von Bretton Woods ins Wanken.

Übergang zur heutigen Finanzordnung

Das System von Bretton Woods wurde in mehreren Stufen zwischen 1971 und 1973 abgeschafft. Im August 1971 beendete der amerikanische Präsident Richard Nixon die Bindung des US-Dollars an Gold. Im Laufe der 1970er-Jahre gaben dann Deutschland und andere Länder die festen Wechselkurse zwischen ihren Währungen und dem Dollar auf und liberalisierten ihren Kapitalverkehr. Die Schlusslichter dieser Entwicklung bildeten zu Beginn der 1990er-Jahre Japan, Spanien und Portugal. Banken konnten mit dem Ende von Bretton Woods wieder in allen Regionen der Welt – mit Ausnahme des sogenannten Ostblocks unter Führung der Sowjetunion – Geschäfte tätigen.

Die vergangenen 150 Jahre lassen also drei Phasen mit sehr unterschiedlichen finanzpolitischen Prägungen erkennen:
  • Der Goldstandard mit festen Wechselkursen und unbeschränktem Kapitalverkehr;
  • das System von Bretton Woods, ebenfalls mit festen, wiewohl anpassbaren Wechselkursen, aber mit Beschränkungen des Kapitalverkehrs;
  • und die heutige, noch namenlose Ordnung, die gekennzeichnet ist durch schwankende Wechselkurse und freien Kapitalverkehr.
Charakteristika und Folgewirkungen des freien Kapitalverkehrs

Die heutige Währungs- und Finanzordnung nutzt insbesondere denjenigen Banken und Finanzinstituten, die in vielen Ländern der Welt tätig sind. Für diese Gruppe eröffnete der Zusammenbruch der früheren Ordnung neue Geschäftsmöglichkeiten. Der Wandel von Bretton Woods zum heutigen System ist begleitet vom Wiedererstarken des Finanzsektors und seiner gestiegenen politischen Durchsetzungsmacht.

Unternehmen und Privatpersonen sind dagegen seit den frühen 1970er-Jahren mit zum Teil stark schwankenden Wechselkursen konfrontiert. Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie sich gegen Wechselkursschwankungen absichern müssen. Diese Absicherungen werden vom Finanzsektor angeboten, kosten die Unternehmen jedoch beachtliche Summen. Die Freigabe der Wechselkurse in den 1970er-Jahren verlagerte also das Wechselkursrisiko vom Staat auf den Privatsektor und wird deshalb vielfach als eine der größten Privatisierungsaktionen der Wirtschaftsgeschichte angesehen.

Die Befürworter der Liberalisierung des Kapitalverkehrs erwarteten, dass sie Entwicklungs- und Schwellenländern günstigere Finanzierungsmöglichkeiten eröffnen werde. Kapital werde dorthin fließen, wo höhere Renditen winkten. In der Praxis hat sich jedoch gezeigt, dass vor allem die USA seit 1991 erhebliche Kapitaleinfuhren verzeichnen.

Entwicklungs- und Schwellenländer dagegen haben seit den Finanzkrisen der späten 1990er-Jahre hohe Währungsreserven aufgebaut, die zumeist in US-Dollar gehalten werden. Von 1998 bis 2015 stiegen diese Währungsreserven der Entwicklungsländer (ohne Gold) nach Angaben des IWF von 602 Milliarden US-Dollar auf 6.900 Milliarden US-Dollar. Währungsreserven gehören zwar der jeweiligen Regierung bzw. der Notenbank, stehen aber für produktive Investitionen nicht zur Verfügung.

Seit der Liberalisierung des Kapitalverkehrs haben sich immer wieder schwere Finanzkrisen ereignet. Unmittelbar nach der Freigabe der Wechselkurse und der Liberalisierung des Kapitalverkehrs löste der Zusammenbruch einer deutschen Privatbank, des Bankhauses Herstatt, im Jahr 1974 eine internationale Krise aus. In den frühen 1980er-Jahren wurden gleich drei lateinamerikanische Länder – Argentinien, Brasilien und Mexiko – von schweren Finanzkrisen erfasst. In den 1990er-Jahren suchte eine erneute Krise Mexiko heim (1994/95), es folgten die Asienkrise (1997/98) und eine Finanzkrise in Russland. In den letzten zehn Jahren wurde die Weltwirtschaft durch die Krise, die 2007 in den USA begann, und die Folgekrisen in Europa überschattet.

Quellentext

Konsequenzen aus der Finanzkrise 2007

An den Juli 2007 können sich die meisten Banker weltweit und auch in Deutschland noch gut erinnern. Schon seit dem Frühjahr hatte man aus den USA immer häufiger von geplatzten Immobilienkrediten gehört. Immer mehr Hausbesitzer konnten diese nicht zahlen, weil sie zu wenig verdienten. Diese schlecht besicherten Hypothekenkredite – im Fachjargon "Subprime" genannt – wurden gebündelt in Paketen mit besser besicherten Krediten. So fand man Käufer – und das weltweit.

Darunter auch die Düsseldorfer IKB Deutsche Industriebank. Sie geriet Ende Juli 2007 in eine existenzbedrohende Krise, weil sie seit Jahren genau in Pakete mit solch schlecht besicherten Immobilienkrediten in den USA investiert hatte. Damit war sie das erste Opfer der Finanzkrise in Deutschland. Sie wurde gerettet mit Geldern der staatlichen Förderbank KfW, vom Bund und anderen Banken. […]

Das aber war erst der Beginn. In der Folge fiel die Düsseldorfer WestLB, andere Landesbanken mussten von ihren Bundesländern gestützt werden, die SachsenLB wurde von der Landesbank Baden-Württemberg übernommen. Alle hatten sie in "Subprime"-Kredite investiert. […] Die Banken waren zu wenig reguliert. Das aber erkannten die Politiker: Spätestens, als dann im September 2008 die Krise sich ausweitete und die US-Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach, begannen sie zu handeln. Sie verabschiedeten in Deutschland in kürzester Zeit ein Gesetz zur Stabilisierung der Finanzmärkte mit üppigen staatlichen Garantien und Kapitalzufuhren für die Banken. […]

Inzwischen haben die Politiker und Aufseher die Regeln angezogen. Diese Regeln würden verhindern, dass eine solche Krise wie die von 2007/2008 wieder entstehen könne, glaubt etwa der frühere Bundesbankpräsident [Axel] Weber heute. Dass die Banken sicherer seien, sieht auch Elke König so, die Chefin des europäischen Bankenabwicklungsfonds: "Banken haben heute deutlich mehr und deutlich besseres Kapital." Doch ihre Ertragskraft hat gelitten. Denn weil sie nicht mehr in so riskante Geschäfte investieren dürfen, sprudeln die Gewinne daraus nicht mehr so kräftig. Und die Regulierung verursacht Arbeit und Kosten.

[…] Damals hatten die Zentralbanken begonnen, den Märkten Liquidität zur Bewältigung der Krise bereitzustellen. Das tun sie immer noch. Doch Weber warnt, dass der Boom, den viele Kapitalmärkte in Folge der expansiven Geldpolitik erfahren haben, nicht nachhaltig sein werde. Er erwartet eine Korrektur der Aktienkursbewertungen und eine Normalisierung bei den festverzinslichen Erträgen […]

Deshalb müssten die verantwortlichen Notenbanken dieses System langsam wieder Richtung Normalität zurückführen. Wie schwer das ist, kann man aktuell an den Bemühungen der Europäischen Zentralbank beobachten. […]

Brigitte Scholtes "Eine Pleite, die die Welt veränderte", in: General-Anzeiger Bonn vom 29/30.Juli 2017

Zwar sind dieses Krisen nicht in allen Aspekten den Akteuren des Kapitalmarkts anzulasten. Auch strukturelle Faktoren und politische Entscheidungen von staatlicher Seite haben dazu beigetragen. Doch sie haben die Volkswirtschaften insgesamt belastet, und daher stellt sich die Frage, welchen Nutzen das heutige System des unbeschränkten Kapitalverkehrs hat.