Internationale Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen

21.12.2017 | Von:
Heribert Dieter

Vor- und Nachteile offenen Welthandels

Warenhandel bezeichnet den Austausch von Gütern zwischen Menschen. Wenn dabei eine Landesgrenze überquert wird, spricht man von internationalem Handel. Dieser wirkt in unterschiedlichen Feldern auf Gesellschaften ein. Er hat Auswirkungen auf Beschäftigung und Konsum, aber auch auf Politik und Umwelt.

Ein mit sechs Containerreihen beladenes Frachtschiff neben Ladekränen am Ufer im Hafenbecken Hamburg-Alsterwerder.Container, genormte Frachtbehälter, die gleichermaßen per Schiff, Eisenbahn oder LKW transportiert werden können, haben die Globalisierung des Warenhandels entscheidend befördert, aber die Zahl der Arbeitsplätze in den Häfen reduziert. Einer der weltweit größten vollautomatisierten Containerhäfen befindet sich in Hamburg-Altenwerder. (© Reuters / Christian Charisius)

Blick in die Geschichte

Grenzüberschreitender Handel ist kein eigentlich neues Phänomen. Menschen aus unterschiedlichen Volkswirtschaften treiben seit Jahrhunderten Handel miteinander und zwar umso mehr, je näher sie sich geografisch und kulturell stehen. Seit der Wiederbelebung der Seidenstraße durch die Mongolenherrscher ab dem 12./13. Jahrhundert gab es immer wieder Phasen intensiver Handelsbeziehungen, aber häufig haben sich Staaten auch vom grenzüberschreitenden Handel abgewendet und auf eine binnenwirtschaftliche Entwicklung gesetzt. Die Geschichte der Hanse im Nord- und Ostseeraum des frühen Mittelalters zeigt ebenfalls diese unterschiedlichen Phasen. Ein tiefgreifender Einschnitt war die Große Depression Anfang der 1930er-Jahre, als der Handel um ganze zwei Drittel zurückging. Die Geschichte der Handelspolitik zeigt also keine lineare Entwicklung hin zu einer offenen Weltwirtschaft, in der Grenzen und Barrieren zwischen Staaten weitgehend abgebaut sind und Freihandel herrscht.

Wettbewerb und Wettbewerbsfähigkeit

Am Anfang steht daher eine scheinbar triviale Frage: Warum tauschen Menschen Waren und Dienstleistungen überhaupt mit Menschen anderer Volkswirtschaften? Häufig herrscht die Annahme, der internationale Handel unterscheide sich vom Warenhandel innerhalb eines Staates, oder gar die Ansicht, der internationale Handel gefährde den Wohlstand von Volkswirtschaften. Aus Phasen staatlicher Abgrenzung rührt die Idee, der internationale Handel sei ein notwendiges Übel, erhöhe jedoch nicht den Wohlstand in einer Gesellschaft. Dies ist nicht zutreffend: Handel wird von Individuen getätigt und erhöht – grundsätzlich betrachtet – den Wohlstand. Die Motive der Käufer und Verkäufer unterscheiden sich nicht – gleichgültig, ob sie innerhalb eines Landes oder grenzüberschreitend miteinander Handel treiben.

Wiederholt hat es politische Strömungen gegeben, die auf die Erzeugung nahezu aller Güter im Inland setzten. Im amerikanischen Wahlkampf des Jahres 2016 gab es heftige Debatten über die Effekte der offenen Handelspolitik der USA. Der Wahlsieger Donald Trump versprach den Amerikanern, er werde dafür sorgen, dass sie künftig weniger Nachteile aus dem grenzüberschreitenden Handel in Kauf nehmen müssten, und kritisierte in diesem Zusammenhang unter anderem die hohen Exportüberschüsse Deutschlands. Das wirft die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit auf, die auf verschiedenen Wegen erreicht werden kann.

Quellentext

Internationale Arbeitsteilung und die Theorie komparativer Kostenvorteile

Zentral für das Verständnis der internationalen Wirtschafts­beziehungen ist die Theorie komparativer Kostenvorteile.

Die zugrundeliegende Annahme ist recht einfach: In Volkswirtschaften profitieren alle von Arbeitsteilung und Spezialisierung. Der Nutzen, so die Idee, ist für alle größer, wenn sich Menschen und Unternehmen in ihren wirtschaft­lichen Aktivitäten darauf konzentrieren, was sie am besten können. Dabei wird vorausgesetzt, dass jeder Mensch eine begrenzte Zeit zur Verfügung hat und diese Zeit am effek­tivsten nutzen sollte.

Ein Beispiel: Wir betrachten eine Rechtsanwältin und ihren Bürogehilfen. Beide verfügen über juristische Kennt­nisse. Die Anwältin entwirft juristische Schriftsätze, für die sie pro Schriftsatz durchschnittlich 60 Minuten Zeit benö­tigt. Weitere zehn Minuten kostet es sie, um einen Schrift­satz abzutippen.

Der Bürogehilfe braucht für die Formulierung eines Schriftsatzes etwa 180 Minuten und 20 Minuten, um einen Schriftsatz zu tippen. Für das Verfassen eines Schriftsatzes braucht der Gehilfe dreimal so lange wie die Rechtsanwäl­tin, für das Abtippen nur doppelt so lang, ist darin also vergleichsweise gut.

Absolut gesehen wäre es also am effizientesten, wenn die Rechtsanwältin beide Tätigkeiten übernähme. Sie schafft das in 70 Minuten, während der Gehilfe für beide Tätigkei­ten 200 Minuten benötigt. Die Rechtsanwältin kann ihre Effizienz aber steigern, wenn sie sich auf das konzentriert, was sie im Vergleich zu ihrem Bürogehilfen am besten kann, und darauf verzichtet, beide Arbeitsschritte selbst zu erledigen.

Sie verständigt sich mit dem Gehilfen auf eine Arbeitstei­lung, beschränkt sich auf die juristische Tätigkeit und kauft die Dienste der Schreibkraft ein. Von der Arbeitsteilung pro­fitieren beide: Die Rechtsanwältin, da sie beim Verfassen von Schriftsätzen einen noch größeren Vorteil hat als beim Schreibmaschineschreiben; der Gehilfe, indem er ebenfalls das tut, was er vergleichsweise gut leisten kann.

Der englische Ökonom David Ricardo (1772-1823) hat dieses· Grundprinzip der Arbeitsteilung· auf den Handel zwischen. Volkswirtschaften übertragen. Volkswirtschaften sollten sich darauf konzentrieren, was sie am besten können, weil sie davon, so Ricardo, beide profitieren.

Ricardo zeigte, dass die Arbeitsteilung und Spezialisierung auch dann Vorteile für beide Volkswirtschaften hat, wenn eine davon sämtliche Produkte preiswerter anbieten kann als die andere. Ricardo schlug vor, dass sich das teurer produzierende Land auf das Produkt konzentriert, bei dem es die geringe­ren Kostennachteile hat; weil es dort einen "komparativen Vorteil" habe.

Ricardos Überlegungen stellten einen radikalen Bruch mit dem Außenwirtschaftsmodell des Merkantilismus dar, der noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts speziell im absolutistischen Frankreich vertreten wurde: Dort galt es als erstre­benswert, möglichst wenig zu importieren und große Über­schüsse an Gold und Silber zu erwirtschaften.

Ein wichtiger Faktor für den internationalen Handel sind die von Land zu Land sehr unterschiedlichen Lohnkosten. Damit einher geht ein Zwang zu hoher Produktivität. Denn konkurrenzfähig bleiben Firmen nur dann, wenn in einer Arbeitsstunde eine hohe Wertschöpfung erwirtschaftet wird. Ausschlaggebend für die preisliche Konkurrenzfähigkeit eines Unternehmens sind daher nicht allein die Löhne, sondern die sogenannten Lohnstückkosten, die spiegeln, wie viel in einer Arbeitsstunde produziert wird. Bei hoher Produktivität können Unternehmen auch relativ hohe Löhne zahlen, ohne an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Diese Wettbewerbsfähigkeit wird gesteigert, wenn es Firmen gelingt, vor allem durch Innovationen zeitweilige Monopolgewinne zu erzielen, wenn sie also hochspezialisierte Produkte anbieten, bei denen die preisliche Wettbewerbsfähigkeit eine untergeordnete Rolle spielt: Die Produkte werden vom Ausland gekauft, weil sie besonders gut, nicht, weil sie besonders billig sind.

Arbeitskosten im verarbeitenden Gewerbe in ausgewählten Industrieländern 2015Arbeitskosten im verarbeitenden Gewerbe in ausgewählten Industrieländern 2015 (© Institut der deutschen Wirtschaft Köln)
Deutschland weist im internationalen Vergleich hohe Arbeitskosten auf. In Europa liegen zwar noch einige Länder vor Deutschland, aber abgesehen von den Spitzenreitern Schweiz und Norwegen ist der Abstand Deutschlands zu den anderen Hochlohnländern Belgien, Dänemark und Schweden nicht gravierend. In der verarbeitenden Industrie der Länder im Süden Europas werden wesentlich niedrigere Löhne gezahlt. In Griechenland belaufen sich die Arbeitskosten auf 14,91 Euro und in Portugal auf 11,15 Euro. Der Vorwurf, Deutschland verschaffe sich durch Lohndumping im internationalen Wettbewerb Vorteile, hält einer genauen Überprüfung nicht stand. Auch in den USA und in Japan liegen die Löhne deutlich niedriger als in Deutschland. Allerdings haben die Beschäftigten in Deutschland von den hohen Produktivitätssteigerungen der letzten 15 Jahre weniger stark profitiert, als dies möglich gewesen wäre: Die Löhne stiegen langsamer als die Produktivität, und dadurch sanken die Lohnstückkosten (siehe unten).

Die absolute Lohnhöhe sagt, für sich genommen, sehr wenig über die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen in den einzelnen Ländern aus. So weist die Schweiz extrem hohe Löhne auf, aber die Schweizer Wirtschaft schafft es dennoch, viel zu exportieren. Im Jahr 2015 betrug der Wert der Schweizer Waren- und Dienstleistungsexporte 50400 US-Dollar pro Kopf der Bevölkerung, während der Vergleichswert für Deutschland mit 19.500 US-Dollar bei weniger als der Hälfte lag. (Wert der Exporte in laufenden US-Dollar in Relation zur Einwohnerzahl. Daten der Weltbank )

Ausschlaggebend für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes ist die Lohnhöhe im Verhältnis zur Produktivität. Die Lohnstückkosten drücken aus, wie viel Lohn oder Gehalt einschließlich der Lohnnebenkosten für ein Produkt oder eine Dienstleistungseinheit bezahlt werden muss. Die absolute Lohnhöhe ist für die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens oder einer Volkswirtschaft also nicht entscheidend, sondern das Verhältnis von Lohnhöhe zur Produktivität. Dabei zeigt sich, dass seit 1998 die Lohnstückkosten in Deutschland gesunken sind, während sie etwa in China stark anstiegen. In die Sprache von Wechselkursen übersetzt heißt das, dass Deutschland real abgewertet und China aufgewertet hat, denn der reale Wechselkurs wird an der Preisentwicklung des unbeweglichen (im Land verbleibenden) Faktors gemessen, und das ist der Faktor Arbeit.

1998 und 2015 (2010 = 100)1998 und 2015 (2010 = 100) (© OECD, Economic Outlook 99, Annex Tables, Tabelle 52, im Internet unter http://www.oecd.org/economy/outlook
/economic-outlook-annex-tables.htm
)
Trotz zum Teil deutlicher Lohnsenkungen im Zuge der landesweiten Wirtschaftskrise liegen die Lohnstückkosten in Griechenland noch immer über dem Wert von 1998. Gleiches gilt für Italien. Während die Lohnstückkosten in Deutschland, Irland und den USA moderat gefallen sind, haben sie sich in China zwischen 1998 und heute mehr als verdoppelt.

Die stark gestiegenen Löhne in China könnten sich in den kommenden Jahren insbesondere für die Beschäftigten in den USA als nützlich erweisen. Denn wenn es wegen der höheren Lohnkosten nicht mehr so attraktiv ist, in China für den US-Markt zu produzieren, könnten Unternehmen geneigt sein, Produktionslinien wieder in die USA zurückzuverlegen (Re-Industrialisierung). Voraussetzung dafür ist allerdings ein stabiler Wechselkurs. Wertet der Dollar dagegen gegenüber der chinesischen Währung auf, und ließe sich ein US-Dollar gegen relativ mehr Renminbi tauschen, bliebe diese Wirkung aus.