IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Michael Brenner

Eine Bewegung schafft sich ihren Staat: der Zionismus

Der Zionismus als politische Bewegung nimmt seinen Ausgang im Europa des späten 19. Jahrhunderts. Die Zunahme judenfeindlicher Ausschreitungen führt zur verstärkten Auswanderung nach Palästina. Befördert durch die machtpolitischen Interessen Großbritanniens gelingt die Bildung eines eigenen jüdischen Staatswesens.

Das Land mit der eigenen Hände Arbeit aufzubauen, war ein erklärtes Ziel der zionistischen Einwanderer. Rückkehr von der Landarbeit in Shave Zion, 1938Das Land mit der eigenen Hände Arbeit aufzubauen, war ein erklärtes Ziel der zionistischen Einwanderer. Rückkehr von der Landarbeit in Shave Zion, 1938. (© Bildarchiv Pisarek / akg-images)

Zionismus ist ein Begriff, der bis heute polarisiert: Die einen sehen in ihm die Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes, den anderen gilt er als Ausgeburt des Kolonialismus und Imperialismus. Nichts verdeutlicht diese Polarisierung so sehr wie die – je nach politischer Wetterlage – unterschiedliche Bewertung des Zionismus durch die UNO-Vollversammlung: 1975 hatte diese mit den Stimmen der arabischen Staaten, der Ostblockländer und einiger Staaten der Dritten Welt den Zionismus als "eine Form des Rassismus" gebrandmarkt. Nach dem Ende des Kalten Krieges hob im Dezember 1991 die UNO-Vollversammlung diese Resolution mit überwältigender Mehrheit wieder auf und erklärte sie für null und nichtig. Der ehemalige UNO-Generalsekretär Kofi Annan meinte in einer Rede zum Thema Antisemitismus im Jahre 2004, dass die umstrittene Gleichstellung von Zionismus und Rassismus einen Tiefpunkt in der Geschichte der Vereinten Nationen gebildet habe.

Von religiöser Sehnsucht zu politischer Bewegung

Der Zionismus war eine moderne politische Bewegung, die jedoch aus einem sehr alten religiösen Gedanken erwachsen war. Schon seit der ersten Vertreibung ins Exil in biblischen Zeiten nämlich gaben die Juden ihrer Sehnsucht Ausdruck, in das Gebiet zurückzukehren, das für sie als das verheißene oder das "Heilige Land" galt. In der hebräischen Bibel hören wir im Psalm 137 von den nach Babylonien Exilierten, wie sie an den Strömen Babels saßen und Zions gedachten. "Wenn ich dich je vergäße, Jerusalem, dann soll mir die rechte Hand verdorren", heißt es darin.

Drei Mal täglich beten fromme Juden für die Rückkehr nach Zion – jenem Berg in Jerusalem, der symbolisch für das ganze Land Israel steht. Hebräische Dichter haben während des Mittelalters poetisch die Rückkehr nach Jerusalem ausgemalt. Und immer wieder sind einzelne Juden in ihr heiliges Land ausgewandert – zumeist allerdings nur, um dort zu sterben und begraben zu sein, jedoch nicht, um dort zu leben. Mitunter gab es auch koordinierte Versuche ganzer Gruppen jüdischer Mystiker, sich in das Land Israel aufzumachen, von denen die Bewegung des aus Polen stammenden Jehuda He-Chassid im Jahre 1700 die bekannteste war. Doch mündeten diese nicht in eine politische Bewegung.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erfuhr die traditionelle Zionssehnsucht allerdings eine entscheidende Veränderung. Die religiösen Gefühle verbanden sich mit den aufkommenden Nationalbewegungen. In Europa entstanden neue Staaten, die sich teilweise auf antike historische Grundlagen bezogen. Jüdische Intellektuelle blickten nach Griechenland und Italien und fanden in diesen alt-neuen Nationalstaaten historische Vorbilder. Die italienische Nationalbewegung (der Risorgimento) diente Moses Heß (1812–1875), einem frühen Weggefährten von Karl Marx, als Inspiration, um die Gründung eines jüdischen Staates vorzuschlagen. In seiner 1862 veröffentlichten Schrift "Rom und Jerusalem" argumentierte er, dass das antike Jerusalem genauso den Kern eines modernen jüdischen Staates bilden könne wie die Erinnerung an das antike Rom den Kern der italienischen Nationalbewegung ausmachte.

Heß’ kleine Schrift verhallte ebenso ungehört wie einige andere religiös motivierte Aufrufe zur Rückkehr der Juden nach Palästina in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die im Rahmen der osteuropäisch-jüdischen Aufklärungsbewegung, der Haskala, entstanden. Es waren somit weder die religiöse Begeisterung noch die nationale Aufbruchsstimmung, die den Zionismus als politische Bewegung begründeten: Mehr noch war es der von vielen bereits als überwunden geglaubte, doch am Ende des 19. Jahrhunderts in radikaler Form neu formulierte Judenhass.

1879 hatte der deutsche Journalist Wilhelm Marr den Begriff des Antisemitismus erfunden und damit dem nunmehr "rassisch" begründeten Judenhass einen pseudo-wissenschaftlichen Anstrich gegeben. Im Deutschen Kaiserreich wie auch in Österreich erlebte die sich nun antisemitisch nennende Bewegung politische Erfolge. In Wien wurde mit Karl Lueger ein sich offen zum Antisemitismus bekennender Politiker zum Bürgermeister der Stadt gewählt. Selbst in Frankreich, das als Mutterland der Judenemanzipation seinen jüdischen Einwohnern als erstes Bürgerrechte gewährt hatte, gab es antijüdische Exzesse, als dem jüdischen Artilleriehauptmann Alfred Dreyfus 1894 wegen angeblichen Hochverrats der Prozess gemacht wurde.

Die neue Welle antijüdischer Einstellungen in Mittel- und Westeuropa äußerte sich vor allem in verbaler Form in der Drohung, die Emanzipation rückgängig zu machen. Die neuen antisemitischen Parteien, die am Ende des 19. Jahrhunderts in den deutschen Reichstag einzogen, fanden im alten Feindbild der Juden Erklärungen für neue Missstände. Angesehene Persönlichkeiten wie der Hofprediger Adolf Stoecker und der Historiker Heinrich von Treitschke schürten derlei antijüdische Vorurteile selbst am kaiserlichen Hof und an den Universitäten.

Noch bedrohlicher war die Lage in Osteuropa, wo die weitaus größten jüdischen Gemeinden bestanden. Hier waren die Juden niemals vollständig emanzipiert worden und litten zudem unter großer wirtschaftlicher Not. Nach dem Attentat auf den Zaren Alexander II. 1881, an dem auch eine Frau jüdischer Herkunft beteiligt gewesen war, führte eine gezielt antijüdische Kampagne zu gewaltsamen Pogromen. Viele Juden mussten um ihr Hab und Gut und oftmals auch um ihr Leben fürchten. Zwischen 1881 und 1914 wanderten daher über zwei Millionen Juden aus dem Zarenreich nach Nordamerika aus.

Eine kleine Gruppe der Auswanderungswilligen brach im gleichen Zeitraum ins Osmanische Reich auf, um sich in dem Gebiet, das sie Eretz Israel, das Land Israel, nannten, niederzulassen. Es gab damals weder Israel noch Palästina als politische Einheit, sondern lediglich verschiedene von Istanbul, der Hauptstadt des Osmanischen Reiches, aus regierte Bezirke, den Sandschak von Jerusalem sowie den von Nablus und Akko. Inspiriert wurden die Auswanderungswilligen von einer Schrift des in Odessa lebenden Arztes Leon Pinsker (1821–1891), der 1882 unter dem Eindruck der Pogrome in einem kleinen auf Deutsch verfassten Büchlein mit dem Titel "Auto-Emanzipation" gefordert hatte, dass die Juden sich eben selbst emanzipieren müssten. Wenn dies im Zarenreich nicht möglich sei, bräuchten sie ein eigenes politisches Territorium, um sicher vor den Antisemiten zu sein. Zwar bildeten sich daraufhin einige Ortsvereine der sogenannten Zionsfreunde (Chovevei Zion), doch eine breite politische Bewegung konnte Pinsker ebenso wenig auf die Beine stellen wie vor ihm Moses Heß.