IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Johannes Becke

Israel und seine Beziehungen zu den Nachbarstaaten

Während Israel speziell in kultureller Hinsicht längst ein Teil der Nahost-Region geworden ist, bleibt es von den regionalen Allianzsystemen der arabischen Nachbarstaaten ausgeschlossen. Verhärtete Positionen auf beiden Seiten stehen einer nachhaltigen Friedenslösung entgegen.

Ungeachtet seiner europäischen Wurzeln ist Israel in vielfacher Hinsicht Teil der Nahostregion. Einkauf auf dem Mahane Jehuda Markt in Jerusalem 2017Ungeachtet seiner europäischen Wurzeln ist Israel in vielfacher Hinsicht Teil der Nahostregion. Einkauf auf dem Mahane Jehuda Markt in Jerusalem 2017. (© Photothek via Getty Images)

Israel – jenseits von Orient und Okzident

Mit der Metapher des zionistischen Projekts als "Villa im Dschungel" beschrieb der ehemalige Premierminister Ehud Barak den Staat Israel als europäisch-koloniale Enklave inmitten von Chaos, Gewalt und Gesetzlosigkeit des "Orients". Das wirkmächtige Bild offenbart die orientalistisch-herablassende Sicht mancher europäisch-jüdischer Einwanderer auf die Völker und Kulturen des Vorderen Orients, die sich vom Beginn der jüdischen Wiederbesiedlung des Landes Israel (so die jüdische Perspektive) bzw. Palästina (so die arabische Perspektive) bis heute fortsetzt: Nachdem die Juden in Europa als vermeintlich "orientalisches Fremdvolk" ausgegrenzt worden waren, bot das zionistische Projekt ihnen nun die Möglichkeit der Selbstbestimmung als Selbst-Modernisierung und Selbst-Verwestlichung.

Aber das Bild von Israel als "Villa im Dschungel" trügt – der jüdische Nationalstaat ist in politischer, kultureller und nicht zuletzt religiöser Hinsicht Teil der Region geworden, auch wenn klare Unterschiede – etwa in den Bereichen des Parlamentarismus, der bürgerlichen Grundfreiheiten und der Wirtschaftsordnung – bestehen: Die zeitgenössische israelische Popmusik orientiert sich an nahöstlichen Vorbildern. Dasselbe gilt für die israelische Küche: Falafel, Hummus oder Shakshuka werden in Tel Aviv deutlich leichter zu finden sein als das klassisch osteuropäisch-jüdische Gericht "Gefilte Fisch". Der Einfluss von Armee und Sicherheitsdiensten auf Israels politische Entscheidungsprozesse liegt näher an Ägypten als an Westeuropa. Israel beherrscht und besiedelt völkerrechtlich umstrittene Gebiete (das Westjordanland) ähnlich wie die Türkei (Nordzypern) und Marokko (Westsahara). Die enge Verknüpfung von Staatlichkeit und Religionsgesetz verbindet den Staat Israel mit den meisten seiner Nachbarn.

Und in der Tat war der "Orient" (oder zumindest romantisierte Vorstellungen eines biblisch-archaischen Orients) in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für das zionistische Projekt: Bei der Wiederbelebung der hebräischen Sprache wurde auf das eng verwandte Arabische zurückgegriffen. Europäisch-jüdische Einwanderer – besonders die Mitglieder der bewaffneten Milizen aus der Zeit vor der Staatsgründung – imitierten begeistert die Lebensart, Kleidung und Sprechweise der Beduinen und die Bezalel-Kunstakademie der Zwischenkriegszeit propagierte eine klare ästhetische Hinwendung zum Orient.

Nicht zuletzt für die vielen orientalisch-jüdischen Flüchtlinge und Einwanderer aus der arabischen Welt umfasste die "Levantinisierung", so die ägyptisch-jüdische Autorin Jacqueline Kahanoff, des zionistischen Projekts keinesfalls dessen kulturellen Abstieg, sondern im Gegenteil die Vorbedingung für die Existenz eines jüdischen Nationalstaats im Vorderen Orient. Daher empfahl Kahanoff dem jungen Nationalstaat, sich am Vorbild der vielsprachigen und kosmopolitischen Hafenstädte des östlichen Mittelmeers, also der Levante, zu orientieren und sich bewusst für die Sprachen und Traditionen der Region zu öffnen.

Trotz des zunehmenden nahöstlichen Einflusses auf Staat, Gesellschaft und Religion in Israel bleibt die kulturelle Verortung des jüdischen Nationalstaats zwischen Orient und Okzident ähnlich ambivalent wie der Bezug zu seinen Nachbarstaaten: Jahrzehnte von Krieg, Grenzschließung, Enklaven-Existenz und Boykott haben zwischengesellschaftliche Beziehungen zwischen jüdischen Israelis und Arabern deutlich erschwert; der "kalte Frieden" mit Jordanien und Ägypten bleibt ein Projekt der politischen und vor allem der militärischen Eliten; die zum Teil exzellenten zwischenstaatlichen Beziehungen zu den nordafrikanischen Staaten (vor allem zu Marokko) und zu den Monarchien des Persischen Golfs werden solange im Bereich der Geheimdiplomatie verbleiben, bis es zu einer funktionalen Zweistaatenlösung und einem weitgehenden Rückzug der israelischen Streitkräfte und Siedlungen aus den besetzten Gebieten kommt.