IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Johannes Becke

Israel und seine Beziehungen zu den Nachbarstaaten

1948 – Flucht, Vertreibung, Bevölkerungsaustausch

Am Beginn der israelisch-arabischen Kriege steht die arabische Ablehnung einer Zweistaatenlösung: Nachdem Großbritannien mit dem Versuch gescheitert war, im Land Israel/Palästina einen jüdisch-arabischen Verbundstaat zu errichten, beschloss die UN-Generalvollversammlung 1947 die Errichtung eines jüdischen und eines arabischen Staates. Auf dieser völkerrechtlichen Grundlage und zeitgleich mit dem Ende des britischen Mandats rief David Ben Gurion am 14. Mai 1948 in seiner Funktion als Vorsitzender des Exekutivrates der proto-staatlichen Jewish Agency den Staat Israel als jüdischen Nationalstaat aus. Die Invasion durch fünf arabische Armeen (Transjordanien, Ägypten, Syrien, Irak, Libanon) folgte unmittelbar am Tag darauf.

Dies war aber nicht der erste Ausbruch von politischer Gewalt: Bereits seit dem UN-Teilungsbeschluss herrschte in Israel/Palästina ein offener Bürgerkrieg zwischen jüdischen und arabischen Milizen mit Kriegsgräueln auf beiden Seiten. So verübten jüdische Milizen beispielsweise das Massaker von Der Yassin und arabische Milizen das Massaker von Kfar Etzion. Sowohl die vorrückenden arabischen Armeen als auch die jüdischen Milizen, die nach der Staatsausrufung als israelisches Militär operierten, zielten dabei auf die ethnische Säuberung des eroberten Territoriums.

Die Teilung von Britisch-Palästina endete in Krieg, Flucht und Vertreibung: Zum Zeitpunkt der israelisch-arabischen Waffenstillstände im Jahr 1949 waren etwa 700.000 palästinensische Araber heimatlos geworden – als Vergeltung für die erfolgreiche israelische Staatsgründung wurde kurze Zeit darauf eine ähnlich große Zahl an orientalischen Juden aus den arabischen Staaten vertrieben. Doch während viele der orientalischen Juden erfolgreich im Staat Israel angesiedelt werden konnten, wurden die arabischen Palästina-Flüchtlinge – als vermeintliche Übergangslösung – in Flüchtlingslagern in den arabischen Ländern untergebracht. Trotz des UN-Teilungsbeschlusses wurde kein palästinensisch-arabischer Nationalstaat begründet. Ägypten und Transjordanien, die das Territorium des Gazastreifens und des Westjordanlands kontrollierten, gingen vielmehr eigene Wege: Ägypten errichtete im Gazastreifen eine Militär-Regierung, Transjordanien annektierte das Westjordanland und begründete damit den Staat Jordanien.

Der blutige Bevölkerungsaustausch zwischen palästinensischen Arabern, vertrieben aus dem Staat Israel, und orientalischen Juden, vertrieben aus den arabischen Staaten, folgte dem tragischen Vorbild ähnlicher nationalistisch angetriebener ethnischer Säuberungen, so zwischen Griechenland und der Türkei (Vertrag von Lausanne 1923) oder zwischen Indien und Pakistan (Teilung von Britisch-Indien 1947).

Der scharfe Gegensatz zum griechisch-türkischen oder dem indisch-pakistanischen Fall bestand allerdings in der arabischen Weigerung, die arabisch-palästinensischen Flüchtlinge dauerhaft anzusiedeln, entweder in Form nationalstaatlicher Selbstbestimmung oder in Form einer Integration mit vollen Staatsbürgerrechten, wobei Jordanien teilweise eine Ausnahme darstellt. Darüber hinaus wurden die arabischen Palästina-Flüchtlinge in der Folge von ihren arabischen "Gast-Staaten" erheblich diskriminiert, indem ihnen etwa ein Zugang zu Landbesitz, Bildung und Arbeitsmöglichkeiten erschwert wurde. Als Verkörperung der arabisch-nationalistischen Katastrophe (al-Nakba), der militärischen Niederlage der Araber gegen einen angeblich illegitimen Minderheiten-Staat, waren die arabischen Palästina-Flüchtlinge zudem das Ziel von Spott und Verachtung ihrer arabischen Nachbarn. Dies sollte sich erst in den späten 1960er-Jahren ändern, als eine eigenständige palästinensische Nationalbewegung entstand.