IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Johannes Becke

Israel und seine Beziehungen zu den Nachbarstaaten

Fazit: "Hier ist nicht Europa"

Im Gegensatz zu europäischen Schreckensbildern, die ihn zu einem "Kampf der Kulturen" oder einem "Pulverfass Nahost" erklären wollen, ist der israelisch-arabische Konflikt seit langer Zeit nicht mehr die prägende Konfliktlinie der Region. Bürgerkrieg und Staatszerfall im Vorderen Orient als Auswirkungen des vermeintlichen "Arabischen Frühlings" werden angetrieben vom saudisch-iranischen Ringen um die Vormachtstellung in der Region, von ethno-religiösen Bruchlinien und nicht zuletzt von der Frage des Umgangs mit Minderheiten – ob Kurden, Alawiten oder Jesiden. Der israelisch-arabische Konflikt mag die politischen und institutionellen Grundlagen der Region gelegt haben – für das militärische Geschehen sind zionistisches Projekt und palästinensische Selbstbestimmung seit langer Zeit in den Hintergrund gerückt: Auch wenn de jure die Anerkennung Israels noch weit entfernt sein mag, so haben sich die meisten Staaten der Region de facto (wenn auch sehr widerwillig) mit der Tatsache seiner Existenz abgefunden.

Die Identifikation mit der palästinensischen Nationalbewegung und den christlichen wie islamischen Heiligtümern Jerusalems ist in der arabischen Welt trotzdem weiterhin stark verwurzelt: Insbesondere der israelische Umgang mit dem Tempelberg und der al-Aqsa-Moschee wird argwöhnisch beobachtet. Jede Verbesserung der israelisch-arabischen Beziehungen ist daher unmittelbar verbunden mit der Umsetzung einer funktionalen Zweistaatenlösung. Aber wie könnte eine derartige Lösung herbeigeführt werden trotz Siedlerbewegung, Hamas, europäischer Schwäche und eines zunehmenden amerikanischen Desinteresses am Schicksal der Region?

Elemente für eine israelisch-arabische Annäherung könnten hier aus einer kritischen Auseinandersetzung mit den jeweiligen Gründungsnarrativen postkolonialer Staatlichkeit in der Region erwachsen: Der Staat Israel kann sich nicht länger als "Villa im Dschungel" verstehen und die arabische Welt kann nicht länger behaupten, das jüdische Volk habe keinen Anspruch auf nationale Selbstbestimmung im Land Israel/Palästina.

Die ersten Anzeichen für ein solches Umdenken sind bereits zu erkennen: Auf israelischer Seite steigt das Bewusstsein vieler orientalischer Juden (die mittlerweile über die Hälfte der israelisch-jüdischen Bevölkerung ausmachen) für ihre eigene kulturelle Verortung im Vorderen Orient – oder wie es ein zeitgenössisches Lied der Tel Aviver Queer-Szene von Margalit Zan’ani formuliert: "Hier ist nicht Europa". Die orientalischen Juden (oder Misrachim) mögen verlässliche Wähler der israelischen Rechtsparteien sein, da die israelische Linke weiterhin stark von europäischen Juden (oder Aschkenasim) dominiert wird – aber mit dem Staat Israel als vermeintlich westlich-kolonialer Enklave können sich die allerwenigsten identifizieren.

Auf arabischer Seite wiederum wächst das Interesse am kulturellen Erbe der orientalischen Juden – ihr Abschied aus der Arabischen Welt war in vielerlei Hinsicht nur der Beginn einer umfassenden Vertreibung von unterschiedlichen Minderheiten aus einer einst vielsprachigen und kosmopolitischen Region, ein Prozess, welcher mit dem zeitgenössischen Exodus der christlichen Minderheiten zu seinem schmerzhaften Abschluss kommt. Eine tatsächliche Aussöhnung zwischen Arabern und jüdischen Israelis setzt daher mehr voraus als Grenzziehung, Evakuierung der meisten Siedlungen oder di-plomatische Anerkennung: Beide Seiten werden in erster Linie auf liebgewonnene Mythen aus der Gründungszeit des arabischen und jüdischen Nationalismus verzichten müssen.