IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Daniel Mahla

Jüdisch und demokratisch? Religion und Staat in Israel

Erstarken der Nationalreligiösen

Das Jahr 1967 stellt einen wichtigen Wendepunkt im Verhältnis der jüdischen Orthodoxie zum Staate Israel dar. Viele der frühen israelischen Staatsführer sahen in der Religion ein Relikt der Vergangenheit, das bald verschwinden würde. Religiöse Kräfte waren zunächst schwach. Doch die Eroberung der Jerusalemer Altstadt mit ihrer religiösen Bedeutung sowie die Einnahme der Kerngebiete antiker jüdischer Siedlung wirkten sich tiefgreifend auf die israelische Gesellschaft aus. Viele Israelis erfasste eine Art religiöser Euphorie und jüdischen Traditionen wurde fortan wieder ein höherer Stellenwert zugeschrieben. Hinzu trat in den 1970er-Jahren ein weltweites Wiederaufleben religiöser Bewegungen, die auch islamische Kräfte und Akteure in der Region erfasste.

Besonders im Lager religiöser Zionisten führte der Krieg von 1967 zu radikalen Umwälzungen. Das sogenannte nationalreligiöse Lager hatte bis dahin weitgehend moderate politische und gesellschaftliche Positionen vertreten. Die nationalreligiösen Parteien befanden sich seit den 1930er-Jahren in einer politischen Allianz mit der Arbeiterbewegung. Bereits in den 1950er-Jahren jedoch begannen Teile der jungen Generation, sich gegen die vermeintliche Passivität ihrer Eltern innerhalb der israelischen Gesellschaft aufzulehnen. Diese Aktivisten traten für eine aktivere Rolle der Orthodoxen in der israelischen Gesellschaft ein und rangen mit den säkularen Gegenkräften um die Legitimationshoheit, also darum, welche Gruppe den Charakter des jüdischen Staates bestimmen würde.

Bald nach Ende des Krieges fingen sie damit an, jüdische Siedlungen im Westjordanland zu gründen – welches in Israel unter Bezug auf die antike jüdische Siedlung in diesen Regionen auch als Judäa und Samaria bekannt ist. Zur Durchsetzung ihrer Ziele gründeten sie 1974 die Organisation Gush Emunim (Block der Getreuen). Unter dem Schock des Jom-Kippur-Krieges von 1973 und aus Angst vor einer Rückgabe der im Sechstagekrieg eroberten Gebiete, die durch Friedensverhandlungen mit Ägypten angestachelt wurde, verstärkte der Gush Emunim im Lauf der 1970er-Jahre seine Siedlungstätigkeiten.

Messianische Vorstellungen sind im Judentum eng mit der Wiedererrichtung eines jüdischen Staates auf den Gebieten antiker jüdischer Siedlung verknüpft. Vor diesem Hintergrund begriffen die Aktivisten des Gush Emunim den Krieg von 1967 als Beginn der messianischen Endzeit. Für sie ist die jüdische Besiedlung von Judäa und Samaria eine heilige religiöse Pflicht, durch die Juden aktiv den messianischen Prozess vorantreiben können. Jegliche Aufgabe dieser Gebiete wäre Verrat an dieser Verpflichtung und wird somit streng bekämpft. Hier stellt sich der im israelischen Staatswesen angelegte Konflikt zwischen theologischen Grundsätzen, wie etwa dem von Gott den Juden versprochenen Land Israel (Erez Israel), und politischen Konzepten eines modernen Staates (Medinat Israel) besonders drastisch dar. Was etwa passiert, wenn sich die Mehrheit der jüdischen Israelis in einem politischen Prozess für die Aufgabe von Teilen des Landes Israels entscheidet?

Die Vertreter der ideologischen Siedlerbewegung führt dies zu einem zwiespältigen Verhältnis gegenüber dem israelischen Staat. So hat sich der von ihnen eigentlich als heilig angesehene Staat mit der Rückgabe der Sinaihalbinsel an Ägypten Anfang der 1980er-Jahren und vor allem mit den Diskussionen in den 1990er-Jahren um die Aufgabe der Palästinensergebiete in den Augen einiger an den göttlichen Heilsversprechen versündigt. Diese Spannung führte bei Teilen der Siedlerbewegung zur Radikalisierung.

In den frühen 1980er-Jahren formte sich eine jüdische Terrorzelle, die Anschläge auf Bürgermeister arabischer Städte verübte und sogar plante, die Al-Aqsa-Moschee und den Felsendom in Jerusalem in die Luft zu sprengen. Hierdurch sollte Platz für den Wiederaufbau des zweiten jüdischen Tempels, der 70 n. u. Z. von den Römern zerstört worden war, geschaffen werden. Der Anschlag wurde letztlich vom israelischen Inlandsgeheimdienst verhindert. Der religiös motivierte jüdische Terrorismus war damit allerdings nicht beendet. So verübte etwa Baruch Goldstein im Jahr 1994 in Hebron ein Attentat auf muslimische Gläubige, bei dem 29 Menschen starben. Auch der ehemalige Ministerpräsident Jitzchak Rabin fiel einem im nationalreligiösen Lager sozialisierten Attentäter zum Opfer. Im November 1995 wurde er ermordet, weil er die Osloer Verträge unterzeichnet hatte.

Als die israelische Armee 2005 die Räumung jüdischer Siedlungen im Gazastreifen vorbereitete, riefen einige nationalreligiöse Rabbiner Soldaten dazu auf, sich entsprechenden Befehlen ihrer Vorgesetzten zu verweigern. Trotz heftiger Proteste der Räumungsgegner und angespannter Diskussionen um die Pläne blieben aber Konfrontationen zwischen der israelischen Armee und Siedlern begrenzt; nur wenige Soldaten verweigerten die Teilnahme an den Räumungen. Sollten weitere jüdische Siedlungen aufgegeben werden, kann mit dem Anstieg innerjüdischer Konflikte gerechnet werden.

Allerdings ist es in diesem Kontext wichtig zu betonen, dass der Großteil der ideologischen Siedlerbewegung nicht militant ist und sich im Falle eines israelischen Rückzuges aus diesen Gebieten diesem nicht gewaltsam widersetzen würde. Darüber hinaus sind bei weitem nicht alle Siedler ideologisch motiviert, sondern leben dort aus einer Vielzahl von Gründen, etwa weil sie es sich aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten nicht leisten können, in Jerusalem zu wohnen.