IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Daniel Mahla

Jüdisch und demokratisch? Religion und Staat in Israel

Ultraorthodoxie

Das Lager der nicht zionistischen Orthodoxie, häufig als Ultraorthodoxie bezeichnet, durchlief seit der Staatsgründung gewichtige Veränderungen. Um sich gegen unliebsame Einflüsse zu schützen, versuchen die Ultraorthodoxen, ihre Gemeinden von der Umwelt abzugrenzen, etwa durch den Aufbau eigener Institutionen, die besonders strenge Auslegung religiöser Gesetze sowie einen eigenen Kleidungsstil. Das Gros der Ultraorthodoxen hat sich de facto damit abgefunden, in einem säkularen israelischen Staat zu leben. Im Gegensatz zu nationalreligiösen Auslegungen wird diesem allerdings jegliche messianische Bedeutung abgesprochen.

Im Laufe der Jahre haben die ultraorthodoxen Parteien durch gezielte Klientelpolitik staatliche Zuwendungen an ihre Institutionen stetig vergrößern können. Diese Zuwendungen ermöglichen dem Großteil ultraorthodoxer Männer, sich nicht um den Broterwerb zu kümmern, sondern ihr Leben dem Studium der heiligen Schriften zu widmen. Damit wurde das Vollzeitthorastudium, dem sich historisch nur eine kleine Elite hingeben konnte, zu einem allgemeinen Ideal erhoben und für die Mehrheit zur Realität. Während sich die Ultraorthodoxen in ihrer Selbstdarstellung häufig als reine Bewahrer antiker Traditionen sehen, wird ihre Lebensweise ironischerweise erst durch weitreichende finanzielle Unterstützungen des von ihnen abgelehnten zionistischen Staates ermöglicht. Außerhalb Israels gehen auch heute noch viele ultraorthodoxe Männer durchaus einer Lohnarbeit nach.

Aus den unterschiedlichsten Gründen kommt es regelmäßig zu Konflikten zwischen Ultraorthodoxen und anderen Teilen der Bevölkerung. In diesem Zusammenhang fordern einige säkulare Parteien immer nachdrücklicher die Abschaffung von Privilegien. So sollen ihrer Ansicht nach Studenten ultraorthodoxer Einrichtungen nicht länger von der allgemeinen Wehrpflicht befreit sein. Auch die Frage nach einer stärkeren Integration streng religiöser Männer in den israelischen Arbeitsmarkt ist von hoher Sprengkraft. Ultraorthodoxe Forderungen, Frauen aus dem öffentlichen Raum auszugrenzen und Männer und Frauen etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln strikt zu trennen, führen ebenfalls immer wieder zu Spannungen und Konflikten.

Zur Siedlungspolitik Israels haben die Ultraorthodoxen ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits haben sich einige ihrer wichtigsten religiösen Autoritäten dagegen ausgesprochen. Andererseits gibt es mittlerweile ultraorthodoxe Siedlungen, deren Bewohner dort aber oftmals eher aus ökonomischen denn aus ideologischen Gründen wohnen. Nichtsdestotrotz unterstützen die ultraorthodoxen Parteien in aller Regel die politische Rechte und damit auch unnachgiebige Positionen gegenüber der palästinensischen Bevölkerung.
Neben der europäisch-stämmigen Orthodoxie hat sich in den 1980er-Jahren in Israel eine Partei etabliert, welche vor allem die Interessen von aus Nordafrika und dem Nahen Osten stammenden Juden vertritt. Schas ("Sephardische Thorawächter") gilt als ultraorthodoxe Partei, die aber durch den Aufbau eines weiten Netzes an sozialen Einrichtungen und Erziehungsinstitutionen einen Zuspruch in der Bevölkerung genießt, der weit über strengreligiöse Strömungen hinausgeht.

Auch politisch lässt sich die Partei nicht in einfache Kategorien einordnen. So bekennt sie sich vorbehaltlos zum jüdischen Staat. In ihren frühen Jahren unterstützte sie einen moderaten Kurs gegenüber den Palästinensern, nachdem ihre spirituelle Autorität Rabbiner Ovadia Joseph erklärt hatte, der Schutz von Leben stehe höher als der Erhalt von Territorien. Dann aber vollzogen ihre Wortführer einen Kurswechsel und lehnen mittlerweile jeglichen Baustopp in den jüdischen Siedlungen ab. Dieser Kurswechsel Ovadia Josephs lässt sich wohl auf die Tatsache zurückführen, dass ein wachsender Teil seiner Anhänger in diesen Gebieten lebt und deswegen von einer Aufgabe der Siedlungen negativ betroffen sein würde.

Anteil der israelischen Erwachsenen nach Religionszugehörigkeit in Prozent.Anteil der israelischen Erwachsenen nach Religionszugehörigkeit in Prozent. (© Michael Lipka, "7 key findings about religion and politics in Israel", Pew Research Center, Fact Tank – Our Lives in Numbers, 8. März 2016)