IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Daniel Mahla

Jüdisch und demokratisch? Religion und Staat in Israel

Spielräume zwischen Religiösen und Säkularen

Allerdings lassen sich jüdische Israelis nicht trennscharf in Religiöse und Säkulare einordnen. Das liegt unter anderem an der anfangs benannten Spannung zwischen religiösen und ethnischen Aspekten des Judentums. Viele etwa, die sich als säkulare Juden verstehen, halten sich an bestimmte Aspekte jüdischer Traditionen – richten sich beispielsweise nach bestimmten jüdischen Speisevorschriften oder nach einigen der Ruhegebote des Sabbats. Andere dagegen, die sich als religiös einstufen, halten sich nicht unbedingt akribisch an alle jüdischen Gesetze. In den letzten Jahren engagieren sich außerdem steigende Zahlen progressiver religiöser wie auch säkularer Akteure im gemeinsamen Dialog und es kommt zur Gründung alternativer Institutionen und Zeremonien, wie etwa säkularen Sabbatfeiern in Jerusalem und Tel Aviv.

Vor allem aber sind solche Definitionen im westlich-europäischen Kontext entstanden und haben für Juden aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum oftmals wenig Bedeutung. Ein Großteil dieser Juden bezeichnet sich selbst als traditionell und hält viele der religiösen Traditionen ein, ohne sich aber um die Details religiöser Gesetzgebung zu kümmern.
Meinungsumfragen der letzten Jahre zeigen auf, dass Israelis Spannungen zwischen Religiösen und Säkularen neben dem Konflikt mit den Palästinensern als besonders bedeutsam für die Entwicklung ihrer Gesellschaft ansehen. Die von verschiedenen Gruppen vertretenen Werte stehen sich teilweise diametral entgegen und die Frage von Religion im öffentlichen Raum führt mitunter zu heftigen Auseinandersetzungen.

Auswirkungen auf die arabisch-palästinensische Bevölkerung
Aus Sicht der arabisch-palästinensischen Bevölkerung Israels ist die Verquickung von Judentum und Staat in vielerlei Hinsicht nicht unproblematisch. Um die Staatsidentität nicht zu gefährden, erhalten arabische Israelis (die sich häufig als israelische Palästinenser verstehen) vor allem Individualrechte. Kollektivrechte werden als religiöse Rechte zugestanden, nicht aber als nationale. Des Weiteren genießen die einzelnen religiösen Gruppierungen oftmals unterschiedliche Rechte und Pflichten – so leisten etwa drusische Israelis und einige Beduinen Wehrdienst, sunnitische Muslime und arabische Christen dagegen nicht.

Dies aber trägt gleichzeitig dazu bei, die israelisch-palästinensische Bevölkerung vor allem als Cluster von religiösen Gruppierungen zu formieren. Die Stärkung solcher Teilidentitäten gegenüber der Formation eines einheitlichen arabischen Kollektivs liegt im Interesse des jüdischen Staates.

Neben solchen rechtlichen Fragen ist es gerade die politisch-symbolische Ebene sowie die Anbindung des Staates an jüdische Geschichte und Diaspora, die aus arabisch-palästinensischer Perspektive Probleme bereitet. Das jüdisch-zionistische Selbstverständnis schließt auch bei weitgehender rechtlicher Gleichstellung die arabische Bevölkerung von wichtigen politischen und gesellschaftlichen Bereichen aus. Obwohl diese etwa Parteien bilden und am politischen Prozess teilnehmen können, sind sie faktisch von der Regierungsbildung und Bereichen wie der israelischen Außenpolitik oder von Fragen der nationalen Sicherheit ausgeschlossen.

Daneben wirkt sich die sich aus dem jüdischen Selbstverständnis des Staates ergebende Migrationspolitik negativ aus: Sie ermöglicht Juden aus aller Welt die Einwanderung, handhabt aber die nicht-jüdische und insbesondere arabische Einwanderung restriktiv. Innerhalb der arabischen Bevölkerung gibt es daher Kräfte, die Israels jüdischen Charakter ablehnen und für eine in religiös-ethnischer Hinsicht neutrale Staatsform eintreten, also Israel von einem jüdisch-zionistischen Staat in einen "Staat all seiner Bürger" umwandeln wollen. Andere wehren sich zwar gegen Diskriminierungen, erkennen Israel aber trotzdem als jüdischen Staat an.

Quellentext

Melech Zilbershlag erklärt auf YouTube die Welt der Haredim

Das Wort melech bedeutet auf Hebräisch König, doch Melech Zilbershlag, ein 20-jähriger, Kippa tragender Israeli, der schnell zu einer hebräisch sprechenden YouTube Berühmtheit wurde, hat nichts Hoheitliches oder Hochtrabendes an sich. Mit seinen schnell gesprochenen, doch vielsagenden Auftritten hilft er, die Verständniskluft zwischen ultraorthodoxen und säkularen Kulturen in seinem Land zu überbrücken.

Zilbershlags Videos, die meist etwa zwei Minuten dauern, werden von Kan 11, der jüngst eingerichteten israelischen Rundfunkgesellschaft, ausgestrahlt, die Zilbershlag als neues Talent rekrutierte. In diesen Videos spricht Zilbershlag über Selfies oder über Tinder, eine APP zur Partnerschaftssuche, die gerne mit erotischen Kurzabenteuern assoziiert wird, genauso unverkrampft wie über Pessach-geeignete Nahrungsmittel. Er spricht viele Themen an, die in der ultraorthodoxen Gesellschaft oft vermieden werden, wie etwa romantische Liebe (und in diesem Zusammenhang Tinder) oder das Feiern des Unabhängigkeitstages (ein säkularer Feiertag, mit dem sich viele Ultraorthodoxe nicht identifizieren). Auch schreckt er nicht vor Klischees oder Stereotypen über die ultraorthodoxe Gemeinschaft zurück, die er ebenso schnell wie charmant demontiert. Andere Themen beinhalten den ultraorthodoxen "dress code" oder die Frage, wie es gelingt, eine WhatsApp- oder Snapchat-Meldung ausnahmslos in Jiddisch zu erstellen. [...]

In einem Portrait, das die Zeitung Haaretz im Juni 2017 von ihm veröffentlichte, sagte Zilbershlag, er wolle die Welt(en) der israelischen Haredim weniger unnahbar und einschüchternd erscheinen lassen. Tatsächlich ist die klare und unbefangene Art, mit der Zilbershlag die scheinbar komplexen Traditionen und Nuancen ultraorthodoxen Judentums zur Sprache bringt, entwaffnend und gewinnend. Beispielsweise drehte er Videos darüber, wie man es anstellt, einen wirklich koscheren HanukkahDoughnut auszuwählen, die eigenen Schläfenlocken zu pflegen oder ein Selfie mit einem Mädchen zu machen und dabei einen gesitteten Eindruck zu wahren. [...]

Zilbershlag wuchs in Haifa auf, als Mitglied der Seret-Vizhnitz Hasidischen Gemeinschaft sowie als Sohn des Politikberaters und Werbefachmanns Dudi Zilbershlag und einer Mutter, die er als "sehr großzügig und aufgeschlossen" schildert. Er verbrachte ein paar Jahre in Jerusalem und besuchte im Alter zwischen 13 und 18 Jahren eine Bnei Brak Yeshiva [ultraorthodoxe jüdische Hochschule]. "Wir hatten zuhause kein Fernsehen, hatten aber keine Vorbehalte gegen Medien oder Zeitungslektüre." [...] Noch in seiner Schulzeit gelangte Zilbershlag schrittweise zu Internetruhm, nachdem er 2013 einen Twitter- und einen Facebook-Account eröffnet hatte [...].

Flora Tsapovsky, "Meet Melech Zilbershlag, the Israeli Millennial Who’s Becoming a YouTube Sensation", in: Tablet vom 23. Juni 2017 (aus dem Englischen übersetzt)