IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Gisela Dachs

Schmelztiegel oder Mosaik? Israelische Gesellschaft

Einwanderung als kulturelle Herausforderung

Wer diesen Pionieren dann ins Gelobte Land nachfolgte, also zunächst vor allem Flüchtlinge und Überlebende der Schoah aus Mittel und Osteuropa, tat sich nicht immer leicht mit diesem Sabre-Ideal, das weit entfernt war von der Prägung der jüdischen Gemeinden Osteuropas. Der 2017 verstorbene Schriftsteller Aharon Appelfeld, der aus dem damals rumänischen Czernowitz stammte, kritisierte diese Darstellung des typischen Israeli, "der so stolz auf seine Biografie ist, weil er hier bereits in den Kindergarten und die Schule gegangen ist und anschließend in der Armee gedient hat". Denn das sei nicht die richtige "Soziologie". Sie laute vielmehr so: "Die Eltern kommen aus Polen, all die Jahre nach ihrer Ankunft hatten sie es schwer, mit der Sprache, mit dem Leben. Sie wussten nicht, wie sie ihre Vergangenheit mit der Gegenwart verbinden sollten, das haben sie ihren Kindern weitergegeben. Ich als Einwanderer bin also – wie jeder Zweite hier – der klassische Israeli."

Quellentext

Integrationshilfen für Einwanderer

Statistik:

Israel ist das Einwanderungsland schlechthin. Seit der Staatsgründung 1948 sind über drei Millionen Menschen immigriert. Das heißt: 40 Prozent der Bevölkerung sind nicht im Land geboren. [...]
Gesetzliche Grundlage:
Nach dem Rückkehrgesetz von 1950 hat jeder Angehörige des jüdischen Volkes das Recht auf Einwanderung und Staatsbürgerschaft. Nicht-Juden können dagegen in der Regel nicht einwandern, und auch politisches Asyl gewährt Israel äußerst selten. [...]

Einreise:
Die Frage, wer einwandern darf, klären schon im Herkunftsland Organisationen wie die Jewish Agency und Nefesh B’Nefesh. Bei der Ankunft auf dem Flughafen Ben Gurion geht es dann ganz schnell: Innerhalb einer halben Stunde sind die Olim (Aufsteiger), wie es auf Hebräisch heißt, mit Identitätsnummer, Personalausweis, Krankenversicherung und einer Sim-Karte für das Handy ausgestattet.

Wohnen:
Die Einwanderer haben die Wahl zwischen speziellen Übergangszentren, in denen sie für bis zu zwei Jahre fast kostenlos wohnen können, und der freien Wohnungssuche. Die Übergangszentren befinden sich vor allem im dünner besiedelten Norden und Süden des Landes. Hier erhalten Olim Hilfen aus einer Hand: Hebräischkurse, Jobtraining, außerschulische Aktivitäten für Kinder, die ihnen beim Einleben helfen sollen.

Unterstützung:
Innerhalb von 48 Stunden nach seiner Ankunft meldet sich ein persönlicher Berater bei dem Neuankömmling und macht einen ersten Termin aus. Er eröffnet ein Bankkonto und erstellt mit dem Berater einen individuellen Integrationsplan für sich sowie seine Familie. Auch gibt es finanzielle staatliche Hilfen, die auf die Bedürfnisse des Einzelnen zugeschnitten sind.

Spracherwerb:
Die meisten Einwanderer kommen ohne Hebräischkenntnisse. Der Besuch eines der zahlreichen Ulpanim (Sprachstudios) ist kostenlos. Im Angebot sind Intensivkurse (fünf Stunden täglich an fünf Tagen der Woche) oder Abendkurse. Nach 500 Unterrichtsstunden soll sich der Einwanderer im Alltag zurechtfinden können. Die Kurse sind auf eine Dauer von fünf oder zehn Monaten angelegt.

Arbeit:
Innerhalb von drei Monaten soll der Berater mit dem Einwanderer einen Plan für seine Erwerbstätigkeit erstellen. Studien zeigen, dass die Integration am besten gelingt, wenn die neuen Israelis mit ihrem Job zufrieden sind. Wissenschaftler, Ärzte und Ingenieure, die in den letzten Jahrzehnten in großer Zahl einwanderten, wollen in ihren erlernten Fachgebieten tätig sein. Bei ihnen geht es um die schnelle Anerkennung der Ausbildung und das Erlernen des jeweiligen Fachhebräischs. Der Staat bietet Bewerbungstrainings an und hat verschiedene Programme aufgelegt, die Arbeitgebern Lohnzuschüsse gewähren, wenn sie Olim einstellen.

Gesellschaftlich-kulturelle Integration:
Um ein Zugehörigkeitsgefühl zur neuen Heimat zu schaffen, verfolgt das Integrationsministerium verschiedene Ansätze, um den Einwanderern kulturelle Traditionen und Werte zu vermitteln. Sei es in den Sprachkursen, über Theater und Konzerte oder Sozialarbeit mit Jugendlichen.

Ulla Thiede, "Nach der Entscheidung geht alles ganz schnell", in: General-Anzeiger Bonn vom 26./27. März 2016

Juden aus arabischen Ländern
Das Ankommen war fast nie einfach. Nach 1948 traf die erste große Einwandererwelle aus islamischen Ländern ein. Es handelte sich um Juden aus Nordafrika und dem Nahen Osten, deren arabische Muttersprache fortan mit dem Feind assoziiert war. Manche werfen es der europäisch geprägten Gründergeneration bis heute vor, damals vornehmlich in abgelegenen Entwicklungsstädten angesiedelt worden zu sein, was eine fortdauernde strukturelle Benachteiligung nach sich gezogen habe.

Die Distanz zu dem Sabre-Ideal war bei diesen sogenannten Misrachim, die zum Großteil – nicht selten als Vertriebene – und zur gleichen Zeit wie die europäischen Überlebende der Schoah nach Israel strömten, sogar noch größer. Denn sie entsprachen diesem Ideal weder in ihrem Äußeren, noch waren sie mit den in Europa gängigen revolutionären Ideen in Berührung gekommen. Da es in ihren Herkunftsländern keine Säkularisierungsbewegungen gegeben hatte und Religion für sie mehr Familientradition als strenge Frömmigkeit bedeutete, war ihnen auch der atheistische Eifer der Gründergeneration fremd. Dieser Unterschied gilt bis heute: Während für die meisten europäischstämmigen Israelis – die sogenannten Aschkenasim – die Begriffe "säkular" und "religiös" ein klares Gegensatzpaar darstellen, verläuft die Trennlinie bei den orientalischen Juden längst nicht so scharf.

Den Journalisten und ehemaligen Knessetabgeordneten Daniel Ben Simon, der als Jugendlicher mit seinen Eltern Ende der 1960er-Jahre aus Marokko eingewandert war, überraschte damals diese Kategorisierung. Für ihn war es unproblematisch, manchmal religiös zu sein, etwa an Feiertagen, und manchmal nicht, im Anschluss an ein koscheres Sabbatmahl am Freitagabend – samt Kerzenanzünden und Kiddusch – einen guten Fernsehspielfilm anzuschauen oder am Sabbat zu einem Fußballspiel zu fahren.
Zwar sind heute für viele Israelis der jüngeren Generation, die oft selbst aus einem aschkenasisch-misrachisch "gemischten" Elternhaus stammen, solche Fragen längst nicht mehr so wichtig. Aber einen orientalischstämmigen Premierminister hat Israel dennoch bisher nicht hervorgebracht.

Äthiopische Juden
Als Mitte der 1980er-Jahre in Äthiopien eine Hungersnot ausbrach, machten sich tausende Juden auf einen 600 Kilometer langen Fußmarsch durch die Wüste und flohen in den Sudan. Dort durften Maschinen der israelischen Fluggesellschaft El Al nachts heimlich landen und die Flüchtlinge nach Israel bringen, bis die Aktion an die Medien drang und andere arabische Staaten den Sudan, der seit 1956 Mitglied der Arabischen Liga ist, zwangen, die Flüge zu stoppen. Rund 8000 Menschen wurden in dieser "Operation Moses" ausgeflogen. 1991 folgten in der "Operation Salomo" weitere rund 14.000 äthiopische Juden.

Erst 1975 wurden sie allerdings vom Obersten Rabbinat als Juden anerkannt. Ein weitverbreitetes Gefühl, auch wegen ihrer dunklen Hautfarbe nicht richtig dazuzugehören, verstärkte sich durch einen Vorfall in den 1990er-Jahren. Damals flog auf, dass Mitarbeiter des Rettungsdienstes "Roter Davidstern" Blutspenden von Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppe aus Angst, sie könnten mit HIV infiziert sein, ungetestet weggeschüttet hatten. Rassismusvorwürfe wurden auch 2013 laut, nachdem Medien berichtet hatten, dass Helfer im Gesundheitsdienst äthiopischen Frauen ohne deren Wissen Mittel zur Geburtenkontrolle verabreicht hatten.

Juden aus der Sowjetunion
Nach dem Ende des Kalten Krieges 1989 immigrierten aus der ehemaligen Sowjetunion mehr als eine Million Menschen nach Israel. Anders als frühere Ankömmlinge waren und sind sie stolz auf ihr kulturelles Gepäck, was sich unter anderem in der Existenz einer großen Zahl an russischsprachigen Zeitungen, Internetseiten und Buchhandlungen niederschlägt. Trotz guter Ausbildung konnten aber längst nicht alle mit ihren alten Berufen in der neuen Heimat Fuß fassen. Diplome wurden entweder nicht anerkannt oder es gab für ihre Expertisen keine Verwendung. Diese Einwanderer, oder vielmehr ihre Kinder, sind heute stark vertreten im Gesundheitswesen, in der Hightechindustrie und als Sicherheitspersonal.

Da bei ihrer Ankunft das Hebräische längst als Muttersprache etabliert war, hatte – im Gegensatz zu früher – kaum jemand etwas dagegen, dass sie an ihrer eigenen Kultur festhielten. Viele Eltern, die selber schon als Kinder nach Israel kamen, erziehen heute ihren Nachwuchs bewusst zweisprachig – und finden dafür auch breite Unterstützung. Der Weg in die israelische Elite wird dennoch immer noch als äußerst schwierig empfunden. So wurde es vielfach als ein "Durchbrechen der Glasdecke" gewertet, als der aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Politiker Avigdor Lieberman 2016 zum Verteidigungsminister ernannt wurde.