IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Gisela Dachs

Schmelztiegel oder Mosaik? Israelische Gesellschaft

Arabische Minderheit

Das israelische Kollektiv ist aber nicht nur jüdisch. Unmittelbar nach der Staatsgründung wurden etwa 100.000 im Land verbliebene palästinensische Araber eingebürgert. Heute gehört etwa jeder fünfte Israeli dieser nationalen Minderheit an. In religiöser Hinsicht ist sie jedoch keineswegs homogen: Mehr als 80 Prozent sind Muslime, neun Prozent Christen und acht Prozent Drusen. Mit den Jahren hat sich die sprachliche Selbstbezeichnung, die viel über das sich wandelnde Selbstverständnis aussagt, immer wieder geändert. Sie seien Palästinenser mit israelischem Pass, sagen heute viele über sich selbst. Politisch und rechtlich sehen sie sich als Staatsangehörige Israels, national und kulturell als Palästinenser. Das ist alles andere als eine einfache Identität in einem jüdischen Staat, mit Symbolen wie dem Davidstern auf der Flagge oder einer Nationalhymne, die von der Rückkehr nach Zion schwärmt.

Die arabische Bevölkerungsgruppe befindet sich heute zunehmend in einem Spannungsfeld zwischen Israelisierung und Islamisierung. Der Umgang mit dieser Minderheit, deren Interessen von einem arabischen Parteienbündnis in der Knesset vertreten werden, gehört weiterhin zu den großen Herausforderungen der israelischen Demokratie. Strukturelle Benachteiligung lautet der Vorwurf auf arabischer Seite, während die jüdische Mehrheit der arabischen Minderheit im Zweifelsfall gerne als "fünfte Kolonne" der feindlichen Nachbarstaaten misstraut. Hanin Zuabi, seit 2009 als Mitglied der Balad-Partei Abgeordnete der Knesset, wurde als Staatsfeindin beschimpft, weil sie sich 2010 mit auf dem türkischen Schiff "Mavi Mamara" befand, um die Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen. Versuche, ihre politische Karriere zu beenden, scheiterten aber am Veto des Obersten Gerichtshofs. Zuletzt erregten arabische Parlamentarier Unmut, weil sie Beileidsbesuche bei palästinensischen Familien im Westjordanland abgestattet hatten, deren Angehörige bei (von ihnen) verübten Messerattacken auf Israelis getötet worden waren.

Die Wählerschaft gilt aber in vielerlei Hinsicht als moderater als ihre politischen Vertreter. Widersprüche prägen demnach das jüdisch-arabische Verhältnis. In allen Umfragen hat sich die arabische Minderheit mehrheitlich stets gegen die Option ausgesprochen, in einen potenziellen Palästinenserstaat umzusiedeln. Und das nicht nur, weil viele von ihnen auf ihrem Recht beharren, in ihrer Heimat zu bleiben. Denn die meisten wissen die Vorteile der – wenn auch für sie eingeengten – israelischen Demokratie zu schätzen. So war es möglich, dass ein arabischer Vorsitzender Richter 2011 den früheren Staatspräsidenten Moshe Katzav wegen Vergewaltigung ins Gefängnis schickte – und niemand diesen Umstand auch nur für erwähnenswert hielt.