IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Gisela Dachs

Schmelztiegel oder Mosaik? Israelische Gesellschaft

Unterschiede im Lebensgefühl

Nach dem 2017 vom Jerusalemer Jewish People Policy Institute veröffentlichten "Pluralismus-Index" sind mehr als 90 Prozent der Juden und knapp 80 Prozent der Araber mit sich und ihrem Leben in Israel "zufrieden" oder "sehr zufrieden". Wenn es um die Einschätzung der individuellen Zukunftsmöglichkeiten geht, haben die arabischen Jugendlichen ihre jüdischen Altersgenossen sogar überrundet. Nach einer Jugendstudie, die im selben Jahr von MACRO Center for Political Economics und der Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlicht wurde, gaben mehr als je zuvor, nämlich 74 Prozent der arabischen Jugendlichen an, in dieser Hinsicht optimistisch zu sein, während dies nur 56 Prozent der jüdischen Jugendlichen von sich sagten (so niedrig wie nie zuvor). Noch nie war die junge jüdische Generation so pessimistisch eingestellt.

Die Jugendstudie erklärt diese Haltung vor allem mit der vielfach ernüchternden Erfahrung, nach Armeepflicht und teurem Studium keinen angemessenen Job zu finden. Für die arabische Jugend wiederum habe sich das Bildungsniveau verbessert, was mehr Entfaltungsmöglichkeiten als früher bedeute. Zudem biete eine zunehmend offenere Welt, ermöglicht durch die sozialen Netzwerke im Internet, mehr Einblicke in die Realität der arabischen Nachbarländer, die Israel im Vergleich sowohl politisch wie wirtschaftlich besser abschneiden lassen – auch wenn sich nur 24,4 Prozent der arabischen jungen Männer und 13,3 Prozent der jungen Frauen der israelischen Gesellschaft zugehörig fühlen. Und während bei den jungen Juden in Israel an oberster Stelle die Sorge über steigende Lebenskosten (67,4 %) und damit verbundene gesellschaftliche Gräben steht, ist es bei den jungen israelischen Arabern das Verhältnis zur jüdischen Bevölkerung (47,3 %).
Die Studie erforschte die "Seelenlage" von 1260 Jugendlichen aus allen Sektoren im Alter von 15–18 und 21–24 Jahren. Dabei wurde jeweils zwischen vier Gruppen unterschieden: Säkularen, Ultraorthodoxen, National-Religiösen und Arabern.

Prägungen durch Bildung und Militärdienst

Diese Kategorisierung entspricht auch der Unterteilung des Bildungssystems. Die Grund- und Sekundarstufe sind in vier separate Schulsysteme unterteilt: das säkular-jüdische (definiert als hebräischsprachige staatliche Schulen), das religiös-jüdische (staatlich-religiöse Schulen), das ultraorthodox-jüdische bzw. charedische und das arabische (definiert als arabischsprachige Schulen). Die Schulwahl erlaubt es den verschiedenen Gemeinschaften und sozialen Gruppen, die eigene Identität zu bewahren, hat aber auch zur Folge, dass die überwiegende Mehrheit der jungen Israelis kaum oder gar keinen Kontakt zu anderen ethnischen oder religiösen Gruppen hat.

Zusammen mit 29 anderen Staaten nahm Israel 1999/2000 an einer Studie der IEA (International Association for the Evaluation of Educational Achievement) zur politischen Bildung 14- bis 19-Jähriger teil, die das Wissen und die Haltung von Schülerinnen und Schülern in der elften Klasse unter anderem zu Themen wie Bürgerkunde, Demokratie und nationale Identität prüfte. Es überrascht nicht, dass dabei deutliche Unterschiede zwischen den Standpunkten von Juden und Arabern zu Themen wie Stolz über israelische Errungenschaften, Geschichte, nationale Symbole, Rechte jüdischer Einwanderer und legitimer Einsatz militärischer Gewalt zutage traten.
Erst in den Hörsälen und Seminarräumen der Universitäten findet dann ein gemeinsamer Unterricht statt. Die Zahl der arabischen B.A.-Studenten ist in den vergangenen sieben Jahren um 60 Prozent angestiegen. Weit mehr als die Hälfte (66 Prozent in 2015) sind Frauen.

Quellentext

Lehren vor grünen Wänden

[...] [M]it rund 47.000 Studenten ist die Open University die größte Hochschule des Landes. Ob Rentner oder Teenager, Hausfrau oder Hilfsarbeiter, jeder kann sich hier an einem Bachelorstudium versuchen, man braucht nur einen Computer mit Internetzugang, Hebräischkenntnisse und die finanziellen Mittel, rund 500 Euro für ein Seminar zu bezahlen, was im israelischen Vergleich nicht teuer ist. […]

[D]ie Dozenten stehen [...] nicht in gefüllten Hörsälen, sondern sitzen in kleinen Aufnahmestudios vor grünen Wänden und sprechen in Kameras.
[…] In Israel erfüllt die Universität […] eine einzigartige Funktion. Denn so klein das Land auch ist, so tief und zahlreich sind seine gesellschaftlichen Brüche: Sie trennen nicht nur Juden und Araber, sondern auch Säkulare und Religiöse, europäisch- und orientalischstämmige Juden, das reiche Landeszentrum und die arme Peripherie.

Die zwei ärmsten Minderheiten des Landes, Araber und Ultraorthodoxe, haben ihr eigenes Schulsystem: Letztere etwa lernen in ihren religiösen Schulen nur ein Minimum an säkularen Inhalten. Die Hälfte aller ultraorthodoxen Familien lebt in Armut. Die Schulen der arabischen Minderheit wiederum schneiden in Vergleichstests weit schlechter ab als reguläre jüdisch-israelische Schulen. Zudem wird auf Arabisch unterrichtet, weshalb manche jungen Araber später am Hebräisch-Sprachtest scheitern, den traditionelle Universitäten von ihnen verlangen. Manchen bietet die Open University eine zweite Chance.[…]

Derzeit studieren 6600 Araber und knapp 600 Ultraorthodoxe an der Open University. Ihr Anteil an der gesamten Studentenzahl ist zwar gering, steige aber jedes Jahr deutlich, sagt [Moshik] Lavie, [der 41-jährige Dekan der Universität]. Daneben spricht die Universität noch andere Menschen an, die nicht zum klassischen Studentenklientel gehören: Zehn Prozent sind 45 Jahre und älter […]. Rund 1000 Studenten leben nicht einmal in Israel; sie verfolgen die Vorlesungen aus dem Ausland und legen die Prüfungen in israelischen Botschaften ab. Auch Häftlinge studieren an der Hochschule; in manchen Gefängnissen sind es so viele, dass die Universität einmal pro Woche einen Dozenten vorbeischickt. […]

Doch wie die meisten Ideen, die betörend simpel klingen, hat auch diese einen Haken. […] Nur ein Viertel aller Studenten beenden die Open University mit einem Abschluss. […] Denn das System des offenen Lernens, ohne Kontrolle, ohne Druck, auch ohne Mittagspausen in der Mensa, in denen man mit Kommilitonen den Stoff bespricht, verlangt den Studenten ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Organisation ab. […] Dazu kommt: Wer sich an der Open University einschreibt, braucht eine gewisse technische Ausstattung – mindestens einen eigenen Computer mit gutem Internetzugang – und das Know-how, damit umzugehen. […]

Mareike Enghusen, "Uni für alle", in: brand eins 01/2017, S. 90 ff.

Die wichtigste Kollektiv-Erfahrung bleibt für die heranwachsenden jüdischen Israelis zweifellos die Armee. Der Pflichtdienst ist das maßgebliche Jugenderlebnis. Dort werden Bande geknüpft, die im Reservedienst weiter gepflegt werden. Wer in der Armee gedient hat, gehört dazu und kann mitreden. In den Medien gehören Berichte über Kriegshelden, Kriegsverletzte und Kriegswitwen zum Standardprogramm. Diese Beschäftigung mit der Armee wird in Israel aber nicht als Ausdruck von Militarismus verstanden, sondern als natürliche Solidarisierung des Volkes "mit den Kindern von uns allen".

Quellentext

Israels Armee in Zahlen und Daten

Die israelische Verteidigungsarmee Zahal (hebr., Abkürzung für Zva Haganah le-Jisrael) wurde am 31. Mai 1948 gegründet. Sie gliedert sich in Heer, Luftwaffe und Marine. Diese sind einem vereinigten Oberkommando unterstellt, dem Generalstab. An seiner Spitze steht der Generalstabschef, der dem Verteidigungsminister verantwortlich ist. Während im Heer sowohl Berufssoldaten als auch Wehrpflichtige dienen, bestehen Luftwaffe und Marine nur aus Berufssoldaten.

Die Truppenstärke der Armee wird von der israelischen Regierung geheim gehalten. Das Institute for National Security Studies in Tel Aviv gibt die Anzahl der aktiven Soldaten mit 176500 an. Davon dienten 133.000 beim Heer, 34.000 bei der Luftwaffe und 9500 bei der Marine. Im Kriegsfall kann zudem innerhalb von 24 Stunden knapp eine halbe Million Reservisten mobilisiert werden. Damit hat Israel weltweit den höchsten Anteil von Soldatinnen und Soldaten an der Bevölkerung.

Männliche Reservisten werden – je nach Dienstgrad – mehrere Wochen im Jahr und bis zu einem maximalen Alter von 45 Jahren eingezogen. Der Reservedienst betrifft auch unverheiratete bzw. kinderlose Frauen bis zum 24. Lebensjahr.

Die allgemeine Wehrpflicht dauert seit 2015 für Männer 32 Monate, für Frauen 28 Monate. Wer wehrpflichtig und -tauglich ist, wird in der Regel mit 18 Jahren eingezogen. Wer allerdings von den Männern zu den Spezialkräften und Eliteeinheiten will, muss wie bisher drei Jahre dienen. Für Soldatinnen der Kampfeinheiten dauert der Dienst ebenfalls drei Jahre. […]
Der Verteidigungshaushalt ist traditionell hoch. [...]
Als offenes Geheimnis gilt, dass Israel über Atomwaffen verfügt. Je nach Quelle sollen sich zwischen 100 und 300 Atomsprengköpfe in israelischem Besitz befinden.

Nicole Alexander, Gabi Gumbel, "Die Armee in Zahlen und Daten", in: Gisela Dachs, israel kurzgefasst, überarb. Aufl. Bonn 2016, S. 125 f.