IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Gisela Dachs

Schmelztiegel oder Mosaik? Israelische Gesellschaft

Rolle der Frauen

Der Status der Frauen ist, wie so vieles in Israel, vielschichtig und widersprüchlich, da er von entgegengesetzten Kräften bestimmt wird. Feminismus und Zionismus, schreibt die ehemalige Knessetabgeordnete und Politologin Einat Wilf in ihrem Aufsatz Feminism in Israel/Anti-Feminism and Anti-Zionism im Magazin Fathom vom Februar 2018, seien beide "Töchter der Aufklärung", entstanden aus einer intellektuellen Revolution, die sich dagegen auflehnte, das menschliche Dasein als unvermeidbaren Teil einer hierarchischen, unveränderbaren, von oben aufoktroyierten Ordnung anzusehen. Ihr Kampf galt den herrschenden Machtstrukturen, errichtet auf der Vorstellung von weiblicher und jüdischer Unterlegenheit.

Tatsächlich zeigen populäre Bilder aus dem jungen sozialistischen Staat Israel wie Frauen und Männer Seite an Seite auf den Feldern des Kibbuz arbeiten; die Soldatinnen in Uniform galten als ein Symbol der Gleichberechtigung. Zugleich entscheidet jedoch bis heute das religiöse Establishment, in dem Männer das Sagen haben, über zivilrechtliche Angelegenheiten. Frauen haben es zwar – seit Golda Meir als Ministerpräsidentin – längst bis an die Spitze des Obersten Gerichtshofs, von Banken und des Außenministeriums gebracht. Allerdings stellen sie nur magere 27 Prozent aller Knessetabgeordneten. Bei der Besetzung von politischen Ämtern schneiden sie noch schlechter ab. Und die weibliche Erwerbsbevölkerung zeichnet sich dadurch aus, dass sie im Durchschnitt immer noch viel weniger verdient als die männliche, ohne dass dies zu großen Debatten führt.
Dabei stellen Frauen sich allein schon aus rein wirtschaftlichen Gründen gar nicht erst die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Mutterdasein. Beides gehört zur Normalität.

Jüdische Israelinnen weisen die höchste Fertilitätsrate in der OECD auf, was nicht allein auf den religiösen Sektor zurückzuführen ist. Säkulare Familien mit vier Kindern sind keine Ausnahme. Auch hat die gesellschaftliche Akzeptanz von Frauen, die sich allein für Kinder entscheiden, insgesamt zugenommen. So stehen Israelinnen heute mehr Optionen denn je offen in einem Land, das stark von traditionellen Werten geprägt ist. Verglichen mit US-amerikanischen Feministinnen sehen sich viele Israelinnen weit im Hintertreffen, verglichen mit europäischen Geschlechtsgenossinnen mögen sie in mancher Hinsicht sogar einen Vorsprung haben. Ein 1998 verabschiedetes Gesetz zur sexuellen Belästigung gilt als eines der weitreichendsten in der westlichen Welt.

Frauen engagieren sich in politischen Organisationen wie etwa in der Viermütter-Bewegung, die mit zum Abzug der israelischen Armee 2000 aus der sogenannten Sicherheitszone im Libanon geführt hat, und sie haben die Nichtregierungsorganisation Machsom Watch gegründet, die das Verhalten von israelischen Soldaten an Checkpoints im Westjordanland beobachtet. 2014 entstand Women wage peace, das Frauen aus allen ethnischen und politischen Bereichen des Landes miteinander vereint.