IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Daniel Mahla

Der Umgang mit der Schoah

Der Völkermord an sechs Millionen europäischen Juden ist Teil des nationalen Narrativs und von tragender ideologischer Bedeutung. Das Gedenken daran, der Wille, nie wieder Opfer zu sein, und der Umgang mit den Überlebenden der Schoah prägen die Gesellschaft und finden die unterschiedlichsten Ausdrucksformen.

In der Halle der Namen in der Gedenkstätte Yad Vashem erinnern Fotos an jüdischen Frauen, Männer und Kinder, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden.In der Halle der Namen in der Gedenkstätte Yad Vashem erinnern Fotos an jüdischen Frauen, Männer und Kinder, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. (© SZ Photo)

Der Schoah wird in der israelischen Gesellschaft eine zentrale Stellung beigemessen. Kaum eine andere Angelegenheit hat in Israel so emotionale Debatten hervorgerufen, wie die Frage nach dem angemessenen Umgang mit dem Faktum des Mordes an sechs Millionen europäischen Juden. Diese Diskussionen begannen bereits in den 1940er-Jahren im Zuge der Erwägungen über die eigenen Möglichkeiten, den bedrängten Juden Europas Hilfe zu leisten.

Dominanz privaten Gedenkens bis 1951
Auch die erste Begegnung mit den Überlebenden der Schoah stellte die junge israelische Gesellschaft vor große Herausforderungen. Die Juden im Mandatsgebiet Palästina hatten bereits vor dem Krieg das Selbstbild eines neuen Juden propagiert, der als Pionier und Soldat das Land aufzubauen half. Vor diesem Hintergrund fiel die Identifizierung mit den europäischen Juden schwer. Während die heldenhaften Anführer des Warschauer Ghettoaufstandes bewundert wurden, die sich wie der Partisanenführer Abba Kovner formulierte "nicht wie die Schafe zur Schlachtbank" hatten führen lassen, wurde allen anderen vorgeworfen, keinen Widerstand gegen die eigene Vernichtung geleistet zu haben – eine dramatische Fehleinschätzung der Situation der Juden unter der Herrschaft des nationalsozialistischen Regimes.

Wegen der Identifikation der Israelis mit jüdischen Widerstandskämpfern spielte der Warschauer Ghettoaufstand eine wichtige Rolle in der frühen israelischen Gedenkkultur. Wie in anderen Gesellschaften auch, drangen die eigentlichen Dimensionen und die Bedeutung des Völkermordes erst allmählich ins nationale Bewusstsein ein. In den direkten Nachkriegsjahren fand Gedenken noch vor allem auf persönlicher Ebene und im Rahmen kleinerer Initiativen aus dem Kreise der Überlebenden statt. Mit der gesetzlichen Einführung eines offiziellen Gedenktages im Jahre 1951 und dem Aufbau Yad Vashems als öffentlicher Gedenkstätte und Forschungseinrichtung wurde die Erinnerung an den Holocaust dann auf eine staatliche Ebene gehoben.

Einbettung in das nationale Narrativ
Als Teil des nationalen Narrativs erhielt sie nunmehr eine tragende ideologische Bedeutung. Dieses Narrativ, das der israelischen Gesellschaft gemeinschaftsstärkenden Sinn und Orientierung vermitteln wollte, führt von der Vernichtung des jüdischen Volkes in Europa zu seiner Wiederauferstehung im und durch den Staat Israel. Es findet sich auch im nationalen Fest- und Gedenkkalender wieder. Im jüdischen Monat Nissan wird im Angedenken an den Warschauer Ghettoaufstand an die Schoah erinnert. Der Gedenktag (Jom Ha-Shoah) liegt nur wenige Tage nach dem Pessachfest, mit dem der Auszug der Hebräer aus Ägypten gefeiert wird. Sechs Tage später folgt dann der Gedenktag an israelische Gefallene und Opfer von Terrorismus (Jom Ha-Sikaron), der wiederum nahtlos in die Feier der israelischen Unabhängigkeit übergeht (Jom Ha-Atzmaut). Im jährlichen Kalender bewegen sich Israelis also symbolisch vom Auszug aus Ägypten über die Schoah und die Opfer der Kriege hin zu Wehrhaftigkeit und Unabhängigkeit.

Identifikation mit den Opfern
Einen ersten Wandel erfuhr der Umgang mit der Schoah durch den öffentlichen Prozess gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der als Vorsitzender des "Judenreferats" im NS-Reichssicherheitshauptamt für die Vertreibung, Deportation und Vernichtung der Juden mitverantwortlich gewesen war. Eichmann wurde 1960 vom israelischen Geheimdienst in Argentinien entführt, wohin er nach Kriegsende geflohen war, und nach Israel gebracht. Dort wurde er angeklagt und am 15. Dezember 1961 zum Tode verurteilt. Durch die ausführliche Aufnahme der Zeugnisse Überlebender und deren Übertragung in Rundfunk und Fernsehen hörte eine breite Öffentlichkeit nun aus erster Hand Augenzeugenberichte der Gräuel aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Dies führte nicht nur in Israel sondern weltweit zu einer stärkeren gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit den Schrecken der Schoah.

Einen nächsten Einschnitt bedeutete der Sechstagekrieg vom Juni 1967. Diesem waren einige Wochen angstvollen Abwartens vorausgegangen, in denen vor allem die ägyptische Propaganda die Vernichtung des israelischen Staates beschwor. Die Israelis fühlten sich weitgehend von der Welt alleine gelassen und damit an die dunklen Tage der Schoah erinnert. Vergleiche, etwa des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser mit Adolf Hitler, fanden in der Bevölkerung eine große Resonanz. Durch den schnellen und unerwarteten Sieg der israelischen Armee herrschte nach dem Krieg zwar zunächst eine euphorische Stimmung, doch der Nimbus der Unbesiegbarkeit wurde bereits wenige Jahre später durch die anfänglichen Niederlagen im Jom-Kippur-Krieg von 1973 beschädigt. Das in den Kriegen erlebte Gefühl der Hilflosigkeit und Ängste vor bevorstehender Vernichtung führten zur gesteigerten Identifizierung vieler Israelis mit dem Schicksal der europäischen Juden.