IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Noa Lavie
Anat Feinberg
Dominik Peters

Medien und Kultur

DOMINIK PETERS

Israelische Musikkulturen: Soundtracks seiner Gesellschaften

Israel ist nicht nur ein kleines Land, in etwa so groß wie Hessen, sondern auch ein Einwanderungsland. Die meisten seiner Bürger stammen in erster, zweiter oder dritter Generation von einem der fünf Kontinente. Dies spiegelt sich heute in den vielfältigen Kulturen seiner Gesellschaften wider – und damit auch in der Musik.
Das war indes nicht immer so. In den Gründerjahren war Israel durch David Ben Gurion etatistisch regiert worden. Der erste Ministerpräsident des Landes hatte einen starken Staat aufgebaut. Die Aschkenasim – das heißt jene Juden, die mehrheitlich vor 1948 aus Europa eingewandert waren – und nicht die Misrachim – das heißt jene Juden, die mehrheitlich nach 1948 aus der muslimisch geprägten Welt eingewandert waren – dominieren nicht nur die Politik und die Armee des Landes, sondern auch seine Kultur.

Melodien für Millionen
Aufgrund der bedrängten sicherheitspolitischen Lage des Landes war und ist die Armee eine der wichtigsten Institutionen in Israel. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass die Armee auch die israelische Musikkultur nachhaltig geprägt hat, vor allem durch Unterhaltungsgruppen und -bands. Diese waren sowohl Talentschmiede für Israels größte Rock- und Popmusiker wie Arik Einstein und Shlomo Artzi, als auch zentrale Multiplikatoren zionistischer Wertvorstellungen. Sie spielten ihre Lieder nicht nur vor Soldaten im Feld, sondern produzierten auch eine Vielzahl an Schallplatten und traten ab den 1960er-Jahren im Schwarz-Weiß-Fernsehen auf.

Der Inhalt ihrer patriotischen Texte drehte sich dabei stets um den Aufbau der Nation, den Wert der Arbeit der eigenen Hände und die Wehrhaftigkeit des jüdischen Staates. Die Unterhaltungsgruppen verankerten damit den Ethos der israelischen Pioniere auf ähnliche Weise im öffentlichen Bewusstsein der Israelis, wie "William Cody – Buffalo Bill – und seine Truppe einstmals den amerikanischen Pionier in ihrer Wild West-Show" institutionalisiert hatten, so der Soziologe Oz Almog. Die Unterhaltungsgruppen übertönten mit ihren Melodien für Millionen die multikulturelle Vielfalt der israelischen Gesellschaften im wahrsten Sinne des Wortes.

Rock und Pop zwischen Mittelmeer und Jordan
Erst mit Beginn der 1970er-Jahre änderte sich das. Infolge des Jom-Kippur-Krieges 1973 erodierte die hegemoniale Stellung der aschkenasischen Gründerväter und -mütter. Die gesellschaftlichen Freiräume wurden größer. Ihre Söhne und Töchter wollten nicht länger mit Mundharmonika und Akkordeon musizieren, sondern E-Gitarre und Bass spielen.

Sie waren von der Rockmusikwelle erfasst worden, die nach dem Woodstock-Festival 1969 in weiten Teilen der westlichen Welt einsetzte. Im Stil ihrer englischsprachigen Vorbilder – von den Beatles bis hin zu den Rolling Stones – machten Arik Einstein und Shlomo Artzi, Schalom Hanoch und Ehud Banai sowie viele andere hebräische Künstler Rockmusik in Israel populär. Ihre Lieder sind bis heute fester Bestandteil des israelischen Musikkanons. Sie werden von Jung und Alt gehört.
Pop war damals auch immer Protest. In der politischen Tradition Bob Dylans avancierten ab den 1970er-Jahren auch in Israel kritische Künstler wie Meir Ariel und Jehonathan Geffen zu gesellschaftlich anerkannten Singer-Songwritern; ebenso entwickelte sich sukzessive eine Festivalkultur im Land.

Orient meets Okzident
Der erste weltweit bekannte Sänger aus Israel sang indes nicht auf Hebräisch oder Englisch, sondern auf Französisch. Mit seinen Chansons eroberte Moshe Brand im gleichen Zeitraum die französischen Charts. Unter seinem Künstlernamen "Mike Brant" wurde er jedoch nicht nur zwischen Aix-en-Provence und Paris berühmt, sondern auch im Iran des Schahs von Persien. Der Israeli spielte im Iran umjubelte Konzerte vor der Jeunesse dorée der säkularen Oberschicht.

Iran und Irak, Jemen und Marokko – dies sind die Länder, aus denen die Mehrheit der Misrachim eingewandert waren. Parallel zu jenen Künstlern, die sich mit Beginn der 1970er-Jahre in hebräischer Sprache der englischsprachigen Musikwelt zuwandten, gelangten einige Künstler – vor allem Chajim Mosche und Zohar Argov – in Israel zu Erfolg, indem sie sich in hebräischer Sprache den arabischen beziehungsweise persischen Musiktraditionen zuwandten.

Seit den 1980er-Jahren ist dieser Musikstil aus Israel nicht mehr wegzudenken, er dominiert die Charts Jahr für Jahr. Die drei prominentesten und mit zahlreichen Platin-Platten ausgezeichneten Künstler dieses Genres sind zum einen die Sängerin Rita, die als Rita Johanfarouz in Iran geboren worden ist, zum anderen Sarit Hadad, deren Eltern aus Dagestan eingewandert waren, und außerdem Eyal Golan, dessen Familie aus Marokko stammt.

Israelische Musik im globalen Dorf
Mit jedem Jahrzehnt der israelischen Geschichte sind die musikalischen Trennlinien zwischen Aschkenasim und Misrachim brüchiger geworden, haben sich Stile und Traditionen vermischt. Heute – in Zeiten von iTunes und Amazon Prime Music – hört und singt die israelische Bevölkerung, was auch der Rest der Welt hört und singt: Techno und Trance, Hip Hop und RnB, Reggae und Ragga.

Der Sänger Asaf Avidan spielt vor ausverkauftem Haus zwischen Barcelona und Beerscheva. Mit seinem Song "One Day" in der Dance-Version des Berliner DJs "Wankelmut" eroberte er 2012 weltweit die Charts. Ein anderer Künstler, Idan Raichel, hat sich in Israel im vergangenen Jahrzehnt einen Namen mit israelisch-äthiopischer Musik gemacht, spielt seither Tour-Konzerte zwischen Tel Aviv und Toronto und hat 2014 ein Instrumental-Album mit dem malischen Superstar Boureima "Vieux" Farka Touré aufgenommen.

Liraz Charhi hat 2016 eine viel beachtete Coverversion von "Love me like you do", dem Titelsong der Romanverfilmung von "Fifty Shades of Grey", aufgenommen. Dies jedoch nicht auf Englisch oder Hebräisch – sondern auf Farsi. Das virale YouTube-Video des Songs der israelischen Künstlerin mit persischen Wurzeln wurde in Istanbul aufgenommen. Mit anderen Worten: 70 Jahre nach der Staatsgründung ist Israel, ist die nationale Musikszene im globalen Dorf fest verankert.