IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Guy Katz

Wirtschaftliche Grundzüge und Entwicklungen

Zuwanderung und Hightechorientierung

Die 1990er-Jahre waren durch die Zuwanderung aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion gekennzeichnet. Während dieser Zeit wuchs die Bevölkerung Israels von etwa 4,6 Millionen Einwohnern auf rund sechs Millionen an. Dieser Anstieg hatte spürbare wirtschaftliche Konsequenzen. Zwar belasteten die Kosten der Integration von Neueinwanderern den Staatshaushalt. Doch die erhöhte Nachfrage nach Wohnraum und Konsumgütern stimulierte die wirtschaftlichen Aktivitäten.

Auch diesmal wurde die israelische Wirtschaft wieder durch viele hochqualifizierte Arbeitskräfte verstärkt, obwohl viel Zeit verging, bis ihr volles Potenzial genutzt werden konnte. Zuvor ergab sich als unmittelbare Folge ein hoher Anstieg der Arbeitslosigkeit auf über zehn Prozent, die ab dem Jahr 1993 allmählich zu sinken begann.

Internationale Unternehmen siedelten sich erst ab den späten 1980er-Jahren vermehrt in Israel an. Gleichzeitig stiegen die ausländischen finanziellen Investitionen und Beteiligungen an israelischen Firmen. Befördert wurde dies auch durch die politische Entwicklung: das Oslo-Abkommen mit der palästinensischen PLO im Jahre 1993, der Friedensvertrag mit Jordanien im Oktober 1994 und der allmählich nachlassende Boykott der Arabischen Liga. Zuvor hatten sich viele Firmen nicht in Israel betätigt, aus Angst, von ihren arabischen Geschäftspartnern boykottiert zu werden.
Gleichzeitig begann ein rasantes Wachstum der lokalen Hightechindustrie, vor allem der Internet- und Telekommunikationsbranchen, in denen Israel zu einem globalen Entwicklungszentrum aufstieg. So wurden wichtige technologische Voraussetzungen für die Mobiltelefonie im Entwicklungszentrum von Motorola in Israel konzipiert.

Quellentext

Kibbuz – ein Lebensstil im Wandel

Eine Gemeinschaft von Gleichen, die auf Privatbesitz und Privilegien zum Wohle aller verzichtet: In seiner Frühzeit war der Kibbuz der Inbegriff linker und zugleich zionistischer Pionierarbeit. In der Erde zu wühlen, selbst das anzubauen, was auf den Tisch kommt, und in der Freizeit mit einer Ausgabe von "Das Kapital" zwischen Kühen, Hühnern und Olivenbäumen umherzustreifen – das entsprach dem Ideal.
Tatsächlich produzieren die Kibbuzim heute noch rund 40 Prozent der landwirtschaftlichen Erzeugnisse Israels, obwohl sie nur 2 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Doch mit einem sozialistischen Kollektiv haben die allermeisten nur noch wenig zu tun. Der Kapitalismus hat die Kibbuz-Bewegung auf dreifache Weise erobert: Zum einen sind die Kibbuzim selbst Arbeitgeber geworden. Die Felder werden heute meist von thailändischen Arbeitsmigranten bestellt. Zum zweiten haben die meisten inzwischen eine Privatisierung durchgeführt. Und drittens haben viele Kibbuzim Unternehmen gegründet und sind damit teilweise recht erfolgreiche Kapitalisten geworden […].

Ausgangspunkt des Wandels war der Aufstieg des konservativen Likud in den siebziger Jahren, der die überproportionale Subventionierung der Kibbuzim beendete. […] Viele versuchten es daraufhin mit kleinen Industriebetrieben, etwa in der Lebensmittelverarbeitung, oder sie bauten Ferienunterkünfte, um an ausländischen Touristen oder gestressten Städtern zu verdienen. Doch weil sie von Management und Märkten zu wenig verstanden, stürzten viele Gemeinschaften noch tiefer in den Abgrund. […]

Doch der Trend zu kleinen Industriebetrieben hat sich fortgesetzt. In der Kibbutz Industries Association (KIA) sind heute über 250 Betriebe organisiert. Bei aktuell rund 270 Kibbuzim in Israel heißt das: fast jeder Kibbuz hat eine Produktionsstätte aufgebaut. 22 dieser Firmen sind sogar an die Börse gegangen. Die Kibbuz-Unternehmen erwirtschaften sieben Milliarden Euro im Jahr, das entspricht rund 10 Prozent der Industrieproduktion. […]

Viele andere Kibbuzim haben in IT-Unternehmen investiert, entwickeln entweder selbst oder haben ihre Ställe umgebaut, um Start-ups unterzubringen und zu fördern. Einige dieser wirtschaftlich erfolgreichen Gemeinschaften können es sich deshalb leisten, weiter als Kollektiv zu bestehen. Doch die große Mehrheit zahlt keine gleichen Löhne mehr, und die Häuser gehören inzwischen den Mitgliedern, die für ihren Lebensunterhalt selbst verantwortlich sind.

Dennoch ist ein Kibbuz auch heute kein Ort wie jeder andere. Er sei "weder eine Kommune, noch eine Kooperative und ganz sicher kein Unternehmen", so Shlomo Getz vom Institute for Research of the Kibbuz an der Universität in Haifa. "Man kann es vielmehr als einen einzigartigen Lebensstil ansehen."

Silke Mertins, Kleines Wirtschaftslexikon, in: IP Länderporträt Nr. 2/2016, S.37f.

Stagnation und staatliche Gegenmaßnahmen

In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre und zu Anfang des 21. Jahrhunderts verlangsamte sich das israelische Wirtschaftswachstum deutlich. Zum einen wurde dies durch die Terrorwelle der zweiten Intifada verursacht. Sie richtete sich verstärkt gegen zivile Ziele und in ihrer Folge kam es zu einem drastischen Rückgang der Investitionen und zur Flucht ausländischer Investoren. Die Tourismusindustrie brach ein und eine Stagnation der gesamten Wirtschaft zeichnete sich ab.

Eine andere Ursache war die weltweite Hightechkrise, umgangssprachlich auch als Platzen der Dotcom-Blase bezeichnet. Aufgrund seiner Wirtschaftsstruktur traf sie das Hightechland Israel mit ganzer Härte. Die Aktienkurse der ersten Internet-Firmen waren im Vergleich zu ihrem realen Wert unverhältnismäßig gestiegen, weil viele Anleger aus aller Welt große Ankäufe dieser Aktien getätigt hatten. Als der Aktienmarkt in sich zusammenbrach, mussten hunderte von Unternehmen, die zuvor als finanzielle Zukunft des Staates Israel gegolten hatten, Konkurs anmelden.

Um die Rezession zu beenden, senkte der damalige Finanzminister Benjamin Netanjahu, der 2003 sein Amt antrat, die Steuern, kürzte die Sozialausgaben und reduzierte die Beteiligung der Regierung an Firmen. Nach kurzer Zeit belebte sich die Wirtschaftstätigkeit. Innerhalb weniger Jahre stieg das wirtschaftliche Wachstum wieder an, die Arbeitslosigkeit verringerte sich, ausländische Investitionen kehrten nach Israel zurück und die Inflation betrug fast null.

Die Wirtschaftspolitik Netanjahus führte allerdings auch zu einer deutlichen Zunahme der ökonomischen Ungleichheit. Sie beschert Israel bis zum heutigen Tag einen vorderen Platz im sogenannten Gini-Index, der eben solche Ungleichheiten misst. Eine weitere Konsequenz seiner Amtszeit (2003–2005) war ein starker Anstieg der relativen Armut sowie der sozialen Ungleichheit. Daran hat sich bislang nichts geändert.
Sowohl den zweiten Libanonkrieg im Jahre 2006 wie auch die weltweite Wirtschaftskrise 2008 überstand die israelische Wirtschaft weitgehend reibungslos. Während westliche Länder mehrere Milliarden Dollar investierten, um den Zusammenbruch verschiedener Wirtschaftssektoren zu verhindern, konnte Israel im Rahmen der Politik seines Zentralbankdirektors Stanley Fischer mit einer bloßen Senkung des Zinssatzes die Krise überwinden. Die Inflation blieb angemessen (weniger als 4 Prozent), und die Arbeitslosenquote stieg nur moderat (auf ca. 8 Prozent) und kehrte schnell auf das Niveau vor der Krise zurück. 2009 war Israel das einzige westliche Land mit einem positiven BIP-Wachstum, was allerdings auch seiner schon vorhandenen wirtschaftlichen Struktur und Wirtschaftspolitik geschuldet war – und der Tatsache, dass es diese Krise schon vorgelagert, im Rahmen des Zerplatzens der Dotcom-Blase, erlebt hatte.

Quellentext

Generationengerechtigkeit ade? – Ein persönliches Resümee

[…] Während unsere Eltern in einer von ökonomischer Sicherheit geprägten Zeit lebten, haben wir uns in "Flexibilität" zu üben. Hatten sie noch eine feste Arbeit, wechseln wir alle ein bis zwei Jahre den Arbeitsplatz. Haben sie noch in Vollzeit gearbeitet, arbeiten viele von uns in mehreren Teilzeitjobs. Wurden sie noch direkt angestellt, werden wir durch den Dschungel von Leiharbeit und Arbeitsagenturen gejagt. Haben sie geheiratet und sich eine eigene Wohnung gekauft, bewegen wir uns auf einem deregulierten Wohnungsmarkt mit jährlich steigenden Mieten, sozialer Wohnungsbau ist rar. Wurden sie pensioniert und erhielten ihre Renten, müssen wir in Anbetracht der Krise der Pensionsfonds hoffen, den Ruhestand vermeiden zu können.

[…] Unser Hauptfeind sind die Lebenshaltungskosten, hauptsächlich für Nahrungsmittel und Wohnung, was die Vorstellung, ein Haus ohne elterliche Unterstützung zu kaufen, nahezu unmöglich macht. Genau wie bei unseren europäischen und amerikanischen Altersgenossen ist unsere Generation die erste seit den 1950er-Jahren, deren wirtschaftliche Situation sich im Vergleich zur vorherigen Generation nicht verbessert hat. In der Tat dürfte sich unsere Situation sogar noch verschlechtert haben. Während fast die Hälfte der jungen Erwachsenen in Europa eher widerwillig bei ihren Eltern lebt, überlassen wir Israelis es ihnen, die Rechnung zu übernehmen: Viele von uns sind entscheidend von ihren Eltern abhängig, um über die Runden zu kommen, oder vielmehr den Lebensstandard aufrechtzuerhalten, den wir gewohnt waren. […]

Entgegen den Versprechungen hat die Liberalisierung der israelischen Wirtschaft nur einer kleinen Schicht der Gesellschaft Wohlstand gebracht, nicht der breiten israelischen Öffentlichkeit. […][E]ine Senkung der Lebenshaltungskosten […] wurde nur in einigen spezifischen Bereichen erreicht, während die meisten Grundkosten – für Lebensmittel und Wohnen – die gleichen geblieben sind. Zeitgleich waren wir es, die unter der Einsparung öffentlicher Ausgaben für Bildung, Gesundheit und Wohnungen zu leiden hatten […].

Die gebildete junge Mittelschicht war die treibende Kraft hinter den sozialen Protesten des Jahres 2011. Sie lebten nach den Slogans "Bildung ist das Wichtigste" oder "Es geht nicht ohne akademischen Grad" und mussten dann nach ihrem Abschluss feststellen, dass sie nur unter schwierigsten Bedingungen einen guten Job finden konnten und kaum über die Runden kamen. […] Während Israels Hochschulsystem in den letzten zwei Jahrzehnten bedeutend gewachsen ist, wurde der "Marktwert" von Bildungsabschlüssen entsprechend ausgehöhlt, was auch zu einer Verringerung der Einkommen führte. Der soziale Protest, so argumentiert der israelische Politologe Amit Avigur-Eshel, ist als Reaktion auf die gebrochenen neoliberalen Versprechen zu verstehen, dass höhere Bildung zum Erfolg führt. […]

Im Falle Israels resultiert soziale Unzufriedenheit aus dem Gefühl, dass ein weiteres Versprechen gebrochen wurde: jenes nämlich, das auf Israels ethno-republikanischem Gesellschaftsvertrag gründet, die Wechselseitigkeit von Rechten und Pflichten, mit anderen Worten: Geben und Nehmen. In der Armee zu dienen ist natürlich die beschwerlichste aller Pflichten, aber der Preis, in einer in dieser Weise politisch mobilisierten Gesellschaft zu leben, ist viel höher als nur das. Jenseits dessen, dass wir unsere ersten Jahre als Erwachsene (drei für Männer, zwei für Frauen) in […] Uniformen verleben, verbringen wir unglaublich viel Zeit damit, die Gemeinsamkeit zu zelebrieren und zu bewahren: an sowohl jüdischen als auch nationalen Feiertagen; im Geschichts- und Staatsbürgerkundeunterricht in der Schule; auf patriotischen Jugendtouren durch Israel; beim Hören populärer nostalgisch-kitschiger zionistischer Lieder, aufgeführt von Militärkapellen. Im Fernsehen und Radio leidet man dagegen unter unermüdlicher Berichterstattung von Bedrohungen und Angriffen. Im Gegenzug erwarteten wir, dass der Staat auf unserer Seite ist und unsere Solidarität erwidert. In diesem Geschäft auf Gegenseitigkeit war es vor allem der Wohlfahrtsstaat, der eine Zeitlang dazu beitrug, eine gewisse naive Mentalität im Sinne von "Der Staat bin ich" zu befördern. […]

Die wirtschaftliche Krise, in der meine Generation aufgewachsen ist, hat weitreichendere Konsequenzen, als man sich das vorstellen konnte: Die Krise untergräbt letztlich die Grundlagen der staatskonstituierenden Israeliness und macht darauf aufmerksam, wie sehr Israel an den typischen Folgen einer Einwanderungsgesellschaft laboriert. […]

Adi Livny, Raketengetrieben, in: Kursbuch 181: Jugend forsch, Januar 2016, S. 117 ff.Abdruck mit Genehmigung durch Kursbuch Kulturstiftung 2018, www.kursbuch.online