IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Guy Katz

Wirtschaftliche Grundzüge und Entwicklungen

Start-up-Nation

Die Beschäftigungsstruktur Israels veränderte sich in den vergangenen Jahren infolge lokaler ebenso wie globaler wirtschaftlicher Verschiebungen. Die traditionellen Industrien verlieren gegenüber dem Hightechsektor. Ein wesentlicher Teil der Fabriken, die früher Textilien produzierten, verlagern ihre Produktionslinien ins Ausland und lassen nur ihre Logistik- und Entwicklungszentren in Israel zurück. Die Waffenexporte Israels bleiben signifikant und nach den USA, Russland und Frankreich belegt Israel weltweit Rang vier der größten Waffenexporteure.

Israel entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten durch die spezifische, seiner geopolitischen Situation und den vorbestehenden militärischen Konflikten geschuldeten Expertise zum "Hotspot” der weltweiten Start-up-Szene. Das Land wird daher oft als "Start-up-Nation" betitelt. Gerade im Software Bereich, bei der Entwicklung von Anwendungen und vor allem der Cybersecurity hat sich Israel innerhalb kürzester Zeit an der Weltspitze der Innovationstreiber etabliert. Die Gründe dafür sind zahlreich: eine gut ausgebildete Bevölkerung (24 Prozent der Israelis absolvieren eine technologische Ausbildung) sowie ein hochtechnologisches Militär, dessen Soldaten mit der Beendigung ihres Dienstes oft in die Hightechszene wechseln. Aber auch in den biotechnologischen und agronomischen Innovationen ist Israel oft ganz vorne, bedingt durch seinen Mangel an Ressourcen und die Notwendigkeit, sich an schwierige klimatische Bedingungen anzupassen.

Israelische Unternehmen führen den amerikanischen NASDAQ-Aktien-Index im Technologiebereich mit klarem Abstand vor den Unternehmen anderer Länder an. Gestützt wird diese Entwicklung auch durch den hohen BIP-Anteil (ca. 4 Prozent), der in Israel in Forschung und Entwicklung fließt. Kapitalgeber aus aller Welt stellen die finanziellen Mittel relativ schnell und unkompliziert zur Verfügung.

Quellentext

Ein neuer Rohstoffreichtum?

[…] In Israel hat nichts weniger als eine Energie-Revolution stattgefunden. […] 2009 wurde […] das Erdgasfeld Tamar etwa 80 Kilometer vor der Hafenstadt Haifa im nördlichen Israel entdeckt – das Vorkommen in rund 1700 Metern Tiefe wird auf mindestens 200 Milliarden Kubikmeter geschätzt, eine auch kommerziell erhebliche Menge und der bis dahin größte Fund. Seit T amar 2013 in Betrieb gegangen ist, kann Israel rund 40 Prozent seines Energiebedarfs durch Erdgas abdecken. […] Der Rest des israelischen Bedarfs wird nach wie vor mit importierter Kohle erzeugt.
Doch erst mit der Entdeckung des noch weit größeren Feldes Leviathan und einer Reihe von kleineren Feldern eröffnen sich tatsächlich neue Dimensionen. Die Vorkommen von Leviathan liegen 130 Kilometer vor Haifa in 1400 Meter Tiefe und werden auf mindestens doppelt so groß wie die des Erdgasfeldes Tamar geschätzt. […] Insgesamt geht die Regierung von etwa 1000 Milliarden Kubikmetern Erdgas aus, wovon man etwa die Hälfte ausführen will, so Oded Eran vom Institute for National Security Studies in Tel Aviv. […]

Der neue Rohstoffreichtum bietet aber auch Möglichkeiten für ganz neue Allianzen. […] Israel, Zypern und Griechenland haben sich […] darauf verständigt, eine gemeinsame Erdgas-Pipeline in die EU zu bauen.
[…] Vor allem im Libanon hegt man ernsthafte Zweifel daran, dass Tamar und Leviathan tatsächlich in israelischen Gewässern liegen. Im Gegenteil, man ist überzeugt, dass sich die Felder in libanesisches Gewässer erstrecken. Normalerweise gilt, dass jeder den Teil ausbeutet, der auf eigenem Territorium liegt. Da der Libanon die Existenz Israels jedoch nicht anerkennt und Israel den Libanon als feindlichen Staat ansieht, kann man sich darüber schwerlich verständigen. […]

Auch in Israel selbst sorgt die kommerzielle Nutzung der Erdgasvorkommen für Auseinandersetzungen. Nichtregierungsorganisationen kritisieren, dass die israelische Regierung den Rohstoffreichtum Privatinvestoren überlasse und die Bevölkerung bisher kaum davon profitiere. […] Die Investoren haben vor allem ein Interesse daran zu exportieren, um die hohen Kosten für die Erschließung wieder einzuspielen. […]
"Aus unserer Sicht ist aber der Export die schlechteste aller Möglichkeiten", so [die Geschäftsführerin des Israeli Energy Forum (IEF) Yael] Cohen-Paran. Denn aus Gas Strom zu erzeugen, sei zumindest viel "grüner" als Kohle oder Öl zu verbrennen. […] "Aber wir wollen eine Energiewende", so Cohen-Paran. "Warum sollten wir also das Erdgas exportieren, bevor wir selbst Alternativen haben?" Bisher fließen 82 Prozent des Erdgasverbrauchs in Israel in Kraftwerke und 18 Prozent in Industrieanlagen. Es gibt jedoch auch Pläne, Erdgas als Treibstoff für Fahrzeuge einzusetzen, was bisher kaum verbreitet ist. […]
Exporte stark einzuschränken ist nicht ohne Risiko für die Regierung. Es könnte den Anreiz für die auf Bohrung und Erschließung spezialisierten Konzerne, in neue Funde zu investieren, verringern. […]

Silke Mertins, Energie-Revolution, in: IP Länderporträt Nr. 2/2016, Israel, S. 24 ff.

Schatten über Israels Wirtschaft

Trotz des Wachstums der israelischen Wirtschaft ist die Erwerbsquote (der Anteil der Arbeitnehmer an der Erwerbsbevölkerung) nach wie vor niedrig (ca. 60 Prozent im Jahr 2013, verglichen mit etwa 70 Prozent in konventionell entwickelten Ländern). Diese geringe Beteiligungsquote der Erwerbsbevölkerung ist im Wesentlichen auf die Nichtbeteiligung arabischsprachiger Frauen sowie ultraorthodoxer Juden zurückzuführen, von denen viele gar nicht oder nur geringfügig beschäftigt sind. Diese Bevölkerungsgruppen sind allerdings besonders kinderreich und wachsen entsprechend stärker als die nicht-ultraorthodoxe jüdische Mehrheit und die säkularen Araber. Experten prognostizieren deshalb eine starke demografische Veränderung des Landes in den nächsten Jahrzehnten, die möglicherweise auch ökonomische Auswirkungen mit sich bringen werde.

Der dauerpräsente Nahostkonflikt wirft allerdings seinen Schatten über das Land. In den Anfangsjahren des 21. Jahrhunderts gab es Dutzende von Anschlägen auf Busse in Tel Aviv, aber auch andere zivile Ziele wurden von Terroranschlägen getroffen. Durch den Bau der Sperranlagen um das Westjordanland konnte Israel die große Mehrheit der (organisierten) Terroranschläge verhindern. Doch die in den vergangenen Jahren von der Hamas eingesetzten Raketen haben immer größere Reichweiten, die im Verlauf des Gazakrieges von 2014 zum ersten Mal auch das Zentrum Israels bzw. Tel Aviv erreichten. Diese haben das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung beeinflusst, auch wenn sie auf das Schutzpotenzial des "Eisernen Doms" relativ vertrauen.
Die zweite Intifada von 2000 bis 2004 hatte allerdings auch Rückwirkungen auf die palästinensische Bevölkerung im Westjordanland und im damals noch besetzen Gazastreifen. Schutzmaßnahmen wie die Verstärkung der Sicherheitskontrollen und der Entzug von Passierscheinen machte vielen Palästinensern die Arbeit in Israel unmöglich, was die Wirtschaft in den palästinischen Gebieten, aber ebenso israelische Firmen – beispielsweise im Bauwesen, in der Landwirtschaft oder in der Industrie – vor große Probleme stellte.