IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Daniel Mahla

Ausblick

Alle Gesellschaften wandeln sich – für Israel gilt dies in besonderem Maße. Die Schwierigkeiten sind groß und die Hindernisse zahlreich, und doch liegt die vielleicht größte Stärke des Landes gerade darin, dieses Schicksal selbstbewusst anzunehmen und optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Israel steht heute vor enormen Herausforderungen. Nach zahlreichen Kriegen und noch zahlreicheren Friedensinitiativen sieht sich der Staat immer noch von vielen seiner Nachbarn bedroht. Diskussionen um Sicherheitspolitik überschatten oftmals alle anderen politischen und sozialen Probleme. Vor allem aber die Fragen nach einem Abkommen mit den Palästinensern und nach dem Umgang mit dem von Israel seit 1967 besetzten Westjordanland sowie dem Gazastreifen prägen nach wie vor die öffentlichen Debatten.

Für das israelische Selbstverständnis, gleichzeitig jüdischer und demokratischer Staat zu sein, scheint die andauernde Besatzung des Westjordanlandes auf Dauer kaum haltbar. Eine Mehrheit der Israelis spricht sich in Umfragen seit Jahren für eine Zweistaatenlösung aus, zweifelt aber zunehmend an deren praktischer Umsetzbarkeit. Kritiker von rechts und von links halten diese Lösung längst für überholt. Während die einen den Großteil des Westjordanlandes annektieren wollen, plädieren die anderen für einen gemeinsamen Staat, in dem alle Bürgerinnen und Bürger gleichberechtigt leben sollen. So würde entweder der demokratische oder der jüdische Charakter des Staates in Frage gestellt.

Die israelische Gesellschaft selbst ist in viele Parallelgesellschaften gespalten, die immer weniger miteinander interagieren. Dies gilt nicht nur für die große Unterteilung in jüdische und arabische Israelis, sondern auch für verschiedene Gruppierungen innerhalb der jüdischen Bevölkerung. Hier ist es vor allem die Frage nach dem Einfluss der Religion auf das öffentliche Leben, die die Gesellschaft spaltet. Wie tief die Gräben verlaufen, verdeutlicht eine 2016 veröffentlichte Umfrage des amerikanischen PEW Instituts, derzufolge 95 Prozent der Ultraorthodoxen und 93 Prozent der Säkularen eine Ehe ihrer Kinder mit einem Partner der jeweils anderen Gruppe grundsätzlich ablehnen.

Aber auch andere Gruppen wie etwa die Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und Juden mit Wurzeln in der arabischen Welt und Nordafrika stehen sich höchst misstrauisch gegenüber. Auch soziale Spannungen steigen: Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zusehends geöffnet und so lebt etwas mehr als ein Drittel der Einwohner Israels unter der offiziellen Armutsgrenze. Dies führt immer wieder zu Auseinandersetzungen und Protesten, wie etwa bei den durch rapide ansteigende Mieten ausgelösten Demonstrationen im Sommer 2011.

Das Auseinanderfallen des nahöstlichen Staatensystems bringt auch für Israel ein hohes Maß an Instabilität und birgt Unwägbarkeiten und neue Gefahren in sich. Gleichzeitig erkennen israelische Politiker in den sich wandelnden Konstellationen Chancen für neue Bündnisse. Tatsächlich war eine der großen Stärken israelischer Politik in den vergangenen Jahrzehnten gerade die Fähigkeit, sich verändernde geopolitische Faktoren zu erkennen und sich dementsprechend neu auszurichten.

Neben den gewaltigen Herausforderungen und Problemen gibt es aber auch viel Grund zur Hoffnung: In den sieben Jahrzehnten seiner Existenz hat Israel beachtliche Erfolge erzielt und sich bereits mehrmals neu erfunden. Als einer der wenigen Staaten, die im Kontext des Rückzugs europäischer Kolonialmächte nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurden, ist Israel trotz aller Probleme und Einschränkungen weiterhin demokratisch konstituiert. Zahlreiche Einwanderungswellen veränderten das Land immer wieder tiefgreifend und brachten neue Einflüsse und Innovationen. Während man in den frühen Jahren vor allem landwirtschaftliche Produkte exportierte, hat sich Israel zu einer industriell und technologisch höchst leistungsstarken Nation entwickelt, deren Computertechnologie und Innovationskraft weltweit gefragt sind.

Bereits die Existenz eines Staates, der wenige Jahrzehnte vor seiner Gründung lediglich ein Hirngespinst einiger Träumer zu sein schien und Zeit seines Bestehens kaum ein Jahr ohne Krieg oder Terror erlebt hat, lässt manch einen an Wunder glauben. Und tatsächlich ist ja einem Bonmot David Ben Gurions zufolge in Israel "kein Realist, wer nicht an Wunder glaubt". Gemäß dieser Maxime des Staatsgründers und ersten Ministerpräsidenten bleibt auch für die Zukunft zu hoffen, dass die israelische Gesellschaft die zahlreichen Herausforderungen, vor denen sie steht, meistern wird.