Info Aktuell Salafismus

30.7.2018 | Von:
Bernd Ridwan Bauknecht

Geschichte einer Radikalisierung

Modernistischer Reformsalafismus
Ein weiterer historischer Entwicklungsstrang des Salafismus ist eine reformistische Strömung, die um die Wende zum 20. Jahrhundert entstand. Ihr Einfluss auf die Salafisten von heute ist zwar weitaus geringer als der des Wahhabismus, doch können einzelne Vertreter dieser modernistischen Reformströmung, die in der islamwissenschaftlichen Literatur auch als klassischer Salafismus bezeichnet wird, durchaus als allgemein prägende Vordenker angesehen werden. Sie hatten erlebt, wie sich die europäischen Mächte Kolonien und somit wirtschaftlichen und politischen Einfluss im Orient verschafften und diesen als schwach und rückständig erscheinen ließen. Dadurch sahen sie sich dazu veranlasst, eine Rückbesinnung auf den Koran und auf die Zeit der ersten Muslime zu fordern, obwohl sie den Errungenschaften der Moderne, vor allem den technischen, durchaus aufgeschlossen gegenüber standen. Ihrer Ansicht nach hatte die Vernachlässigung der Religion zum Niedergang des islamischen Herrschaftsbereiches geführt (Dekadenztheorie). Diese Strömung des modernistischen Reformsalafismus war von Indonesien bis zum Maghreb zu beobachten, am sichtbarsten und von besonders nachhaltiger Wirkung aber war sie in Ägypten.

Einer ihrer wichtigsten Vertreter war der in Kairo lebende panislamische Aktivist al-Afghani (Ğamāl ad-Dīn al-Afğānī, 1838–1897). Durch das Zusammenstehen aller Muslime (Panislamismus) sollte dem Vormarsch der europäischen Mächte Einhalt geboten werden. Al-Afghani befürwortete eine westliche, technische Bildung für die Muslime. Das tradierte Religionsverständnis der sunnitischen Rechtsschulen ließ er außerhalb seines elitären Schülerzirkels unangetastet.

Sein bedeutendster Schüler Muhammad Abduh (Muh˙ammad Abduh, 1849–1905) war Modernist und befürwortete auf lange Sicht die Übernahme eines parlamentarischen Systems. Andererseits überwarf er sich mit der Kairoer al-Azhar Universität, einer bedeutenden religiösen Autorität der islamischen Welt, da sie in seinen Augen zu philosophie- und literaturfreundlich und zu wenig religiös ausgerichtet war. Für die Entwicklung des Islamismus ist er vor allem durch seinen Meisterschüler Muhammad Rashid Rida (Muh˙ammad Rašīd ibn ´Alī Rida, 1865–1935) von Bedeutung.

Rashid Rida wollte dem Islam, dessen deutliche Überlegenheit er nachzuweisen suchte, zu neuer Geltung verhelfen. Rida entwarf das Modell eines islamischen Staates. Sein Buch "Das Kalifat oder Groß-Imamat" erschien 1923 kurz vor der Abschaffung des osmanischen Kalifats im Jahre 1924. Für Rida ist das Kalifat durch Konsens, Prophetentradition und klassische politische Theorie verbindlich gefordert. Allerdings könne das Amt aus Mangel an geeigneten Persönlichkeiten nicht besetzt werden. Nur die ersten vier Kalifen nach Muhammads Tod hätten dem geforderten Ideal entsprochen. Stattdessen schlägt Rida vor, Religionsgelehrte als Repräsentanten des Volkes einzusetzen und die Gesetzgebung in die Zuständigkeit von "Entscheidern" zu geben, die maßgeblich auch aus dem Kreise der Religionsgelehrten stammen sollten. Verbindlich sei das Prinzip der Konsultation (šura) zwischen Herrscher und Volk. Klassische Regeln zum Widerstandsrecht gegen Ungerechtigkeit seien zu respektieren.

Auch für die Reformsalafisten ist die Hinwendung zum Hadith, zu den Prophetenüberlieferungen, kennzeichnend. Wie bereits die Puristen des 17. und 18. Jahrhunderts nutzten auch die Reformsalafisten den großen Fundus klassischer Hadithsammlungen, um je nach getroffener Auswahl eigene Kontexte zu legitimieren und sich gegen den etablierten Konsens der Rechtsschulen zu stellen. Kein Vertreter des Reformsalafismus hatte eine klassische theologische Ausbildung genossen. Sie waren theologische Laien.

Begründer des Islamismus
Nur wenige Jahrzehnte später nahm Hasan al-Banna (Hasan al-Banna, 1906–1949) eine herausragende Rolle ein. Im Alter von 23 Jahren gründete er die sunnitische Muslimbruderschaft, die er im Laufe seines Lebens zu einer Massenbewegung in Ägypten machte. Bis heute ist die Muslimbruderschaft ein politischer Faktor in Ägypten und ist auch in anderen Ländern der muslimischen Welt präsent. Die Zahl der aktiven Mitglieder wird in Ägypten auf ca. eine Million und in Deutschland auf mindestens 1.300 Anhänger geschätzt. Etliche islamistische Organisationen wie zum Beispiel die palästinensische Hamas, die tunesische Ennahda oder die im Sudan regierende "Nationale Kongresspartei" sind aus ihr hervorgegangen.

Al-Banna war der Sohn eines Uhrmachermeisters und arbeitete als Lehrer. Früh betätigte er sich als Laiengelehrter. Westlichen Einflüssen gegenüber misstrauisch, galt er als bodenständig, fromm und unintellektuell. Seine Organisation sprach vor allem die Mittelschicht an und war auch für die unteren Gesellschaftsschichten offen. Kernthemen der Muslimbrüder waren die islamische öffentliche Ordnung und der Antikolonialismus. Konflikte innerhalb der Bruderschaft wurden im Interesse der Einheit eher heruntergespielt. Schon kurz nach der Gründung der Muslimbruderschaft im Jahre 1928 richtete die Bewegung Schulen, Krankenhäuser und wohltätige Einrichtungen ein. Während 1936 die Bruderschaft circa 20.000 Mitglieder zählte, wurde sie 1944 schon auf eine halbe Million Mitglieder geschätzt und hatte erheblichen Einfluss auf Staat und Gesellschaft in Ägypten gewonnen.

Ab 1940 formierte sich innerhalb der Muslimbruderschaft ein militanter "Geheimer Apparat", über dessen Existenz bis 1948 nur wenige Mitglieder informiert waren. Solche Geheimapparate waren damals auch bei Parteien nicht ungewöhnlich. Nach Kriegsende kam es zu ersten Anschlägen auf britische Einrichtungen, später auf Behörden und Regierungsangestellte. Ab 1948 beteiligten sich Muslimbrüder aktiv am Kampf um Palästina. Als Ende 1948 der Polizeichef von Kairo bei bewaffneten Zusammenstößen getötet wurde, wurde die Muslimbruderschaft zunächst aufgelöst. Kurze Zeit später kam Hasan al-Banna durch ein Attentat ums Leben, das aller Wahrscheinlichkeit nach von der Geheimpolizei ausgeführt wurde.

Al-Banna hinterließ eine streng organisierte Massenbewegung, deren Organisationsstruktur am Vorbild westlich-christlicher Organisationen und politischer Parteien, einschließlich der faschistischen und marxistisch-leninistischen Massenparteien Europas, orientiert war. Viele Aktivitäten im Wohltätigkeitsbereich verschafften der Muslimbruderschaft eine große Breitenwirkung. Innerhalb der Organisation konnten engagierte Mitglieder unabhängig von der eigenen Herkunft im Rang aufsteigen. Früh bildeten sich Vertretungen der Muslimbruderschaft in anderen arabischen Ländern wie Syrien oder Jordanien. Aus dem palästinensischen Zweig ging 1987 die Hamas hervor. Auch nach dem Tod Al-Bannas verfolgte die Muslimbruderschaft das Ziel, eine auf der eigenen Interpretation des Islam basierenden Staats- und Gesellschaftsordnung zu etablieren; notfalls auch mit gewaltsamen Aufständen gegen die jeweilige Staatsmacht.

Eine weitere Persönlichkeit, deren geistiger Einfluss auf radikale Gruppen bis heute nicht zu unterschätzen ist, war der Ägypter Sayyid Qutb (Saiyid Qutb, 1906–1966). Er hatte zunächst wie Banna eine ähnliche Lehrerausbildung durchlaufen, arbeitete dann aber im Bildungsministerium und später als Publizist. Er war intellektueller als Banna, interessierte sich in jungen Jahren für den Kairoer literarischen Zirkel und schrieb Literaturkritiken. Für das Massenelend und die sozialen Missstände in Ägypten nach dem Kriegsende 1945 machte er den Westen verantwortlich, dem er Materialismus und moralische Prinzipienlosigkeit vorwarf. Die pro-britische Politik der ägyptischen Regierung lehnte er ab. Sein erstes Buch aus dem Jahr 1949 widmete sich der "Sozialen Gerechtigkeit im Islam".

Qutb trat erst 1953 der Muslimbruderschaft bei, der er zuvor mangelnde Entschlossenheit im Kampf gegen die Briten vorgeworfen hatte. Nach einem versuchten Attentat auf Ministerpräsident Gamal Abdel Nasser, für das die Muslimbruderschaft verantwortlich gemacht wurde, kam es zu Massenverhaftungen und Todesurteilen. Auch Qutb wurde verhaftet, 1964 für kurze Zeit entlassen, 1965 wieder inhaftiert und ein Jahr später mit zwei weiteren Angeklagten zum Tode durch den Strang verurteilt. Das Urteil wurde am 29. August 1966 vollstreckt. Während seiner Haft schrieb Qutb zwei weitere Werke, "Im Schatten des Korans" und "Wegzeichen", die bis heute große Wirkung entfalten. Sayyid Qutb war unter anderem überzeugt, dass die muslimischen Länder unter der Knechtschaft autokratischer Regime stünden und von diesen nur durch die Herrschaft des "wahren Islam" erlöst werden könnten.