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30.7.2018 | Von:
Bernd Ridwan Bauknecht

Geschichte einer Radikalisierung

Vom Purismus zum Dschihad
Al-Albani, Ibn Baz und Ibn Uthaymin sowie deren puristische Anhänger lehnen das offene gesellschaftliche Engagement in Form der Beteiligung an Parteien oder Gruppen ab. Dies gefährde die Einheit der Muslime und die Reinheit des Glaubens. Nach diesem Vorbild propagieren auch deutsche Salafisten eine moralische Abschottung. Allerdings sind sie, entgegen ihrer Selbstzuschreibung, sehr wohl politisch. Denn ihr Missionseifer reicht weit über das Private hinaus, ist das ersehnte Ziel doch eine Gesellschaft nach dem Vorbild der erträumten Urgemeinde in Medina.

Wenn – wie im September 2014 geschehen – junge männliche Salafisten samstagabends durch eine deutsche Innenstadt ziehen, um andere junge Menschen vom Gang zur Disco abzuhalten, sich dabei in grell-orangene Jacken mit der Aufschrift "Sharia-Police" kleiden und die gefilmte Aktion ins Internet stellen, orientieren sie sich an der wahhabitisch-salafistischen Praxis, wie sie teilweise in Saudi-Arabien oder dem Sudan vorkommt.

Gesetztere Salafisten mögen über diese Provokation womöglich die Köpfe schütteln. Andererseits steht die Aktion aber sinnbildlich für das Anliegen fast aller Salafisten: durch Mission die Gesellschaft zu verändern. In diesem Sinne sind auch die Aussagen nicht nur deutscher Prediger gerade hinsichtlich der Gewaltfrage oft zweideutig. Al-Albani rechtfertigt zum Beispiel Selbstmordattentate von Palästinensern als Märtyreroperationen, sofern sie innerhalb einer militärisch "sinnvollen" Aktion erfolgten.

Wie sehr hier kulturelle und religiöse Umbrüche stattgefunden haben, zeigt sich daran, dass vor 1993 aus der sunnitisch-arabischen Welt kein einziges Selbstmordattentat mit religiöser Begründung bekannt ist. Der Prophet Muhammad verdammte vielmehr den Wunsch zu sterben und auch die Hoffnung auf ein Zusammentreffen mit dem Feind.

Dschihad (gīhād) bedeutet in der wörtlichen Übersetzung "Anstrengung", und zwar eine Anstrengung zum Wohlgefallen Gottes. Krieg heißt auf Arabisch "Harb" (harb). Im heutigen Sprachgebrauch wird der Begriff Dschihad in vielen arabischsprachigen Ländern auch im Sinne einer allgemein-gesellschaftlichen Anstrengung benutzt: etwa ein Dschihad für ein besseres Gesundheits- oder ein besseres Bildungswesen. Spätestens seit dem Denker al-Ghasali (al-Gāzzalī, 1058–1111) unterscheidet die islamische Theologie zwischen einem "großen Dschihad", der die Anstrengung bzw. den Kampf gegen schlechte Charaktereigenschaften meint, und einem "kleinen Dschihad", der auch einen militärischen Kampf meinen kann. Bedeutender und gottgefälliger sei aber der "große Dschihad", welcher der Vervollkommnung des Seelenheils diene.

Das klassische islamische Recht, wie es sich ab dem 8. Jahrhundert entwickelt hat, sieht eine individuelle Pflicht zum kämpferischen Dschihad nur bei einem direkten Angriff vor, also im Verteidigungsfall, der von einem islamischen Herrscher ausgerufen werden muss.

Ab der Zeit der Dynastie der Umayyaden (661–750 n. Chr.) bildete sich ein stehendes Heer. Im Mittelalter galt es als legitim, den eigenen Herrschaftsbereich weiter auszudehnen. Byzanz und das Sassanidische Reich waren die großen Gegenspieler. Hier sprach man von einer kollektiven Dschihadverpflichtung, die von einem stehenden Heer übernommen wurde (vgl. Seidensticker 2014: 106 f.). Dabei handelte es sich zunächst nicht um Missionskriege, sondern um Gebietserweiterungen, die neben militärischen Mitteln auch auf Verhandlungen und einer Vertrags- und Steuerpolitik beruhten.

Doch entwickelte sich in der Zeit militärischer Expansionen unter den Umayyaden und den frühen Abbasiden eine machtorientierte, klassische Interpretation des Dschihad, die diejenigen Koranverse, die eine nur defensive Ausrichtung gegen Angriffe erkennen lassen, durch andere Verse abrogiert, also aufgehoben, sah (vgl. Rohe 2011, S. 149 f.).

Von der klassischen, auch machtorientierten Interpretation sind die allermeisten modernen Autoren abgerückt. Bis auf einzelne Verwirrte fordert niemand, islamisch beherrschtes Territorium gewaltsam zu erweitern. Die höchste Kommission von Rechtsgelehrten der Azhar-Universität in Kairo, der wohl angesehensten Hochschule im sunnitischen Islam, sieht in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2001 den Dschihad als "Vaterlandsverteidigung". Exemplarisch sei auch der syrische Großmufti Ahmad Badr al-Din Hassun genannt, der vor dem Europäischen Parlament 2008 äußerte: es gebe keine heiligen Kriege, nur der Friede sei heilig. Menschen sollten niemals die Religion missbrauchen, um andere Menschen zu töten (Vgl. Rohe 2011, S. 216 f.).

Spätestens seit Sayyid Qutb propagieren radikale Islamisten einen offensiven, kämpferischen Dschihad, den sie zu einer individuellen Pflicht erklären. Dieser sollte sich zunächst gegen die unmoralisch handelnden arabischen Herrscher richten und zielt aktuell auch auf die kulturelle, wirtschaftliche und politische Vorherrschaft des Westens, die die Muslime in die Defensive gebracht habe. Eines der bekanntesten Traktate hierzu stammt von Abdassalam Faraj, einem ägyptischen Elektroingenieur und Angehörigen der Gruppe, die 1981 das Attentat auf den ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat verübte.

Die sowjetische Invasion in Afghanistan im Jahre 1979 hatte eine weitere Radikalisierung zur Folge. Anfangs wurde der Widerstand nur von afghanischen Kämpfern geführt, die sich selbst Mudschahidin (Dschihad-Kämpfer, Sing. muğāhid) nannten. Doch bald erhielten sie Solidarität und Zulauf aus der muslimischen Welt. Bis 1989 unterstützten auch die USA die Mudschahidin im Kampf gegen die Sowjetunion. So zahlten sie ihnen rund drei Milliarden US-Dollar, wobei das Geld über den pakistanischen Geheimdienst (Inter-Services Intelligence, ISI) vorwiegend an streng islamistische Gruppen verteilt wurde.

Osama Bin Laden (´Usāma ibn Lādin, 1957/1958-2011), Sohn eines aus dem Jemen stammenden saudischen Bauunternehmers und Milliardärs, richtete ab 1984 ein Gästehaus und eine Art Dienstleistungsagentur für arabische Kämpfer im pakistanischen Peschawar ein. Sein Mentor war Abdallah Azzam (´Abdullah Azzam, 1941–1989), ein palästinensischer Religionsgelehrter, der in Damaskus und Kairo studiert und sich der Muslimbruderschaft angeschlossen hatte. Er verschärfte das klassische Dschihad-Konzept und entwickelte die Lehre von der Pflicht aller Muslime zum Kampf, sobald islamisches Territorium durch Nichtmuslime besetzt sei.

Zu Osama Bin Laden stieß der ägyptische Arzt Aiman az-Zawahiri (´Ayman az˙-Zawāhīr, geb. 1951). Dieser war nach dem Attentat auf Sadat drei Jahre lang inhaftiert gewesen, 1985 nach Pakistan übergesiedelt und gilt als einer der Wiederbegründer der ägyptischen Gruppierung "Islamischer Jihad", die starken Einfluss auf Bin Laden hatte. 1988 gründete Bin Laden die Terrororganisation al-Qaida. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erklärte Bin Laden 1996 den USA und ihren Verbündeten den Krieg. Die Attentate auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon in Washington am 11. September 2001 sollten zum ökonomischen oder politischen Zusammenbruch der USA führen oder aber diese zu einer militärischen Aktion provozieren, welche die Muslime in aller Welt gegen die USA und deren Verbündete aufbringen würde. Das Ungleichgewicht der Kräfte sollte beendet werden. Doch diese Hoffnungen erfüllten sich nicht. Erst der Angriff auf den Irak 2003 bescherte al-Qaida wieder neuen Auftrieb. Der von Washington vorgebrachte Kriegsgrund, dass Iraks Alleinherrscher Saddam Hussein angeblich über Massenvernichtungswaffen und Kontakte zu al-Qaida verfüge, stellte sich als offensichtliche Unwahrheit heraus. Dies bescherte al-Qaida einen neuen Zustrom an Kämpfern und Unterstützern.

Es entstanden Zweigorganisationen und weitere Gruppierungen, darunter der sogenannte Islamische Staat (IS). Dessen Geschichte begann bereits in den 1990er-Jahren und ist verbunden mit Ahmad Fadhil Nazzal al-Khalayla, später bekannt unter seinem Kriegsnamen al-Zarqawi. Dieser, ein ehemaliger jordanscher Kleinkrimineller, der zum Glauben "wiedererweckt" worden war, hatte sich zunächst al-Qaida angeschlossen. Er gründete dann ein eigenes Trainingslager in Afghanistan, um das ein weiteres Netzwerk entstand und das ab 2004 als "al-Qaida im Irak" in Erscheinung trat.

Als al-Zarqawi 2006 bei einem Luftangriff der amerikanischen Luftwaffe getötet wurde, hatte er die Grundlage für die Gruppe "Islamischer Staat im Irak" bereits gelegt. Es war dann im Juli 2014 Abu Bakr al-Baghdadi, der in Gebieten des Irak und Syriens den "Islamischen Staat" (IS) ausrief. Möglich geworden war dies, weil nach dem Sturz von Saddam Hussein im Jahre 2003 auf Betreiben der damaligen US-Verwalter die gesamte irakische Armee und weite Teile des Staates aufgelöst worden waren. Viele Offiziere, darunter nicht nur treue Saddam-Anhänger, fühlten sich ungerecht behandelt, gründeten die sogenannten Baath-Brigaden und traten in den Widerstand gegen die US-Truppen.

Unter dem im April 2006 nominierten neuen schiitischen Präsidenten Nuri al-Maliki sahen sich viele irakische Sunniten von allen Machtzentren ausgeschlossen. Al-Maliki wurde Machtmissbrauch vorgeworfen, ein breiterer Widerstand formierte sich. Ihm schlossen sich bereits aufgelöst geglaubte islamistische Gruppen an, aber auch ehemalige Stammesmilizen, die zuvor gegen al-Qaida gekämpft hatten. Im Oktober 2006 resultierte daraus die Gründung des "Islamischen Staates im Irak".

In den Jahren bis 2010 stiegen die ehemaligen Offiziere, alte Geheimdienstler, Kommandeure ehemaliger Spezialeinheiten und ehemalige Baath-Parteifunktionäre des Saddam-Hussein-Regimes innerhalb der "al-Qaida im Irak" und später beim "Islamischen Staat im Irak" diskret auf. Bei Letzterem übernahmen sie ab 2010 auch die Führung. Der Bezug auf den Islam wurde als strategisches Mittel eingesetzt. Die langgedienten Mitarbeiter aus Saddam Husseins Sicherheitsapparat bauten das Nachrichtendienstwesen sowie den Propagandaapparat der Terrororganisation auf und prägten deren militärisches Vorgehen.

Quellentext

Einfluss und Verantwortung des Westens

Frankfurter Rundschau: Herr Fatah, […] [h]at der Irak eine Zukunft? Ein Land am Nullpunkt, in dem sämtliche Sicherheiten weggebrochen sind. […]
Sherko Fatah: Ich glaube nicht, dass man diesen Scherbenhaufen wieder zusammensetzen kann, weder Syrien noch den Irak […], denn diese Nationalstaaten […] sind hinwegkonstruiert über eine Landschaft, die ganz anderen Gesetzen folgt. Der Irak könnte ein reiches Land sein […], wenn da nicht diese Zerrissenheit im Innern wäre. Und wie soll man die überwinden, wenn nicht durch eine Neuverteilung und eine neue Grenzziehung. Das ist ein Dilemma, und ich verstehe, warum wir an der alten Kolonialordnung festhalten. Denn wir fürchten, dass es sonst gar keine mehr gibt. Andererseits, wenn ich mir Syrien anschaue, dann ist die schon weg, oder? […]
FR: Sie haben immer wieder zugleich auf die enormen Versäumnisse aufmerksam gemacht, die sich der Westen hat zuschulden kommen lassen. Wie sahen die Verheißungen des Westens aus? Waren es bloß materialistische Versprechen oder doch auch Werte und Normen?
Fatah: […]Der westliche Einfluss hatte tiefgreifende Folgen, er führte zu einer starken Säkularisierung, dadurch kamen Werte ins Spiel. Vor allem das Kino hat die Empfängerkultur verändert. Auf Fotos kann man heute noch sehr gut sehen, wie säkular die Gesellschaft war, sogar noch in den achtziger Jahren. […] Der Kalte Krieg hatte seine besonderen Bedingungen, und eine dieser Bedingungen war der beharrliche Kampf um Einflusssphären, mit harten Bandagen […]. Zur Staatspolitik der Amerikaner und der Russen gehörte, dass man etwa im Nahen Osten die brutalsten Diktatoren unterstützte, sofern sie einem dienlich waren. […] Deren Herrschaft wurde nicht nur im Irak immer gewalttätiger und schrecklicher. Das hat die Gesellschaften nach innen hin zerstört, es gibt keinen Gemeinsinn mehr. Als dann der Deckel abgenommen wurde, fielen alle übereinander her. Gemeinschaft und Gemeinsinn waren nach innen hin zerstört, weil immer wieder Wölfe als Bundesgenossen gesucht wurden.
FR: Der Vorwurf lautet: die Doppelmoral des Westens.
Fatah: Ja, und das über Jahrzehnte. Mubarak, Saddam: Das war in der Wahrnehmung der Bevölkerung der Westen, die haben sich doch dem Westen an den Hals geworfen. Oder Gaddafi: Das sollte der Westen sein, die Säkularisierung? Das Volk hat sie ausschließlich als Mörder und Tyrannen erlebt. Der Westen hat eine Mitschuld an der Entwicklung. Alle diese Diktatoren sind im Laufe der Jahre nur immer grausamer geworden. […]

Sherko Fatah wurde 1964 als Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen in Ost-Berlin geboren. [Er ist] Autor mehrerer Romane [und wurde im März 2015] in München mit dem […] Adelbert-von-Chamisso-Preis geehrt. [Mit dem Chamisso-Preis ehrt die Robert Bosch Stiftung herausragende, auf Deutsch schreibende Autoren, deren Werk von einem Kulturwechsel geprägt ist.] Die Jury würdigt ihn für sein Gesamtwerk, insbesondere für seinen letzten Roman "Der letzte Ort" […]. Darin geht es um eine Entführung im Irak.

"Wenn ich das Grauen als Autor gestalte, bin ich nicht so ausgeliefert", Interview von Christian Thomas mit Sherko Fatah, in: Frankfurter Rundschau vom 3. März 2015

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Alle relevanten muslimischen Verbände haben den IS als barbarisch und unislamisch verdammt. Im September 2014 wurde ein Brief an den Anführer der Terrororganisation veröffentlicht, in dem sich 120 namhafte islamische Gelehrte aus aller Welt zu Wort meldeten. Diese konservativen und teilweise reaktionären islamischen Autoritäten, setzten sich mit der Ideologie und den Koranbezügen des IS auseinander und positionierten sich eindeutig gegen den Terror. Nach ihrem Urteil verstößt der IS gegen fundamentale islamische Prinzipien. Diesem Urteil schlossen sich unter anderem der Großmufti von Ägypten, das Oberhaupt irakischer Religionsgelehrter und Gelehrte vom Tschad über Nigeria bis zum Sudan und Pakistan an.

Manche Salafisten – auch in Deutschland – sahen die Einrichtung einer "islamischen" Pseudo-Staatlichkeit in Syrien und im Irak jedoch mit Genugtuung. Denn sie folgen grundsätzlich demselben rigiden Religionsverständnis, denselben Doktrinen. Meinungsunterschiede gibt es nur darüber, wann sie wie angewendet werden dürfen.