9. November 1918, Berlin. Philipp Scheidemann (mit erhobenem Arm) ruft auf dem Balkon des Reichstagsgebäudes die Republik aus. Möglicherweise wurde diese Szene nach dem Ereignis für die Fotografen nachgestellt. Erstveröffentlichung: Berliner Illustrirte Zeitung vom 24. November 1918

24.8.2018 | Von:
Ernst Piper

Deutsche Revolution

Quellentext

Zur geschichtlichen Betrachtung der November-Ereignisse von 1918

Am Beginn der Ereignisse steht nicht die militärische Rebellion der Marinemannschaften, sondern die militärische Rebellion der Admiräle! Der Flottenvorstoß war der Dolchstoß der Seekriegsleitung in den Rücken der parlamentarischen Regierung des Prinzen Max von Baden, die auf dem Boden der Bismarck’schen Reichsverfassung völlig legal gebildet worden war. Den Hoch- und Landesverrat der Admiräle durchkreuzte die Gegenaktion der Matrosen und Heizer für die verfassungsmäßige Regierung. Die Racheaktion der Admiräle, die nunmehr einsetzte, löste erst die revolutionäre Erhebung der Heizer und Matrosen aus, die zum Beginn der Revolution im Reiche wurde.

Wilhelm Dittmann, Die Marine-Justiz-Morde von 1917 und die Admirals-Rebellion von 1918, Verlag J. H. W. Dietz Bonn 1926, S. 104


Das Ende des deutschen Kaiserreiches
Am Ende ging alles sehr schnell. Am 7. November 1918 erklärte Kurt Eisner den bayerischen König Ludwig III. für abgesetzt und ließ sich tags darauf vom Münchner Arbeiter- und Soldatenrat zum ersten Ministerpräsidenten des neuen Freistaates wählen. Innerhalb von wenigen Tagen wurden alle 22 gekrönten Häupter, die in Deutschland bis dahin regiert hatten, abgesetzt oder traten zurück.

Reichskanzler Prinz Max von Baden betrieb ab dem 28. Oktober die Abdankung Wilhelms II. Als der Kaiser erkennen musste, dass nicht nur der Rückhalt in der Bevölkerung immer mehr geschwunden war, sondern auch die Regimentskommandeure der Westfront auf Befragen angaben, nicht mehr für die Loyalität der Truppe garantieren zu können, verließ er Berlin und nahm Quartier in Spa, von wo er weiter Kontakt mit der Obersten Heeresleitung hielt. Der Kieler Matrosenaufstand und die sich anschließende Novemberrevolution mussten ihm die letzten Illusionen nehmen, dass seine Machtposition noch eine Zukunft hatte.

Inzwischen forderten nicht nur die Fortschrittliche Volkspartei und die SPD seine Abdankung, sondern auch das Zentrum. Hindenburg riet ihm ebenfalls, ins Ausland zu gehen. Dennoch zögerte er und überlegte, nur als Kaiser, nicht aber als preußischer König und Oberbefehlshaber des Heeres zurückzutreten, sodass der Reichskanzler schließlich gezwungen war, die Abdankung ohne Autorisierung bekannt zu geben. Wilhelm II., der das Schicksal der Zarenfamilie vor Augen hatte, bestieg am Abend des 9. November seinen Hofzug und fuhr am nächsten Morgen in den 50 Kilometer nördlich gelegenen niederländischen Grenzort Eijdsen. Dort begab er sich in die Hände der niederländischen Regierung, die ihm Asyl gewährte und sich auch später nicht davon beeindrucken ließ, dass im Versailler Friedensvertrag stand, Wilhelm solle als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden. Dies allein schon deshalb, weil die neutralen Niederlande nicht Vertragspartei waren. Reichskanzler Prinz Max von Baden gab die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. bekannt und übertrug die Reichskanzlerschaft an den SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert.

Damit war das 1871 in Versailles proklamierte Kaiserreich Geschichte, das Deutsche Reich eine Republik. Es war ein "merkwürdig laut- und widerstandsloses Vergehen der Monarchie in Deutschland" (Alexander Gallus). Das maßgeblich von Otto von Bismarck geschaffene Reich hatte immer unter erheblichen inneren Spannungen gestanden. Die von ihm erstrebte "innere Reichsgründung" war nicht wirklich geglückt. Es war ein halbfeudaler Obrigkeitsstaat, der eine enorme Industrialisierung, die im Begriff war, sogar Großbritannien den Rang abzulaufen, nicht mit einer Modernisierung in Politik und Gesellschaft verbunden hatte. Neben der höfischen Kultur hatte sich keine ebenbürtige moderne bürgerliche Kultur etablieren können. Viele Vertreter der Funktionseliten vertraten einen "radikalen, antidemokratischen Nationalismus" (Hans-Ulrich Wehler). Heinrich Mann hat dieses Milieu meisterhaft in seinem Roman "Der Untertan" geschildert, den er im Juli 1914 abgeschlossen hatte, der aber erst nach Ende des Ersten Weltkrieges erscheinen konnte. Mit schwindendem Kriegsglück hatten die inneren Spannungen zugenommen und zugleich schwand die Loyalität zum Kaiserhaus.

Am Ende weinte kaum jemand Wilhelm II. eine Träne nach. Auch viele Monarchisten empfanden seine Flucht in die Niederlande, ohne Abdankung und ohne jeden Dank an die Soldaten, die mehr als vier Jahre lang für ihn gekämpft hatten, als unwürdig. Gleichzeitig standen große Teile der alten Eliten und auch des Bürgertums den revolutionären Ereignissen ablehnend gegenüber.

Am 9. November um die Mittagszeit erschienen die Sozialdemokraten Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann im Reichskanzler-Palais, wo sie von Prinz Max, Vizekanzler Friedrich von Payer und weiteren Regierungsmitgliedern erwartet wurden. Der Reichskanzler fragte die SPD-Politiker, ob sie für Ruhe und Ordnung garantieren könnten, was Scheidemann bejahte. Sodann sprach er die Regentschaftsfrage an, d. h., die Frage der Nachfolge von Wilhelm II. Ebert beschied ihm, dafür sei es zu spät. Prinz Max trug unter Zustimmung der anwesenden Staatssekretäre Ebert als dem Vorsitzenden der größten Reichstagsfraktion das Amt des Reichskanzlers an, da es ja nun keinen Kaiser mehr gab, der einen Reichskanzler ernennen konnte, und er selbst seine Mission als erfüllt ansah. Ebert antwortete: "Es ist ein schweres Amt, aber ich werde es übernehmen."

Schließlich verständigte man sich darauf, dass die Nationalversammlung über die Frage der künftigen Staatsform entscheiden solle. Um 14 Uhr rief Scheidemann dennoch vor dem Reichstag die deutsche Republik aus, worüber Ebert, mit dem er dies nicht abgesprochen hatte, sehr verärgert war. Zwei Stunden später propagierte der Spartakist Karl Liebknecht von einem Balkon des Berliner Stadtschlosses die freie sozialistische Republik. (1950 wurde das im Zweiten Weltkrieg beschädigte Schloss gesprengt. Der Balkon wurde mitsamt dem darunterliegenden Portal später als "Karl-Liebknecht-Portal" in das Staatsratsgebäude der DDR eingebaut.) Die Ansprachen von Scheidemann und Liebknecht zeigten bereits deutlich, dass Sozialdemokraten und Kommunisten ganz unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, was das Ergebnis der gerade beginnenden Revolution sein sollte.

1918

28./29. Oktober Wilhelm II. verlässt Berlin und fährt in sein Großes Hauptquartier in Spa (Belgien).

30. Oktober Kapitulation des Osmanischen Reiches (Waffenstillstand von Mudros)

9. November Reichskanzler Prinz Max von Baden gibt eigenmächtig die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. bekannt. Anschließend übergibt er die Reichskanzlerschaft an Friedrich Ebert.

9./10. November Wilhelm II. verlässt Spa und begibt sich in die neutralen Niederlande. Die niederländische Regierung gestattet ihm den Aufenthalt unter der Bedingung, dass er auf jede politische Betätigung verzichtet

Erich Ludendorff flieht unter falschem Namen mit einem finnischen Diplomatenpass nach Schweden.

11. November Unterzeichnung des Waffenstillstands bei Compiègne

28. November Wilhelm II. unterzeichnet seine Abdankungsurkunde.

1919
Wilhelm II. erwirbt das Haus Doorn (Provinz Utrecht), wo er bis zu seinem Tod 1941 lebt.

Quellentext

Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann, 9. November 1918

Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt. Das alte Morsche ist zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt! Die Hohenzollern haben abgedankt! Es lebe die deutsche Republik! Der Abgeordnete Ebert ist zum Reichskanzler ausgerufen worden. Ebert ist damit beauftragt worden, eine neue Regierung zusammenzustellen. Dieser Regierung werden alle sozialistischen Parteien angehören. Jetzt besteht unsere Aufgabe darin, diesen glänzenden Sieg, diesen vollen Sieg des deutschen Volkes nicht beschmutzen zu lassen, und deshalb bitte ich Sie, sorgen Sie dafür, dass keine Störung der Sicherheit eintrete! […]

Bericht von Manfred Jessen-Klingenberg, in: Die Erste Republik, Piper Verlag, München 1992, S. 46 f.



Quellentext

Ausrufung der sozialistischen Republik durch Karl Liebknecht, 9. November 1918

[…] "Wir müssen alle Kräfte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen und eine neue staatliche Ordnung des Proletariats zu schaffen, eine Ordnung des Friedens, des Glücks und der Freiheit unserer deutschen Brüder und unserer Brüder in der ganzen Welt. Wir reichen ihnen die Hände und rufen sie zur Vollendung der Weltrevolution auf.
Wer von Euch die freie sozialistische Republik Deutschland und die Weltrevolution erfüllt sehen will, erhebe seine Hand zum Schwur" (alle Hände erheben sich und Rufe ertönen: Hoch die Republik!). Nachdem der Beifall verrauscht war, ruft ein neben Liebknecht stehender Soldat und schwenkt die rote Fahne, die er in Händen trägt: "Hoch lebe ihr erster Präsident Liebknecht!"
Liebknecht schloss: "So weit sind wir noch nicht. Ob Präsident oder nicht, wir müssen alle zusammenstehen, um das Ideal der Republik zu verwirklichen. Hoch die Freiheit und das Glück und der Frieden!"
Bald darauf wurde an dem Mast der Kaiserstandarte die rote Fahne gehisst.

Bericht der Vossischen Zeitung vom 10. November 1918, in: Die Erste Republik, Piper Verlag, München 1992, S. 47

Novemberrevolution
Reichskanzler Prinz Max von Baden hatte mit dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert den Vorsitzenden der größten deutschen Partei zu seinem Nachfolger gemacht und damit gewissermaßen im Sinn der durch die Oktoberreformen geschaffenen Verfassung gehandelt. Ebert wollte zunächst die ab Juli 1917 bestehende Zusammenarbeit mit der Fortschrittlichen Volkspartei und dem Zentrum fortsetzen, sah allerdings die Notwendigkeit, angesichts ihrer beträchtlichen Anhängerschaft unter den Arbeitern, die USPD mit ins Boot zu holen. Sein Ziel war es, die Arbeiter- und Soldatenräte, die in vielen Städten entstanden waren, so rasch wie möglich zu entmachten und die Entwicklung in geordnete Bahnen zu lenken. Angesichts der revolutionären Lage gab die SPD aber diese Linie bald auf und entschloss sich zu Verhandlungen mit der USPD über die Bildung einer rein sozialistischen Regierung, wobei allerdings die bisherigen Staatssekretäre, wie die Ressortminister damals hießen, zunächst im Amt blieben.

Die USPD zeigte sich kompromissbereit und machte Abstriche von ihrem ursprünglichen Forderungskatalog, sodass sich schon am 10. November der Rat der Volksbeauftragten konstituierte. Ihm gehörten vonseiten der SPD Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Otto Landsberg an, für die USPD Hugo Haase und Wilhelm Dittmann, die den eher gemäßigten Flügel der Unabhängigen repräsentierten, außerdem der Radikale Emil Barth, der auch bei den Revolutionären Obleuten eine führende Rolle spielte. Richard Müller, der Vorsitzende der Revolutionären Obleute, lehnte eine Mitwirkung ebenso ab wie der Spartakist Karl Liebknecht. Die USPD war eine heterogene Partei. Hervorgegangen aus der Gegnerschaft gegen die Bewilligung der Kriegskredite durch die Reichstagsfraktion der SPD, gab es in ihr Pazifisten, die wie Eduard Bernstein dem revisionistischen Flügel angehörten, aber auch Vertreter des sogenannten marxistischen Zentrums der SPD wie den früheren Parteivorsitzenden Hugo Haase.

Daneben existierte ein relativ kleiner linker Flügel, dessen programmatischen Kern die Spartakusgruppe um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bildete. Sie veröffentlichte am 10. November in der "Roten Fahne", dem publizistischen Organ der Spartakusgruppe, ein Programm, das deutlich machte, dass sie einen ganz anderen Staat wollte. Sie forderte die Entwaffnung der gesamten Polizei, die Übernahme aller Behörden und Kommandostellen durch den Arbeiter- und Soldatenrat, die Beseitigung des Reichstags und aller Parlamente und die Errichtung eines Reichsarbeiter- und Soldatenrates, die Abschaffung aller Dynastien und Einzelstaaten, stattdessen "eine einheitliche sozialistische Republik Deutschland". Die letzte Forderung zeigt deutlich, worauf man hinauswollte: "Sofortige Rückberufung der russischen Botschaft nach Berlin." Die Oktoberrevolution war das Vorbild, an dem man sich orientierte. Des Weiteren hieß es: "Es darf kein ‚Scheidemann‘ mehr in der Regierung sitzen; es darf kein Sozialist in die Regierung eintreten, solange ein Regierungssozialist noch in ihr sitzt. Es gibt keine Gemeinschaft mit denen, die Euch vier Jahre lang verraten haben." Hier wird ein Alleinvertretungsanspruch der Spartakusgruppe deutlich, der keine Kompromisse kannte und einige Wochen später dann in der Gründung einer eigenen Partei, der KPD, mündete. Es war konsequent, dass Karl Liebknecht es ablehnte, im Rat der Volksbeauftragten mitzuarbeiten.

Den Spartakisten stand die Mehrheit der Revolutionären Obleute nahe, die schon am 6. November Beschlüsse über einen revolutionären Massenstreik gefasst hatten, der spätestens am 11. November stattfinden sollte, und die auch hinter den Streikaktionen vom 9. November standen. Die meisten Obleute waren wie die Spartakisten Befürworter einer deutschen Räterepublik. Diese am weitesten links stehende Strömung innerhalb des sozialistischen Lagers bekämpfte die Parlamentarisierung des Deutschen Reiches und agitierte mit großer Vehemenz gegen die Einberufung einer Nationalversammlung. Es gab allerdings auch Differenzen zwischen beiden Gruppen. Als die Spartakisten am 1. Januar 1919 die KPD gründeten, verblieben die Revolutionären Obleute in der USPD.

Schon am Abend des 10. November erlitt Liebknecht eine herbe Niederlage. Im Zirkus Busch hatten sich 3000 von den Berliner Soldaten und Arbeitern gewählte Vertrauensmänner versammelt. Für die verschiedenen Strömungen sprachen Friedrich Ebert, Hugo Haase und Karl Liebknecht. Liebknecht warnte vor der Gegenrevolution, die bereits auf dem Marsch sei, und klagte die Sozialdemokraten an, "die heute mit der Revolution gehen und vorgestern noch Feinde der Revolution waren". Daraufhin wurde er durch stürmische Rufe "Einigkeit! Einigkeit!" unterbrochen. Am Ende wurde ein Vollzugsrat gewählt, der aus je 14 Arbeitern und Soldaten bestand. Sieben Vertreter der Arbeiterschaft kamen von der SPD, während die sieben USPD-Mandate die Revolutionären Obleute übernahmen, die mit Richard Müller auch den Vorsitzenden stellten.