9. November 1918, Berlin. Philipp Scheidemann (mit erhobenem Arm) ruft auf dem Balkon des Reichstagsgebäudes die Republik aus. Möglicherweise wurde diese Szene nach dem Ereignis für die Fotografen nachgestellt. Erstveröffentlichung: Berliner Illustrirte Zeitung vom 24. November 1918

24.8.2018 | Von:
Ernst Piper

Deutsche Revolution

Die Weihnachtskämpfe gaben den letzten Anstoß für den linken Flügel der USPD, die Gründung einer eigenen Partei in Angriff zu nehmen. 94 Spartakisten, 29 Delegierte der Internationalen Kommunisten Deutschlands und drei Vertreter des Roten Soldatenbundes gründeten auf dem vom 30. Dezember 1918 bis zum 1. Januar 1919 dauernden Parteitag die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). Damit war die deutsche Arbeiterbewegung endgültig in zwei gegnerische Lager gespalten.

1918
6. Dezember Vor dem Stettiner Bahnhof (heute Berlin Nordbahnhof) schießen Gardefüsiliere an der Kreuzung Chausseestraße/Invalidenstraße auf demonstrierende Soldaten und Matrosen, töten 16 Menschen und verletzen etwa 80, davon zwölf schwer.
7./8. Dezember Massenversammlungen von Spartakisten, USPD, SPD und Mittelstandsvereinigungen
14. Dezember Veröffentlichung des Programms des Spartakusbundes
15./17. Dezember Reichskonferenz der Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD), die sich zur Zusammenarbeit mit dem Spartakusbund bereit erklärt
16./21. Dezember Erster Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte
22. Dezember Die Zentrale des Spartakusbundes beschließt die Einberufung einer Reichskonferenz.
23./24. Dezember Friedrich Ebert lässt das Berliner Stadtschloss räumen. Bei den "Weihnachtskämpfen" kommen 56 Soldaten der Regierungstruppen und elf Matrosen ums Leben.
25. Dezember Das Verlagsgebäude des "Vorwärts” wird von Spartakisten und Matrosen besetzt. Nach langen Verhandlungen wird es am Tag darauf wieder geräumt.
27. Dezember Der Stadtkommandant Otto Wels (SPD) tritt zurück.
29. Dezember Die USPD-Vertreter Hugo Haase, Wilhelm Dittmann und Emil Barth verlassen den Rat der Volksbeauftragten, dafür kommen Gustav Noske und Rudolf Wissell (SPD) hinzu.
Der Spartakusbund beschließt in nicht öffentlicher Sitzung die Trennung von der USPD und die Gründung einer neuen Partei.
30. Dezember – 1. Januar 1919 Gründungsparteitag der KPD


Quellentext

Resolution, 30. Dezember 1918

Die USP[D] ist zwar aus der allgemeinen Krisis innerhalb der alten deutschen Sozialdemokratie hervorgegangen, in ihrer Zusammensetzung jedoch das Ergebnis der besonderen Gegensätze in der Kriegspolitik. Sie entstand durch Zusammenschluss verschiedenartiger Elemente, die weder in den Grundsätzen noch in der Taktik übereinstimmen und in den offiziellen Instanzen überwiegend eine verhängnisvolle scheinradikale Impotenz verkörpern. Die Politik der USP war von Anbeginn an niemals eine solche der sozialistischen Klarheit, des entschlossenen Klassenkampfes, des konsequenten Internationalismus, sondern nur eine solche der opportunistischen Verworrenheit, der ängstlichen Kompromisselei, der nationalen Rechnungsträgerei und so von Anfang an zur Aktionsunfähigkeit verdammt.
Seit der Novemberrevolution hat sich die Halbheit und Unsicherheit dieser Politik bis zur völligen Prinzipienlosigkeit gesteigert. Obwohl die Mehrheitssozialisten schon am 9. November unzweideutig erklärten, dass sie eine proletarisch-revolutionäre Politik auch künftig ablehnen würden, traten Vertreter der USP in das paritätische Kabinett ein. […]
Sie haben damit auch eine Mitverantwortung für die traurigen Vorgänge vom 23. und 24. Dezember auf sich geladen. […]

Der Gründungsparteitag der KPD: Protokolle und Materialien, hg. v. Hermann Weber, Dietz Verlag, Berlin 1969, S. 63 f.

Januaraufstand
Am 4. Januar wurde der Berliner Polizeipräsident Emil Eichhorn abgesetzt, weil er während der Weihnachtskämpfe mit den revolutionären Matrosen kollaboriert hatte. Eichhorn war gelernter Elektromonteur und hatte vor dem Krieg als Journalist für sozialdemokratische Zeitungen gearbeitet. Seit 1917 Mitglied der USPD, wurde er in dieser Auseinandersetzung zu einer Symbolfigur von großer Wirkung. Seine Absetzung wurde von den Anhängern der USPD und der KPD, aber auch von den Revolutionären Obleuten als Provokation empfunden. Dennoch warnte vor allem die Zentrale der KPD zunächst davor, die Machtübernahme anzustreben. Sie ging davon aus, dass eine sich auf das Proletariat stützende Regierung sich höchstens 14 Tage im Amt halten könne und ihr eine Machtbasis im Land fehle.

Doch Massendemonstrationen am Folgetag führten zu einem Stimmungsumschwung: Am Abend des 5. Januar beschloss eine Versammlung von etwa 70 Revolutionären Obleuten und dem Zentralvorstand der Berliner USPD mit großer Mehrheit, den Kampf um die Macht aufzunehmen. Auch die beiden Mitglieder der KPD-Zentrale Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck stimmten dafür. Lenin allerdings schickte Karl Radek nach Berlin, der im Namen der Kommunistischen Partei Russlands am 6. Januar und erneut drei Tage später die deutsche Bruderpartei dazu aufforderte, jetzt keinen Aufstand zu beginnen bzw. den begonnenen Kampf wieder einzustellen, weil die Zeit dafür noch nicht reif sei.

Am 8. Januar begann die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands, wobei die Truppen der Regierung nicht von einem Offizier, sondern von dem sozialdemokratischen Militärexperten und Volksbeauftragten Gustav Noske befehligt wurden. Dies war eine bewusste Entscheidung Eberts, um die Arbeiterschaft nicht unnötig zu provozieren. Trotzdem wurden die Kämpfe mit großer Brutalität geführt. Vor allem um das von den Aufständischen besetzte Zeitungsviertel wurde erbittert gekämpft. Nach der Einnahme des Polizeipräsidiums brach der unzureichend vorbereitete Aufstand rasch zusammen. Er forderte insgesamt 165 Todesopfer, die zum guten Teil durch das exzessive Vorgehen der Regierungstruppen umkamen. Die Führer der KPD Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die sich geweigert hatten, die Stadt zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen, wurden von Freikorpsangehörigen ermordet.

Die Toten der revolutionären Ereignisse vom November und Dezember 1918 wurden auf dem Berliner Friedhof in Friedrichshain bestattet, wo auch die Toten der Revolution von 1848, die sogenannten Märzgefallenen, ihre Ruhestätte gefunden hatten. Den Toten des Januaraufstands 1919 hat der Berliner Magistrat diese Ehre verweigert. Sie wurden in Friedrichsfelde in Berlin-Lichtenberg beerdigt. Das war ein symbolpolitischer Konflikt zwischen der KPD, der viele der Toten angehörten, und der SPD, die den Magistrat dominierte. Noch heute marschieren am zweiten Sonntag im Januar Menschen, die zumeist der Partei Die Linke nahestehen, zur Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde.

Die Ereignisse des Januar 1919 verfestigten die Feindschaft zwischen den beiden Parteien der Arbeiterbewegung, die bis heute fortbesteht. Für die Weimarer Republik war die Klärung des grundsätzlichen politischen Zielkonflikts zwischen SPD und KPD einerseits eine notwendige Existenzbedingung, andererseits eine schwere Belastung.

1919
4. Januar Entlassung des Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) durch den Rat der Volksbeauftragten
5. Januar Beschluss zum Aufstand bei sechs Gegenstimmen, Einsetzung eines Revolutionsausschusses, gleichberechtigte Vorsitzende sind Karl Liebknecht (KPD), Georg Ledebour (USPD) und Paul Scholze (Revolutionäre Obleute).
6. Januar Der Revolutionsausschuss erklärt den Rat der Volksbeauftragten für abgesetzt.
Die SPD ruft ihre Anhänger in die Berliner Wilhelmstraße, wo sie durch ihre Präsenz die Regierung schützen sollen.
Beschluss des Rates der Volksbeauftragten zur Schaffung loyaler militärischer Verbände, Noske übernimmt den militärischen Oberbefehl.
7. Januar Die Aufständischen besetzen verschiedene Gebäude, u. a. erneut die Redaktion des sozialdemokratischen Parteiorgans "Vorwärts".
8. Januar Aufruf der Regierung zur gewaltsamen Bekämpfung des Aufstands
9. Januar Aufruf des Revolutionsausschusses zum Generalstreik
11. Januar Stürmung des "Vorwärts"-Gebäudes und der anderen besetzten Pressehäuser durch Regierungstruppen, sieben Parlamentäre werden von Regierungstruppen erschossen.
12. Januar Niederschlagung des Aufstands, insgesamt gibt es 165 Tote.
15. Januar Freikorps besetzen Berlin.
Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg werden ermordet.
16. Januar Vier Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates werden im Tegeler Forst von Soldaten der Freikorps ermordet.
25. Januar Karl Liebknecht und 31 weitere Spartakisten werden in Friedrichsfelde bestattet, für Rosa Luxemburg, deren Leichnam erst im Mai gefunden wird, wird ein leerer Sarg beigesetzt.

Quellentext

An die Arbeiterschaft Berlins!

Zum zweiten Male hat die revolutionäre Arbeiterschaft Berlins den "Vorwärts" besetzt! Dieses Mal soll keine Macht der Welt ihn seinen rechtmäßigen Besitzern wieder entreißen; dafür werden wir Sorge tragen.
Arbeiter! Genossen! Soldaten! Die Stunde hat geschlagen, wo es gilt, die Revolution zum siegreichen Ende zu führen. Entweder wir errichten die Diktatur des Proletariats oder wir werden es erleben, dass Ebert – Scheidemann, die Henker derRevolution, diese vollends erdrosseln. […]
Arbeiter! Genossen! Soldaten! Nehmt die Macht in die Hände. Stürzt diese Regierung, die sich schützend vor die Geldschränke stellt, die Verrat und immer Verrat an der Revolution begangen hat.
Es lebe die Diktatur des Proletariats!
Es lebe die Revolution!

Flugblatt der revolutionären Arbeiterschaft Groß-Berlins, Anfang Januar, in: Die Erste Republik, Piper Verlag, München 1992, S. 83


Quellentext

Mitbürger!

Spartakus kämpft um die ganze Macht. Die Regierung, die binnen zehn Tagen die freie Entscheidung des Volkes über sein eigenes Schicksal herbeiführen will, soll mit Gewalt gestürzt werden.
Das Volk soll nicht sprechen dürfen, seine Stimme soll unterdrückt werden.
Die Erfolge habt ihr gesehen!
Wo Spartakus herrscht, ist jede persönliche Freiheit und Sicherheit aufgehoben.
Die Presse ist unterdrückt, der Verkehr lahmgelegt. Teile Berlins sind die Stätte blutiger Kämpfe. Andere sind schon ohne Wasser und Licht. Proviantämter werden gestürmt.
Die Ernährung der Soldaten und Zivilbevölkerung wird unterbunden. […]
Gewalt kann nur mit Gewalt bekämpft werden. Die organisierte Gewalt des Volkes wird der Unterdrückung und der Anarchie ein Ende machen. Einzelerfolge der Feinde der Freiheit, die von ihnen in lächerlicher Weise aufgebauscht werden, sind nur von vorübergehender Bedeutung.
Die Stunde der Abrechnung naht!

Flugblatt des Rates der Volksbeauftragten vom 8. Januar 1919, in: Illustrierte Geschichte der Deutschen Revolution, Internationaler Arbeiter-Verlag, Berlin 1929, S. 277