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IzpB 337/2018: China Cover

7.9.2018 | Von:
Max J. Zenglein
Jost Wübbeke
Björn Conrad

Von der "Werkbank der Welt" zur Innovationswirtschaft

Chinas Wirtschaft basiert im Vergleich zu den 1990erJahren heute viel stärker auf Innovationen, während die Bedeutung arbeitsintensiver Industrien zurückgeht. Ein massiver Ausbau der Infrastruktur hat den Wirtschaftsstandort gestärkt, der Umweltschutz ist im Zuge der rasanten Industrialisierung jedoch zu kurz gekommen.

In den vergangenen Jahren hat China massiv in die Infrastruktur investiert. Das Bild zeigt Arbeiter beim Bau der weltweit längsten Doppelstock-Hängebrücke über den Chang Jiang (Jangtsekiang) in Wuhan im Juni 2018In den vergangenen Jahren hat China massiv in die Infrastruktur investiert. Arbeiter beim Bau der weltweit längsten Doppelstock-Hängebrücke über den Chang Jiang (Jangtsekiang) in Wuhan im Juni 2018 (© AFP / Getty Images)

Folgen der marktwirtschaftlichen Öffnung

Die chinesische Wirtschaft hat sich seit Anfang der 1990er Jahre rasant entwickelt. Ausgangspunkt war die Politik der "Reform und Öffnung", die unter dem Reformstrategen Deng Xiaoping in den 1980er-Jahren eingeleitet worden war: In der bisher von Staatsbetrieben dominierten Wirtschaft wurden private und ausländische Unternehmen sowie Markt-, Preis- und Qualitätswettbewerb zugelassen. Das rigide planwirtschaftliche und von Agrarwirtschaft geprägte System wandelte sich schrittweise zu einer Wettbewerbswirtschaft mit rasch wachsendem privatem Sektor und reduzierter staatlicher Lenkung. Zielvorgaben des Staates in der Produktion und die Zuteilung von Ressourcen verloren in einigen Bereichen, insbesondere bei Konsumgütern, an Bedeutung, Marktanreize gewannen dagegen an Boden. Die Einflussnahme des Staates blieb aber trotz der Stärkung von Marktmechanismen weiterhin stark. Das Ergebnis war ein Wachstumsmodell, das auch in anderen ostasiatischen Volkswirtschaften wie Japan, Südkorea oder Taiwan einen schnellen Wirtschaftswandel ausgelöst hatte.

In China wurde das Wirtschaftswachstum durch einen rasant steigenden Export von Konsumgütern – von Haushaltsgeräten bis hin zu Smartphones – und durch sehr hohe Investitionen in Industrie, Infrastruktur und Immobilienwirtschaft angetrieben. Ein Kernelement des Wachstumsmodells bestand darin, den Überschuss an jungen, meist gering qualifizierten Arbeitskräften aus den ländlichen Gebieten produktiver in Fabriken einzusetzen ("Demografische Dividende"). Eine besondere Rolle spielte dabei die Öffnung für ausländische Direktinvestitionen, die zu einer Vielzahl der neuen Fabriken beitrug. Die Schattenseiten des schnellen Wirtschaftswachstums waren (und sind) unter anderem schwache Arbeitnehmerrechte sowie ein rücksichtsloser Umgang mit der Umwelt.

Die chinesische Volkswirtschaft durchlief ab 1992 eine Phase des Hochwachstums. Zwischen 1990 und 2010 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP), also die Gesamtwirtschaftsleistung des Landes, jährlich um rund zehn Prozent. War Chinas BIP vor dem Wachstumsschub der 1990er-Jahre noch niedriger als das Deutschlands gewesen, trug die Volksrepublik 2017 etwa 15 Prozent zur globalen Wirtschaftsleistung und mehr als ein Drittel zum globalen Wachstum bei. Neben den USA und der EU bildet China den dritten großen Wirtschaftsraum und Wachstumspol im globalen Austausch.

Dank dieser historisch außergewöhnlich raschen wirtschaftlichen Entwicklung entkamen in den vergangenen vier Jahrzehnten hunderte Millionen Chinesinnen und Chinesen der zuvor herrschenden Armut eines Entwicklungslandes und gelangten auf das Wohlstandsniveau eines Schwellenlandes. Das durchschnittliche chinesische Pro-Kopf-Einkommen lag 2016 bei ungefähr 9000 US-Dollar und ist damit von dem Niveau wohlhabender Industrieländer noch weit entfernt (Deutschland: 40.000 US-Dollar; EU-Durchschnitt: 32.000 US-Dollar).

Abflauen des Hochwachstums
BIP-Wachstum: China, EU und USA im VergleichBIP-Wachstum: China, EU und USA im Vergleich (© Weltbank)
In den 2010er-Jahren geriet das chinesische Wachstumsmodell der 1990er-Jahre unter Druck. Die bisherigen Wachstumstreiber – Exporte und Investitionen – hatten ihre Grenzen erreicht.
In arbeitsintensiven Exportbranchen hat China mittlerweile an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber südostasiatischen Ländern verloren. Schuhe, Textilien oder Spielzeuge werden zunehmend in Vietnam, Bangladesch oder Indonesien hergestellt. Dies ist mit dem rapiden Lohnwachstum in China erklärbar, das die schnelle wirtschaftliche Entwicklung begleitet hat. Zwar ist die Volksrepublik weiterhin eine der führenden Exportnationen und dominiert nach wie vor ganze Bereiche wie etwa die Elektronikindustrie. Gesamtwirtschaftlich gesehen aber hat die Bedeutung der arbeitsintensiven Exportwirtschaft als Antriebskraft für das BIP-Wachstum nachgelassen.

Durch massive Investitionen in die Infrastruktur des Landes hat China über die letzten Jahre hinweg den Ausbau von Straßen, Eisenbahnnetzwerken, Flughäfen oder Kraftwerken vorangetrieben. Daneben gewann auch der Immobiliensektor an Bedeutung. Der stetig ansteigende Urbanisierungsgrad, also der wachsende Anteil der Bevölkerung, der in Städten wohnt, fachte die Nachfrage nach städtischem Wohnraum an. In einigen Städten wie etwa Peking oder Shanghai explodierten die Immobilienpreise, weil die Nachfrage das Angebot deutlich überstieg. In anderen Teilen des Landes dagegen gibt es mittlerweile massive Leerstände.

Auch in der industriellen Fertigung hat China in den Ausbau von Kapazitäten investiert. Der auf ungebremstes Wachstum gerichtete Aufbau der Industrie führte teils zu erheblichen Überkapazitäten. Gleichzeitig bewirkten die anhaltend hohen Investitionen einen rapiden Anstieg der Verschuldung. Schätzungen zufolge belief sich die Gesamtverschuldung des Staates, der Unternehmen und der Haushalte Mitte 2017 auf rund 300 Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung. Dass dieses im internationalen Vergleich hohe Niveau speziell innerhalb der letzten fünf Jahre erreicht wurde, bereitete Sorge um die Stabilität des chinesischen Finanzsystems.

"Neue Normalität"
Diese Entwicklung verdeutlicht strukturelle Probleme und die Notwendigkeit von strukturellen Veränderungen. Chinas Regierung hat dies erkannt und propagiert seit 2014 eine "Neue Normalität": eine Übergangsphase mit nur noch mittelhohem BIP-Wachstum in Höhe von sechs bis sieben Prozent. Gemessen an der wirtschaftlichen Größe ist das immer noch beachtlich. Einen abrupten Wachstumsabfall möchte die auf Stabilität bedachte Regierung jedoch vermeiden, um soziale Spannungen zu verhindern.

Der chinesischen Führung ist bewusst, dass ihr Land trotz aller Erfolge noch einen weiten Weg zurücklegen muss, bis es zu den wohlhabenden Industrienationen aufschließen kann. Es gilt ein Problem zu vermeiden das viele Schwellenländer bereits erfahren haben: Sie erreichten nach einer Phase beschleunigten Wachstums zwar ein steigendes Lohn- und Versorgungsniveau, doch damit stagnierte oder sank regelmäßig ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Billiglohnländern. Gleichzeitig erreichten ihre technologischen und organisatorischen Innovationskräfte nicht das Niveau und die Produktivität hochentwickelter Industrie- und Dienstleistungsökonomien, um mit diesen bei höherwertigen Produkten in Konkurrenz treten zu können. In der Wirtschaftswissenschaft wird dieses Phänomen als "Falle der mittleren Einkommen" (middle income trap) bezeichnet.

Wie aber kann China die Umstellung von der Niedriglohnproduktion ("Werkbank der Welt") hin zu einer von Hochtechnologie und Produktivitätssteigerungen angetriebenen Wirtschaft gelingen? Wo sind die künftigen Wachstumstreiber zu finden? Während der Sekundärsektor (produzierende Industrie und Bauwesen) seit 2005 in China an Bedeutung verloren hat, konnte sich der Dienstleistungssektor, unter anderem Banken, Handel und E-Commerce, als Wachstumsmotor etablieren: 2015 trug er erstmals mehr als 50 Prozent zum BIP bei. Einzelhandel, Logistik, Finanzdienstleistungen, Transportwesen und die Internetwirtschaft florieren. Deshalb kommt dem Dienstleistungssektor bei der Umstellung auf ein neues Wirtschaftsmodell eine tragende Rolle zu.

Als besondere Herausforderung für die Regierung gilt, dass sie den Strukturwandel umsetzen und dabei das BIP-Wachstum stabil halten muss, um soziale Unruhen zu vermeiden. Im Zentrum der Reformen stehen – wie bereits Jahrzehnte zuvor – die Staatsbetriebe. Trotz des wachsenden Privatsektors dominieren sie weiterhin Chinas Wirtschaftssystem. Ganze Industriebereiche, etwa die Schwerindustrie, das Bankensystem und das Transportwesen, werden durch staatliche Großbetriebe und staatliche Eingriffe kontrolliert. Staatseigene Betriebe verantworten Schätzungen zufolge etwa 30 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung. Viele der von staatlichen Betrieben dominierten Branchen haben Überkapazitäten aufgebaut und arbeiten unwirtschaftlich, also weder sparsam im Ressourcen- und Kapitaleinsatz noch bedarfsgerecht.

Bereits Anfang 2016 hatte die Regierung angekündigt, in der Kohle- und Stahlbranche über die nächsten zwei bis drei Jahre Überkapazitäten abbauen zu wollen. Dabei rechnet die Regierung mit dem Verlust von 1,8 Millionen Arbeitsplätzen. Die Umsetzung von Strukturreformen wird also voraussichtlich mit schmerzhaften Einschnitten verbunden sein. Entwickeln sich andere Wirtschaftsbereiche, wie etwa im Dienstleistungssektor, nicht stark genug, wird sich der Staat möglicherweise gezwungen sehen, das angestrebte BIP-Wachstumsziel durch andere wachstumsstimulierende Maßnahmen, etwa durch erhöhte Staatsausgaben, zu erreichen.

Quellentext

Börsen in China

In China gibt es seit 1990 zwei Börsen: in Shanghai und in Shenzhen. Beide zählen zu den zehn größten Handelsplätzen weltweit. Im Verhältnis zum BIP ist die Marktkapitalisierung, also der Gesamtwert aller an den Börsen notierten Unternehmen, mit ca. 40 Prozent allerdings noch relativ gering. Aufgrund der weiterhin bestehenden Kapitalverkehrskontrollen ist eine ausländische Beteiligung am Handel nur eingeschränkt möglich.
Zunehmend gehen auch private Unternehmen an die Börsen, noch aber dominieren dort staatseigene Betriebe. Dies gilt besonders für die Börse in Shanghai, während in Shenzhen eher private Hightechunternehmen eine Rolle spielen. Wichtige Indizes sind der CSI 300 Index (Shanghai und Shenzhen), der SSE Composite (Shanghai) sowie der ChiNext (Shenzhen).

Im Vergleich zu anderen Aktienmärkten beherrschen in China anteilsmäßig die rund 80 Millionen Kleinanleger das Geschehen, da sie außer dem Erwerb von Immobilien über fast keine lukrativen Anlagemöglichkeiten verfügen. Während der globalen Finanzkrise von 2008/09 mussten sie erhebliche Kursverluste verkraften. Der nächste Crash erfolgte 2015 und auch Anfang 2016 kam es zu massiven Kursturbulenzen.

Eine Besonderheit der chinesischen Börsen ergibt sich aus der Rolle Hongkongs, dem als Sonderverwaltungszone eine weitgehende ökonomische Autonomie zugestanden wird. Im Vergleich zu Festland-China ist Hongkong voll in die internationalen Finanzmärkte integriert. Einige Aktientitel chinesischer Unternehmen werden an der Börse in Shanghai oder Shenzhen und zeitgleich in Hongkong gehandelt. Dabei werden die in Festland-China gehandelten Werte als sogenannte A-Shares bezeichnet, während sie an der Hongkonger Börse H-Shares heißen. Als Teil einer behutsamen Öffnung des chinesischen Kapitalmarkts gibt es inzwischen Verbindungen zwischen den Börsenplätzen ("Stock Connect" via Shanghai-Hongkong bzw. Shenzhen-Hongkong). Unter Einhaltung festgelegter Quoten können ausländische Investoren in China investieren. Gleichzeitig haben chinesische Investoren die Möglichkeit, in Hongkong Kapital anzulegen.

Quellentext

Verschuldung

In den vergangenen Jahren kam es in der Volksrepublik China zu einem steilen Anstieg der Verschuldung. Betrug sie 2005 noch etwa 160 Prozent, wird sie 2017 bereits auf über 300 Prozent geschätzt. 2016 wuchs die Vergabe neuer Kredite um mehr als 13 Prozent und übertraf damit die Wachstumsrate der Wirtschaft um nahezu das Doppelte.
Unternehmen, insbesondere Staatsunternehmen, tragen den größten Anteil an der Verschuldung. Grund hierfür sind die Überschneidungen von wirtschaftlichen und politischen Zielsetzungen. Die chinesischen Banken stellen den staatlichen Betrieben günstige Kredite zur Verfügung, welche diese dann zum Beispiel in den Ausbau von Produktionsanlagen investieren. Das schafft zwar kurzfristig Wachstum und Jobs, es ist aber fraglich, ob diese Form des "Wachstums auf Pump" dauerhaft tragfähig sein kann.

Auch die Verschuldung privater Haushalte etwa für den Immobilienkauf hat in den 2010er-Jahren rasch zugenommen. Angesichts der Höhe der gesamten Schulden wächst die Sorge, ob die großzügig vergebenen Kredite jemals zurückgezahlt werden können. Wenn nicht, werden sie zu uneinbringlichen "faulen" Krediten, die von den Banken abgeschrieben werden müssen. Kommt dies bei vielen Unternehmen vor, so bedroht dies die Stabilität des Finanzmarkts.

Seit Ende 2016 versucht die Regierung in Peking, durch restriktive Vorgaben die ausufernde Vergabe neuer Kredite zu drosseln. Dies geschieht etwa durch höhere Zinsen oder durch striktere Regelungen bei der Vergabe von Krediten. Dadurch sollen Schulden abgebaut und die Stabilität der Wirtschaft erhöht werden. Dies ist jedoch eine Gratwanderung, denn eine allzu restriktive Kreditvergabe könnte das Wachstumsziel, den Beschäftigungsstand sowie die soziale und politische Stabilität insgesamt gefährden.