Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

Einleitung

Der europäische Kolonialismus hat über Jahrhunderte hinweg große Teile der Erde geprägt, seinen Höhepunkt erreichte er in der Epoche des Hochimperialismus zu Ende des 19. Jahrhunderts. Die Bewertung der europäischen Expansion und Machtausübung ist umstritten. Sicher dagegen ist, dass sie nicht nur die betroffenen Erdregionen, sondern auch die europäischen Gesellschaften nachhaltig veränderte.

Beginn einer Ära: Ein Bronzerelief in einem Fort von Maputo, der Hauptstadt Mosambiks, zeigt dessen Eroberung und Inbesitznahme
durch die Portugiesen …Beginn einer Ära: Ein Bronzerelief in einem Fort von Maputo, der Hauptstadt Mosambiks, zeigt dessen Eroberung und Inbesitznahme durch die Portugiesen … (© picture-alliance, Okapia KG, Germany)

1978 veröffentlichte Edward Said, ein US-amerikanischer Literaturtheoretiker palästinensischer Herkunft, eine Schrift, mit der er die Welt von Kolonialismus und Dekolonisierung intellektuell aus den Angeln hob.

Nur wenige Jahre zuvor war mit dem Rückzug der Portugiesen aus Angola, Mosambik und Guinea-Bissau eine Epoche zu Ende gegangen, die mit der Entdeckung Amerikas 1492 eingesetzt und der globalen Entwicklung über die Jahrhunderte ihren Stempel aufgedrückt hatte. Wie keines der antiken Reiche zuvor – und auch keines der neuen "Imperien" danach – hatten es die Europäer vermocht, weite Teile der Welt direkt oder indirekt zu beherrschen. Es gelang ihnen, dort ihre Interessen durchzusetzen, lokale Wirtschaftsweisen und Lebensstile, Regierungsformen und Leitvorstellungen mit zu prägen und Wirkungen zu erzielen, die weit über ihre tatsächliche Präsenz hinausreichten. Vor diesem Hintergrund lässt sich tatsächlich von der "Unterwerfung der Welt" durch die Europäer sprechen, wie es der Historiker Wolfgang Reinhard getan hat.

Vieles hatte zur erfolgreichen Expansion Europas beigetragen: Entdeckerlust und wissenschaftliche Neugier, gepaart mit militärischer Überlegenheit; bald – seit dem 18. Jahrhundert spätestens – auch kapitalistischer Ehrgeiz und ein missionarischer Antrieb, Zivilisation und Rechtgläubigkeit über die Welt zu verbreiten. Den Nutzen davon hatten vor allem die europäischen Gesellschaften selbst.

Aber viele Historiker haben auch auf Errungenschaften wie moderne Infrastrukturen, das Schulwesen und wissenschaftliche Einrichtungen verwiesen, die durch die europäische Expansion in andere Erdteile gekommen seien. Und selbst die Nationalbewegungen in Asien und Afrika, die sich im 20. Jahrhundert gegen die europäische Herrschaft zur Wehr setzten, schienen dem europäischen Vorbild zu folgen und nach jeweils eigener Nationalstaatlichkeit zu streben.

Diese eher positive Sicht auf den europäischen Kolonialismus wurde jedoch bereits in den westlichen Öffentlichkeiten und Subkulturen der 1950er- und 1960er-Jahre in Frage gestellt. Kritische Stimmen wiesen auf die Kosten, die wirtschaftliche Ausbeutung sowie die sozialen und politischen Verwerfungen hin, die mit der europäischen Herrschaft einhergegangen waren. Doch auch diejenigen, die diese kritische Sicht vertraten, dachten die Welt in Kategorien von "hier Europa, dort Außereuropa" und interpretierten sie als zwei Sphären, von denen die eine die andere unrechtmäßig beeinflusst und unterworfen hätte.

Und dann kam Said. Mit seiner Studie "Orientalismus" präsentierte er einen neuen Blick auf die koloniale Vergangenheit. Den Orient (bei Said der Nahe Osten und die arabische Welt), den die Europäer vermeintlich zivilisiert (oder aus kritischer Sicht: unterworfen und ausgebeutet) hatten, gab es ihm zufolge gar nicht, er sei nicht mehr als eine Konstruktion westlicher Wissenschaften und Literaturen. Mit dem Orient hätten, so Said, die europäischen Orient- und Islamwissenschaften das Bild eines Raums entworfen, den sie systematisch als "anders", als verschieden von Europa dargestellt hätten. Diesem Raum ließ sich auf diese Weise alles zuschreiben, was "Europa" nicht sein sollte: irrational und unbeherrscht, exotisch und mysteriös, fanatisch religiös. Aus der Konstruktion solcher "Alterität" – einer als grundlegend aufgefassten Andersartigkeit – hätten die Menschen Europas eine eigene Identität gewonnen und sich in der Begegnung mit dem Anderen selbst immer wieder bestätigen und bestärken können.

Mit dieser These, die durchaus auf Widerspruch traf, rüttelte Said nicht nur an der lieb gewordenen Überzeugung, die Europäer hätten in Außereuropa eine "Zivilisierungsmission" erfüllt, sondern er löste darüber hinaus die Grenzen zwischen Europa und den Kolonien auf. Denn aus seiner Sicht fanden Imperialismus und Kolonialismus in Europa und in Außereuropa gleichzeitig statt.