World Cup 2014 – Ankunft der Nationalmannschaft. Helene Fischer steht singend mit einem Mikrofon vor der deutschen Nationalmannschaft.

14.10.2019 | Von:
Hans-Christian Petersen
Jannis Panagiotidis

Historischer Kontext: Deutsche in und aus Osteuropa

Wird die Geschichte der Deutschen im östlichen Europa in einen größeren migrationsgeschichtlichen Zusammenhang gestellt, öffnet sich der Blick für ihre Vielfalt. Diese Vielfalt kennzeichnet auch die Menschen, die aus den ehemals kommunistisch regierten osteuropäischen Ländern nach Deutschland übersiedelten, weil sie sich als Deutsche bzw. Deutschland zugehörig empfanden.

Auswanderung und Flucht als Teil von Migrationsgeschichte: Reisegepäck im Einwanderungsmuseum von Ellis Island, New York.Auswanderung und Flucht als Teil von Migrationsgeschichte: Reisegepäck im Einwanderungsmuseum von Ellis Island, New York. (© akg-images / UIG / Jeffrey Greenberg)

Deutsche Geschichte im östlichen Europa als Migrationsgeschichte

Hans-Christian Petersen

Die Geschichte der Menschheit ist immer auch eine Geschichte von Migrationen – eine Geschichte der Wanderungsbewegungen von Menschen aus ganz unterschiedlichen sozialen, ökonomischen, politischen, religiösen und kulturellen Gründen. Dies gilt ebenso für den Bereich, der klassischerweise als "Deutsche Geschichte im östlichen Europa" bezeichnet wird. Doch bisher ist diese Geschichte nur sehr unvollständig als Migrationsgeschichte erzählt worden. Im Folgenden soll skizziert werden, warum dies so ist und weshalb es lohnenswert erscheint, eine "deutsche Migrationsgeschichte" im östlichen Europa in den Blick zu nehmen.

Historischer Überblick
Bereits im Mittelalter warben Fürsten aus den Gebieten des späteren Pommern, Polen, Schlesien, Böhmen und Mähren bäuerliche Familien aus dem deutschsprachigen Teil Europas an, um die wirtschaftliche Leistungskraft ihrer Herrschaftsgebiete zu steigern. Gerufen wurden Menschen zur Belebung von Landwirtschaft, Handel und Handwerk; ihre "deutsche" oder "germanische" Herkunft wurde erst rückwirkend, im Zeichen des ab Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden Nationalismus, hervorgehoben.

Ab Mitte des 12. Jahrhunderts sandten dann weltliche und geistliche Herrscher Adlige und Missionare aus den Gebieten des Heiligen Römischen Reiches ostwärts, um mittels bäuerlicher Siedlungen und Stadtgründungen ihren machtpolitischen Einflussbereich auszudehnen. Dieser Vorgang wurde in der älteren Geschichtsschreibung als "Deutsche Ostsiedlung" bezeichnet. Heute wird dafür zumeist der Begriff des "Hochmittelalterlichen Landesausbaus" in der "Germania Slavica"  verwandt.

Im 13. Jahrhundert erfolgte unter dem militärischen Schutz des Deutschritterordens die Besiedelung Altlivlands durch Missionare und niederdeutsche Kaufleute – ab da bis zu den nationalsozialistischen "Heim ins Reich"-Umsiedlungen im Zweiten Weltkrieg lebten durchgehend deutschsprachige Händler und Adlige im Baltikum.

Auch im Südosten Europas waren es zunächst Adlige, die ab der Mitte des 12. Jahrhunderts nach Siebenbürgen einwanderten und in der Kanzleisprache der ungarischen Könige als Saxones bezeichnet wurden. Daraus entstand später der Begriff "Siebenbürger Sachsen". Ab Mitte des 13. Jahrhunderts folgten die "Zipser Sachsen" – deutschsprachige Familien, die sich in den slowakischen Karpaten ansiedelten.

Für die Frühe Neuzeit (Ende 15. bis Ende 18. Jahrhundert) sind vor allem konfessionell und ökonomisch motivierte Wanderungen charakteristisch. Ab den 1740er-Jahren folgten rund 150.000 Männer, Frauen und Kinder dem Lauf der Donau und ließen sich im Habsburgerreich in den Gebieten der heutigen Staaten Kroatien, Ungarn, Serbien und Rumänien nieder ("Donauschwaben" bzw. "Banater Schwaben"). Ursachen für diese Wanderungsbewegung waren kriegerische Zerstörungen und wirtschaftliche Krisen in der Heimat, aber auch von Herrschern verliehene Privilegien. Diese garantierten den Neuankömmlingen freie Religionsausübung und die Befreiung von staatlichen Abgaben, um ihre Territorien zu bevölkern und wirtschaftlich zu entwickeln (Peuplierungspolitik ).

Auch Preußen warb Siedlerfamilien an, unter ihnen Angehörige der mennonitischen Glaubensgemeinschaft, die aus religiösen Gründen den Dienst an der Waffe verweigerten. Als ihnen jedoch im Königlichen Preußen die Befreiung vom Militärdienst wieder entzogen wurde, wanderten sie ab dem späten 18. Jahrhundert nach Russland weiter. Die Immigration der Mennoniten gehört zur Geschichte deutschsprachiger und konfessionell sehr heterogen zusammengesetzter Zuwanderer in den Herrschaftsbereich der russischen Zaren. Schwerpunkte ihrer Ansiedlung waren die mittlere Wolga und das Gebiet am Schwarzen Meer.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts drehte sich die Richtung der Migration um: Statt von West nach Ost dominierte nun der Weg von Ost nach West, über den Atlantik, vornehmlich in die USA und nach Kanada. Ein erheblicher Teil dieser Transitwanderer stammte aus dem östlichen Europa. Unter ihnen befanden sich auch die Mennoniten, die Russland wieder verließen, als Zar Alexander II. 1874 im Zuge seiner "Großen Reformen" ebenfalls die allgemeine Wehrpflicht einführte.

Lässt sich das 19. Jahrhundert aus europäischer Sicht als "Jahrhundert der Emigration" bezeichnen, so kann das 20. Jahrhundert als "Jahrhundert der Flüchtlinge" angesehen werden. Auch die deutsche Geschichte im östlichen Europa ist Teil dieser gewaltsamen Zwangsmigrationen. Die sogenannten Volksdeutschen aus historischen Siedlungsgebieten wie dem Baltikum, Wolhynien, der Bukowina und Bessarabien wurden von den Nationalsozialisten angeblich "Heim ins Reich", tatsächlich jedoch größtenteils in das besetzte Polen umgesiedelt. Sie wurden einerseits für die NS-Politik instrumentalisiert, andererseits profitierten sie von ihr und unterstützten sie teilweise auch aktiv. Eine Folge dieser Mittäterschaft waren dann Flucht und Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Ostmittel- und Südosteuropa am Ende des Krieges.

Anders verhielt es sich mit der deutschsprachigen Bevölkerung in der Sowjetunion. Ein Teil dieser Gruppe, der in der westlichen Ukraine und im Schwarzmeergebiet lebte, kam zu Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges 1941 unter rumänische und deutsche Besatzung und beteiligte sich an der deutschen Besatzungs- und Vernichtungspolitik. Die Mehrheit der "Russlanddeutschen" (rund 900.000 Menschen) wurde aber im August 1941 unter Stalin nach Kasachstan und Sibirien zwangsumgesiedelt. Rund 350.000 von ihnen kamen in Zwangsarbeitslager, als sogenannte Trudarmija Arbeitsarmee. Insgesamt starben laut dem russlanddeutschen Historiker Viktor Krieger bis zu 150.000 Russlanddeutsche durch Deportation und Zwangsarbeit. Nur wenigen der Überlebenden wurde nach 1945 die Ausreise in den Westen gestattet. Erst mit dem Beginn des Reformprogramms von Glasnost (Transparenz) und Perestroika (Umbau) unter dem damaligen ZK-Generalsekretär und Staatspräsidenten der Sowjetunion Michail Gorbatschow ab 1985 setzte die große Emigration ein, infolge derer bis heute rund 2,4 Millionen (Spät-)Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedler in die Bundesrepublik Deutschland gekommen sind.

Geschichtsschreibung im Wandel
Bereits dieser knappe Überblick macht deutlich, wie vielfältig die deutsche Geschichte im östlichen Europa ist. Und doch haben alle genannten Prozesse eines gemeinsam: Es handelt sich um Migrationen, nach dem deutschen Migrationsforscher Jochen Oltmer verstanden als die "auf einen längerfristigen Aufenthalt angelegte Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Individuen, Familien, Gruppen oder ganzen Bevölkerungen".

Dies festzustellen bedeutet zugleich zu fragen, warum die "deutsche" Geschichte im östlichen Europa bisher nur selten als Migrationsgeschichte geschrieben wurde. Zum einen beschränkte sich die deutschsprachige historische Wanderungs- bzw. (seit den 1980er-Jahren) Migrationsforschung lange Zeit zu großen Teilen auf die etwa 5,5 Millionen deutschsprachigen Menschen, die zwischen dem Wiener Kongress 1815 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 nach Übersee auswanderten. Diese Fokussierung auf die transatlantische "nasse Auswanderung" führte dazu, dass die "trockene Auswanderung" zwischen West- und Osteuropa lange Zeit außerhalb des Blickfelds verblieb, zumal sie sich zeitlich im Wesentlichen vor dem 19./20. Jahrhundert vollzog.

Hinzu kommt zum anderen das, was der deutsche Historiker Mathias Beer als "völkische Hypothek" des Forschungsfeldes "Deutsche Geschichte im östlichen Europa" bezeichnet. Während die ersten Untersuchungen noch den regionalen und konfessionellen Charakter der deutschsprachigen Auswanderung ins östliche Europa beschrieben, gewann gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine alldeutsch-völkische Interpretation an Gewicht. Sie machte aus Württembergern, Pfälzern oder Franken "Auslandsdeutsche" (bzw. im Nationalsozialismus dann "Volksdeutsche"). Diese wurden nicht länger als deutschsprachige Bewohnerinnen und Bewohner eines anderen Landes gesehen, sondern als Teil eines über staatliche Grenzen hinausreichenden, ethnisch definierten "deutschen Gesamtvolkes". Verbunden war dies mit der Vorstellung einer vermeintlich höherwertigen "deutschen Kultur", die "leere" oder unzivilisierte Steppen in blühende Landschaften verwandelt habe.
Karte des "deutschen Volks- und Kulturboden" nach Albrecht Penck.Der "deutsche Volks- und Kulturboden" nach Albrecht Penck. Dieses Konzept war grundlegend für die Vorstellung des östlichen Europa als eines angeblich "deutsch" dominierten Raums ("Deutscher Osten"). (© Albrecht Penck)

Die einflussreichste diesbezügliche Konzeption zur Erforschung eines "deutschen Ostens" lieferte der Geograf Albrecht Penck in seinem 1925 erschienenen, programmatischen Aufsatz "Deutscher Volks- und Kulturboden". Nach Penck stellte das "Volk" die zentrale Größe des geschichtlichen Prozesses dar, aus der sich entsprechend auch die zukünftigen deutschen Gebietsansprüche ableiteten. Staaten betrachtete er demgegenüber nur als untergeordnete Verwaltungseinheiten. Penck unterschied zwischen dem "Volksboden", den er überall dort erblickte, "wo deutsches Volk siedelt", und dem "Kulturboden", der so weit reiche, wie sich Spuren "deutscher Kultur" nachweisen ließen.

Der auf Ausdehnung und Erweiterung gerichtete Charakter einer solchen Konzeption zeigte sich nach 1933. Für die Person Pencks lässt sich diese Entgrenzung des "deutschen Ostens" am Beispiel einer zweiten Karte zum "Deutschen Volks- und Kulturboden" nachvollziehen.
Deutscher Volks- und Kulturboden. Nach Albrecht Penck, in: Putzgers Historischer Schulatlas, Bielefeld 1936.Deutscher Volks- und Kulturboden. Nach Albrecht Penck, in: Putzgers Historischer Schulatlas, Bielefeld 1936.
Link: https://digital.library.cornell.edu/catalog/ss:3293930 (© Albrecht Penck)

Was 1925 noch auf das Gebiet Ostmitteleuropas beschränkt war, erstreckte sich nun bis weit in die Sowjetunion hinein und hatte globale Ausmaße angenommen. Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurden diese Konzepte Teil der deutschen Besatzungs- und Vernichtungspolitik, bei der "Volkstumsfragen", Umsiedlungspolitik und Völkermord in engem Zusammenhang standen.

Nach 1945 gab es eine große personelle und gedankliche Kontinuität und nur wenig kritische Selbstreflexion in diesem Forschungsfeld. Erst mit der Änderung der politischen Rahmenbedingungen ab Ende der 1960er-Jahre (insbesondere durch die neue Ostpolitik der Bundesrepublik unter Willy Brandt ab 1969) setzte langsam eine Ablösung von der "völkischen Hypothek" ein.

Welche Perspektiven ließen sich nunmehr mit einer Leitvorstellung "Deutscher Geschichte im östlichen Europa" als Migrationsgeschichte eröffnen? Grundsätzliches Anliegen der Migrationsforschung ist die Untersuchung individueller und gruppenspezifischer Mobilität. Migranten überschreiten politisch-territoriale, ökonomische und kulturelle Grenzen und entziehen sich damit späteren nationalstaatlichen oder alldeutschen Zuschreibungen.

So haben die "Siebenbürger Sachsen" mit "Sachsen" in unserem heutigen Verständnis nichts zu tun – Saxones war eine adlige Standesbezeichnung, unter die zudem keineswegs nur Deutschsprachige gefasst wurden, sondern etwa auch altfranzösisch sprechende Wallonen. Bei den "Donauschwaben" handelte es sich ebenso wie bei den "Russlanddeutschen" um bäuerliche Einwanderer unterschiedlicher Herkunft, Sprache, Religion und Tradition. Aufgrund der Vielfalt der Dialekte konnten sie sich untereinander teilweise gar nicht verständigen.

Die vermeintliche Eindeutigkeit dieser Gruppen basiert auf politisch motivierten sprachlichen Neuschöpfungen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die statt Vielfalt Homogenität vorspiegeln wollten. Eine zentrale Aufgabe heutiger Geschichtsschreibung sollte es sein, diese Zuschreibungen als Ausdruck eines bestimmten, zeitgebundenen Weltbildes zu begreifen und sie im Sinne einer Annäherung an die Realität durch differenziertere und neutralere Begrifflichkeiten zu ersetzen.

Eng verbunden mit der Frage neuer Begrifflichkeiten ist die Erfordernis einer stärkeren Einbettung des Forschungsfeldes "Deutsche Geschichte im östlichen Europa" in einen größeren, globalen Zusammenhang. Die Migrationsbiografie einer "russlanddeutschen" Familie, die von Hessen an die Wolga, von dort in die USA und dann nach Paraguay führt, macht deutlich, in welch hohem Maße diese vermeintlich "deutsche" immer auch eine europäische und sogar globale Geschichte sein kann. Notwendig ist ein Abschied von der irreführenden Vorstellung eines deutschen "Identitätscontainers", dessen Inhalt über Jahrhunderte und Kontinente hinweg immer gleichgeblieben sei.

Ansätze der neueren Migrationsforschung, die Vergleiche anstellen, historische Verflechtungen berücksichtigen und anerkennen, dass sich individuelle Identitäten aus verschiedenen Kulturen zusammensetzen können (Transkulturalität), bieten die Möglichkeit, die Einengung auf ein vereinheitlichendes völkisches Verständnis aufzubrechen und vermeintliche Alleinstellungsmerkmale "deutscher" Geschichte im östlichen Europa neu zu bewerten. Damit verliert diese Geschichte nicht ihre Charakteristika, denn erst der Vergleich lässt Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlich werden. Sie wird vielmehr in ihrer ganzen grenzüberschreitenden Vielfalt sichtbar – was nicht zuletzt für gegenwärtige Diskussionen über (Spät-)Aussiedler von Bedeutung ist, deren Biografien sich eben nicht auf einen nationalen Nenner bringen lassen.