Geschichte der DDR

31.10.2011 | Von:
Andreas Malycha

Im Zeichen von Reform und Modernisierung (1961 bis 1971)

Zwischen Öffnung und Restriktion

Jugend im Aufbruch

Zeitgleich mit der Reform des Bildungssystems begann die SED-Führung ihre Jugendpolitik zu lockern. Wenn die junge Generation für Wissenschaft und Fortschritt gewonnen, mithin für eine Steigerung ihrer Leistungsbereitschaft im Sinne der wissenschaftlich-technischen Revolution motiviert werden sollte, mussten einige ideologische Dogmen der SED entschärft werden. Diesem Zweck entsprach die Verabschiedung des sogenannten Jugendkommuniquès der SED am 17. September 1963. Es stand unter dem Slogan "Der Jugend Vertrauen und Verantwortung", plädierte für die Zuerkennung großzügigerer Freiheiten und warb für Toleranz sowie für die Achtung jugendlicher Individualität und Intimsphären. Borniertheit in Fragen der Sexualität, des Modegeschmacks und hinsichtlich musikalischer Vorlieben sowie jugendspezifischer Formen von Vergnügen und Geselligkeit sollten der Vergangenheit angehören.

Die liberalen Tendenzen in der Jugend- und Kulturpolitik der Jahre 1963 und 1964 begünstigten deutlich sichtbare Veränderungen in der Jugendkultur. Die Gründung des Radio-Jugendprogramms "DT 64" im Zusammenhang mit der Durchführung des "Deutschlandtreffens der Jugend" im Mai 1964 in Ost-Berlin setzte ein unübersehbares Zeichen. Der Berliner Rundfunk sendete erstmals rund um die Uhr ein eigenes Jugendprogramm. Staatliche Behörden nahmen zeitweilig ihre Restriktionen gegenüber Beat, Rock und anderen überwiegend aus dem Westen einströmenden, zuvor als "dekadent" bewerteten Musikrichtungen zurück. Zu den Bands, die auf "Beatabenden" wiederholt Aufsehen erregten, gehörten die Leipziger "Butlers" mit dem späteren Gründer der "Klaus-Renft-Combo" Klaus Jentzsch sowie die "Sputniks" aus Berlin. Schnell reagierte auch der VEB Deutsche Schallplatte auf die sich öffnenden Freiräume. Das Popmusiklabel AMIGA gab im April 1965 eine komplette Lizenz-LP mit Hits der Beatles heraus und veröffentlichte bis Juni drei Singles; der staatliche Rundfunk sendete ihre Songs.

Quellentext

Für die Jugend ein offenes Ohr

Das Politbüro appelliert an alle Leiter und Erzieher, für alle Fragen der Jugend ein offenes Ohr zu haben und sie wahrheitsgetreu und prinzipienfest zu beantworten.

Es geht nicht länger an, "unbequeme" Fragen von Jugendlichen als lästig oder gar als Provokation abzutun, da durch solche Praktiken Jugendliche auf den Weg der Heuchelei abgedrängt werden. Wir brauchen vielmehr den selbständigen und selbstbewußten Staatsbürger mit einem gefestigten Charakter, mit einem durch eigenes Denken und in der Auseinandersetzung mit rückständigen Auffassungen und reaktionären Ideologien errungenen sozialistischen Weltbild, das auf fortgeschrittenen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Die Erziehung einer solchen Persönlichkeit ist aber nur möglich, wenn man den Schüler als zukünftigen Staatsbürger achtet und seine Probleme ernst nimmt. [...] Solche jungen Menschen, die aus Angst vor einer "übergeordneten" Meinung unehrlich und heuchlerisch geworden sind, die ihr eigenes Denken zurückhalten und stets auf Anweisung von oben warten, sich äußerlich anpassen, werden ebenfalls in der Praxis kaum Großes leisten können, weil dort schöpferische und kämpferische Sozialisten, aber keine kleinmütigen Seelen, Streber und Karrieristen gebraucht werden.

Jugendkommuniquè des SED-Politbüros vom 17. September 1963.

In Hermann Weber (Hg.), Kleine Geschichte der DDR, Köln 1980, S.115

Die Duldung eines unkonventionellen Lebens- und Kulturstils blieb jedoch innerparteilich umstritten. Die politischen Dogmatiker im SED-Politbüro warnten ständig vor Krawallen, westlicher Unkultur und alkoholischen Exzessen. Als am 15. September 1965 aufgebrachte Teenager nach einem Konzert der Rolling Stones die Westberliner Waldbühne zu Kleinholz zerlegten und in der S-Bahn randalierten, war für die Hardliner der Beweis erbracht, dass die Begeisterung für Beatmusik sowie Rock 'n' Roll unweigerlich zu Dekadenz, Ausschweifung und Vandalismus führen werde. Seitdem wurde Beat- und Rockmusik in der DDR-Presse wieder als "Nervengift des Klassenfeindes" verteufelt.

Quellentext

Das Gefährliche der Beat-Musik

Über eine lange Zeit hat "DT 64" in seinem Musikprogramm ein-seitig die Beat-Musik propagiert. In den Sendungen des Jugendsenders wurden in nicht vertretbarer Weise die Fragen der allseitigen
Bildung und des Wissens junger Menschen, die verschiedensten Bereiche der Kunst und Literatur der Vergangenheit und Gegenwart außer acht gelassen. Hinzu kam, daß es im Zentralrat der Freien Deutschen Jugend eine fehlerhafte Beurteilung der Beat-Musik gab. Sie wurde als musikalischer Ausdruck des Zeitalters der technischen Revolution "entdeckt". Dabei wurde übersehen, daß der Gegner diese Art Musik ausnutzt, um durch die Übersteigerung der Beat-Rhythmen Jugendliche zu Exzessen aufzuputschen. Der schädliche Einfluß solcher Musik auf das Denken und Handeln von Jugendlichen wurde grob unterschätzt. Niemand in unserem Staate hat etwas gegen eine gepflegte Beat-Musik. Sie kann jedoch nicht als die alleinige und hauptsächlichste Form der Tanzmusik betrachtet werden. Entschieden und systematisch müssen ihre dekadenten Züge bekämpft werden, die im Westen in letzter Zeit die Oberhand gewannen und auch bei uns Einfluß fanden. Daraus entstand eine hektische, aufpeitschende Musik, die die moralische Zersetzung der Jugend begünstigt.
Erich Honecker, Bericht des Politbüros an das 11. Plenum des ZK der SED, Dezember 1965 (Auszug). In: Neues Deutschland vom 16. Dezember 1965.
In: Matthias Judt (Hg.), DDR-Geschichte in Dokumenten, Bonn 2010, S. 337 f.

Die Gewährung bestimmter Freizügigkeiten dauerte aber auch aus anderen Gründen nicht lange. Die heftigen Debatten, die Jugendliche in FDJ-Veranstaltungen über den täglich erlebten Widerspruch zwischen sozialistischem Ideal und gesellschaftlicher Wirklichkeit führten, bedrohten in den Augen der politischen Führung den vorgegebenen weltanschaulichen Rahmen. Am 11. Oktober 1965 entschied sich die SED-Führung für eine Korrektur ihrer vergleichsweise liberalen Jugendpolitik. Die westlichen Vorbildern folgende neue Musik- und Jugendkultur wurde erneut mit Spott und Häme überzogen und das soziale Umfeld mit Begriffen wie "Rowdys" und "Gammler" kriminalisiert. Die Anhänger der neuen Jugendszene hatten in Habitus (Jeans und lange Haare) und Moral ohnehin nicht den Vorstellungen der zumeist älteren Kulturpolitiker von "ordentlichen Jugendlichen" entsprochen. An diesem Punkt zeigte sich in besonders prägnanter Weise der aufbrechende Generationenkonflikt zwischen der nachwachsenden Generation und der durch die Weimarer Republik und die NS-Diktatur sozialisierten Politiker in der SED-Führung.

Kurzer Frühling in der Kultur

Auf ebenso autoritäre Weise beendete die SED-Führung das kulturpolitische Intermezzo der Jahre 1963/64. Da Stimmen aus Literatur, Kunst, Theater und Film auf Widersprüche in der Gesellschaft aufmerksam gemacht hatten, geriet das im Dezember 1965 tagende 11. ZK-Plenum der SED zu einem grotesken Tribunal über kritische Künstler und Literaten, auf dem lediglich die Schriftstellerin Christa Wolf in einer äußerst aufgeheizten Atmosphäre einen Einspruch riskierte. Erich Honecker machte in seiner Eigenschaft als Mitglied des Politbüros vor dem Zentralkomitee am 15. Dezember 1965 klar, dass für "Erscheinungen amerikanischer Unmoral und Dekadenz" in Kunst und Kultur künftig kein Platz mehr sein werde: "Unsere Republik ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte." Als ideologischer Scharfmacher trat insbesondere Konrad Naumann auf, der in den 1970er Jahren als 1. SED-Bezirkssekretär von Berlin die Kulturpolitik in der "Hauptstadt der DDR" bestimmen sollte. Den Film Kurt Maetzigs "Das Kaninchen bin ich", eine kritische Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der politischen Strafjustiz und geprägt von der Hoffnung, die politischen Verhältnisse in der DDR demokratisieren zu können, verurteilte er als "Schweinerei" und "ideologische Verwilderung".

Das ZK-Plenum führte zu einem verheerenden kulturellen Kahlschlag, von dem sowohl Künstler als auch Kulturpolitiker betroffen waren: Kulturminister Hans Bentzien, sein Stellvertreter Günter Witt sowie der Studiodirektor des volkseigenen Filmstudios DEFA (Deutsche Film AG), Joachim Mückenberger, verloren ihre Ämter. Schriftsteller, Filme- und Liedermacher sowie bildende Künstler wurden – wie auch schon zuvor in den 1950er Jahren – als "Konterrevolutionäre" beschimpft und mit Aufführungs-, Auftritts- und Publikationsverboten bestraft. Unter ihnen befanden sich nicht wenige, die der SED angehörten oder ihr nahestanden. Im Zentrum der politischen Attacken standen der Dramatiker Heiner Müller sowie die Schriftsteller Werner Bräunig, Volker Braun und Stefan Heym. Besonders einschneidend traf die nach dem ZK-Plenum einsetzende rigide Zensur die DEFA. Ein Dutzend ihrer Filme wurden verboten.

Quellentext

Das Kaninchen bin ich

[Aus den Erinnerungen des Regisseurs Kurt Maetzig]


Der Roman – und auch der Film – berührt ein sehr sensibles Gebiet, nämlich das der politischen Strafjustiz in der DDR. Er stellt in zwei großen Szenenkomplexen am Anfang und am Schluß des Films zwei Gerichtsverhandlungen dar: eine geprägt von stalinistischen Vorstellungen und Verfahrensweisen, die andere aber so, wie wir uns das damals dachten und für richtig hielten. Der Film und der Roman drückten nicht nur allgemeine Sehnsüchte aus, sondern versuchten, in der deutlichen Gegenüberstellung der einen und der anderen Verfahrensweise einen Weg zu öffnen in Richtung auf einen demokratischen Sozialismus. [...]
Der Film "Das Kaninchen bin ich" verkörpert in klarer Weise die Ideale, mit denen ich beim "Augenzeugen" angefangen hatte: "Urteilen Sie selbst!" [...] Ich war unbeschreiblich enttäuscht, daß ich nicht durchkam mit diesem Film [...]
Aber dann stellte sich die Frage, wie ich den angerichteten Schaden in irgendeiner Weise begrenzen konnte. Ich wurde zu einem Gespräch mit Kurt Hager, Politbüromitglied, verantwortlich für Kultur, bestellt, das viereinhalb Stunden dauerte. Es war ein langes und schweres Gespräch. [...]
Hager beendete das Gespräch mit den Worten, wenn ich über alles nachgedacht hätte und zu Schlüssen gekommen sei, wäre es doch gut, wenn ich sie publizieren würde.
[Die Rechtfertigung]
[...] Ich bin der Regisseur des Films "Das Kaninchen bin ich" und, da ich vom Beruf des Regisseurs eine hohe Meinung habe, auch der eigentlich Verantwortliche. [...] Ich muss also sorgfältig bei mir überprüfen, was eigentlich zu der vernichtenden Kritik auf dem 11. Plenum an diesem Film geführt hat.
Ich war seit Jahren unzufrieden mit der Wirkung unserer Filme auf unsere Bevölkerung [...].
Es war nicht sehr fern liegend, auf die Antwort zu verfallen, daß der kritische Aspekt unserer Filme zu gering sei. In diesem Stadium der Überlegung griff ich zu dem Manuskript von Manfred Bieler: "Das Kaninchen bin ich". Hier fehlte es an Sozialkritik nicht. [...] Aber gerade in dem kritischen Aspekt, der mir der Stein der Weisen zu sein schien, um näher an das Publikum heranzukommen, lag ein Hauptpunkt des politischen Irrtums. [...]
[...] Ich vertrat bis vor kurzem folgenden Standpunkt: Die Parteilichkeit eines Künstlers der DDR könne nicht nur daran gemessen werden, daß er auf der Seite des Sozialismus gegen den Imperialismus kämpfe, denn dies müsse eine selbstverständliche Voraussetzung sein – heute drücke sich seine Parteilichkeit insbesondere in seiner Unversöhnlichkeit gegenüber allen Mängeln, Schwächen und Fehlern aus, die den Aufbau des Sozialismus hemmen. Diese Ansicht, Mängel und Schwächen in den Vordergrund zu stellen und hieran die Parteilichkeit des Künstlers zu orientieren, zeigt sich bei näherem Hinsehen als Unsinn. Die Parteilichkeit des Künstlers erweist sich in der Kraft, Leidenschaft und Meisterschaft, mit welcher er mit seiner Kunst am Klassenkampf teilnimmt. Die Abwendung von diesem Prinzip in der Filmkunst führt zu einem unerlaubten Nachgeben gegenüber zurückgebliebenen Zuschauerschichten und damit tatsächlich zur Aufgabe längst innegehabter sozialistischer Positionen. Deshalb ist "Das Kaninchen bin ich" ein schädlicher Film geworden. [....]

Aus dem Diskussionsbeitrag des Genossen Kurt Maetzig vor der Abteilungsparteiorganisation 1 des DEFA-Studios für Spielfilme

In: Neues Deutschland, 6. Januar 1966, S. 4, Ausg. A.

[Fortsetzung der Erinnerungen]
Ich fühlte mich aufgefordert, diese Selbstkritik zu schreiben. Ich dachte, ich muß das tun, damit dieser Ton, diese Feindseligkeit und diese Grobheit wieder herauskommt, mit der auf dem 11. Plenum über die Kunst hergefallen wurde. [...] Auf die konkreten Anschuldigungen – Konterrevolution, Staatsfeindlichkeit, Beleidigung der ganzen Republik usw. – bin ich nicht eingegangen und bezog keine dieser Anklagen auf mich. [...]
Nach dem 11. Plenum, nach dem "Kaninchen" [...] habe ich noch irgendwie mit den Flügeln geschlagen und noch dies und jenes zuwege gebracht, aber das war nichts Vernünftiges. Das hatte nicht mehr die Kraft und die Frische und die Überzeugung der früheren Filme. Man hat mir wohl doch das Rückgrat gebrochen. Und ich wußte dann auch, daß ich aufhören muß.

Ingrid Poss / Peter Warnecke (Hg.), Spur der Filme. Zeitzeugen über die Defa (bpb-Schriftenreihe Bd. 568), Berlin 2006, S. 202ff.

Als "Konterrevolutionäre" galten in den Augen der SED-Führung jetzt auch der Liedermacher Wolf Biermann und der Naturwissenschaftler Robert Havemann. Beide zogen den Zorn des Politbüros auf sich, weil sie ihre Gesellschaftskritik aufgrund fehlender Meinungs- und Pressefreiheit in der DDR in Westdeutschland publik gemacht hatten. Während in der DDR Biermanns Lieder lediglich als private Tonbandmitschnitte verbreitet werden konnten, erschienen 1965 in der Bundesrepublik seine erste LP "Wolf Biermann (Ost) zu Gast bei Wolfgang Neuss (West)" und der Gedichtband "Die Drahtharfe". Daraufhin erhielt Biermann ein vollständiges Auftritts- und Publikationsverbot. Der kulturelle Kahlschlag der Jahre 1965 und 1966 lähmte in den folgenden Jahren das intellektuelle Leben in der DDR.

Die neue Verfassung

Nach einer Volksabstimmung, die nach offiziellen Angaben eine Zustimmung von 96,37 Prozent der abgegebenen Stimmen und 3,4 Prozent Nein-Stimmen erbracht hatte, trat im April 1968 eine neue Verfassung in Kraft. Artikel 1 bezeichnete die DDR als "sozialistischer Staat deutscher Nation", der unter Führung der SED den Sozialismus verwirkliche. Damit wurde nicht nur innenpolitisch der Führungsanspruch der SED in der Verfassung verankert, sondern auch deutschlandpolitisch die Theorie von den "zwei Staaten deutscher Nation". Ihr zufolge gliederte sich die deutsche Nation in zwei gleichberechtigte, souveräne Staaten: einen sozialistischen in der DDR und einen kapitalistischen in der Bundesrepublik. Trotzdem sah die Verfassung auch die "Überwindung der vom Imperialismus der deutschen Nation aufgezwungenen Spaltung" und eine "Vereinigung auf der Grundlage der Demokratie und des Sozialismus" vor. Verbal hielt man so noch immer an der Einheit der deutschen Nation fest. Auf dem Papier gestand man auch demokratische Freiheiten zu: So garantierte Artikel 19 die Freiheit der Persönlichkeit und Artikel 20 die Gewissens- und Glaubensfreiheit. Artikel 27 gewährleistete die Freiheit der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens. Artikel 48 bestimmte die Volkskammer zum obersten Machtorgan der DDR. Doch in der Realität konnte von Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit nicht gesprochen werden. Die maßgeblichen Entscheidungen traf nach wie vor das SED-Politbüro und nicht die Volkskammer. Auch eine wirklich "freie, gleiche und geheime Wahl" der Abgeordneten der Volkskammer, so, wie dies die Verfassung vorschrieb, hat es nicht gegeben.

Prager Frühling

In der Nacht zum 21. August 1968 rollten sowjetische Panzer in die Tschechoslowakei (CSSR) ein und setzten dem "Prager Frühling" ein jähes Ende, der seit dem Frühjahr 1968 in der CSSR begonnen hatte. Er hatte einen Sozialismus mit "menschlichem Antlitz" vertreten und mit Eigenschaften verbunden, die dem Sozialismusmodell in Osteuropa bislang völlig fremd waren: individuelle Freiheiten, Interessenausgleich statt Klassenkampf, demokratische Willensbildung in Politik und Gesellschaft, liberale Wirtschaftsreformen. Die sowjetische Intervention in der CSSR wurde von der SED-Führung vorbehaltlos befürwortet. Die Truppen der Nationalen Volksarmee (NVA) blieben in der Nacht zum 21. August 1968 zwar an der Grenze zur CSSR stehen, weil die sowjetische Führung einen erneuten Einmarsch deutscher Streitkräfte in das Nachbarland vermeiden wollte, doch leistete die DDR logistische und propagandistische Dienste. Der Einmarsch in Prag löste insbesondere unter Jugendlichen und jungen Intellektuellen, die mit den Ideen des "Prager Frühlings" sympathisierten, Proteste aus. An Universitäten und Hochschulen gab es Studenten und Dozenten, die ihre Unterschrift zu den vorbereiteten Zustimmungserklärungen zum Einmarsch in das Nachbarland verweigerten. In einigen volkseigenen Industriebetrieben kam es zu organisierten Unterschriftenaktionen gegen den Einmarsch. Die politische Justiz ging mit den üblichen repressiven Methoden gegen die Sympathisanten des "Prager Frühlings" vor. Die moralische Wirkung war verheerend. Mit dem Ende des "Prager Frühlings" erlosch in weiten Teilen der Bevölkerung die Hoffnung auf eine Reformierbarkeit des "realen Sozialismus". Das überwiegende Schweigen der SED-Mitglieder war ein untrügliches Signal ihrer wachsenden Entpolitisierung, die dann in der Honecker-Ära zur Normalität des innerparteilichen Lebens gehörte. Ein langsames Sterben der sozialistischen Ideale begann.



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