Geschichte der DDR

31.10.2011 | Von:
Andreas Malycha

Der Schein der Normalität (1971 bis 1982)

Deutsch-deutsche Annäherung und staatliche Anerkennung

Die offizielle Abgrenzung und die internationale Entspannungspolitik ermöglichten der DDR, ihrerseits vertragliche Vereinbarungen mit der Bundesrepublik Deutschland einzugehen. Nachdem die Westmächte und die Sowjetunion am 3. September 1971 das Berlin-Abkommen unterzeichnet und damit ihre gemeinsame und zugleich übergeordnete Verantwortung für Deutschland und Berlin bekräftigt hatten, konnte zwischen beiden deutschen Staaten als erste bilaterale Vereinbarung am 17. Dezember 1971 das "Transitabkommen" geschlossen werden. Das Abkommen sah vor, den Transitverkehr per Bahn, Schiff und auf den Straßen zwischen Westdeutschland und West-Berlin künftig ohne Behinderungen durch die Grenz- und Zollorgane der DDR abzuwickeln. Bis dahin war es an den Übergangsstellen oft zu schikanösen und zuweilen mit erheblichem Zeitaufwand verbundenen Grenzkontrollen gekommen. Im Mai 1972 folgte ein umfassendes Verkehrsabkommen zwischen beiden deutschen Staaten. Für die Menschen ergaben sich durch diese Normalisierung der deutsch-deutschen Beziehungen ganz konkrete Erleichterungen in Form von Besuchs- und anderen Kontaktmöglichkeiten.

Am 21. Dezember 1972 unterzeichneten die Regierungen der Bundesrepublik und der DDR den Grundlagenvertrag, der die deutsch-deutschen Beziehungen auf der Grundlage von Gleichberechtigung und gutnachbarlicher Zusammenarbeit auf eine neue Basis stellte. Der DDR wurden ihre Unabhängigkeit und Selbstständigkeit in ihren inneren und äußeren Angelegenheiten sowie die uneingeschränkte Achtung ihrer territorialen Integrität bestätigt. Dies markierte das Ende der westdeutschen "Hallstein-Doktrin". Der seit 1955 gültigen Doktrin hatte die Auffassung zugrunde gelegen, dass die Bundesrepublik Deutschland die einzige demokratisch legitimierte Vertretung des gesamten deutschen Volkes sei und demzufolge nur sie die Deutschen international vertreten dürfe. Sie hatte jenen Staaten, die die DDR diplomatisch anerkannten, den Abbruch diplomatischer Beziehungen angedroht (so 1957 Jugoslawien). Das bis 1969 angestrebte Ziel, die DDR außenpolitisch zu isolieren, gab die sozial-liberale Koalition unter Willy Brandt jetzt offiziell auf.

Die von der SED-Führung geforderte völkerrechtliche Anerkennung lehnte die Bundesregierung hingegen ab, da sie damit gegen das Wiedervereinigungsgebot im Grundgesetz der Bundesrepublik verstoßen hätte. Infolgedessen gab es auch keine Botschaften, wohl aber "Ständige Vertretungen" in Bonn und Ost-Berlin, die am 2. Mai 1974 ihre Arbeit aufnahmen. Als Vertreter der Bundesrepublik in der DDR wurde Günter Gaus, als Vertreter der DDR in der Bundesrepublik Michael Kohl akkreditiert. Auf der Grundlage dieses Abkommens wurden bis 1989 zahlreiche Verträge unterzeichnet, die den Handel und den Verkehr zwischen beiden deutschen Staaten regelten.

Der Grundlagenvertrag führte am 18. September 1973 zur Aufnahme der DDR und der Bundesrepublik in die Vereinten Nationen (UNO). Zugleich erkannten immer mehr Länder die DDR völkerrechtlich an. 1972 nahmen 22 und 1973 weitere 46 Staaten diplomatische Beziehungen zur DDR auf, darunter Frankreich und Großbritannien. Die Vereinigten Staaten von Amerika folgten 1974. Ende der 1970er Jahre unterhielt die DDR mit 132 Ländern diplomatische Beziehungen und arbeitete in allen wichtigen internationalen Organisationen mit. Die ökonomische und politische Abhängigkeit von der Sowjetunion lockerte sich jedoch nicht, zumal Honecker und Breschnew am 7. Oktober 1974 einen Freundschafts- und Beistandsvertrag abschlossen. Auch im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) diktierte die Sowjetunion nach wie vor die Bedingungen der wirtschaftlichen Kooperation. Die DDR war militärisch fest in das osteuropäische Militärbündnis, den Warschauer Pakt, eingebunden, in dem die UdSSR eine Vormachtstellung ausübte.

Am 1. August 1975 unterzeichneten in Helsinki 35 Staats- beziehungsweise Regierungschefs der europäischen Länder, der Vereinigten Staaten und Kanadas die Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE). Die DDR gehörte wie die anderen osteuropäischen Länder zu den Unterzeichnern. Durch die Schlussakte hatten die Sowjetunion und die DDR zwar ein wichtiges außenpolitisches Ziel erreicht: Die deutsche Zweistaatlichkeit war international akzeptiert. Innenpolitisch bekam die SED-Führung jedoch durch den "Korb 3" der Schlussakte von Helsinki Probleme. Dort hatte der Westen vor allem die Verpflichtung zur Achtung der individuellen Menschen- und Bürgerrechte eingebracht, verbunden mit umfangreichen Forderungen nach menschlichen Erleichterungen hinsichtlich Reisen, Information und Kulturaustausch. In der DDR musste sich die politische Führung jetzt an diesen Verpflichtungen messen lassen. Nicht zuletzt konnte sich die entstehende Oppositionsbewegung auf den "Korb 3" der Schlussakte von Helsinki berufen.

Verstaatlichung von privaten Unternehmen und Handwerksbetrieben

1972 ließ die SED-Führung die noch bestehenden privaten Industrie- und Baubetriebe, die Betriebe mit staatlicher Beteiligung sowie die rund 2000 industriell produzierenden Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH) und 500 Handwerksunternehmen in Staatseigentum überführen. Der Schwerpunkt der Verstaatlichungsaktionen lag in den südlichen Bezirken der DDR, deren Wirtschaft seit je durch kleinere und mittlere Betriebe geprägt wurde.

Die Leitung der DDR-Wirtschaft.Die Leitung der DDR-Wirtschaft.
Nach den herrschenden Maximen der marxistisch-leninistischen Ideologie hatten damit die "sozialistischen Produktionsverhältnisse" gesiegt. Tatsächlich war es ein Pyrrhussieg, wie sich bald herausstellte. Es handelte sich nämlich vor allem um Betriebe, die Konsumgüter für die Bevölkerung und bedeutsame Zulieferungen für die Volkswirtschaft herstellten und teilweise auch wichtige Exportverpflichtungen zu erfüllen hatten. Das Potenzial des verstaatlichten Mittelstandes wurde nahezu vernichtet und konnte nicht wieder ersetzt werden, so dass sich die bestehenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten verschärften.

Bildung von Kombinaten in der Industrie

Zugleich trieb die SED-Führung die bereits unter Ulbricht einsetzende Bildung von Kombinaten weiter, in denen große Industriebetriebe eines Industriezweiges bzw. einer Branche zusammengeführt und einer zentralen Leitung unterstellt wurden. Der Grundgedanke bei der Kombinatsbildung bestand darin, leistungsfähige ökonomische Einheiten zu bilden, Forschung und Entwicklung, Produktion und Absatz einschließlich des Außenhandels unter einer einheitlichen Leitung administrativ zu vereinen. Dieser Ansatz kam jedoch nicht zur Wirkung, da sich die Kombinate politisch und finanziell fest am Gängelband zentraler SED-Gremien, der ZK-Abteilungen und Politbüroentscheidungen sowie ministerieller Weisungen befanden. Am Ende der 1970er Jahre gab es circa 133 zentral geleitete Kombinate, die von einem Stammbetrieb aus von einem Generaldirektor geleitet wurden.

Das VEB Schwermaschinenbaukombinat "Ernst Thälmann" (SKET) gehörte mit mehreren zehntausend Beschäftigten und zahlreichen volkseigenen Maschinenbaubetrieben zu den größten Kombinaten in der DDR. Es exportierte u.a. Ausrüstungen für die metallverarbeitende und Hütten-Industrie wie komplette Walzstraßen in die Sowjetunion und das westliche Ausland und nahm damit eine wichtige Stellung im Außenhandel der DDR ein. Durch die zentrale Planung aller Produktionsabläufe einschließlich des Absatzes einer bestimmten Branche blieben die Kombinate jedoch unflexibel und konnten vor allem nicht rasch genug auf die sich verändernden Weltmarktbedingungen reagieren.

Hoffnungen der jungen Generation

Der von Honecker seit seinem Machtantritt verbreitete soziale Optimismus ließ Hoffnungen auf eine gewisse Lockerung keimen, insbesondere in jener Generation, die in der DDR aufgewachsen war. Tatsächlich fand sich die SED unter Honecker zu zeitweiligen Zugeständnissen bereit. So wurden die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten im August 1973 in Ost-Berlin zu einem fröhlichen, weithin unbeschwerten Fest. Rund 25 000 Jugendliche aus 140 Ländern kamen in die "Hauptstadt der DDR" und feierten mit rund einer halben Million FDJ-Mitgliedern, die seit dem Mauerbau zum ersten Mal die Chance hatten, sich mit Jugendlichen aus anderen Ländern zu treffen. Gleichzeitig sorgte eine Vielzahl hauptamtlicher und inoffizieller Mitarbeiter des MfS dafür, unliebsame Zwischenfälle und vermeintliche "Störenfriede" des Scheins der Normalität auszuschalten.

Ferner verzichteten staatliche Instanzen auf bislang übliche Praktiken. Der Empfang westlicher Rundfunk- und Fernsehsender wurde nicht mehr kriminalisiert, Zeitungen und Zeitschriften aus der Bundesrepublik waren jedoch weiterhin nicht zugelassen. Jugendliche Radiohörer in der DDR orientierten sich überwiegend an den Programmen des Westens. Sie boten moderne Musik sowie heiß begehrte Informationen in Fülle und verzichteten auf Agitation. Hoch im Kurs standen die "Schlager der Woche" des in West-Berlin ausgestrahlten RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor), der "Aktuelle Plattenteller" des Deutschlandfunks sowie diverse Sendungen von Radio Luxemburg, Europa-Welle-Saar und des amerikanischen Senders AFN (American Forces Network), der insbesondere von Jugendlichen in Ost-Berlin gern gehört wurde, weil dort moderne Popmusik rund um die Uhr lief. DDR-Programme waren dagegen weit weniger gefragt.

Gleichwohl unternahmen die DDR-Medien viel, um sich auf die jugendlichen Hörgewohnheiten einzustellen. Ab 1970 richteten sämtliche Radiostationen spezielle Rock- und Pop-Magazine, Hitparaden und Wunschsendungen ein, in denen auch westliche Titel liefen. Am häufigsten wurde der Jugendsender DT 64 gehört; es folgten die Sendungen "Musik für junge Leute" von Radio DDR I, "Beat-Kiste" von Stimme der DDR und die "Tip-Parade", die ebenfalls von Radio DDR I ausgestrahlt wurde. Darüber hinaus nahm das DDR-Fernsehen Jugendsendungen in das Programm. Die wöchentlich ausgestrahlte Jugendsendung "Rund" entstand zur Vorbereitung der X. Weltfestspiele 1973. Mit einem Mix aus Musik und Gespräch trat die Sendung modern und unterhaltsam in Erscheinung. Im Laufe der Jahre wurden die Gesprächsrunden jedoch immer propagandistischer.

Im Windschatten der X. Weltfestspiele erhielten auch Rock- und Beatgruppen wieder Zuspruch. Die populäre Leipziger "Klaus Renft Combo" sang mitten in der Ost-Berliner City ihr doppeldeutiges Lied "Ketten werden knapper", ein Lied, das zur Festivalhymne erkoren wurde.

Quellentext

Ketten werden knapper

Singt für alle, die alles wagen
Für die Leute in jedem Land
Die gemeinsam den Erdball tragen
Dass kein Mensch mehr noch steht am Rand.


Ketten werden knapper
Und brechen sowieso
Wie junger Rhabarber
Wie trockenes Stroh
An der Hand des Riesen
Der tausend Nasen hat
Der braucht nur zu niesen
Und wendet das Blatt [...]


T.: Gerulf Pannach, K.: Peter Gläser, M.: Klaus Renft Combo, 1972
In: Rauhut Michael (Hg.), Rock in der DDR, bpb-Zeitbilder, Bonn 2002, S. 55

Typisch für die überall entstehenden Rockgruppen waren Lieder mit deutschen Texten, in denen alltagssprachliche Botschaften, aber auch kritische Kommentare zum Leben mit täglich erlebten Widersprüchen auftauchten. Zu den bekanntesten und beliebtesten Rockgruppen der 1970er Jahre gehörten die "Puhdys", "Renft", "Electra-Combo", "Horst-Krüger-Band", "Stern Combo Meißen", "Lift" sowie "Karat". Den größten Hit der DDR-Rockgeschichte brachte die Berliner Band "City" 1977 mit dem Lied "Am Fenster" heraus. Die gleichnamige LP war die erste ostdeutsche Platte, die in der Bundesrepublik vergoldet wurde.

Kurze kulturpolitische Liberalisierung

In der liberalen Phase in der DDR der frühen 1970er Jahre hatte sich auch unter Schriftstellern und Künstlern so etwas wie Aufbruchstimmung breit gemacht. Dies umso mehr, als Kulturpolitiker der SED öffentlich erklärten, Kunst ließe sich nicht allein auf ihre ideologische Funktion reduzieren. Begriffe wie "Weite und Vielfalt" sahen jüngere Schriftsteller wie Reiner Kunze und Volker Braun als Ansporn für literarische Experimente und Selbstverwirklichung. Die populären Autoren wie Christa Wolf, Stephan Hermlin, Erwin Strittmatter und Hermann Kant griffen mit ihren Werken immer weniger Themen der unmittelbaren Gegenwart auf, sondern konzentrierten sich auf überzeitliche Fragen und Motive. Auf den Theaterbühnen sorgte dagegen Ulrich Plenzdorf mit seinem gesellschaftskritischen Gegenwartsstück "Die neuen Leiden des jungen W." für Aufsehen. Das 1972 uraufgeführte Bühnenstück erzählt die Geschichte eines siebzehnjährigen Lehrlings, der aus seiner kleinbürgerlichen Umwelt ausbrechen will und beim Lesen von Goethes Werk "Die Leiden des jungen Werthers" immer wieder Ähnlichkeiten mit seinem eigenen Leben entdeckt. Die harsche Reaktion der Kulturpolitiker auf das Stück machte jedoch schon deutlich, dass sich an den Mechanismen der politischen Kontrolle über Kunst und Literatur nichts geändert hatte.

Quellentext

... unsereiner kann es nicht

Hans-Peter: [...] Ich bekam sofort Lust, mich mit dem Jugendlichen, der da auf der Bühne stand, dem Edgar Wibeau, zu vergleichen, Parallelen zu ziehen zwischen seinem und meinem eigenen Leben [...]

Monika: Es war eine großartige Stimmung, alle klatschten wie verrückt, es wurde auch mit den Füßen getrampelt und gerufen, einfach aus Begeisterung. [...] Ich fand es einfach schau (damalige Jugendsprache, gleichbedeutend mit gut, außerordentlich, Anm. d. Red.), man konnte sogar herzlich lachen zwischendurch. Und dann noch so viele echte Probleme von Jugendlichen!
E.K.: Zum Beispiel?


Monika: Na, das ist jetzt schwer, es waren so viele. Zum Beispiel, daß dieser Edgar Wibeau nicht so langweilig leben will, daß ihm alles zu langweilig ist. Er hat den Drang nach was Besonderem, und das ist meiner Meinung nach eine ganz allgemeine Eigenschaft von Jugend-lichen. [...] Und das kam in vielen Sachen zum Ausdruck, auch daß er nicht ein-verstanden ist mit dem ganzen Trott, mit dem alltäglichen Trott. Da bricht er eben aus [...].
E.K.: Du hattest also ein bißchen das Gefühl, er hat es für dich mitgetan?
Monika: Er hat es fertiggebracht, unser-einer kann es nicht. Das muß eine ganz große Rolle gespielt haben bei dem Edgar, daß er [...] rauswollte aus seinem vorbestimmten Weg. Er will eben nicht immer alles nach Plan machen. [...]
E.K.: Ihr billigt also den Ausbruch Edgars aus der Gesellschaft, und ihr billigt, daß er selbst diesen Ausbruch mißbilligt?
Monika: Genau. Wegen dieses Widerspruchs habe ich es ja so bedauert, daß ich nach dem Theater niemand hatte, mit dem ich mich darüber unterhalten konnte.
Gerhild: Ich meine, dadurch wird ein Stück erst interessant, daß man veranlaßt wird, in verschiedenen Richtungen zu denken.

Gespräch der Redaktion mit vier Berliner Jugendlichen über "Die neuen Leiden des jungen W.", in: Neue Deutsche Literatur, Heft 3/1973. In: Manfred Jäger, Kultur und Politik in der DDR, Köln 1982, S. 149

Darüber hinaus gab die politische Führung ihre bisherige Konzentration auf die Kunst im engeren Sinne auf und lenkte den Blick stärker auf Unterhaltung und Breitenkultur. Ein sichtbares Zeichen hierfür war die populäre Unterhaltungssendung "Ein Kessel Buntes", die am 29. Januar 1972 erstmals im Ersten Programm des Fernsehens der DDR ausgestrahlt wurde. Die Sendung galt als ein Aushängeschild der DDR-Unterhaltung, weshalb keine Kosten gescheut wurden, auch internationale Stars zu verpflichten. Zudem förderte der Staat jetzt mehr als zuvor vielfältige Formen der Laienkunst sowie folkloristische Zirkel, unterstützte Jugendclubs und Diskotheken mit finanzieller Ausstattung und baute das Netz der Kulturhäuser aus. Die staatliche Förderung der Jugend- und Freizeitkultur diente freilich auch dem Zweck, lokale Kunst- und Kulturinitiativen politisch unter Kontrolle zu behalten.

Die Grenzen der zeitweiligen kulturpolitischen Öffnung wurden deutlich, als der Liedermacher Wolf Biermann 1976 ausgebürgert wurde. Biermann, seit 1965 in der DDR mit einem totalen Auftritts- und Publikationsverbot belegt, gab auf Einladung der IG Metall am 13. November 1976 ein Konzert in Köln, auf dem er sich zwar eindeutig zur DDR bekannte, jedoch nicht an massiver Kritik an den Zuständen dort sparte. Im persönlichen Auftrag Honeckers wurde ihm daraufhin die Wiedereinreise in die DDR verwehrt und die DDR-Staatsbürgerschaft entzogen. Gegen die Ausbürgerung Biermanns protestierten am 17. November 1976 zwölf Schriftsteller – Stephan Hermlin, Stefan Heym, Christa und Gerhard Wolf, Volker Braun, Heiner Müller, Erich Arendt, Sarah Kirsch, Rolf Schneider, Franz Fühmann, Günter Kunert, Jurek Becker – und der Bildhauer Fritz Cremer mit einer öffentlichen Erklärung, in der sie die Partei- und Staatsführung aufforderten, die beschlossenen Maßnahmen zu überdenken.

Nach der Biermann-Affäre setzte ein bis zum Ende der DDR nicht abreißender Exodus von Schriftstellern und Künstlern ein, die vom "real existierenden Sozialismus" in der DDR endgültig genug hatten. Diejenigen, die es jetzt noch wagten, mit Kritik an der Kulturpolitik der SED an die Öffentlichkeit zu gehen, zerbrachen im Kreislauf von Auftritts- und Publikationsverboten, Verhören und Bespitzelungen. Die Diffamierung kritischer Autoren und die Abstrafung von Schriftstellern, die ihre Besorgnis über die repressive Kulturpolitik offen zum Ausdruck brachten, erreichte im Juni 1979 einen Höhepunkt, als neun Schriftsteller, darunter Stefan Heym, aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen wurden. Obgleich formal das Präsidium des Schriftstellerverbandes mit Hermann Kant an der Spitze die Verantwortung für die Ausschlüsse trug, konnte kein Zweifel darüber bestehen, dass das SED-Politbüro unter Führung Honeckers mit diesem rigiden kulturpolitischen Akt deutliche Zeichen setzen wollte.



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