Geschichte der DDR

31.10.2011 | Von:
Andreas Malycha

Der Schein der Normalität (1971 bis 1982)

Der Ausbau des Ministeriums für Staatssicherheit als Machtapparat der SED

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) war kein autonomes Schattenreich im politischen System der DDR, sondern als "Schild und Schwert der Partei" ein wichtiges Herrschaftsinstrument der SED und von den Weisungen und Befehlen der Parteiführung abhängig. Seine vornehmliche Aufgabe war es seit seiner Gründung 1950, als politische Geheimpolizei mit nachrichtendienstlichen Methoden jegliche Form politischer Gegnerschaft aufzuspüren und zu unterdrücken. Um ihm dabei größtmöglichen Spielraum zu geben, war eine Kontrolle der Tätigkeit durch die Volkskammer oder den Ministerrat nicht vorgesehen. Dies führte nicht zuletzt dazu, dass das MfS fernab jeglicher Rechtsstaatlichkeit agieren konnte.

In der Ära Honecker wuchs das MfS in eine neue Form von Herrschaftsausübung hinein. Neben den klassischen Unterdrückungsmethoden als Geheimpolizei versuchte das MfS unter seinem Chef Erich Mielke, der das Amt seit 1957 innehatte, als Akteur in alle Bereiche der Gesellschaft kontrollierend und steuernd einzugreifen. Hierfür war zunächst ein großer hauptamtlicher Apparat nötig, der seit den 1970er Jahren ständig wuchs. Waren im Jahre 1957 noch 17 000 Mitarbeiter hauptamtlich beschäftigt, so zählte die Personalabteilung des MfS im Oktober 1989 genau 91 015 Mitarbeiter. Sie sollten die politische Opposition überwachen und bekämpfen, zu der das MfS auch das gesamte Aktionsfeld der Kirchen rechnete sowie die seit Anfang der 1980er Jahre aufkommenden Umwelt-, Friedens- und Bürgerrechtsgruppen, die ebenfalls als Form der "politisch-ideologischen Diversion" begriffen wurden. Auch Liedermacher, Schriftsteller, bildende Künstler, Maler und Schauspieler wurden grundsätzlich und gleichermaßen verdächtigt, sich an staatsfeindlichen Aktionen zu beteiligen. Sie alle standen im Fokus von Bespitzelung, Überwachung und Repression.

Hierfür kamen verschiedene Formen von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) der Staatssicherheit zum Einsatz. Sie sollten nicht nur Informationen aus ihrem beruflichen und familiären Umfeld sammeln und weitergeben, sondern auch zur "Zersetzung" – also zur Zerstörung – jeglichen oppositionellen Ansatzes beitragen. Einen Schwerpunkt der Bespitzelungen bildeten u. a. Hochschulangehörige, Künstler und Ärzte, die das MfS den Berufsgruppen mit starken Ausreiseabsichten zuordnete. Dem Flucht- und Ausreisewillen sowie den bundesdeutschen Abwerbungsaktivitäten versuchte das MfS durch eine in den 1970 Jahren anschwellende flächendeckende Überwachung der genannten Berufsgruppen zu begegnen. Der Anteil der IM unter den Ärzten lag zwischen drei bis fünf Prozent und war damit etwas höher als der Prozentsatz von IM in der Bevölkerung insgesamt, der ungefähr im Durchschnitt bei zwei Prozent lag. Mitte der 1970er Jahre erreichte das IM-Netz mit über 200000 Mitarbeitern seine größte Ausdehnung. Die Motive für die heimlichen Bespitzelungen von Freunden, Kollegen, ja sogar Ehepartnern konnten verschieden sein: Sie reichten von politischen Überzeugungen, ganz persönlichen Interessen, beruflichem Karrierestreben bis hin zur Angst vor Repressionen der Staatsmacht. 1989 führte die Staatssicherheit 189 000 Inoffizielle Mitarbeiter, die zum überwiegenden Teil in der DDR eingesetzt waren. In der Bundesrepublik waren höchstwahrscheinlich – "geführt" von der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) unter Markus Wolf – rund 3000 Inoffizielle Mitarbeiter für das MfS tätig.

Auf der anderen Seite beschäftigte sich das MfS auch mit wirtschaftlichen Problemen und Mängeln des planwirtschaftlichen Systems. Aufgrund von Berichten ihrer IM gelangte die Staatssicherheit zu einer in der DDR nicht üblichen realitätsnahen Bestandsaufnahme. Da Mielke selbst dem Generalsekretär der SED Kenntnisse über die reale Wirtschaftslage nicht zumuten wollte, beschränkte er sich auf Informationen über Havarien in den volkseigenen Betrieben und darauf, einzelne Betriebsdirektoren für bestimmte Missstände verantwortlich zu machen.

Militarisierung der Gesellschaft

In deutlichem Kontrast zur internationalen Entspannung verstärkte die SED-Führung im Laufe der 1970er Jahre ihre innenpolitischen Bemühungen zur Militarisierung der Gesellschaft. Bereits seit 1971 war es für männliche Jugendliche nach Beendigung der Klasse 11 in den Sommerferien Pflicht, an einer zweiwöchigen vormilitärischen Ausbildung in einem Ausbildungslager der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) teilzunehmen. Im September 1978 führte das Volksbildungsministerium den Wehrunterricht als ein obligatorisches Unterrichtsfach für alle Schüler der 9. und 10. Klassen der Polytechnischen und Erweiterten Oberschulen ein. Auch an den Universitäten sollte den Studierenden ein sozialistisches Verständnis von "Wehrbereitschaft" vermittelt werden. Nach dem zweiten Semester mussten sich Studenten, die bereits die 18-monatige Wehrpflicht absolviert hatten, in einem Ausbildungslager der Nationalen Volksarmee (NVA) während der Semesterferien militärisch "ertüchtigen" lassen. Die Studentinnen wurden in diesen fünf Wochen in einem Lager für Zivilverteidigung (ZV) auf den militärischen Ernstfall vorbereitet, indem sie u.a. eine Ausbildung in Erster Hilfe und beim Verhalten in Katastrophensituationen, zum Beispiel bei Bränden oder Evakuierungen, erhielten. Im März 1982 stimmte die Volkskammer einem neuen Wehrdienstgesetz zu, das allen staatlichen und gesellschaftlichen Organisationen die Verpflichtung übertrug, die Bürger, Schüler und Studenten auf den Wehrdienst vorzubereiten.

Quellentext

Wehrerziehung

Nur schwer kann man sich einen Staat vorstellen, der im tiefsten Frieden stärker militarisiert war als die DDR. [...] Wirtschaft, Familienpolitik, Volksbildung, Sport und Gesundheitswesen orientierten sich an den militärischen Erfordernissen. Ende der siebziger Jahre verstärkte sich dieser Trend und fand am 1. September 1978 seinen sichtbarsten Ausdruck in der Einführung der "Wehrerziehung" als obligatorisches Unterrichtsfach in den neunten und zehnten Klassen der Polytechnischen Oberschule. Die Grundsatzdirektive des Ministeriums für Volksbildung legte im Einvernehmen mit dem Minister für Nationale Verteidigung den Unter-richt zu "Fragen der sozialistischen Landesverteidigung" auf jeweils vier Doppelstunden fest. Hinzu kamen zwölf Ausbildungstage in der Klasse 9 zu jeweils acht Stunden im Lager für die Jungen beziehungsweise der Lehrgang "Zivilverteidigung" für alle Mädchen sowie für diejenigen Jungen, die nicht an der Wehrausbildung im Lager teilnehmen konnten, im Umfang von zwölf Lehrgangstagen zu jeweils sechs Stunden. Außerdem wurden drei Tage der "Wehrbereitschaft" durchgeführt. Das Ziel des Maßnahmenkatalogs bestand darin, "die Mädchen und Jungen mit ausgewählten Grundkenntnissen der Landesverteidigung vertraut machen und ihre Wehrbereitschaft fördern". [...] Schon seit den frühen fünfziger Jahren veranstalteten die Schulen Schießübungen mit Luftdruck- oder Kleinkalibergewehren, Geländespiele, Exerzierübungen und Werbeveranstaltungen für die NVA. Während aber bisher ihre Durch-führung bei der Pionierorganisation, der FDJ oder der GST gelegen hatte und deshalb durchaus die Möglichkeit bestand, sich der Teilnahme zu entziehen, demonstrierte der Staat nun seine Macht und zwang auch noch die letzten Außenseiter in die grauen Uniformen der Zivilverteidigung.

Selbst in den Kindergärten, die einheitlichen Bildungs- und Erziehungsplänen folgten, stand die Wehrerziehung auf dem Programm. In der mittleren Gruppe, also bei den Vier- bis Fünfjährigen, sah sie unter der Rubrik "Bekanntmachen mit dem gesellschaftlichen Leben" auch das Thema "Von den Menschen, die unsere Heimat schützen" vor und führte aus: "Die Beziehungen der Kinder zu den bewaffneten Streitkräften werden ver-tieft. Sie sammeln Bilder und unterhalten sich mit den Erziehern darüber; stellen nach Möglichkeit zu einem Angehörigen der bewaffneten Organe freundschaftliche Beziehungen her." Der Plan für die Sechs- bis Siebenjährigen baute diesen Programmpunkt aus: "Die Kenntnisse der Kinder über die Soldaten unserer Nationalen Volksarmee werden erweitert. Die bestehenden freundschaftlichen Beziehungen der Kinder zu diesen Menschen werden ge-pflegt. Durch diese engen Beziehungen der Kinder zu einzelnen Angehörigen der bewaffneten Organe werden bei den Kindern die Gefühle der Liebe und Zuneigung zu ihnen entwickelt. Sie wissen, unsere Soldaten sind auch Arbeiter. Sie schützen die Menschen und deren Arbeit und wachen darüber, daß wir fröhlich spielen können [...]."
Zur Ehrenrettung vieler Kindergärtnerinnen sei gesagt, daß sie die Anweisungen oft nicht ernst nahmen oder sogar bewußt unterliefen. Schwerwiegender als die oben angedeutete Veränderung ihrer Organisationsstruktur war die Tatsache, daß sich die Wehrerziehung nicht auf das Unterrichtsfach "Wehrkunde" beschränken, sondern ein durchgängiges pädagogisches Prinzip der klassenmäßigen sozialistischen Erziehung bilden sollte. In den Lesebüchern standen Geschichten über die tapferen Krieger der NVA und der Sowjetarmee, in Musik sang man nicht nur die traditionellen Lieder der Arbeiterbewegung, sondern auch Soldatenmärsche, in Kunst enthielt der Lehrplan das Motiv der Verteidigungsbereitschaft, nach dem die Kinder Panzer und Kanonen malen mußten. Sogar der Physiklehrer sollte das Prinzip der Federspannung anhand der "überlegenen Waffentechnik der sozialistischen Armeen" erklären.
Ob diese Übersättigung zu echter Begeisterung für den künftigen Waffendienst oder eher zu Überdruß und Ablehnung führte, bleibe dahingestellt. [...] Zumindest Abiturienten unterlagen massivem Druck, eine freiwillige Verpflichtungserklärung für den dreijährigen Dienst in der NVA zu unterschreiben oder sich für die Offizierslaufbahn zu bewerben, denn die Schulen mußten eine bestimmte Erfolgsquote vorweisen. Diese Zwangslage führte oft zu unverhüllten Drohungen durch Schulleitung und FDJ, Jugendliche vom Abitur auszuschließen oder mit schlechten Beurteilungen den Weg zur Universität zu verbauen, wenn sie dem "Wunsch" nicht nachkamen. Nicht alle waren so "abgebrüht", sich zunächst zu verpflichten und später zu widerrufen oder ein ärztliches Attest einzureichen. [...]

Stefan Wolle, Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989, 2., durchgesehene Aufl., Bonn 1999, S. 257ff.

Wenn die Volksarmeesoldaten ... Wenn die Volksarmeesoldatenin der Stadt marschieren,winken alle Kinder fröhlich,wollen's auch probieren.Marschieren, marschieren, links und rechts im gleichen TrittMarschieren, marschieren, links und rechts, wir halten Schritt.

Wenn die Volksarmeesoldatenauf dem Sportplatz üben,drücken sich die Kindernasenan den Zäunen drüben. Marschieren, marschieren ...

Wenn die Volksarmeesoldaten abends Wache stehen, können das die Kinder leider nur im Traume sehen. Marschieren, marschieren ...

Wenn die Volksarmeesoldaten mal nach Hause fahren, sind schon neue angekommen, Frieden zu bewahren. Marschieren, marschieren ...

In: Ilko-Sascha Kowalczuk (Hg.), Das bewegte Jahrzehnt, bpb-Zeitbilder, Bonn 2003, S. 73

"Kirche im Sozialismus"

Nach dem Amtsantritt Honeckers als SED-Parteichef war der Druck der Partei und des von ihr beherrschten Staates auf die Christen und die Kirchen in der DDR keineswegs geringer geworden. In der herrschenden Ideologie des Marxismus-Leninismus galt Religion als Aberglaube und "Opium für das Volk". 1969 hatten sich die acht evangelischen Landeskirchen in der DDR auf Druck der SED-Führung von der gesamtdeutschen "Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)" rechtlich und organisatorisch getrennt und sich im "Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR" zusammengeschlossen. Bereits 1971 prägte der evangelische Kirchenbund unter seinem Vorsitzenden Bischof Albrecht Schönherr die Formel "Kirche im Sozialismus", nicht Kirche neben, nicht gegen, sondern im Sozialismus, womit eine Orts- und Auftragsbestimmung gemeint sei. Die SED verstand darunter jedoch eine Kirche, die die sozialistische Gesellschaft uneingeschränkt bejaht, auf Kritik verzichtet und den SED-Staat nach innen und außen unterstützt. Die Kirche hingegen verdeutlichte, dass sie den sozialistischen deutschen Staat, indem sie ihn akzeptiere, verändern wolle. Sie machte ein Mitspracherecht in der Gesellschaft geltend und beharrte darauf, dass sich Kirche niemals auf den Kult beschränken lassen, andererseits aber auch niemals eine sozialistische Massenorganisation werden könne. Kirche im Sozialismus, das sollte heißen: weder Anpassung noch absolutes Nein zur sozialistischen Wirklichkeit, noch Rückzug in ein selbst geschaffenes Getto hinter Kirchenmauern. In Anbetracht der staatlichen Kirchenpolitik, die ständig zwischen Unterdrückung und Dialog pendelte, fiel es den Kirchen schwer, sich als Anwälte der Glaubens- und Gewissensfreiheit tatsächlich behaupten zu können.



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