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Geschichte der DDR

31.10.2011 | Von:
Andreas Malycha

Auf dem Weg in den Zusammenbruch (1982 bis 1990)

Von der friedlichen Revolution zur deutschen Einheit

Außenpolitische Rahmenbedingungen

Bereits zum Jahresende 1989 wurden die ersten Weichen gestellt, um die staatliche Einheit Deutschlands wiederherzustellen. Am 28. November hatte Bundeskanzler Helmut Kohl ein Zehnpunkteprogramm verkündet, das als Ziel der Politik der Bundesregierung die staatliche Einheit in konföderativen Strukturen nannte. Am 1. Februar 1990 legte Regierungschef Modrow auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin sein Konzept "Deutschland, einig Vaterland" vor. Eine endgültige Lösung der deutschen Frage könne nur in freier Selbstbestimmung der Deutschen in beiden Staaten erreicht werden, in Zusammenarbeit mit den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs und unter Berücksichtigung der Interessen aller europäischen Staaten. Fraglich war indes, wie die Sowjetunion und das westliche Bündnis auf die deutschlandpolitischen Initiativen reagieren würden.

Modrow hatte sich Ende Januar 1990 in Moskau vom sowjetischen Staats- und Parteichef Gorbatschow das Einverständnis zu seinem Plan einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten geholt. Am 10. Februar erhielten auch Bundeskanzler Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher bei einem Besuch in Moskau das Einverständnis der UdSSR. Im Kreml war man zu der Einsicht gekommen, dass die Wiedervereinigung Deutschlands unvermeidlich sei. Im Gegenzug sicherte die Bundesrepublik dem ökonomisch schwer angeschlagenen Riesenreich Wirtschaftshilfe in erheblicher Größenordnung zu. Dementsprechend sah Bonn von nun an keinen Anlass mehr, der Regierung Modrow mit einer Milliardenhilfe unter die Arme zu greifen. Ein entsprechender Wunsch, der aus anhaltender finanzieller Zwangslage und drohender Zahlungsunfähigkeit der DDR resultierte, wurde auf dem deutsch-deutschen Gipfel am 13./14. Februar 1990 zurückgewiesen.

Auf der Seite des Westens befürworteten zunächst nur die USA die Vereinigungspläne, während Frankreich und Großbritannien sich gegen eine Veränderung des Status quo in Europa sträubten. Sie befürchteten, eine künftige Dominanz des wiedervereinigten Deutschlands könnte das europäische Gleichgewicht stören. Doch Ende Februar 1990 hatten auch London und Paris erkannt, dass der innere Einigungsprozess Deutschlands nicht aufzuhalten war , verlangten aber die Einbindung des vereinigten Deutschlands in die NATO, um ihren sicherheitspolitischen Interessen zu entsprechen. Während seiner Gespräche mit Bundeskanzler Kohl am 15. und 16. Juli 1990 in Moskau und in seinem Jagdhaus im Kaukasus gab Gorbatschow schließlich sein Einverständnis zur Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands im westlichen Militärbündnis. Damit war der Weg frei für die sogenannten Zwei-plus-Vier-Verhandlungen zwischen den westlichen Bündnispartnern, der Sowjetunion und den Regierungschefs der DDR und der Bundesrepublik, in denen die konkreten Modalitäten der deutschen Einheit vereinbart wurden.

Die Volkskammerwahlen am 18. März 1990

Der Wahlkampf zu den ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990 machte die ungebremste Sogkraft der Bundesrepublik sichtbar. Die Stimmung in der Bevölkerung sprach inzwischen gegen eine reformierte DDR und für eine rasche Vereinigung mit dem westlichen Nachbarn. Deutlich wurde dies im Wandel der Losungen: Aus "Wir sind das Volk" wurde "Wir sind ein Volk". Die SPD, der Bund Freier Demokraten und vor allem das Wahlbündnis "Allianz für Deutschland", in dem sich die CDU mit der Deutschen Sozialen Union (DSU) und der Partei "Demokratischer Aufbruch" zusammengefunden hatte, konnten sich auf massive Wahlhilfe ihrer Partner in der Bundesrepublik stützen. So beherrschte die westliche Parteiprominenz weithin den Wahlkampf in der DDR.

Die Volkskammer-Wahlen 1990.Die Volkskammer-Wahlen 1990.
Die ersten freien Wahlen seit 1946 gewann das konservative Bündnis "Allianz für Deutschland" mit 47,8 Prozent der Stimmen. Die Wahlbeteiligung erreichte mit 93,4 Prozent eine später nie wieder erzielte Höhe. Die SPD kam auf knappe 22 Prozent – ein Ergebnis, das weit unter ihren Erwartungen lag. Die PDS erreichte als drittstärkste politische Kraft 16,3 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen. Die Liberalen erzielten etwas mehr als fünf Prozent. Enttäuschend war das Ergebnis für die Bürgerbewegungen "Neues Forum", "Initiative Frieden und Menschenrechte" und "Demokratie Jetzt", die sich im "Bündnis 90" zusammengeschlossen hatten: Sie kamen auf nur 2,9 Prozent. In der programmatisch vielschichtigen Bürgerbewegung glaubten nicht wenige noch immer an die Reformierbarkeit der DDR, was in der Bevölkerung allerdings nicht mehr populär war. Zudem waren sie im Wahlkampf beträchtlich benachteiligt, da ihnen im Unterschied zu den großen Parteien kein funktionierender Apparat (Presse, Gebäude, Druckereien) zur Verfügung stand. Die Parteien der "Allianz für Deutschland", die SPD und der Bund Freier Demokraten bildeten eine Koalitionsregierung unter Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU).

Währungs- und Wirtschaftsunion

Das Ergebnis der Volkskammerwahlen war ein eindeutiges Votum für die Vereinigung der DDR mit der Bundesrepublik. Die meisten politischen Gruppierungen waren auf den Einheitszug aufgesprungen. Kontrovers diskutiert wurden nur noch das Tempo der staatlichen Vereinigung und die Vorgehensweise. Die ungebremste Westwanderung verschärfte die Wirtschaftskrise in der DDR und diktierte das Tempo. Die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990, mit der die D-Mark im Osten Einzug hielt, galt in der Bevölkerung als ein erster Schritt hin zur deutschen Einheit. Am 18. Mai 1990 unterzeichneten die beiden deutschen Finanzminister einen Staatsvertrag, mit dem die Löhne und Gehälter im Kurs von 1:1 umgestellt wurden. Sparguthaben konnten gestaffelt bis zu einem Betrag von 2000 bis 6000 Mark in DM umgetauscht werden, darüber hinaus galt ein Umrechnungskurs von 2:1.

Der Abschluss von Staatsverträgen

Als am 6. Juli 1990 die Verhandlungen über den Einigungsvertrag begannen, ging es um Einzelheiten des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes. Die staatliche Vereinigung nach Artikel 146 GG fand in der DDR-Regierung, vor allem aber in der Bundesregierung keine Zustimmung, weil sie das Bonner Grundgesetz ungültig und somit die Ausarbeitung einer neuen Verfassung notwendig gemacht hätte. Für eine langwierige Verfassungsdebatte fehlte jedoch die Zeit. Zudem entschieden über die Bedingungen der deutschen Vereinigung nicht allein die DDR und die Bundesrepublik. Nicht nur aus Paris und London, vor allem aus Warschau kam die Forderung, dass ein vereintes Deutschland die bestehenden Grenzen in Europa anerkennen müsse. Das betraf insbesondere die Grenze zu Polen. Der Bundestag und die Volkskammer sicherten daher am 21. Juni 1990 in einer Entschließung die "Unverletzlichkeit" der polnischen Westgrenze, also der in Westdeutschland jahrzehntelang umstrittenen Oder-Neiße-Grenze, sowie die Achtung der Souveränität und der territorialen Integrität des östlichen Nachbarn uneingeschränkt zu.

Dieser Schritt machte nun endgültig den Weg für die internationale Zustimmung zur Wiedervereinigung Deutschlands frei. Nachdem die UdSSR der Zugehörigkeit des vereinigten Deutschlands zur NATO zugestimmt hatte, unterzeichneten Vertreter der DDR, der Bundesrepublik sowie Frankreichs, der Vereinigten Staaten, des Vereinigten Königreichs und der Sowjetunion am 12. September 1990 den Zwei-plus-Vier-Vertrag. Dieser Staatsvertrag beendete die Viermächte-Verantwortung in Bezug auf Berlin und "Deutschland als Ganzes", das vereinigte Deutschland erhielt seine staatliche Souveränität zurück. Im Zwei-Plus-Vier-Vertrag wurde darüber hinaus vereinbart, die Truppenstärke der deutschen Streitkräfte von 500000 auf 370000 Mann zu reduzieren und dauerhaft zu beschränken. Zudem verzichtete Deutschland auf die Herstellung, den Besitz von und die Verfügung über ABC-Waffen. Die Sowjetunion sicherte zu, ihre Truppen vom Gebiet der ehemaligen DDR bis spätestens 1994 abzuziehen, am 31. August 1994 verließen ihre letzten Militäreinheiten den Ostteil Deutschlands. Damit endete die seit 1945 währende sowjetische Militärpräsenz auf deutschem Boden.

In den deutsch-deutschen Verhandlungen ging alles ebenfalls sehr schnell. Am 31. August unterzeichneten Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und DDR-Staatssekretär Günther Krause den in nur acht Wochen ausgehandelten Einigungsvertrag, der die konkreten Bedingungen des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik regelte: Änderungen im Grundgesetz, Fragen der Rechtsangleichung in Ostdeutschland, der öffentlichen Verwaltung und des ostdeutschen Staatsvermögens sowie verschiedene Aspekte der Bereiche Arbeit, Soziales, Frauen und Kultur. Strittige Fragen wie etwa die Forderungen nach einer Verfassungsdiskussion, des künftigen Regierungssitzes des vereinten Deutschlands oder einer einheitlichen Regelung des Schwangerschaftsabbruchs wurden vertagt. Zudem wurde das Prinzip "Rückgabe vor Entschädigung" vereinbart, mit dem die Enteignungen in der DDR nach 1949 rückgängig gemacht werden sollten. Hierfür mussten allerdings in einem komplizierten Prozess Vermögensfragen geklärt werden. Im Vorfeld des Einigungsvertrages hatte die Volkskammer bereits am 17. Juni das Treuhandgesetz verabschiedet. Die daraufhin eingerichtete Behörde, die der Aufsicht des Ministerpräsidenten unterstellt war, hatte den Auftrag, die in Staatshand befindlichen Betriebe, Grundstücke und Immobilien so rasch wie möglich in private Hand zu überführen. Am 20. September stimmten die beiden deutschen Parlamente dem Staatsvertrag mit großer Mehrheit zu.

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Die deutsche Einheit

Noch vor der staatlichen Einheit hatten sich die DDR-Liberalen Mitte August mit der westdeutschen FDP vereinigt. Ende September vereinten sich die Sozialdemokraten und am 1. Oktober schlossen sich der "Demokratische Aufbruch" und die Bauernpartei der CDU an. Die Partei "Die Grünen" und das "Bündnis 90" einigten sich auf eine Zusammenarbeit bei der gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990. Verschiedene linke Gruppierungen verbanden sich mit der PDS.

Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland nach Artikel 23 des Grundgesetzes bei. Damit hörte die DDR auf, als Staat zu existieren. Mit der staatlichen Einheit wurden für alle Bürgerinnen und Bürgern der neuen Bundesländer jene Forderungen erfüllt, mit denen die Menschen im Herbst 1989 auf die Straße gegangen waren: Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Die Erfahrung, mit friedlichen Massenprotesten, politischer Courage und gesellschaftlichem Reformwillen die kommunistische Diktatur im Osten zu Fall gebracht zu haben, wirkt bis heute.

Quellentext

Eltern und Großeltern erinnern sich

[...] Eine Projektwoche liegt vor ihnen: "Schild und Schwert der Partei". Gemeinsam mit einer Lehrerin, mit Johannes Beleites, Studienleiter der Evangelischen Akademie Thüringen, und mit Matthias Wanitschke, Mitarbeiter der Landesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit, werden sich [25 Zehntklässler einer Regelschule aus einem kleinen Ort in Thüringen] über fünf Tage das Wirken der Stasi und die Mechanismen der SED-Diktatur erarbeiten.


Die Schüler, 15 oder 16 Jahre alt, [...] haben mit Menschen, die in der DDR gelebt haben, über die Erfahrungen mit dem MfS, der NVA und der Volkspolizei gesprochen. Die Jungen und Mädchen sollen jetzt ihre Interviewergebnisse vortragen. Die meisten haben ihre Großeltern und Eltern befragt. Ein Mädchen sagt, die DDR sei keine Diktatur gewesen: "Heute wird einem auch gesagt, was man machen muss."


Die meisten berichten aber, ihnen sei zu Hause geantwortet worden, die DDR sei "wohl mehr oder weniger eine Diktatur" gewesen. Allerdings kommt ihnen der Satz eher pflichtschuldig über die Lippen [...]. Die Schüler machen die verhaltene Kritik an der DDR aber sogleich wett: Die Kindheit dort, so hätten die daheim Befragten berichtet, sei doch schön gewesen, mit Schulspeisung, genug Kindergarten- und Arbeitsplätzen und dem guten Kinderprogramm des Fernsehens. Alles sei bestens organisiert gewesen. Weder die Reisefreiheit noch das Westfernsehen hätten ihnen gefehlt. Die Mutter sei gern zu den jungen Pionieren gegangen oder habe heute noch Freundinnen aus der FDJ. Von der Stasi hätten nur Einzelne etwas bemerkt.


Auch wenn die befragten Verwandten den Grenztruppen angehörten, und das waren nicht wenige, hatten sie angeblich keinen Kontakt zur Staatssicherheit. Die ehemaligen Angehörigen der "bewaffneten Organe" lobten ihren Kindern und Enkeln gegenüber die Solidarität und Kameradschaft in der Truppe. [...] Man habe zwar gewusst, dass man bespitzelt wird, aber man habe sich sicher und beschützt gefühlt. Konflikte mit dem SED-Staat waren offenbar die Ausnahme.


[...] Der Vater eines Jungen empfand die Schulungen des MfS während seines Militärdienstes als "schlecht". Wer bei der NVA seine Meinung sagte, habe 50 Mal den Fahneneid schreiben müssen. Das MfS habe ein Feindbild von den Verwandten im Westen vermittelt. [...]
Julia erzählt von ihrem Vater, der nicht zur Wahl gehen wollte. Daraufhin sei der Bürgermeister zu ihnen ins Haus gekommen, aber der Vater sei trotzdem nicht gegangen. Alex' Mutter hatte Respekt vor der Volkspolizei und der Stasi. Die seien immer und überall gewesen, und immer habe die Mutter Angst gehabt. Schon als Kind habe sie zu Hause gelernt, nichts gegen den Staat zu sagen und in der Schule nicht preiszugeben, dass sie zu Hause West-Fernsehen schauten.
Die Lehrerin offenbart den Schülern: "Ich habe eine Akte." Die Stasi beschattete sie beim Treffen mit West-Verwandtschaft am Hermsdorfer Autobahnkreuz und bescheinigte ihr, dass sie nicht zum Propagieren des Marxismus-Leninismus befähigt sei. [...]


Unter Anleitung der Tutoren nähern sich die Schüler der Frage, was die Stasi gewesen ist, und die Jungen, die am Morgen noch schüchtern waren, tauen auf. Die SED habe die Stasi gegründet, um ihre Macht zu sichern, sagt Toni. Philipp sagt, ohne Stasi hätte es Chaos gegeben, und Steven sagt, es wäre "nicht so geordnet gewesen, sondern es hätte Aufstände gegeben wie heute in Afrika". Christopher beschreibt, dass es in der DDR keine Gewaltenteilung gab, denn die Stasi habe im Gegensatz zu heutigen Geheimdiensten ermittelt, verhaftet und die Menschen eingesperrt [...].


Die andere Gruppe befasst sich [...] mit der Frage nach Tätern und Opfern in der DDR. Die Schüler haben einen Beitrag von Bummi, dem Bären, gelesen, in dem die SED als die große Familie gepriesen wird. Bummi ist eine Erfindung des Zentralrats der FDJ und bis heute der Titelheld einer Kinderzeitschrift. Bummi hat im Internet eine Fangemeinde, die sich zur Kindheit und Geborgenheit in der DDR bekennt. Auch alle Zehntklässler kennen den gelben Bären. Als Kontrast haben sie einen Text über die "Politisch ideologische Diversion" (PiD) gelesen, für deren Bekämpfung die Hauptabteilung XX des MfS zuständig war. Als PiD galt jede von der Linie der SED abweichende Einflussnahme auf die Meinungsbildung. [...]


Am zweiten Tag, dem Dienstag, arbeiten sich die Zehntklässler durch das Erfurter Archiv der Stasiunterlagenbehörde. Auf 1,4 Millionen Karteikarten wurden dort während 40 Jahren Sozialismus die Daten von 2,5 Millionen Menschen allein aus dem kleinen Bezirk Erfurt festgehalten. Die Schüler bereiten die Gespräche mit zwei Zeitzeugen vor. Michael Schlosser, ein damals 38 Jahre alter Kraftfahrzeugschlosser und Fuhrparkleiter des Fernsehstudios Dresden, ist 1983 von der Staatssicherheit verhaftet worden. Er erhielt vier Jahre und sechs Monate Haft wegen versuchter Republikflucht. Grit Angermann war im selben Jahr 18 Jahre alt, als sie Losungen wie "Neue Männer braucht das Land" oder "Anarchie" in Weimar auf Wände malte. Sie wurde zu sechs Monaten Haft wegen Rowdytums verurteilt. Sie gelangte sechs Wochen nach ihrer Haftentlassung in den Westen nach Kassel. Schlosser wurde freigekauft und zog nach Alzey. Die Schüler studieren die Akten und bereiten Fragen an die Zeitzeugen vor. Schlosser kommt am Mittwoch, Grit Angermann am Donnerstag. [...]


Am Freitag schließlich spielen die Schüler Szenen aus dem Alltag der DDR nach, in denen sie das, was sie sich die Woche über erarbeitet haben, noch einmal erleben. In der Schlussrunde am Ende der Woche sind die Schüler erstaunt, wie viel sie über die DDR und die Stasi als "Schild und Schwert der Partei" erfahren haben.

Claus Peter Müller, "Diktatur mit schöner Kindheit", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. März 2011

Am 14. Oktober 1990 fanden in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen Landtagswahlen statt. Nach der Bundestagswahl am 2. Dezember 1990, aus der die CDU als stärkste Partei hervorging, wurde Helmut Kohl zum ersten Bundeskanzler des vereinten Deutschland gewählt.

Der mit der Einheit Deutschlands verbundene gesellschaftliche Umbruch veränderte die Lebenswelten der Ostdeutschen dramatisch. Für viele Menschen eröffneten sich dadurch neue Möglichkeiten der beruflichen und privaten Selbstentfaltung. Politische Gängelung, Gesinnungsterror und die Angst vor politischer Repression gehörten der Vergangenheit an. Der Einzug der westdeutschen Konsumwelt beendete auch die ostdeutsche Mangelwirtschaft. Doch zugeich mussten auch die Konsequenzen der Marktwirtschaft bewältigt werden, die insbesondere viele Arbeiter in den bislang staatlichen Betrieben überraschten. Millionen Beschäftigte in Wirtschaft und Verwaltung wurden arbeitslos, weil die privatisierten Betriebe den Übergang zur Marktwirtschaft nicht schafften oder große Staatsbetriebe geschlossen wurden.

Quellentext

"Das Kollektiv war alles, der Einzelne nichts"

[...] G. A.: Mit welchen Gefühlen sind Sie in die Wiedervereinigung gegangen?

Kowalzcuk: Mit Freude, aber auch mit Unsicherheit. Wir wussten ja nicht, was genau geschehen würde, welche konkreten Veränderungen auf uns zukommen. Aber natürlich überwog die Freude, dass die SED-Diktatur zu Ende ist. [...]


G. A.: Ihnen war die historische Bedeutung des Tages bewusst?


Kowalzcuk: Gar keine Frage, ja. Wobei die historisch bedeutsamen Ereignisse in den Monaten zuvor passiert waren: die Massenflucht, die Massendemonstrationen in Leipzig, der Fall der Mauer, die freien Wahlen in der DDR. Das sind die eigentlichen Wegmarken der Einheit.
G. A.: Knapp elf Monate zuvor war die Mauer gefallen. Wie erinnern Sie sich daran?


Kowalzcuk: Es war ein Tag der Selbstbefreiung. Nicht der Staat öffnete die Mauer, die Bürger erzwangen den Durchbruch. Gerade viele Ost-Berliner hatten die Sehnsucht, einfach durch die Mauer zu fahren und zu schauen, was dahinter ist. Wir sind ja mit dem Westen im Kopf groß geworden. Ich wollte in die Plattenläden gehen, in die Buchhandlungen. Jeden Abend hörte ich im Radio, was auf der anderen Seite in den Clubs los war, oder den WestWetterbericht. Klingt seltsam, aber nun galt das West-Wetter auch für mich. [...]
G. A.: Wie erinnern Sie sich an die DDR?
Kowalzcuk: Für mich war dieser Staat von vorne bis hinten unerträglich. Die schönen Erlebnisse waren alle im familiären Bereich oder mit Freunden. Aber das System DDR? Da entdecke ich nichts, das man hätte bewahren sollen.


G. A.: Auch nicht Dinge wie die umfassende Kinderbetreuung?


Kowalzcuk: Wenn man in Kindergärten und Schulen ging, war es unerträglich. In den Kitas mussten die Kinder mit Kriegsspielzeug spielen, Disziplin und Ordnung, das Kollektiv waren alles, der Einzelne nichts. Das Ziel war, die Individualität der Kinder zu brechen. In der Schule ging das weiter. Permanent wurde vorgeschrieben, was man zu lesen hatte. Man musste ständig in militärähnlichen Formationen aufmarschieren. Es gab zahllose ideologische Tabuthemen. [...]


G. A.: Also gar nichts, was sich gelohnt hätte, ins vereinte Deutschland rüber zu retten?


Kowalzcuk: Nein. Ich bin froh, dass man mit der DDR Tabula Rasa gemacht hat. Man kann nicht aus einem Gesamtsystem einzelne Aspekte herausgreifen. Die Einzelteile bedingen einander.


G. A.: Können Sie die Debatte nachvollziehen, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht?


Kowalzcuk: Ich reagiere ziemlich allergisch auf Versuche, die Verhältnisse in der DDR zu verniedlichen. Es gab nur 600 Rechtsanwälte für 17 Millionen Menschen. Wer das Land ohne Genehmigung verlassen wollte, wurde verhaftet oder erschossen. Das Recht konnte in der DDR jederzeit durch die herrschenden Kommunisten gebeugt werden. Willkür und Unrecht waren systembedingt. Wie kann man da nicht von einem Unrechtsstaat sprechen?


G. A.: Viele Ex-DDR-Bürger reagieren verletzt.
Kowalzcuk: Politik, Publizistik und Wissenschaft haben es versäumt deutlich zu machen, dass, wenn man von einem Unrechtsstaat spricht, kein Urteil fällt über die Menschen, die in diesem System lebten. Viele DDR-Bürger fühlen sich durch den Begriff in ihrer Lebensbiografie entwertet und wehren sich dagegen. Dafür habe ich Verständnis. [...]
G. A.: Sind sich Ost- und Westdeutsche nah, oder sind sie einander fremd geblieben?


Kowalzcuk: Es bestehen nach wie vor Unterschiede im Denken und Verhalten. Aber warum auch nicht? In einem großen Land wie der Bundesrepublik gibt es diese Unterschiede eben, zwischen Nord und Süd, Ost und West. Die Vielfalt ist doch das Kennzeichen einer offenen Gesellschaft. Ich bin froh, dass es sie gibt.

"Dieser Staat war unerträglich". Interview von Kai Pfundt mit Ilko-Sascha Kowalzcuk, Projektleiter bei der Stasiakten-Behörde in Berlin, in: Bonner General-Anzeiger Bonn vom 2./3. Oktober 2010

Mit der Aktion "Aufbau Ost" versuchte die Bundesregierung in den folgenden Jahren, in den neuen Bundesländern ein selbst tragendes wirtschaftliches Wachstum zu erreichen, die Abwanderung in den Westteil Deutschlands zu stoppen, die hohe Arbeitslosigkeit abzubauen und die Transferabhängigkeit zu reduzieren. Bis 1995 wurden allein 82 Milliarden DM aus dem Fonds Deutsche Einheit für den Wiederaufbau im Osten aufgewendet. Die Maßnahmen hatten jedoch nicht in allen Bereichen den gewünschten Erfolg. Im Westen rief die Höhe der Kosten der Einheit Unmut hervor. Im Osten verbreitete sich das Gefühl, als Deutsche "zweiter Klasse" angesehen zu werden. Auf diese Weise haben die Deutschen die vielfach beschworene innere Einheit auch zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung noch nicht erreicht. In den Köpfen vieler lebt die Erinnerung an das, was sie in den vierzig Jahren ihrer Trennung erlebten, fort. Um die Zukunft zu gestalten, bedarf es der Aufarbeitung der deutsch-deutschen Geschichte, die frei von neuen oder alten Legenden sein sollte.

Quellentext

Erinnerung und Identität

Erinnerungen an die Vergangenheit [...] legitimieren, motivieren und vereinen die Bevölkerung durch Geschichtsschreibung und "Gründungsmythen" oder Zeremonien, wie Gedenkstätten oder auch Jahrestage. [...]


Erinnerungen sind ebenfalls eng mit individueller Identität verknüpft. Die Geschichten, die wir über uns selbst erzählen, senden Botschaften aus über die Person, als die wir gesehen werden wollen. [...]


Das bedeutet auch, dass Erinnerungen, ob kollektiv oder individuell, in der Gegenwart geschaffen werden. Sie werden von sozialen, kulturellen und politischen Faktoren beeinflusst und unterliegen Machtkonstellationen. Dies betrifft zum Beispiel die Frage, wer Versionen der Vergangenheit kreieren und diese be- oder verurteilen darf. [...] Offizielle Versionen der Geschichtsschreibung geben vor, was als erinnerungswürdig gilt. Somit hängt nationale Geschichtsschreibung von den Zukunftsvisionen momentaner Führungseliten ab, das heißt von Regierungen, Amtsinhabern, Intellektuellen. Erinnerungen, kollektive und individuelle, werden meistens, wenn auch nicht immer, durch persönliche Erzählungen [...] geteilt. [...]


Maurice Halbwachs prägte den Begriff "kollektives Gedächtnis". Er argumentierte, dass intimste Erinnerungen an die weiter reichenden Erinnerungen einer Gruppe, ob Familie, Freundeskreis oder Nation, gebunden sind. Wir können nur erinnern, was von der Gruppe als legitim betrachtet wird, und versuchen, unsere Erfahrungen innerhalb des von der Gruppe vorgegebenen Rahmens zu verstehen. [...]


In "Umbruchsgesellschaften" bestehen besondere Probleme beim Umgang mit der Vergangenheit. Dies betrifft nicht nur Deutschland, sondern auch andere vormals sozialistische Länder. Mit dem Ende des Sozialismus und der Delegitimierung dieses Systems vollzog sich ein extremer Wertewandel. Die Menschen heute müssen ein anderes Wertmaß an die Vergangenheit anlegen. Entscheidungen, Taten, Lebensweisen, die in der sozialistischen Gesellschaft "normal" waren, werden in Rückschau auf den Kommunismus in ein kritisches und oft negatives Licht getaucht. [...] Dieser Vorgang erwies sich als äußerst kompliziert. Viele Werte, die jahrzehntelang eingeübt und tradiert wurden, bestehen weiterhin in der Gesellschaft und beeinflussen Wahrnehmung und Verhalten dieser Menschen. Darüber hinaus können individuelle Lebenserfahrungen nicht einfach uminterpretiert werden. Geschichten auf einmal nach neuem Raster zu erzählen oder damals völlig "normale" Erlebnisse in Frage zu stellen, ist schwer, wenn nicht gar unmöglich. Vor allem ist dies schwierig, wenn die Basis, auf der die Vergangenheit bewertet wird, noch umkämpft ist. [...]
Der Begriff "Vergangenheitsbewältigung" entstand in der alten Bundesrepublik in Bezug auf den Umgang mit Nationalsozialismus und Judenverfolgung. Er umfasste eine Kombination von historischer Forschung, Gedenken und Trauerarbeit, in dem Versuch, dieses schwierige Kapitel zumindest zu "meistern". Mit der Wiedervereinigung wurde das Modell Vergangenheitsbewältigung auf die DDR übertragen. [...] In Bezug auf die DDR-Vergangenheit war der gängige Begriff nun "Vergangenheitsaufarbeitung". [...] Durch den Fokus auf den Diktaturcharakter des vergangenen Staates und durch die Parallelität des Umgangs mit der NS-Zeit akzentuierte die offizielle Geschichtsschreibung das Herrschaftssystem und die Opposition. Dieser Vorgang wiederum führte zu einem dichotomisierten Bild der DDR, mit Opfern auf der einen Seite und Tätern auf der anderen. [...]
Mittlerweile ist der Terminus "Vergangenheitsaufarbeitung" im Osten Deutschlands allerdings belastet. Ähnlich wie die "Vereinigung durch Übernahme" durch die Bundesrepublik, wird "Aufarbeitung" als ein vom Westen gesteuerter Prozess gesehen, der über die individuell und kollektiv erlebte Vergangenheit zu richten scheint. Verbunden mit Erfahrungen der Abwertung ostdeutscher Kultur und persönlicher Errungenschaften im Vereinigungsprozess sowie dem realen Verlust von Arbeitsplätzen und radikaler Veränderung der Umgebung in allen Lebensbereichen, führte dies Mitte der neunziger Jahre zu Nostalgie und einer Art "Trotz-Identität". "Ostalgie" focht hierbei westdeutsche Hegemonie an und präsentierte ein alternatives "Deutsch-Sein". [...] Seit Mitte der neunziger Jahre scheint die trotzige "Ossi-Identität" aber einem subtileren Gefühl von "Zu-Hause-Sein" gewichen zu sein, was wiederum eine flexible Auseinandersetzung mit den "anderen" Deutschen zulässt. [...]

Anselma Gallinat, Sabine Kittel, "Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheite heute", in: Thomas Großbölting (Hg.), Friedensstaat, Leseland, Sportnation?, Berlin 2003, S. 309 ff.



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