Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Zur aktuellen Lage der Weltbevölkerung

Unterschiede zwischen den Ländern Europas

Länder und Regionen lassen sich durch eine Vielzahl von sozioökonomischen Kennziffern vergleichen, aber wenn man eine einzige Kennziffer mit größtmöglicher Aussagekraft auswählen müsste, wäre die Geburtenrate, gemessen durch die Kennziffer "Zahl der Lebendgeborenen pro Frau", wegen ihrer folgenreichen Auswirkungen auf die Entwicklungstendenzen von Wirtschaft und Gesellschaft wahrscheinlich die wichtigste. Zwischen den Ländern Europas gibt es große Unterschiede hinsichtlich der Geburtenrate. Dagegen hat sich die Lebenserwartung stark angeglichen.

Für einen internationalen Vergleich der Geburtenraten ist es unabdingbar, die Zahl der Lebendgeborenen pro Frau oder pro 1000 Frauen nach dem Alter der Mütter zu untergliedern. Zwar zeigt sich in allen Ländern das gleiche Muster: Die Zahl der Lebendgeborenen auf je 1000 Frauen nimmt ab dem Alter 15 zunächst bis zum Alter um 30 stark zu, um anschließend wie bei einer Glockenkurve wieder bis zum Alter 45-49 auf Null zu sinken. Aber für jede Altersgruppe bzw. jedes Altersjahr zwischen 15 und 49 bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den Ländern.

Europa: Lebendgeborene auf 1000 Frauen nach dem Alter der Mütter von 2005-2010.Europa: Lebendgeborene auf 1000 Frauen nach dem Alter der Mütter von 2005-2010.
In Deutschland wurden beispielsweise im Zeitraum 2005-2010 von je 1000 Frauen in der Altersgruppe 15-19 durchschnittlich acht Kinder pro Jahr geboren, in Frankreich waren es beispielsweise nur sieben. Aber in der nächsten Altersgruppe 20-24 war die Zahl in Deutschland kleiner als in Frankreich (43 zu 54 Kinder). Vor allem in den beiden für das Gesamtniveau der Geburtenrate entscheidenden Altersgruppen 25-29 und 30-34, in denen mehr als zehn mal so viele Kinder zur Welt kommen als unter 20 oder Ende 30, waren die Zahlen in Frankreich wesentlich höher als in Deutschland: Je 1000 Frauen der Altersgruppe 25-29 brachten in Deutschland pro Jahr 81 und in Frankreich 133 Kinder zur Welt. ähnliche Unterschiede bestanden auch in den Altersgruppen 30-34, (88 zu 129 Kinder), 35-39 (43 zu 58 Kinder) und in der Altersgruppe 40-44 (acht zu zwölf Kinder).

Aus der Summe der Zahlen für die einzelnen Altersjahre von 0 bis 49 ergibt sich die Geburtenrate eines Landes. Sie betrug in Deutschland im Zeitraum 2005-2010 1,36 Lebendgeborene pro Frau und in Frankreich 1,97.

Westeuropa: Lebendgeborene auf 1000 Frauen nach dem Alter der Mütter.Westeuropa: Lebendgeborene auf 1000 Frauen nach dem Alter der Mütter.
In Europa als Ganzem waren es im Zeitraum 2005-2010 im Mittel 1,53 Lebendgeborene pro Frau, in Nordeuropa 1,83, in Westeuropa 1,63, in Südeuropa 1,43 und in Osteuropa 1,40. Der entscheidende Grund für die in Osteuropa niedrigere Geburtenrate zeigt sich bei einem Vergleich nach Altersgruppen: In Osteuropa kommen zwar in den jungen Altersgruppen 15-19 und 20-24 auf je 1000 Frauen deutlich mehr Kinder zur Welt als in den anderen europäischen Ländern, aber in den für das Gesamtniveau der Geburtenrate entscheidenden Altersgruppen 25-29 und 30-34 sind die Geburtenzahlen je 1000 Frauen wesentlich niedriger.

Deutschland: Lebendgeborene auf 1000 Frauen nach dem Alter der Mütter.Deutschland: Lebendgeborene auf 1000 Frauen nach dem Alter der Mütter.
Die Geburtenrate Europas schwankte in den letzten 20 Jahren in dem relativ engen Intervall von 1,42 bis 1,57 Lebendgeborenen pro Frau, die Westeuropas zwischen 1,50 und 1,59. Hinter diesen nur geringfügigen Bewegungen verbergen sich starke Veränderungen in den verschiedenen Altersgruppen. Dabei fanden gleichzeitig zwei wichtige Verschiebungen statt: Infolge der Verlängerung der schulischen und beruflichen Ausbildungsgänge und der immer stärkeren Beteiligung der Frauen am Erwerbsleben nahm die Zahl der Lebendgeborenen pro Frau bei den unter 30-Jährigen ständig ab und jenseits des Alters 30 zu. Dies bedeutet, dass Geburten in eine spätere Phase des Lebenslaufs aufgeschoben wurden. Das mittlere Alter bei der Geburt der Frauen stieg dadurch in Deutschland auf über 30 Jahre. Da sich die beiden Veränderungen zum großen Teil ausglichen, blieb die Geburtenrate als Summe der Zahlen weitgehend konstant. Daraus erklärt sich auch die geringe Schwankungsbreite der Geburtenrate in den letzten zwei Jahrzehnten.

Der sogenannte demografische Wandel besteht aus drei gleichzeitigen, voneinander abhängigen Veränderungen – der Bevölkerungsschrumpfung, der Alterung und der Internationalisierung der Bevölkerungsentwicklung durch Einwanderungen. Vor allem die Bevölkerungsschrumpfung und die demografische Alterung werden in erster Linie durch die niedrige Geburtenrate verursacht. Da sich die Geburtenraten der europäischen Länder stark unterscheiden, sind auch deren Auswirkungen auf die Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung unterschiedlich:
  • Besonders intensiv altern die Länder mit den niedrigsten Geburtenraten, vor allem die osteuropäischen und südeuropäischen Länder sowie Deutschland. Frankreich und die nordeuropäischen Länder verzeichnen die höchsten Geburtenraten in Europa. In diesen Ländern ist die demografische Alterung in erster Linie wegen der höheren Geburtenraten und nur in geringerem Maße auch wegen der steigenden Lebenserwartung am geringsten. Die Bevölkerung wächst hier in den nächsten Jahren infolge von Geburtenüberschüssen und Einwanderungen weiter.
  • Die Einwanderung jüngerer Menschen würde den Anstieg des Altenquotienten in der EU nicht stoppen, sondern nur mildern. Wollte man die demografische Alterung beispielsweise in Deutschland durch die Einwanderung junger Menschen verhindern und den Altenquotienten auf dem Niveau von beispielsweise 1995 konstant halten, müssten nach den Berechnungen der Population Division der UN in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts rund 188 Millionen Menschen nach Deutschland bzw. 1386 Millionen nach Europa netto einwandern. Das Ergebnis dieser Berechnungen ist nur auf den ersten Blick unplausibel, denn junge Einwanderer senken zwar den Altenquotienten in den ersten Jahren, aber wenn sie beispielsweise nach 30 Jahren selbst zu den über 60-Jährigen zählen, erhöht sich der Altenquotient dann um so stärker, je mehr Junge eingewandert sind. Ihre Geburtenrate ist zwar höher als die der Menschen ohne Migrationshintergrund, aber dies dämpft den Anstieg des Altenquotienten nur geringfügig.
  • Die für die wirtschaftliche Entwicklung wichtige Altersgruppe der 15- bis 65-Jährigen hat in den Ländern mit überdurchschnittlicher Geburtenrate auch ohne Wanderungen noch bis 2005-2010 leichte und im Falle Irlands noch bis 2040-2045 relativ starke Zuwächse. Zu diesen Ländern gehören neben Irland auch Frankreich, Großbritannien, Holland, Dänemark und Finnland. Aber im Durchschnitt der EU-Länder wäre diese Altersgruppe ohne Wanderungen bereits seit Ende des 20. Jahrhunderts geschrumpft.
  • Bliebe die Geburtenrate Europas konstant, würde die Bevölkerungszahl von 2010 bis 2050 von 727 Millionen auf 672 Millionen zurückgehen und das Medianalter von 40,1 auf 48,6 Jahre steigen (Berechnungen der UN-Population Division, 2010).




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