Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Zur aktuellen Lage der Weltbevölkerung

Wachstumsdynamik der Dritten Welt

Mit der sogenannten Nettoreproduktionsrate (NRR), einer der wichtigsten demografischen Kennziffern, lässt sich der Einfluss sowohl der Fertilität als auch der Mortalität in einer einzigen Messziffer berücksichtigen. Der Begriff Nettoreproduktionsrate ist als Zahl der lebendgeborenen Mädchen pro Frau unter Berücksichtigung der Sterblichkeit der Frauen definiert, sie misst den sogenannten Generationenersatz. Ist die NRR größer als eins, entfallen pro Frau mehr als eine Tochter bzw. pro Paar mehr als zwei Kinder, und die Bevölkerung wächst. Ist die NRR gleich eins, bleibt die Bevölkerung konstant, ist sie kleiner als eins, schrumpft sie.

Bei Berechnungen der Nettoreproduktionsrate wird berücksichtigt, dass nicht jedes geborene Mädchen sich seinerseits fortpflanzt, weil es zum Beispiel infolge der Säuglings- und Kindersterblichkeit vorzeitig stirbt. Bleibt der Einfluss der Mortalität auf die Fertilität unberücksichtigt, ergibt sich die sogenannte Bruttoreproduktionsrate (BRR).

Die natürliche Sexualproportion (Geschlechterverteilung) bei der Geburt beträgt im Mittel 106 Jungen pro 100 Mädchen oder gerundet 1,1 Jungen pro Mädchen, bzw. 2,1 Lebendgeburten pro Frau.

Bevölkerungswachstum in alternativen Messziffern von 2005-2010.Bevölkerungswachstum in alternativen Messziffern von 2005-2010.
Die Anthropologie unterscheidet Staaten, in denen bei der Eheschließung für die Frau eine Mitgift bezahlt wird (vor allem in Asien), von Ländern, in denen ein Brautpreis entrichtet wird (vor allem in Afrika). In der ersten Ländergruppe werden Jungen bevorzugt, es gilt die "Sohnespräferenz". Die vorgeburtliche Geschlechtsdiagnose mit der Abtreibung von Mädchen ist in dieser Gruppe verbreitet, sodass die Sexualproportion bei der Geburt über dem natürlichen Wert von 106 Jungen zu 100 Mädchen liegt. Zu dieser Ländergruppe gehören Indien und China. Sind die beiden ersten Kinder Mädchen, steigt die Sexualproportion bei der Geburt auf Werte von über 140:100. Eine hohe Sexualproportion bei der Geburt verringert die Geburtenzahl und dämpft das Bevölkerungswachstum. Eine ähnliche Wirkung hat zum Beispiel auch die Abwanderung junger Frauen aus den neuen Bundesländern in die alten. Dadurch wird die Sexualproportion in dem für die Geburtenzahl wichtigen Alter von 25 bis 35 stark verringert, so dass beispielsweise im Jahr 2009 bei den 20-35-jährigen Frauen in Mecklenburg-Vorpommern ein "Defizit" von 14 Prozent bestand.

In afrikanischen Ländern mit hoher Sterblichkeit ist die Differenz zwischen der Brutto- und der Nettoreproduktionsrate extrem hoch, die Mortalität reduziert die Fertilität um 30 bis 40 Prozent. In einigen Ländern Afrikas ist die Fertilität mehr als doppelt so hoch wie zur einfachen Reproduktion der Bevölkerung erforderlich, die Nettoreproduktionsrate liegt zwischen zwei und drei, für Afrika insgesamt beträgt sie für 2005 bis 2010 1,80. Die Bevölkerung Afrikas wächst also – trotz der hohen Mortalität und trotz der Aids-Epidemie – von Generation zu Generation, das heißt im Abstand von 25 bis 30 Jahren, um 80 Prozent. In den Industrieländern betrug die NRR im Zeitraum 2005 bis 2010 0,79, in den Entwicklungsländern 1,14, darunter in den am wenigsten entwickelten Ländern 1,74, und in der Welt insgesamt 1,08.

Bevölkerungsreichste Länder

Im Jahr 2010 hatten die zehn bevölkerungsreichsten Länder der Welt einen Anteil von 59 Prozent an der Weltbevölkerung (6,9 Milliarden). Zu ihnen gehörten (Bevölkerungszahl in Millionen in Klammern): China (1341), Indien (1225), die USA (310), Indonesien (240), Brasilien (195), Pakistan (174), Nigeria (158), Bangladesch (149), Russland (143) und Japan (127). Deutschland (82) liegt nach Äthiopien (83) an fünfzehnter Stelle. Bei Drucklegung der ersten Auflage dieses Heftes im Jahr 2004 war Deutschland an zwölfter Stelle.

Staaten, die den größten Bevölkerungszuwachs verzeichnen.Staaten, die den größten Bevölkerungszuwachs verzeichnen.
Die jährliche Zunahme der Weltbevölkerung betrug am Anfang des 21. Jahrhunderts (Durchschnitt im Zeitraum 2005 bis 2010) 78 Millionen. Von diesem Zuwachs entfielen 42 Prozent auf folgende fünf Länder (jährlicher Bevölkerungszuwachs 2005 bis 2010 in Millionen in Klammern): Indien (16,9), China (6,7), Nigeria (3,7), Pakistan (3,0) sowie die USA (2,7).

Indien trägt auf Grund seiner hohen Fertilität (2,73 Kinder pro Frau) am meisten zur Zunahme der Weltbevölkerung bei (22 Prozent). Der Beitrag Indiens wäre dabei noch etwas höher, wenn die Sexualproportion bei der Geburt nicht durch vorgeburtliche Abtreibungen von Mädchen beeinflusst würde. Nach den Bevölkerungsvorausberechnungen der UN nimmt die Fertilität zwar auch in Indien von 2005-2010 bis 2045-2050 von 2,73 auf 1,87 Kinder pro Frau ab (mittlere Variante), das Bevölkerungswachstum setzt sich aber auf Grund der jungen Altersstruktur (Trägheit des Wachstums) bis in die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts fort. Die Bevölkerungszahl Indiens wächst von 2010 bis 2050 von 1225 Millionen auf 1692 Millionen, sie wird die Bevölkerungszahl Chinas ab dem Jahr 2020 mit dann 1388 Millionen übertreffen, sodass Indien noch in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts zum bevölkerungsreichsten Land der Erde wird.

Chinas Bevölkerung wird um das Jahr 2025 mit 1,4 Milliarden ihren Höhepunkt erreichen und danach abnehmen (mittlere Projektionsvariante der UN). Die Zusammengefasste Geburtenrate Chinas (TFR – siehe Glossar) ist auf Grund der mit hoher Priorität verfolgten, teilweise rigorosen Bevölkerungspolitik von 1950-1955 bis 2005-2010 von 6,11 auf 1,64 Kinder je Frau gesunken. Dadurch verringerte sich die jährliche Geburtenzahl von 1965 bis 1970 von 29 auf 17 Millionen. Zu dem Rückgang der Geburtenzahlen hat auch hier die gezielte, vorgeburtliche Abtreibung von Mädchen beigetragen.

In der Rangfolge der Länder mit dem größten Beitrag zur Zunahme der Weltbevölkerung schließt sich eine zweite Gruppe von fünf Ländern mit einem Anteil am Weltbevölkerungszuwachs von 11,9 Prozent, darunter Indonesien und Brasilien, und eine dritte Gruppe mit 7,8 Prozent an, darunter Mexiko und die Türkei.

Die Bevölkerungsentwicklung der Türkei wird beispielsweise gemäß der mittleren Variantenberechnung der Population Division der UN auf Grund der jungen Altersstruktur (und trotz der Annahme eines Auswanderungsüberschusses) von 2010 bis 2050 von 72,6 auf 91,6 Millionen anwachsen. Das Wachstum setzt sich in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts fort.



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