Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Soziale Auswirkungen der demografischen Entwicklung

Ansätze für die Politik

Jede Art von familienfördernder Politik muss auf einer genauen Analyse der Ursachen und Faktoren aufbauen, von denen die Geburtenrate abhängt. Wenn die Geburtenrate nach Ersten Kindern, Zweiten Kindern, Dritten Kindern sowie Vierten und weiteren Kindern aufgegliedert wird, zeigt sich, dass beim letzten Geburtenrückgang in den 1970er Jahren zuerst die Häufigkeit der Vierten Kinder (und der Kinder mit noch höherer sogenannter Ordnungsnummer der Geburt) abnahm und anschließend die Häufigkeit der Dritten, der Zweiten und zuletzt der Ersten Kinder zurückging.

Der Hauptgrund für die niedrige Geburtenrate in Deutschland ist jedoch der hohe Anteil von kinderlos bleibenden Frauen an jedem Jahrgang. Bei den jüngeren Jahrgängen ab 1965 beträgt der Anteil der Kinderlosen in den alten Bundesländern ein Viertel bis ein Drittel, in den neuen Bundesländern ist deren Anteil nur etwa halb so hoch. Bei jedem Jahrgang bilden die Frauen mit zwei Kindern die größte Gruppe, ihr Anteil an allen Frauen des Jahrgangs ist im Zeitablauf weitgehend konstant. Durch den von Jahrgang zu Jahrgang zunehmenden Anteil der Kinderlosen spaltet sich die Gesellschaft zunehmend in zwei Gruppen mit und ohne Kinder. Es gibt zwar mehrere andere Länder mit einer ähnlich niedrigen Geburtenrate wie Deutschland, aber in keinem Land ist die Spaltung in zwei Bevölkerungsgruppen mit und ohne Kinder so stark wie hier. Der hohe Anteil der lebenslang kinderlos bleibenden Frauen ist der entscheidende Grund, warum die Geburtenrate in Deutschland deutlich niedriger ist als beispielsweise in Frankreich (im Zeitraum 2005-2010 waren es in Deutschland 1,36, in Frankreich 1,97 Lebendgeborene pro Frau).

In unserer Gesellschaft sind die beiden folgenreichsten unaufschiebbaren Entscheidungen, die junge Menschen am Beginn ihrer Biografie treffen müssen, die Festlegung für einen bestimmten Ausbildungsweg und die anschließende Berufswahl. Diese Entscheidungen fallen häufig zeitlich zusammen mit der Bindung an einen Partner und mit der damit verbundenen Entscheidung für bzw. gegen die Eheschließung und Familienbildung. Durch diese Eröffnungsentscheidungen am Beginn der Biografie polarisieren sich die Lebensläufe in zwei Gruppen mit und ohne Kinder. Innerhalb der Gruppe mit Kindern hat der Übergang zum zweiten Kind bei weitem nicht mehr so einschneidende Konsequenzen wie der Übergang zum ersten Kind bzw. zur Elternschaft.

Der Trend zur lebenslangen Kinderlosigkeit wird sich möglicherweise noch fortsetzen. Der Anteil der Frauen an einem Jahrgang, die zeitlebens ein Kind haben, wird wahrscheinlich weiter abnehmen, der Anteil der Frauen mit zwei Kindern relativ stabil bleiben und auch der Anteil der Frauen mit drei Kindern wird stagnieren. Dagegen könnte sich der Anteil der Frauen mit vier und mehr Kindern – bedingt durch die Zugewanderten mit tendenziell zunächst höherer Geburtenrate – vorübergehend vermutlich leicht erhöhen.

Um die Folgen der negativen Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf Wirtschaft und Gesellschaft in den Griff zu bekommen, reagiert die Politik mit einschneidenden Reformen der sozialen Sicherungssysteme und des Arbeitsmarktes, weniger jedoch mit Strategien zur Behebung der niedrigen Geburtenrate als der entscheidenden Ursache dieser Entwicklung.

Bei Menschen, die sich Kinder wünschen, ist wahrscheinlich eine Familienpolitik am wirksamsten, die eventuelle Hindernisse aus dem Weg räumt, die einer Verwirklichung ohnehin vorhandener Kinderwünsche im Wege stehen und die eine Vereinbarkeit von Erziehungs- und Erwerbsarbeit durch Betreuungseinrichtungen für Kinder im Vorschul- und Schulalter gewährleistet. Aber auch Maßnahmen wie Familienlastenausgleich, Eltern-, Kinder- und Erziehungsgeld oder andere geldwerte Leistungen wie die Anerkennung von Erziehungszeiten in der Renten- und Pflegeversicherung der Eltern oder vom Staat finanzierte Betreuungseinrichtungen können naturgemäß nur Wirkungen entfalten, wenn der Wunsch nach einem Kind überhaupt vorhanden ist.



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