Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Soziale Auswirkungen der demografischen Entwicklung

Einflussfaktor Zuwanderung

Die Schrumpfung der Zahl (nicht nur des Anteils) der jüngeren und der mittleren Altersgruppe bei gleichzeitigem Wachstum der Anzahl und des Anteils der Älteren wirkt sich nicht nur auf das Gebiet der sozialen Sicherung aus, sondern auch auf den Arbeitsmarkt und das Wirtschaftswachstum. Diese Bereiche hängen eng zusammen: Jeder fehlende Beitragszahler in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung ist auch ein fehlender Steuerzahler. Eine sinkende Zahl von Erwerbspersonen bewirkt nicht nur Einnahmeausfälle in den gesetzlichen Sozialversicherungen, sondern sie dämpft gleichzeitig das Wachstum des Volkseinkommens. Dadurch mindert sie die Steuereinnahmen, die der Staat zur Finanzierung der Zuschüsse an die gesetzliche Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung benötigt, um die demografisch bedingt steigende Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben zu schließen.

Der Begriff "Migrationshintergrund" im Spiegel der Statistik.Der Begriff "Migrationshintergrund" im Spiegel der Statistik.
Wie wirken sich Zuwanderungen auf die durch die demografische Alterung bedingten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen aus? Bei dieser Frage muss zunächst zwischen mindestens vier Gruppen von Zuwandernden unterschieden werden: Humanitäre Zuwanderungen (Asylsuchende und Flüchtlinge), angeworbene Arbeitskräfte, nachziehende Familienangehörige und Spätaussiedelnde.

In Deutschland ist der nach der wirtschaftlichen Rezession im Jahr 1973 eingeführte Anwerbestopp für Arbeitskräfte immer noch in Kraft. Abgesehen von den Ausnahmeregelungen für Saisonarbeiter oder bestimmte Berufe wie Informatiker ("Green-Card"-Regelung), entfallen die weitaus meisten Zuwanderer auf die Gruppe der Nicht-Angeworbenen. Auch diese sind jedoch für das Angebot an Arbeit von Bedeutung. Dies gilt beispielsweise für die im Wege der Familienzusammenführung zugewanderten Ehepartner sowie für Kinder, die nach Abschluss ihrer Ausbildung das Angebot an Arbeitskräften erhöhen.

Die Frage nach den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Zuwanderungen muss in Teilfragen untergliedert werden: Auswirkungen auf das Angebot an Arbeit, auf das Volkseinkommen und auf die Altersstruktur der Bevölkerung.

Die Zahl der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland stieg seit den 1960er Jahren bis zum Ende des 20. Jahrhunderts von zwei Millionen auf über sieben Millionen an. Dadurch erhöhte sich zwar die Zahl der Personen im Erwerbsalter, die Zahl der tatsächlich Erwerbstätigen stieg jedoch nicht im gleichen Umfang. Für die 1990er Jahre ermittelte eine 2001 veröffentlichte Untersuchung unabhängiger Forschungsinstitute im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums eine Entwicklung, wonach die Zahl der Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft von 1992 bis 1998 von etwa 6,5 auf 7,32 Millionen anstieg, während gleichzeitig die Zahl der erwerbstätigen, in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung versicherten ausländischen Arbeitskräfte von 2,03 auf 1,98 Millionen abnahm. Diese Entwicklung setzte sich nach 1998 fort. Sieht man vom Eintritt ins Rentenalter oder von berufsbedingter Arbeitsunfähigkeit ab, gerät als Faktor die Arbeitslosenquote in den Blick, die bei ausländischen Erwerbsfähigen etwa doppelt so hoch ist wie bei einheimischen. Dafür werden vielfach Mängel in der schulischen und beruflichen Qualifikation verantwortlich gemacht. 2007 verließen etwa acht Prozent der Zugewanderten die Schule ohne Schulabschluss, bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund waren es 1,4 Prozent.

Der Bevölkerungsanteil ohne Schulsabschluss ist in den Ländern unterschiedlich hoch.Der Bevölkerungsanteil ohne Schulsabschluss ist in den Ländern unterschiedlich hoch.
Wenn es gelingt, die Qualifikationsunterschiede durch wirksame Integrationshilfen abzubauen, haben die Zuwanderungen einen positiven Effekt für das Wachstum des Volkseinkommens: Jede Zuwanderung, die mit Beschäftigung und Erwerbstätigkeit verbunden ist, bewirkt einen Anstieg des Volkseinkommens, weil jeder zusätzliche Erwerbstätige die Produktion durch die aus seinem Einkommen entstehende Nachfrage nach Produkten erhöht und zur Entstehung von zusätzlichem Einkommen bei anderen Erwerbstätigen beiträgt.

Doch wie viel Zuwandernde wären nötig, um die demografisch bedingte Schrumpfung der einheimischen Arbeitsbevölkerung aufzuhalten? Dazu ein Exkurs: Das Angebot an Arbeitskräften wird wesentlich von der Altersgruppe der 20- bis 60-Jährigen bestimmt. Deren Zahl blieb zunächst noch bis 2010 auf dem Niveau von rund 45,5 Millionen nahezu konstant. Hinter der bisherigen Konstanz verbargen sich jedoch zwei gegenläufige Bewegungen. Die Zahl der jungen Erwerbspersonen (20- bis 40-Jährige) schrumpfte Jahr für Jahr um 300 000 bis 400 000, die der Älteren stieg noch bis etwa 2010 ungefähr in gleichem Ausmaß. Danach setzt bei beiden Gruppen die Schrumpfung ein. Bei diesen Zahlen ist ein Wanderungssaldo von 170 000 jungen Menschen pro Jahr eingerechnet. Trotzdem schrumpft die für die wirtschaftliche Entwicklung besonders wichtige Gruppe der 20- bis 40-Jährigen bei anhaltendem Trend bis 2030 um 30 und bis 2050 um 43 Prozent. Um diesen Rückgang durch höhere Zuwanderungen zu verhindern, müsste der Wanderungssaldo rund 500 000 pro Jahr betragen.

Aus betriebswirtschaftlicher und aus branchenspezifischer Sicht erscheint eine hohe Zuwanderung immer erstrebenswert, weil sie das Angebot an Arbeitskräften erhöht. Kommt es aufgrund ungünstiger konjunktureller Entwicklungen aber zu Entlassungen (falls dies nicht durch den Kündigungsschutz verhindert wird), verlagert sich das Problem von der betrieblichen auf die gesellschaftliche Ebene, weil die beschäftigungslos Gewordenen staatlich unterstützt werden müssen. Deshalb kann die betriebswirtschaftliche und die volkswirtschaftliche Abwägung von Vor- und Nachteilen der Zuwanderungen zu gegensätzlichen Ergebnissen führen.Die Betrachtung der rein demografischen Auswirkungen auf die Zahl und Struktur der Bevölkerung lässt dagegen klare Beurteilungen zu: Ohne Zuwanderungen würde die Bevölkerungszahl Deutschlands bis zum Ende des 21. Jahrhunderts von 82 Millionen auf 24 bis 30 Millionen abnehmen.

Die Altersstruktur ändert sich durch Migrantinnen und Migranten, von denen die meisten im Alter von 20 bis 35 sind, jedoch nicht wesentlich. Denn auch Zuwandernde altern, und ein beispielsweise im 30. Lebensjahr Zugewanderter trägt 30 Jahre später, wenn er zu den 60-Jährigen und Älteren gehört, wiederum zur Erhöhung des Altenquotienten bei. Der Altenquotient liegt zum Beispiel im Jahr 2050 bei einem Wanderungssaldo von 100 000 pro Jahr nur um rund zehn Prozentpunkte über dem Wert, der sich bei einem Saldo von 300 000 ergibt. Die günstige Wirkung der Zuwanderungen auf die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme durch die Milderung der demografischen Alterung ist also relativ gering. Sie kann überdies nur dann eintreten, wenn die Zuwanderinnen und Zuwanderer Arbeitsplätze finden und erwerbstätig sind. Bei Abwägung in größerem Zusammenhang ergibt sich ein weiterer Aspekt: Wenn Herkunftsländer Kosten und Mühen in Erziehung und Ausbildung junger Menschen investieren, ist es schwer zu rechtfertigen, dass das Zielland der Wanderungen die Früchte der Anstrengungen erntet.

Quellentext

Bildung als Integrationsfaktor

DIE ZEIT: Herr Professor Baumert, vor zehn Jahren haben Sie [...] unserem Bildungssystem ein schlechtes Zeugnis [ausgestellt]. [...] Und nun schlagen Sie mit einem Gutachten wieder Alarm. Was [...] genau befürchten Sie?

Jürgen Baumert: [...] Die demografische Entwicklung wird in den alten Ländern nicht nur zum Rückgang der Schülerzahlen führen, sondern auch zur Veränderung der sozialen und ethnischen Zusammensetzung der Schulbevölkerung. Nach 2025 wird ein zweiter, genereller demografischer Einbruch folgen, der alle Länder betrifft. [...] Die jüngeren Schülerjahrgänge werden kleiner. Gleichzeitig steigt der Anteil der Zuwanderer, die aus sozial schwächeren Verhältnissen stammen. In Flächenstaaten wie Baden- Württemberg kommen zurzeit 35 Prozent der Schüler aus Zuwandererfamilien. Bei den unter Fünfjährigen sind es bereits mehr als 40 Prozent – bei großen regionalen Verwerfungen. In den Ballungszentren werden in wenigen Jahren die Zuwandererkinder im Grundschulalter die Mehrheit bilden. Dabei liegt die Spannweite zwischen 50 und 70 Prozent. [...]
ZEIT: Warum ist die Situation so dramatisch?
Baumert: [...] Die Nischen auf dem Arbeitsmarkt für schwach Qualifizierte sind weitgehend verloren gegangen. Deshalb sind auch die knapp 20 Prozent der 30-Jährigen, die jährlich ohne abgeschlossene Berufsausbildung bleiben, ein bedrohliches gesellschaftliches Problem. Zu dieser Gruppe gehören acht Prozent der deutschstämmigen jungen Erwachsenen und ein Drittel der Personen mit Migrationshintergrund. Je nach Jahrgangsstärke können dies jährlich bis zu 150 000 Personen sein. Sie haben auch langfristig eine diskontinuierliche Erwerbsbiografie und geringes Einkommen zu erwarten. Die gesellschaftlichen Kosten infolge entgangener Steuern und anfallender Sozialleistungen sind immens. [...] Politisch stellt sich damit zuallererst die Frage, wie das für eine selbstständige Lebensführung erforderliche Bildungsminimum für die gesamte nachwachsende Generation gesichert werden kann – und zwar unabhängig von sozialer oder ethnischer Herkunft. Das verlangt systematische Förderung der Leistungsschwächsten. Gelingt dies, verringern sich auch soziale und ethnische Ungleichheiten.
ZEIT: An welche Hilfe denken Sie? Baumert: Ein Kernproblem bleibt das mangelnde Beherrschen der deutschen Sprache. Dies gilt nicht nur für Zuwanderer, aber für bestimmte Zuwanderergruppen in besonderem Maße. Das Problem wächst sich jedoch nicht einfach aus, wie manche gehofft haben. [...] Man braucht vor allem eine biografische Kontinuität der Maßnahmen. Kurzfristige Projekte helfen nicht. [...] Es kommt auf die frühe, systematische und – wenn nötig – längerfristige Unterstützung an. Frühe Diagnosen sowie systematische, bedarfsgerechte und nachhaltige Hilfen sind der Schlüssel zu allem. [...]
ZEIT: Was Sie hier berichten, schreit nach einem Umbau der Bildungslandschaft.
Baumert: Ja, wenn Sie damit eine veränderte Zuteilung von Lernzeit meinen. Schon nach der Geburt sollte sozial schwächeren Familien niederschwellige Unterstützung angeboten werden, um sie in ihrem Erziehungsauftrag zu stärken. Dann folgen Krippen, Kindergärten und die Grundschulen. In allen diesen Einrichtungen ist eine individuelle Entwicklungsdiagnostik notwendig, um bei Schwierigkeiten rechtzeitig helfen zu können. Dies verlangt oft zusätzliche Lernzeit. Dies ist aber nur in Ganztagseinrichtungen vernünftig zu organisieren.
ZEIT: Wer soll denn das alles bezahlen?
Baumert: Die Bildungsausgaben sind in Deutschland von 1995 bis 2005, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, gesunken und steigen erst seitdem wieder. Von der Zielmarke des Bildungsgipfels sind sie noch weit entfernt. Gerade die wichtige Frühförderung wird überdies nicht aus dem Bildungshaushalt bestritten, sondern über die Sozialhaushalte. Das ist eine Sozialausgabe mit hoher Rendite. [...]

Jürgen Baumert, 69, wurde als Leiter des deutschen Teils der Pisa-Studie bekannt. Im April 2011 legte er gemeinsam mit anderen Forschern (Expertenrat Herkunft und Bildung) ein Gutachten zur Bildungspolitik in Baden-Württemberg vor [...]. "Deutsch ist der Schlüssel", Interview von Hanns-Bruno Kammertöns und Thomas Kerstan mit Jürgen Baumert, in: Die Zeit Nr. 17 vom 20. April 2011



Publikationen zum Thema

Demografischer Wandel

Demografischer Wandel

Konstant niedrige Geburtenraten und die gestiegene Lebenserwartung haben die Alterszusammensetzung d...

Weltentwicklungsbericht 2010

Welt-
entwicklungs-
bericht 2010

Der Welt-
entwicklungs-
bericht 2010 versteht sich als dringender Aufruf zum Handeln. Die Aut...

Zum Shop

Bevölkerungsentwicklung
Zahlen und Fakten

Bevölkerungs-
entwicklung

Den größten Teil der Menschheitsgeschichte hat sich die Bevölkerungszahl nur langsam verändert – noch vor 500 Jahren lebten lediglich 500 Millionen Menschen auf der Welt. Erst seit Mitte des 17. Jahrhunderts hat ein massives Bevölkerungswachstum eingesetzt. Heute leben weit mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Welt.

Mehr lesen

Europa kontrovers

Demografie

2050 werden in Europa 40 Millionen Menschen weniger wohnen als heute. Wissenschaftler diskutieren auf bpb.de: Treffen die Modelle wirklich ein? Wird die Überalterung ein Problem für die Gesellschaft? Und wie kann sich Europa auf die Veränderungen einstellen?

Mehr lesen