Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Soziale Auswirkungen der demografischen Entwicklung

Veränderungen der Siedlungsstruktur

Menschen leben in konkreten Orten und räumlichen Umwelten, deren Lebensbedingungen ihr Verhalten beeinflussen, nicht zuletzt auch ihr Fortpflanzungsverhalten. Deshalb ist es nicht überraschend, dass die Geburtenrate, auf die sich die regionalen Lebensbedingungen auswirken, zwischen den Regionen stark differiert. Die Kinderzahl pro Frau betrug in Deutschland zum Beispiel 2008 1,38, in der kreisfreien Stadt Suhl (Thüringen) und in Cottbus (Sachsen) war die Zahl am niedrigsten (1,18) – wenn man von einigen Universitätsstädten mit einem hohen Anteil von Studentinnen absieht, die ihre Geburten bis nach dem Studium aufschieben und dadurch die Geburtenrate dieser Städte senken. Der Kreis Cloppenburg (Niedersachsen) hatte mit 1,72 die höchste Geburtenrate.

In diesen Vergleich sind alle 440 kreisfreien Städte und Landkreise einbezogen, die Geburtenrate erreichte also in keinem einzigen Fall das bestandserhaltende Niveau von rund 2,1 Kindern pro Frau. Entscheidend für die Höhe der Geburtenrate ist der in städtischen und ländlichen Lebenswelten unterschiedliche Anteil von zeitlebens kinderlos bleibenden Frauen. So betrug ihr Anteil im Jahr 2008 in der Altersgruppe 45 bis 54 in ländlichen Gemeinden (weniger als 50 000 Einwohner bei einer Bevölkerungsdichte von weniger als 100 Einwohnern pro Quadratkilometer) 10,8 Prozent, in Gemeinden mit mehr als 50 000 Einwohnern und einer Dichte von über 500 waren es 20,6 Prozent.

Auch die Lebenserwartung weist regionale Unterschiede auf. Bei einem Vergleich der 440 Stadt- und Landkreise 2008 ergab sich eine Spannweite für Frauen von 77,8 in Suhl bis 85,0 Jahre im Enzkreis bzw. für Männer von 72,4 in Pirmasens bis 80,9 Jahre im Landkreis Starnberg. Dabei ist wichtig, dass eine hohe Lebenserwartung, beispielsweise im Voralpengebiet, nicht einfach als Ausdruck gesundheitsfördernder Lebens- oder Umweltbedingungen in der betreffenden Region interpretiert werden darf, denn in jeder Region ist ein großer Teil der Bevölkerung aus anderen Regionen zugewandert, eine höhere Lebenserwartung kann daher großenteils durch die Einwanderer importiert sein. Generell hängt eine hohe regionale Lebenserwartung mit einem hohen Bildungsniveau der Zuwanderer besonders eng zusammen (Selektionswirkung der Wanderungen).

Seit den 1970er Jahren war zwar in allen Gemeinden und Regionen Deutschlands ein Rückgang der absoluten Geburtenzahl und der Geburtenzahl pro Frau zu beobachten. Aber der Rückgang war in den 440 Stadt- und Landkreisen zeitlich gestaffelt, außerdem war das Niveau der Geburtenrate sowohl vor als auch nach dem Rückgang regional unterschiedlich. Dieser Sachverhalt lässt sich zusammenfassend so beschreiben: Der Nachkriegs-Babyboom führte Ende der 1960er Jahre zu einer Geburtenwelle, deren Aufwärtsbewegung in den ländlichen Gebieten steiler verlief als im Durchschnitt aller Stadt- und Landkreise. Auch der Höchststand der Kinderzahl pro Frau wurde dort später auf einem höheren Niveau erreicht. Als Folge davon wiesen auch in den 1990er Jahren die ländlichen Gebiete eine im interregionalen Vergleich höhere Geburtenrate auf, wobei aber das Niveau der zweiten Welle in allen Stadt- und Landkreisen im Vergleich zu den 1960er Jahren niedriger war. Die um das Jahr 2020 zu erwartende dritte Geburtenwelle wird als Echo auf die zweite Welle noch wesentlich niedriger sein und dabei auch regionale Unterschiede aufweisen, die ursprünglich auf die Ausgangssituation der 1960er Jahre zurückgehen.

Die regionalen Unterschiede der Geburtenraten werden auch von den Wanderungsbewegungen beeinflusst, und zwar sowohl von den Binnenwanderungen als auch von den Außenwanderungen. Denn jede Regionsbevölkerung besteht aus zwei Teilpopulationen – einer Bevölkerungsgruppe, die seit ihrer Geburt dort lebt, und einer Gruppe, die zuwanderte. Dabei ist zu beobachten, dass Menschen, die Kinder haben oder planen, aus den Zentren der Stadtregionen tendenziell ins Umland ziehen, während kinderlose Menschen häufiger städtische Wohnstandorte wählen.

In einem Stadt- und Landkreis entfallen im Durchschnitt pro Geburt im gleichen Jahr drei bis fünf Zuwanderungen, auf jeden Sterbefall die mehrfache Zahl an Abwanderungen. Deshalb beeinflusst die Komponente "Wanderungen" die Bevölkerungsveränderung jeder Region und jeder Gemeinde wesentlich stärker als die "natürlichen" Komponenten Geburten und Sterbefälle. Das Gewicht der Wanderungen ist noch höher, wenn man berücksichtigt, dass sie sich durch ihren Einfluss auf die Altersstruktur und die Geburtenrate zudem mittelbar auf die Geburtenzahl auswirken. Dieser Sachverhalt ist von großer Bedeutung für die Raumordnungspolitik, denn besorgniserregende Entwicklungen wie die nahezu flächendeckende demografische Schrumpfung in den neuen Bundesländern beruhen nicht nur auf den dort nach der Wiedervereinigung zunächst niedrigeren Geburtenraten, sondern zum Teil noch stärker auf den mittelbaren Auswirkungen der Abwanderungen auf die Geburtenzahl: Wenn jüngere Menschen aus einer Gemeinde abwandern, gehen ihr auch die potenziellen Nachkommen verloren. Deshalb müssen zusätzlich zu den unmittelbaren bevölkerungsvermehrenden oder -reduzierenden Wirkungen der Zu- bzw. Abwanderungen auf die Bevölkerungszahl (Primäreffekt) auch ihre mittelbaren Wirkungen auf die Geburtenzahl und die Zahl der Sterbefälle (Sekundäreffekt) berücksichtigt werden.

Der Sekundäreffekt der Wanderungen auf die Bevölkerungsveränderung nimmt mit der Länge des Prognosezeitraums zu, sodass er schließlich größer sein kann als der Primäreffekt. Wenn eine Stadt in einem bestimmten Zeitraum zum Beispiel 20 Prozent ihrer Einwohnerinnen und Einwohner durch Abwanderungsüberschüsse verliert (Primäreffekt), so kann der zusätzliche mittelbare Bevölkerungsverlust durch die Auswirkungen der Wanderungen auf die Geburtenbilanz zusätzlich zum Beispiel 15 Prozent betragen (Sekundäreffekt), der gesamte Rückgang mithin 35 Prozent. In den Zielgebieten der Wanderungsbewegung wirkt sich der Sekundäreffekt positiv auf die Bevölkerungsveränderung aus, der sonst zu erwartende Bevölkerungsrückgang wird dann abgeschwächt oder sogar in einen Anstieg verwandelt.

Die Siedlungsstruktur Deutschlands ist auf Grund der früheren Zersplitterung des Landes vor der Reichsgründung von 1870 in dutzende politisch selbstständige Territorien mit eigenen Zentren auch heute noch relativ ausgeglichen. Anders als seine europäischen Nachbarländer ist Deutschland nicht durch ein beherrschendes Zentrum wie Rom, Paris, London oder Madrid, sondern durch eine multipolare Siedlungsstruktur geprägt. Fast jeder zweite Bundesbürger wohnt in einer Klein- oder Mittelstadt mit 10 000 bis 200 000 Einwohnern, und nur rund je ein Viertel der Einwohner entfallen auf Städte mit mehr als 200 000 bzw. mit weniger als 10 000 Menschen.

Die Siedlungsstruktur ändert sich durch die regional unterschiedlichen Geburtenraten, die Binnen- und die Außenwanderungen. Dabei sind die Binnenwanderungen quantitativ am wichtigsten. Die jährliche Zahl der Wanderungsbewegungen über die Grenzen der Bundesländer beträgt rund eine Million. Innerhalb der Bundesländer kommen geschätzte drei weitere Millionen Wanderungsfälle hinzu (ohne Umzüge innerhalb des Ortes), das Binnenwanderungsvolumen beträgt also vier Millionen pro Jahr. Hinzu kommen etwa 700 000 weitere Zuwanderungen aus dem Ausland sowie rund 600 000 Abwanderungen ins Ausland. Bei den Binnenwanderungen ist jeder Zuzug in einen bestimmten Zielort gleichzeitig ein Wegzug aus einem Herkunftsort. Die 440 Stadt- und Landkreise werden somit durch die Binnenwanderungen in eine Gewinner- und eine Verlierergruppe geteilt. Seit dem Zweiten Weltkrieg lässt sich ein genereller Binnenwanderungstrend von den nördlichen in die südlichen Bundesländer beobachten, der seit der Wiedervereinigung von einem Trend von den östlichen in die westlichen Bundesländer überlagert wird. Die östlichen Bundesländer verlieren durch die Binnenwanderungen vor allem jüngere, gut ausgebildete Menschen, wodurch sich der wirtschaftliche Vorsprung der westlichen Bundesländer noch verstärkt.

Quellentext

Cuxhaven bereitet sich auf die Zukunft vor

[...] Tanja Gohrbandt und Ulrich Lasius. [...] sind Stadtplaner und haben Augen für extrem langsame, fast unmerkliche Veränderungen: Sie können sehen, wie Cuxhaven altert.

[...] Sylvester 1967 hatte Cuxhaven, das bis 1937 ein Teil von Hamburg war, 61 584 Einwohner. [...]
Aber dann kippten die Verhältnisse, langsam und fast unmerklich. Eins kam zum anderen. Die Bundesmarine zog ab nach Wilhelmshaven, die Fischindustrie brach ab Mitte der 70er Jahre ein. Plötzlich gab es Fangquoten, vor allem aber weltweit billigere Konkurrenzflotten. Der Fährverkehr schlummerte ein, Werften starben, weil in Südostasien größere und billigere Schiffe vom Stapel liefen. Die Cuxhavener lernten etwas Neues kennen: Arbeitslosigkeit. Plötzlich ging es nicht mehr voran. Junge Leute zogen weg, der Arbeit hinterher.
[...] Cuxhaven fing an zu schrumpfen, und Cuxhavens Einwohnerschaft, seine Mischung, veränderte sich: weniger Junge, dafür mehr alte Leute. Die Einwohnerzahl, heute gerade noch 50 000, ist in 40 Jahren um ein Siebtel zurückgegangen. [...] 27 Prozent aller Cuxhavener sind heute älter als 65 Jahre, in Deutschland sind es weniger als 20 Prozent. "Cuxhaven ist heute schon eine Generation weiter als der Rest der Bundesrepublik", sagt [Ulrich Lasius]. "Wir erleben hier hautnah, was Deutschland in 25 Jahren bevorsteht." Cuxhaven – das ist Deutschlands Zukunft. Was tun? [...] Cuxhaven muss Schulen schließen. [...] Es gibt weniger Kinder, also werden Schulen zusammengelegt, weil die Stadt sich nicht mehr leisten kann, in allen Ortsteilen Unterricht vorzuhalten. [...] Auch Baugebiete werden nicht mehr ausgewiesen, denn niemand braucht Bauplätze. [...] "Eigentlich müsste man zurückbauen", sagt [Oberbürgermeister Arno] Stabbert. "Aber das ist den Menschen kaum zu vermitteln." Zurückbauen heißt abreißen, klingt nur weniger unangenehm. [...]
Etwa 2000 Wohnungen stehen in Cuxhaven mittlerweile leer, in den kommenden Jahren wird sich das verdoppeln bis verdreifachen. Und die Immobilienpreise sinken: Ein Einfamilienhaus kostet heute zehn Prozent weniger als 2006.
Stabbert und seine Leute wissen, niemand kann einen Hebel umlegen und alles wird anders. Aber ignorieren geht auch nicht. Also drehen sie an winzigen Rädchen. "Wohnlotsen", das ist so eine Idee. Makler, Sparkassen, Rotes Kreuz, Rathaus, Architekten, Energieversorger – alle arbeiten zusammen: Alte Leute in ihren Häusern halten, Programme für seniorengerechten Umbau anbieten, jüngere Leute für leere Immobilien interessieren. [...] Einen Extra-Ausschuss für demografischen Wandel haben sie eingerichtet, es gibt Seniorenbüros und Mehrgenerationenhäuser. "Wir müssen schrumpfen lernen", so drückt Lasius es aus.
Soll die Einwohnerzahl bei ungefähr 50 000 bleiben, müssten jedes Jahr mindestens 75 neue Arbeitsplätze in Cuxhaven entstehen, dazugerechnet drei Familienmitglieder, die nachziehen. Die Hoffnung des Oberbürgermeisters liegt auf einem riesigen Gelände zwischen Bahnlinie und Elbmündung, wo sich drei Offshore-Betriebe angesiedelt haben, die Windanlagen in der Nordsee montieren. "Wir hoffen, dass es einmal 2000 Arbeitsplätze geben wird", sagt Stabbert.
Aber er weiß, die Rettung ist auch das nicht. "Es mildert die Entwicklung vielleicht ab", sagt Stabbert. "Aber es hält sie nicht auf." 2030, haben seine Planer ausgerechnet, wird Cuxhaven 39 000 Einwohner haben. Wenn alles so weitergeht. [...]

Bernhard Honnigfort, "Unten Geranien, oben Plastikblumen", in: Frankfurter Rundschau vom 13. Juli 2011

Mindestens ebenso wichtig wie die quantitative Veränderung der Bevölkerungszahl ist der Wandel der Altersstruktur und die Zusammensetzung der Bevölkerung nach sozio-ökonomischen Merkmalen wie berufliche Qualifikation und Nationalität. Bei Menschen mit überdurchschnittlicher Ausbildung ist die räumliche Mobilität besonders hoch. Die Regionen mit einem positiven Binnenwanderungssaldo profitieren durch den positiven Primär- und Sekundäreffekt der Binnenwanderungen demografisch, aber sie haben auch wirtschaftliche Vorteile durch die Verbesserung der Qualifikationsstruktur der Bevölkerung. Der innerdeutsche brain drain durch den Binnenwanderungsprozess von Ost nach West wirkt sich auf das wirtschaftliche Entwicklungspotenzial so stark aus, dass diese sogenannte Abstimmung mit den Füßen durch die Raumordnungspolitik mit dem heutigen Ins-trumentarium nicht wirksam gesteuert werden kann. Vorschläge für eine Verbesserung der Steuerungsmöglichkeiten sind eine Staffelung der Einkommensteuer durch regional unterschiedliche, von den Gemeinden festgesetzte Einkommensteuersätze wie bei den Steuersätzen der Realsteuern (beispielsweise der Grundsteuer oder der Gewerbesteuer). Durch unterschiedliche Steuersätze könnten die Gemeinden im Wettbewerb um die knapper werdenden gut ausgebildeten Menschen miteinander konkurrieren. Die Chancen für die politische Umsetzung dieser Überlegungen sind jedoch zurzeit (noch) gering. Die räumliche Dimension des demografischen Wandels wird vielfach in ihrer Bedeutung unterschätzt. So lassen sich die Auswirkungen zum Beispiel auf die Kosten für die Integration der Zuwanderinnen und Zuwanderer nicht an den Ausländerquoten auf Bundesebene ablesen. Bei einem in allen Städten wie im Bundesgebiet insgesamt einheitlichen Ausländeranteil von rund neun Prozent gäbe es kein besonderes Integrationsproblem. Da aber ihr Anteil regional stark differiert und heute schon in vielen Großstädten zwischen 20 und 30 Prozent liegt – nach Berechnungen des Statistischen Landesamtes Nordrhein-Westfalen wird er (ohne Berücksichtigung von Staatsbürgerschaftswechseln nach dem seit dem 1. Januar 2000 geltenden neuen Staatsangehörigkeitsrecht) in einigen Großstädten in NRW bis 2010 bei den unter 40-Jährigen auf 40 und mehr Prozent steigen. Dies macht deutlich, dass regionale Differenzierungen unabdingbar sind, um das Integrationsproblem realistisch einzuschätzen.

Das komplexe Thema der regionalen Auswirkungen der Migration kann hier nur stichwortartig zusammengefasst werden, wobei folgende Punkte besonders wichtig sind. In den neuen Bundesländern ist die Schrumpfung bereits seit der Wiedervereinigung im Gange, während die westlichen Bundesländer, insbesondere Hessen, Baden-Württemberg und Bayern, ihre Bevölkerung noch etwa ein bis zwei Jahrzehnte stabilisieren können, und zwar nicht nur durch Einwanderungsüberschüsse gegenüber dem Ausland, sondern vor allem auch gegenüber den anderen Bundesländern.

Die Schrumpfung führt nicht zu einer Abnahme der Bevölkerungszahlen entsprechend einer linearen Maßstabsverkleinerung der Gemeinden, Regionen und Länder, vielmehr bewirkt der demografische Wandel eine Spaltung in Gewinner und Verlierer. Zu den Verlierern gehören zum Beispiel flächendeckend die neuen Bundesländer, das nördliche Ruhrgebiet, Südniedersachsen, Nordhessen, das Saarland und Nordbayern, zu den Gewinnern Südhessen, Baden-Württemberg und Oberbayern. Auch die Zusammensetzung der Bevölkerung nach Alter, Geschlecht und Nationalität verändert sich nicht in allen Gebieten auf die gleiche Art. So ist der Altenquotient (Prozentanteil der über 65-Jährigen im Verhältnis zu den 15- bis unter 65-Jährigen) heute schon von starken Unterschieden geprägt. Dabei unterscheidet man eine passive Alterung durch den Wegzug junger von einer aktiven Alterung durch den Zuzug älterer Menschen, vor allem in die Städte mit Heilbädern.

Die Arbeitsplatzverluste durch die Entindustrialisierung wurden in Deutschland jahrzehntelang durch das Wachstum des Dienstleistungssektors ausgeglichen. Aber das Wachstum insbesondere der haushalts- und bevölkerungsbezogenen Dienstleistungen wird in Zukunft in den Regionen mit starker demografischer Schrumpfung durch den Wegfall der entsprechenden Nachfrage gestoppt. In den neuen Bundesländern ist die Deindustrialisierung besonders gravierend, die Kompensation durch Dienstleistungen wäre daher hier um so dringlicher. Die demografischen Entwicklungsbedingungen werden als Standortfaktoren für die Wirtschaft immer wichtiger. Hohe Geburtenraten und günstige Altersstrukturen werden sich in der Zukunft als entscheidende Standortfaktoren erweisen und den schon im Gange befindlichen Wettbewerb der Gemeinden und Regionen um junge, gut ausgebildete Menschen intensivieren. Dabei spalten sich die miteinander konkurrierenden Gebiete in zwei Gruppen mit unterschiedlichen Erfolgsaussichten: Gebiete mit günstiger wirtschaftlicher Entwicklung haben Zuwanderungsüberschüsse, was die Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung günstig beeinflusst und zu weiteren Zuwanderungen führt (demografisch-ökonomische Aufwärtsspirale). Dem stehen Gebiete mit Abwanderungsüberschüssen gegenüber, deren Wirtschaft sich durch den Bevölkerungsverlust ungünstiger entwickelt, dadurch weniger Arbeitsplätze anbietet und so die negative Wanderungsbilanz aufrechterhält (demografisch-ökonomische Abwärtsspirale).

Bei sinkenden Einwohnerzahlen gehen die Nutzerzahlen von öffentlichen Einrichtungen und die Einnahmen der Gemeinden aus Gebühren zurück, und zwar bei gleichbleibend hohen Fix-Kosten und hohen Kosten für die Schuldentilgung der Investitionen. Es kommt zu demografisch bedingten Abwanderungen von Wirtschafts- und Versorgungsbetrieben, zu Schließungen von Einrichtungen der Verwaltung, von Kindergärten, allgemein bildenden Schulen und – mit entsprechender zeitlicher Verzögerung – von weiterführenden Schulen sowie von Einrichtungen der haushaltsnahen Infrastruktur, insbesondere von Gesundheitsbetrieben sowie von Freizeiteinrichtungen wie Bädern, Sportplätzen und Theatern sowie zur Umnutzung von Kirchen.

Die sozioökonomischen Gegensätze können durch die Abwanderung und Schrumpfung der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund bei gleichzeitig wachsender Bevölkerung mit Migrationshintergrund verstärkt werden.

Quellentext

Renaissance der Städte?

[...] Nicht nur Berlin, die Mehrzahl der deutschen Großstädte mit mehr als einer halben Million Einwohnern wiesen in den vergangenen zehn Jahren wieder steigende Bevölkerungszahlen auf, wie aus einem Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervorgeht. Gleichzeitig ging auch die Zahl der Beschäftigten in den großen Städten um knapp vier Prozent nach oben, während sie in Deutschland insgesamt stagnierte. Es sind laut DIW besonders die jungen gut ausgebildeten Bevölkerungsschichten mit höherem Einkommen, die sich von den Metropolen mit ihrem attraktiven Beschäftigungsangebot angezogen fühlen. [...]

Zu den Gewinnern zählen [...] die Städte, in denen sich neben den Zentralen der global agierenden Konzerne die neuen Dienstleistungsfunktionen der Finanz-, Versicherungs- und Immobilienwirtschaft, Forschungszentren und die Medienbranche angesiedelt haben und die darüber hinaus über ein reiches kulturelles Angebot verfügen. [...]
Der Dienstleistungssektor, die WissensÖkonomie und die Kreativwirtschaft gelten heute als Motoren des Wachstums. Nicht mehr die Großbetriebe, sondern kleinere Unternehmen prägen die städtische Ökonomie. Handarbeit ist der Kopfarbeit gewichen. [...]
Die dichten, gemischt genutzten Altbaugebiete in den Innenstädten bieten dafür die besten Bedingungen. Im CafÉ gleich neben dem Büro lassen sich Projekte planen, und in den Stockwerken darüber bieten geräumige Appartements den passenden Wohnraum. Denn das Wohnen in der Innenstadt wird für die Angehörigen der kreativen Klasse zunehmend "zu einer Frage der existenziellen Sicherheit", wie [der Berliner Stadtsoziologe] Hartmut Häußermann es nennt. Die neue Arbeitswelt mit ihren oft befristeten oder prekären Beschäftigungsverhältnissen bietet immer seltener die finanzielle Sicherheit, die nötig ist, um sich ein Haus im Grünen leisten zu können. Stattdessen erfordert sie eine ständige Präsenz im beruflichen Umfeld, um beim nächsten Projekt vielleicht wieder dabei zu sein.
Doch es sind nicht nur die Singles und kinderlosen Doppelverdiener aus den neuen Dienstleistungsbranchen, die die Innenstädte als Wohnorte wiederentdecken, sondern auch die [...] materiell abgesicherten jungen Familien mit Kindern. Flexiblere Arbeitszeiten, die vom geregelten Acht-Stunden-Tag abweichen, zwingen zu einer Organisation des Alltags, die mit dem Leben weit draußen vor den Toren der Stadt nur noch selten vereinbar ist. Und die Auflösung der traditionellen Geschlechterrollen, verbunden mit zunehmender Berufstätigkeit der Frauen, lässt sich mit dem Bild der sorgenden Hausfrau im Eigenheim nur noch schwer in Einklang bringen. [...]

Werner Girgert, "Voreilige Verallgemeinerungen", in: Frankfurter Rundschau vom 11. Juli 2011



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