Titelbild Bevölkerungsentwicklung

23.12.2011 | Von:
Herwig Birg

Soziale Auswirkungen der demografischen Entwicklung

Demografisch verstärkte Konfliktpotenziale

Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen der drei demografischen Grundtrends – Schrumpfung, Alterung und Internationalisierung der Bevölkerungsentwicklung – können das Konfliktpotenzial in folgenden Bereichen verschärfen:

Generationenkonflikt

Durch die wachsende Zahl der Älteren nimmt die Altersgruppe der Versorgungsempfänger vom Ende des 20. Jahrhunderts bis zur Jahrhundertmitte um rund zehn Millionen Menschen zu, während die Zahl der Einwohner im Erwerbsalter bzw. die Gruppe der Beitrags- und Steuerzahler auch bei den bisher gewohnten Einwanderungszahlen aus dem Ausland gleichzeitig um rund 16 Millionen schrumpft. Die Konsequenz der scherenartigen Auseinanderentwicklung kann ein jahrzehntelang sinkendes Versorgungsniveau in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung mit der Gefahr von Verteilungskonflikten nach sich ziehen und ungünstige Auswirkungen für den sozialen Frieden bedeuten. Dabei werden gerade diejenigen, die durch die Erziehung von Kindern als den künftigen Beitragszahlern die Finanzierung der überdurchschnittlich hohen Versorgungsbezüge der kinderlos gebliebenen Menschen in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung ermöglicht haben, tendenziell benachteiligt, weil ihre eigene Erziehungsarbeit in der Sozialversicherung noch nicht genügend anerkannt wird, sodass beispielsweise ihre Rentenansprüche besonders niedrig sind.

Verfassungskonflikt

Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil von 2001 die Pflegeversicherung als verfassungswidrig erklärt, weil sie Menschen ohne Kinder in einer den Gleichheitsgrundsatz verletzenden Weise bevorzugt. Denn diese Menschen erwerben lediglich durch ihre monetären Beiträge zur Pflegeversicherung die gleichen Ansprüche wie jene, die durch die Erziehung von Kindern als den künftigen Beitragszahlern auch die vom Gericht als "generativen Beitrag" bezeichnete Leistung erbringen. Ohne diese Leistung bräche das umlagefinanzierte System der Pflegeversicherung sowie der gesetzlichen Renten- und Krankenversicherung jedoch zusammen. Bereits in seinem berühmten "Trümmerfrauen-Urteil" hat das Bundesverfassungsgericht von der Politik umfassende änderungen des gesamten Sozialrechtssystems verlangt – ohne nennenswertes Ergebnis. Verfassungsjuristen sprechen von einem permanenten "Verfassungsboykott" durch die Politik.

Regionalkonflikt

So wird sich die deutsche Bevölkerung im Jahr 2060 auf die Bundesländer verteilen.So wird sich die deutsche Bevölkerung im Jahr 2060 auf die Bundesländer verteilen.

Vielfach unterschätzt wird die Gefährdung durch das demografische Auseinanderdriften der Regionen und Gemeinden, mit der Konsequenz, dass das im Grundgesetz verankerte Gebot, in allen Teilen des Bundesgebiets "gleichwertige" (nicht gleichartige) Lebensbedingungen zu schaffen, unerfüllbar wird. Trotz des Bevölkerungsrückgangs im Bundesgebiet insgesamt gibt es Gemeinden und Regionen, deren Bevölkerungszahl gerade deshalb stabil bleibt oder sogar noch ein bis zwei Jahrzehnte wächst, weil ihr Geburtendefizit durch die Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands mehr als ausgeglichen wird. Die jährlich rund vier Millionen Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands teilen die Gemeinden in zwei Gruppen aus demografischen Gewinnern und Verlierern, wobei dem Bevölkerungsgewinn jeder Zielgemeinde ein gleich großer Bevölkerungsverlust der Herkunftsgemeinde gegenübersteht. Die neuen Bundesländer gehören ausnahmslos zu den Binnenwanderungsverlierern, aber auch im nördlichen Ruhrgebiet, in Süd-Niedersachsen, Nordhessen, im Saarland und in Nordbayern gibt es Landstriche mit ständigen Binnenwanderungsverlusten. Dabei ist die Selektionswirkung der Wanderungen entscheidend: Wenn überwiegend die Jüngeren und gut Ausgebildeten abwandern, schwächt dies das wirtschaftliche Entwicklungspotenzial und verstärkt die Abwanderung weiter.

Integrationskonflikt

Im Durchschnitt der letzten Jahrzehnte zogen jedes Jahr durchschnittlich rund 170 000 mehr Menschen nach Deutschland zu als fort (bei jährlich rund 800 000 Zuwanderungen und 630 000 Abwanderungen). Auch nach dem Rückgang der Zuwanderungen in den letzten Jahren ist die jährliche Zahl der Zuwanderer immer noch etwa so groß wie oder noch größer als die jährliche Zahl der in Deutschland geborenen Kinder. Die Konsequenz ist, dass die nicht zugewanderte Bevölkerung durch ihre negative Geburtenbilanz permanent schrumpft, während die zugewanderte Population durch ihre positive Geburtenbilanz und durch weitere Zuwanderungen wächst. Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund lag 2010 bei 16 Millionen. Bei den unter 40-Jährigen hat die Gruppe der Zugewanderten in einigen Großstädten die 50 Prozent-Schwelle erreicht, was jedoch in der amtlichen Statistik nicht ohne weiteres sichtbar ist, weil seit Januar 2000 das neue Staatsangehörigkeitsrecht gilt. Seitdem erhalten in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern neben der Staatsangehörigkeit ihrer Eltern die deutsche Staatsangehörigkeit. In der amtlichen Statistik treten sie dann nur noch als Deutsche in Erscheinung. Da die zugewanderte Population derzeit pro Kopf durchschnittlich geringere Einkommen und wegen wesentlich ungünstigerer Bildungsvoraussetzungen eine doppelt so hohe Arbeitslosenquote und eine dreimal höhere Sozialleistungsquote aufweist, stehen Politik und Gesellschaft vor wachsenden Herausforderungen.

Internationale Kreditwürdigkeit

Die Staatsschuldenkrise im Euroraum, die in Griechenland begann und sich auf andere Länder der Euro-Zone auszubreiten droht, entzündete sich durch Zweifel der Gläubigerbanken an der langfristigen Zahlungsfähigkeit bestimmter EU-Länder. Zur Stärkung der Vertrauensbasis hat die EU einen Kreditrahmen von 750 Milliarden Euro in Form von staatlichen Bürgschaften geschaffen ("Euro-Rettungsschirm") und durch weitere Beistandsprogramme ergänzt. Deutschland hat jedoch ebenso wie die Länder, zu deren Hilfe der Rettungsschirm ins Leben gerufen wurde, steigende Rentenlasten zu tragen. Heute schon muss das Defizit der deutschen Rentenversicherung durch steuerfinanzierte Zahlungen in Höhe von rund 70 Milliarden Euro jährlich ausgeglichen werden, nicht gerechnet die Zahlungen für die Gesundheits- und Pflegeversicherung. Kennziffern für die demografisch verursachten Belastungen wie der Altenquotient oder die Geburtenrate eines Landes werden deshalb von den Finanzmärkten zunehmend als wirtschaftlich bedeutsame "Fundamentaldaten" betrachtet, auf deren Basis sie die Kreditwürdigkeit und das Insolvenzrisiko von Staaten bewerten.

Die dargestellten fünf Herausforderungen sind durch demografische Faktoren mit verursacht. Die Gestaltung der entsprechenden Politikbereiche konzentriert sich bisher überwiegend auf die Beherrschung der Auswirkungen der demografischen Entwicklung. Eine Steuerung der demografischen Ursachen müsste das Ziel anstreben, die niedrige Geburtenrate als Hauptursache der demografischen Veränderungen langfristig anzuheben. Als mögliche Instrumente einer ursachenorientierten Politik werden diskutiert: Beendigung der vom Bundesverfassungsgericht als grundgesetzwidrig verurteilten Bevorzugung von kinderlosen Menschen in der Sozialversicherung, flächendeckende Betreuung von Kindern ab dem Vorschulalter durch gut ausgebildete Fachkräfte wie in Frankreich (Ecoles Maternelles), Erweiterung des steuerlichen Ehegattensplittings zu einem Familiensplitting wie in Frankreich, Vorrang für Eltern bei der Vergabe von Arbeitsplätzen bei gleich qualifizierten Bewerbern, Ausübung des aktiven Wahlrechts durch die Eltern für ihre noch nicht wahlberechtigten Kinder, Erweiterung der Frauenförderung durch Einführung von Mütterquoten als Ergänzung pauschaler Frauenquoten.


Publikationen zum Thema

Demografischer Wandel

Demografischer Wandel

Konstant niedrige Geburtenraten und die gestiegene Lebenserwartung haben die Alterszusammensetzung d...

Weltentwicklungsbericht 2010

Welt-
entwicklungs-
bericht 2010

Der Welt-
entwicklungs-
bericht 2010 versteht sich als dringender Aufruf zum Handeln. Die Aut...

Zum Shop

Bevölkerungsentwicklung
Zahlen und Fakten

Bevölkerungs-
entwicklung

Den größten Teil der Menschheitsgeschichte hat sich die Bevölkerungszahl nur langsam verändert – noch vor 500 Jahren lebten lediglich 500 Millionen Menschen auf der Welt. Erst seit Mitte des 17. Jahrhunderts hat ein massives Bevölkerungswachstum eingesetzt. Heute leben weit mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Welt.

Mehr lesen

Europa kontrovers

Demografie

2050 werden in Europa 40 Millionen Menschen weniger wohnen als heute. Wissenschaftler diskutieren auf bpb.de: Treffen die Modelle wirklich ein? Wird die Überalterung ein Problem für die Gesellschaft? Und wie kann sich Europa auf die Veränderungen einstellen?

Mehr lesen