Weimarer Republik

Editorial

23.12.2011
Cornelius StrobelCornelius Strobel (© bpb)
Als Philipp Scheidemann am frühen Nachmittag des 9. November 1918 von einem Balkon des Reichstages die Republik ausrief, ahnte er wohl noch nicht, welchem Ausmaß an Gefährdung sie in den folgenden Jahren ausgesetzt sein würde. Den Bedrohungen konnte die Weimarer Republik letztendlich nicht standhalten. Dem vorläufigen Ende der Demokratie folgte die nationalsozialistische Herrschaft, die Deutschland in den Abgrund führte.

Meist steht das Versagen der Weimarer Republik im Zentrum der Auseinandersetzung mit dieser Epoche. Aus dieser Perspektive wird sie einzig als Periode des Überganges vom Kaiser zum "Führer" gesehen und historisch als "Prolog" des "Dritten Reiches" mitbehandelt. Doch wie konnte eine Republik, die in den Tagen ihrer Ausrufung von Vielen so begeistert empfangen worden war, in nur etwas mehr als vierzehn Jahren einen solchen Niedergang erfahren?

Schon ihre Entstehung war begleitet von Putschversuchen und Aufständen links- wie rechtsstehender Antidemokraten. Ein grundlegender Neuanfang, auf den ein Großteil der Bevölkerung nach den Jahren des Krieges gehofft hatte, konnte nicht gelingen – zu wirkmächtig blieben die alten, der Monarchie verbundenen Eliten des Kaiserreiches. Die Macht und der Einfluss dieser Kräfte, ihr Streben nach Wiederherstellung der "alten Ordnung" wogen schwer. Die Kriegsniederlage wurde nicht ihnen, sondern den Repräsentanten der Republik angelastet. Die harten Forderungen der Siegermächte im Versailler Vertrag erschwerten es der ersten deutschen Demokratie, mit einer wirtschaftlichen Stabilisierung die gesellschaftlichen Unruhen zu befrieden und an Akzeptanz zu gewinnen.

Auch die Weimarer Verfassung, die Basis der neuen Staatsordnung, bot mit ihrem immer wieder missbrauchten "Notstandsparagraphen", Artikel 48, eine Grundlage für die Zerrüttung der Demokratie. Der Börsencrash von 1929 mit der anschließenden Weltwirtschaftskrise erschütterte schließlich die Lebensgrundlagen breiter Bevölkerungskreise und machte sie empfänglich für die eingängigen Parolen der Nationalsozialisten, deren "völkische Gemeinschaft" einen krassen Gegenentwurf zur pluralistischen Demokratie darstellte.

Doch ist die Weimarer Republik mehr als nur ihr Niedergang. Sie stieß Entwicklungen an, an die nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft angeknüpft werden konnte. Nicht nur aus ihren Fehlern kann man lernen: Der Stinnes-Legien-Pakt beispielsweise, das Abkommen zwischen Gewerkschaften und Vertretern der Industrie, bildet noch heute die Grundlage der Tarifvertragsbeziehungen. Die Finanzverfassung, die Matthias Erzberger als Finanzminister 1919 schuf, hat im Wesentlichen bis heute Bestand. Die Jahre von 1924 bis 1929, oft als die "goldenen Jahre" der Weimarer Republik bezeichnet, ließen eine kulturelle Vielfalt entstehen, deren Ergebnisse in den bildenden Künsten, in Erzählung und Dichtkunst, in Theater und Film heute als Meilensteine gelten. Und es war die Weimarer Republik, in der zum ersten Mal in Deutschland Frauen als gleichberechtigte Staatsbürgerinnen mit aktivem und passivem Wahlrecht an die Wahlurnen traten.

Dieses Heft stellt die Geschichte der Weimarer Republik chronologisch dar. Deutlich werden die inneren und äußeren Bedingungen, denen Deutschland ausgesetzt war, die politischen und gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse, die Konstellationen, die zum Scheitern der ersten Demokratie auf deutschem Boden führten, aber auch ihre Erfolge und Verdienste. Die Weimarer Republik mit ihren verspielten wie auch genutzten Möglichkeiten ist mehr als nur die Vorgeschichte des nationalsozialistischen Reiches. Auf Weimar gründet auch die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland, mit all ihren Möglichkeiten.

Cornelius Strobel



 

Publikation zum Thema

1918/19

1918/19

1918/19 waren Jahre des Umbruchs. Aber der Übergang von der Monarchie zur Republik prägte sich nicht nachhaltig im kollektiven Gedächtnis der Deutschen ein. Der Weimarer Republik fehlten entschlossene Demokraten – und Vertrauen in die Demokratie. Weiter...

Zum Shop

Dossier: Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Der Untergang der Weimarer Republik

Die Weimarer Republik war der erste praktische Versuch in der deutschen Geschichte, eine demokratische Staatsform zu installieren. Ihre Geschichte ist gekennzeichnet vom Wechsel zwischen Konsolidierung und Krisen – bis hin zur Auflösung. Weiter...