Weimarer Republik

23.12.2011 | Von:
Reinhard Sturm

Kampf um die Republik 1919-1923

Radikalisierung

Rechtsradikalismus

Im Zuge des Kriegsendes und der Revolution von 1918/19 entstand ein rechtsradikales Lager, das sich aus zahlreichen konkurrierenden Parteien und Organisationen zusammensetzte. Die ideologischen Grenzen zwischen diesem offenen Rechtsradikalismus und dem besonders manifesten Natio-nalkonservatismus am rechten Rand der DNVP waren oft fließend. Die Frühjahrsunruhen 1919 veranlassten überall in Deutschland Mittelständler und Bauern zur Bildung lokaler antirevolutionärer Selbstschutzverbände. Der Schwerpunkt dieser milizartigen bewaffneten "Einwohnerwehren" lag in Bayern, wo sie mehr als 350.000 Mitglieder hatten und zum Teil auch überregional organisiert waren. Den besonders militanten, extremen Flügel des Rechtsradikalismus bildeten diverse "deutschvölkische" Geheimbünde, Gruppen, Kampfverbände und Parteien. Deren Mitgliederschaft bestand hauptsächlich aus entlassenen Soldaten und Freikorpsleuten, die der Krieg sozial entwurzelt und moralisch verwildert hatte. Zum vorläufigen Kristallisationskern entwickelte sich rasch – vor allem in Bayern – der "Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund" mit über 100.000 Mitgliedern. Aber auch die "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" (NSDAP) unter ihrem rednerisch begabten Vorsitzenden Adolf Hitler, einem österreichischen Gelegenheitsarbeiter und dekorierten Frontsoldaten, erregte bald über München hinaus Aufmerksamkeit. Ende 1920 besaß sie bereits eine eigene Zeitung, den "Völkischen Beobachter", seit August 1921 auch einen eigenen Kampfverband, die "Sturmabteilung" (SA). Ende 1922 hatte die NSDAP etwa 10.000 Mitglieder. Aus der Sicht der deutschvölkischen Szene galt es KPD, USPD, MSPD, Gewerkschaften und bürgerliche Demokraten mit allen Mitteln zu bekämpfen, da ihnen die Schuld an allen gesellschaftlichen Übeln zugeschoben wurde. Der Krieg sei das Werk einer "jüdischen Weltverschwörung" gewesen, Waffenstillstand und Friedensvertrag die Folge des "Dolchstoßes" und der Revolution. Die parlamentarische Demokratie hielten die Deutschvölkischen für etwas "Undeutsches", von den Siegern Aufgezwungenes. Die Weimarer Republik hieß bei ihnen nur verächtlich "das System", ihre Repräsentanten beschimpften sie als "Novemberverbrecher". Sie erstrebten einen starken Staat, den sich nur wenige noch als Monarchie, die meisten dagegen als "Führerstaat" nach dem Vorbild des italienischen Faschismus unter Benito Mussolini vorstellten.

Antisemitismus

Der für die deutschvölkische Szene besonders charakteristische Judenhass (so wollte die NSDAP schon seit 1920 die Juden ausbürgern) wurzelte in Deutschland – wie in anderen europäischen Ländern auch – im jahrhundertealten christlichen Antijudaismus. Dieser hatte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Antisemitismus entwickelt. In ihm verbanden sich politische Bestrebungen, die Emanzipation der Juden (1869/71) rückgängig zu machen, und rückwärts gewandte Kritik an der industriellen Moderne, für die wirtschaftlich erfolgreiche Juden sinnbildlich standen, mit international verbreiteten pseudowissenschaftlichen Rassenlehren, in denen insbesondere die Juden zu einer minderwertigen Rasse mit ausschließlich negativen Eigenschaften erklärt wurden. Der europäische Antisemitismus steigerte sich bis zu der absurden Behauptung einer jüdischen Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft; den Beweis dafür sollten die 1919 (nicht nur) in deutscher Sprache gedruckten "Protokolle der Weisen von Zion" liefern. Dabei handelt es sich zweifelsfrei um eine antisemitische Fälschung, die gleichwohl in der deutschvölkischen Szene weite Verbreitung fand; selbst heute noch wird ihr von Antisemiten Glauben geschenkt.

Linksradikalismus

Bei der politischen Linken trieb die Enttäuschung über die stecken gebliebene Revolution die Radikalisierung voran. Unter der Dominanz ihres linken Flügels näherte sich die USPD der KPD an: Im Dezember 1919 propagierte auch sie die "Diktatur des Proletariats" und beharrte auf dem Rätesystem als Form der "Organisation der sozialistischen Gesellschaft". Durch diese Fundamentalopposition gegen die Weimarer Republik blieb die Kluft zwischen USPD und MSPD unüberbrückbar. 1920 drängte der linke Flügel der USPD auf den Beitritt zur "Kommunistischen Internationale" (Komintern), dem von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) gesteuerten Dachverband der internationalen kommunistischen Parteien. Dadurch wurde eine Spaltung unvermeidlich. Im Dezember 1920 vereinigte sich die USPD-Linke mit der KPD, deren Mitgliederzahl dadurch sprunghaft anstieg. Im September 1922 schloss sich die Rumpf-USPD der MSPD an; die vereinigte Partei nannte sich ab 1924 wieder SPD. Künftig war das linke Lager durch den Gegensatz zwischen revolutionärer KPD und reformorientierter SPD geprägt.


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