Nationalsozialismus
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Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik


5.4.2002
Aufstieg und Herrschaft des Nationalsozialismus standen ebenso in einem nationalgeschichtlichen wie in einem europäischen Zusammenhang. Zunächst war der Nationalsozialismus ein Produkt der deutschen Geschichte, was sich schon inder Weimarer Republik bemerkbar machte.

Nicht genau datiertes Schwarz-Weiß-Foto: Der Führer der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (NSDAP), Adolf Hitler, stehend mit Hitlergruß, bei einem Treffen mit NSDAP-Reichstags-Abgeordneten (von links: Hermann Göring, Dr. Wilhelm Frick, Hitler, Gregor Strasser und Wilhelm Stöhr) im Hotel Kaiserhof in Berlin im Jahr 1932.Adolf Hitler beim Treffen mit NSDAP-Reichstags-Abgeordneten (von links: Hermann Göring, Dr. Wilhelm Frick, Adolf Hitler, Gregor Strasser und Wilhelm Stöhr) im Hotel Kaiserhof in Berlin. (© AP)

Einleitung



Aufstieg und Herrschaft des Nationalsozialismus standen ebenso in einem nationalgeschichtlichen wie in einem europäischen Zusammenhang. Zunächst war der Nationalsozialismus ein Produkt der deutschen Geschichte. Er war eine Folge der politischen und sozialen Spannungen im verspäteten deutschen Nationalstaat des Kaiserreichs, die dann durch Verlauf und Folgen des Ersten Weltkriegs entscheidend verschärft wurden. Diese Spannungen wurden zur Erblast der Weimarer Republik und gehörten zu den Voraussetzungen für den Aufstieg der antidemokratischen, nationalsozialistischen Massenbewegung und ihres Bündnisses mit den konservativen Machteliten. Geprägt durch das Kaiserreich wollten sie keinen Frieden mit der neuen parlamentarischen Demokratie.

Friedensvertrag von Versailles
Das deutsche Kaiserreich war "Schauplatz des klassischen Modernisierungsdilemmas" (Hans-Ulrich Wehler): Einem rasanten industriewirtschaftlichen und -gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß standen starke soziale und politische Beharrungskräfte gegenüber. Solche Gegensätze gab es zwar anderswo auch, doch nirgends traten sie so massiv und auf den kurzen Zeitraum eines halben Jahrhunderts zusammengedrängt auf. Der 1871 unter monarchischen und militärischen Vorzeichen im Vergleich zu anderen Ländern verspätet gegründete deutsche Nationalstaat stand gleich vor mehreren Aufgaben und Belastungsproben. Neben dem Ausbau einer Reichsverwaltung standen vor allem die Begründung und Weiterführung einer demokratisch-parlamentarischen Verfassungsordnung an, die die politische Mitwirkung der Gesellschaft und damit auch deren Integration in den neuen Nationalstaat herstellen mußte, damit dieser auch ein Staat der Bürger würde. Diese Parlamentarisierung ist bekanntlich gescheitert und mit ihr auch der politische Liberalismus, der eigentliche Träger der Verfassungsbewegung. Er unterlag einem mehrfachen Druck von außen:
  • Durch den populären Reichskanzler Otto von Bismarck, der Reichstag und Parteien durch Massenmobilisierung und Staatsstreichdrohung ausschaltete;
  • durch die Arbeiterbewegung, die zu einer Massenbewegung wurde und die soziale Frage zu einem Instrument ihrer Fundamentalopposition machte und
  • durch die ökonomische Depression der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Diese führte zu einem System des Protektionismus und einer Sammlungspolitik von Großlandwirtschaft und Großindustrie, die einer starren Politik des Machterhaltes den Vorrang vor möglichen Öffnungen und gesellschaftlichen Reformen gab.
So war Deutschland zwar um die Jahrhundertwende zur führenden Industriemacht geworden mit einem beträchtlichen wirtschaftlichen Wachstum und einer schrittweisen Verbesserung der materiellen Situation auch der Industriearbeiterschaft. Aber dieser Aufschwung vollzog sich im Gehäuse des überkommenen preußisch-deutschen Obrigkeitsstaates, der kaum reformfähig war.

Das Schrumpfen der politischen Mitte in der Weimarer Republik
Auch wenn das Bürgertum auf kommunalpolitischer Ebene, in Wirtschaft und Kultur großen Einfluß hatte, Erfolge erzielte und bürgerliche Normen und Maßstäbe durchsetzen konnte, gaben weiterhin die alten Gruppen den Ton im politisch-sozialen Herrschaftsbereich an: Der Hofadel und der grundbesitzende Adel, der auch das Militär dominierte, sowie eine machtbewußte Bürokratie; dazu kleine Gruppen des Besitz- und Bildungsbürgertums, Industrielle, Bankiers und Professoren, die sich zunehmend der Lebensweise des Adels annäherten. Einig war man sich in der Abwehr des Emanzipationsanspruches der Arbeiterschaft, deren politische Vertretung in Gestalt der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung Demokratie und Sozialstaat weiter entwickeln wollte. Einig war man sich bei den traditionellen Eliten und in den erwähnten Gruppen des Bürgertums darum auch in der Blockade weiterer Parlamentarisierung und Demokratisierung, um nicht den Sozialdemokraten und Linksliberalen zuviel Raum zu geben.

So konnte sich im kaiserlichen Deutschland weder eine gefestigte liberal-demokratische politische Kultur entfalten noch ein demokratischer Nationalismus. Vielmehr behaupteten sich hier Reste älteren Bewußtseins, die in einem Sozialideal gipfelten, das der Schriftsteller Thomas Mann einmal ironisch mit dem Titel "General Dr. von Staat" charakterisiert hat. Mehr noch, der deutsche Nationalismus übernahm aggressive, imperialistische und militaristische Züge, die von einer Ausgrenzungsstrategie gegen die sogenannten "Reichsfeinde" bestimmt waren und aus der Einkreisungsangst der Mittellage in Europa die Forderung nach einem starken Staat inmitten einer Welt von vermeintlichen Feinden ableiteten. Zu den "Reichsfeinden" gehörten aus der Sicht dieses Nationalismus anfänglich nur Katholiken, dann vor allem Polen und Sozialdemokraten und später zunehmend auch deutsche Juden.

Folgen des Weltkrieges



Als sich der Erste Weltkrieg in den Schützengräben festgefressen hatte, erlebte die deutsche Gesellschaft im Inneren nicht nur schwere materielle Bedrückungen, sondern verschärfte soziale Konflikte, neue Formen der staatlichen Intervention und der organisierten Kriegswirtschaft. Vor allem aber vollzog sich der Eintritt breiter Schichten in das politische Leben unter den Vorzeichen eines militanten Nationalismus, einer verschärften politischen Polarisierung, die das Freund-Feind-Denken der Weimarer Republik vorwegnahm und zu einer Brutalisierung des politischen Verhaltens führte. Der Schock über die unerwartete militärische Niederlage des Deutschen Kaiserreichs und den damit verbundenen Zusammenbruch der Monarchie im November 1918 führte nicht zu einem Abbau autoritärer Verhaltensweisen und langfristig nicht zu einem Mentalitätswandel, der zu einer Befestigung der jungen Demokratie hätte beitragen können. Im Gegenteil, bei der Mehrheit der Deutschen bewirkten Krieg und Niederlage, Zusammenbruch und Revolutioeine Radikalisierung älterer Einstellungen und verstärkten die Suche nach Sündenböcken.

Mit der sogenannten Dolchstoßlegende bot sich eine propagandistisch wirksame Erklärung für die nationale Demütigung an. Nach dieser Legende ist ein Teil der von der politischen Linken angeblich aufgehetzten Heimatbevölkerung dem im Felde unbesiegten Frontheer in den Rücken gefallen und hat damit die Niederlage verursacht. Mit derartigen Erklärungen konnten die alten Eliten und die deutsche Rechte leicht von den eigentlichen Ursachen des deutschen Zusammenbruchs ablenken, die primär im politisch-sozialen System lagen. Es war verhängnisvoll für die weitere politische Entwicklung, daß die Empörung über den als Diktat empfundenen Versailler Vertrag in der öffentlichen Diskussion in Deutschland die fällige Selbstkritik an der wilhelminischen imperialistischen Politik der Vorkriegs- und Kriegsjahre weitgehend verdrängte. All das belastete die ungeliebte Republik von Weimar. Hinzu kam, daß die Republik selbst politisch und materiell wenig Glanz, dafür um so mehr Krisen und Elend zu bieten hatte.

Die Krise der Weimarer Demokratie, die schließlich in die Staats- und Wirtschaftskrise der Jahre 1930 bis 1932 und zur nationalsozialistischen Machtergreifung führen sollte, hatte zugleich eine europäische Dimension. Überall stellte der Erste Weltkrieg, die "Urkatastrophe unseres Jahrhunderts" (George Kennan), die europäischen Staaten und Gesellschaften vor schwere materielle und soziale Belastungen und führte zu einer politischen Mobilisierung und Radikalisierung. Auf den politischen Flügeln entstanden radikale Parteien. Sie waren radikal nationalistisch dort, wo man die Ergebnisse der Friedenskonferenzen von Versailles und den anderen Pariser Vororten nicht hinnehmen wollte. Daneben wurden vor allem aber in vielen Staaten Europas linkssozialistische und kommunistische Bewegungen gegründet, die zur sozialen Revolution aufriefen. Die Mobilisierung durch den industriellen Großkrieg und die sozialen und materiellen Folgen der Demobilisierung nach dem Krieg führten überall zu Massenprotesten, mitunter zu sozialvolutionären Umverteilungsaktionen bis hin zu Land- und Fabrikbesetzungen wie beispielsweise in Norditalien.

Die politische Mobilisierung erfaßte soziale Gruppen, die bislang am politischen Leben kaum beteiligt waren und nun auf Teilhabe drängten. Das stellte sowohl die Parteien als auch die Verfassungsordnung vor neue Herausforderungen. Die Ausweitung bzw. Veränderung des Wahlrechts 1918 (z.B. Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts und Einführung des Frauenwahlrechts) zwang die alte politische Klasse, sich an neue Gesichter, neue politische Auswahlverfahren bzw. an einen neuen politischen Stil anzupassen. Politische Entscheidungen konnten nicht länger nur in den Kabinetten oder in den bislang von bürgerlichen Eliten beherrschten Parlamenten getroffen werden, sondern gerieten unter den Druck der Agitation auf der Straße und von paramilitärischen Verbänden. Hinzu kam die Bedrohung durch die kommunistische Revolution, die mit der Forderung nach einer Diktatur des Proletariats die bürgerlichen Ordnungen Westeuropas herausforderte und auch die reformistischen sozialistischen Parteien in Bedrängnis brachte soe zur verhängnisvollen Spaltung der Arbeiterbewegung führte.