Dossierbild IZPB Massenmedien

8.6.2011 | Von:
Markus Behmer
Christoph Bieber
Klaus Goldhammer
Gerd Hallenberger
Sonja Kretzschmar
Annika Sehl
Hermann-Dieter Schröder

Wo Medienmenschen arbeiten: Internet, Pressewesen, Rundfunk

Der Printmarkt in der Bundesrepublik Deutschland

Am Anfang war Gutenberg. Um 1450 entwickelte Johannes Gensfleisch, wie er eigentlich hieß, in Mainz den Buchdruck mit beweglichen Lettern vor allem aus Blei und brachte die Druckbögen mit Hilfe einer umgebauten Weinpresse auf Papier. Mehr als 500 Jahre lang basierte das Druckwesen auf seiner Erfindung; erst mit Lichtsatz und Computertechnik ging die "Bleizeit" zu Ende. Eine ganze Mediengattung trägt aber weiterhin ihre Bezeichnung nach der Technik à la Gutenberg: die Presse. Ihre Erzeugnisse sind von beeindruckender Vielfalt.

Deutschland gehört weltweit zu den Spitzenreitern mit einer "Zeitungsdichte" von immerhin noch 300, während in den USA und Frankreich nur rund 150 Zeitungen pro 1000 Einwohner gedruckt werden, in Italien etwa 100 und in vielen anderen Teilen der Welt noch weit weniger. Fast 70 Prozent der Deutschen geben bei Umfragen an, täglich Zeitung zu lesen, durchschnittlich knapp eine halbe Stunde lang. Manche Blätter haben nur eine Auflage von wenigen hundert Exemplaren, die anderer geht in Millionenhöhe " wie etwa die der Bild, deren Verbreitung in den vergangenen Jahren zwar rückläufig ist, die aber immer noch fast drei Millionen Exemplare täglich verkauft.

Ein paar Zahlen: In Deutschland gab es 2010 mehr als 1500 verschiedene Ausgaben von Tageszeitungen mit einer täglichen Gesamtauflage von 20 Millionen und gut 30 Wochen- und Sonntagszeitungen mit zusammen fünf Millionen Exemplaren. Kaum exakt zählen lassen sich die Zeitschriften " kein Kiosk könnte sie alle anbieten. Allein der Bereich der sich an eine breite Leserschaft wendenden "Publikumszeitschriften" umfasst rund 900 Titel, die gemeinsam in jedem Erscheinungsintervall (meist wöchentlich oder 14-täglich) rund 115 Millionen Exemplare verkaufen, dazu gibt es etwa 3700 Fachzeitschriften mit einer Auflage von mindestens 15 Millionen. Weiter erscheinen wenigstens 1400 Anzeigenblätter, die 80-millionenfach an alle deutschen Haushalte verteilt werden, und zehntausende Vereinsblätter, Werks- und Betriebszeitschriften, Kundenorgane, Schülerzeitungen, Mitteilungen von Bürgerinitiativen, den Kirchen und anderen weltanschaulichen Gruppen. Und auch das (neben dem Buch) älteste gedruckte Massenmedium gibt es weiterhin: Flugblätter " heute vor allem in Form von Veranstaltungsankündigungen, Werbeflyern oder Handzetteln bei Demonstrationen.

Erst in jüngster Zeit ist im Pressemarkt eine Stagnation auf hohem Niveau festzustellen " bei teils bedenklichen Rückgang insbesondere in klassischen Zeitungsmärkten wie Europa und den USA.

Im Jahr 1605 schlug im damals deutschen Straßburg die Geburtsstunde der eigentlichen Zeitung " regelmäßig wurde hier nun die Relation gedruckt, ein wöchentlich erscheinendes, dünnes Nachrichtenblatt, redigiert, hergestellt und vertrieben von dem Drucker Johann Carolus. 45 Jahre später erschien in Leipzig die erste Tageszeitung. Doch tägliche Erscheinungsweise blieb zunächst eine Ausnahme " die erst im 19. Jahrhundert zur Regel wurde.

Inhaltlich und optisch änderten sich die Zeitung mehr als zwei Jahrhunderte lang wenig. Die in der Regel kleinformatigen Blätter brachten eine nur durch Orts- und Datumsangaben geordnete Zusammenstellung von Nachrichten über politische und militärische Ereignisse, Unglücksfälle, Naturkatastrophen usw. Überschriften und Illustrationen fanden erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt Eingang in die Zeitungen, Fotos erst nach 1920. Zunehmend große Formate und die Vielzahl unterschiedlicher, teils informierender, teils wertender Darstellungsformen wie Hintergrundberichte, Reportagen, Interviews, Glossen, Kommentare, Leitartikel und Kritiken entwickelten sich ebenfalls erst im 19., teils im frühen 20. Jahrhundert.

Frei war die Presse in ihrer rund 500-jährigen Geschichte selten " und sie ist es auch heute noch weltweit gesehen in den meisten Ländern nicht. Nach einer Studie der amerikanischen Menschenrechtsorganisation Freedom House leben im Jahr 2010 nur 16 Prozent aller Menschen in Staaten, deren Medien als frei eingestuft werden können. Deutschland gehört zu diesen Ländern, doch erst 1874 wurde hier durch das Reichspressegesetz die Pressefreiheit gesetzlich verbürgt " wenn auch längst nicht immer umgesetzt. Im Ersten Weltkrieg, besonders scharf dann in den zwölf Jahren der nationalsozialistischen Diktatur, auch wieder in der DDR wurden Medien systematisch gelenkt und teils verboten, Journalisten instrumentalisiert und inhaftiert, freie Meinungsäußerungen unterdrückt. In Westdeutschland standen die Medien nach Kriegsende zunächst unter der Kontrolle der Siegermächte " zur Herausgabe von Printprodukten bedurfte es einer Genehmigung. Die meisten der heute bedeutendsten Zeitungen sind in dieser Lizenzzeit entstanden.

Als mit der Gründung der Bundesrepublik 1949 wieder jeder eine Zeitung oder Zeitschrift gründen konnte, gab es zunächst eine kaum überschaubare Vielzahl. Nachdem sich gegen Mitte der 1950er Jahre feste Strukturen herausgebildet hatten, setzte sich auf dem deutschen Pressemarkt ein Konzentrationsprozess fort. Wichtigstes Zählmaß ist hier die Anzahl der Publizistischen Einheiten. Zu ihnen werden alle Zeitungen zusammengefasst, die inhaltlich identische Teile haben, also redaktionell nicht selbstständig sind, sondern bestimmte Seiten (meist den allgemeinen politischen Teil) von einer Zentralredaktion übernehmen. Gab es 1954 noch 225 Publizistische Einheiten, so waren es 1989 nur mehr 119. Durch die deutsche Vereinigung kamen 37 hinzu; bis 2010 sank die Gesamtzahl aber wieder auf 134. Trotz dieses Konzentrationsvorgangs gibt es in Deutschland eine relativ vielfältige lokale und regionale Presse. Allerdings existiert in fast drei Fünfteln aller Landkreise und kreisfreien Städte nur je eine Zeitung mit lokaler Information. Hoch konzentriert ist der Zeitungsmarkt insbesondere in Ostdeutschland, wo auch heute noch viele der wichtigsten Titel aus der DDR, die ehemaligen Bezirkszeitungen der einst alles bestimmenden Partei SED, den Markt beherrschen. Inhaltlich haben sie sich freilich völlig gewandelt, und sie sind nach 1990 durchweg in den Besitz großer westdeutscher Presseverlage übergegangen.

Größtes deutsches Zeitungsunternehmen ist der Axel Springer Verlag mit Zeitungen wie Bild und Welt sowie einem Marktanteil von 22 Prozent, gefolgt von der Südwestdeutschen Medienholding (einer Verlagsgruppe, der verschiedene Zeitungen in Baden-Württemberg und auch die Süddeutsche Zeitung mehrheitlich gehören) mit 8,5 Prozent und der WAZ-Gruppe aus Essen mit sechs Prozent. Die zehn größten Verlagsgruppen haben zusammen einen Marktanteil von knapp 60 Prozent. Im Gegensatz zu Großbritannien und den USA sind in Deutschland aber immer noch die meisten Verlage mittelständisch strukturiert. Anders bei unterhaltenden Zeitschriften: Fast 80 Prozent aller mindestens 14-täglich erscheinenden Titel werden von nur vier Verlagshäusern herausgegeben: wiederum dem Axel-Springer-Verlag, dem zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Verlagshaus Gruner & Jahr und den Unternehmen Hubert Burda und Heinrich Bauer. Der Trend geht allgemein zu Multimediakonzernen, die zunehmend auch international agieren.

Überregional verbreitet sind in Deutschland nur wenige, doch qualitativ hochwertige Tageszeitungen. Marktführerin ist hier die Süddeutsche Zeitung aus München mit einer Auflage von (im Herbst 2010) rund 440 000 Exemplaren vor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (365 000), Welt und Welt kompakt (zusammen 258 000), der Frankfurter Rundschau (137 000), den beiden sich vor allem mit wirtschaftlichen Themen befassenden Zeitungen Handelsblatt (137 000) und Financial Times Deutschland (100 000) und der linksalternativen Tageszeitung (taz / 58 000). Anders als etwa in England und Frankreich gibt es in Deutschland aufgrund der föderalistischen Struktur keine ausgeprägte Hauptstadtpresse. Zwar ist Berlin die Stadt mit den meisten " nämlich neun " Tageszeitungen, doch nur wenige davon finden im ganzen Land Beachtung. Unbedeutend ist in der Bundesrepublik die Parteipresse. Während sich noch in der Weimarer Republik etwa die Hälfte aller Zeitungen einer bestimmten Parteirichtung zuordnen ließ (und im "Dritten Reich" wie auch in der DDR die meisten Zeitungen der machthabenden Partei gehörten), gibt es heute nur mehr eine Parteitageszeitung: das Neue Deutschland, an dem die Partei Die Linke. beteiligt ist. Und Gratiszeitungen, die etwa in London, Paris, Madrid, Zürich oder Oslo täglich massenweise vor allem an U-Bahn-Stationen verteilt werden, konnten sich in deutschen Großstädten bislang nicht etablieren.

Insgesamt erwirtschafteten die deutschen Tageszeitungen 2009 einen Umsatz von circa acht Milliarden Euro, die etwa je zur Hälfte aus dem Vertrieb (also von den Abonnenten und Käufern) und aus dem Anzeigengeschäft kamen. Die Tageszeitung ist damit " knapp vor dem Fernsehen " der größte Werbeträger mit (nach Angaben des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft " ZAW) 3,7 Milliarden Euro und einem Anteil von gut 20 Prozent am gesamten Werbeaufkommen. Publikumszeitschriften nahmen 2009 rund 1,4 Milliarden Euro aus Werbung ein, Anzeigenblätter etwa zwei Milliarden Euro.

Mehr als dreieinhalb Jahrhunderte lang blieb die Presse das unumschränkte Leitmedium im öffentlichen Diskurs, abgelöst erst ganz allmählich durch das Fernsehen " und insbesondere in vielen Teilen der "Dritten Welt" dem Radio. Das Prestigemedium ist die Presse, sind die Zeitungen bis heute in den meisten Teilen der Erde geblieben " und die wichtigste aktuelle Informationsquelle zumindest sehr vieler Menschen. Bis ins 21. Jahrhundert hinein bot kein anderes Medium umfassendere und gleichzeitig übersichtlicher präsentierte Informationen aus den "Kernressorts" Politik und andere aktuelle Nachrichten, Kultur, Wirtschaft, Sport und meist regionalem oder lokalem Geschehen. Wollte man etwa den gesamten Text einer der abendlichen Hauptnachrichtensendungen des Fernsehens drucken, so würde er nicht einmal eine Seite etwa der Süddeutschen Zeitung, der Neuen Zürcher Zeitung oder der New York Times füllen. Heute bieten zwar Nachrichtenangebote im Internet teils (über zahlreiche Links) eine größere Informationsfülle und werden rascher aktualisiert, aber Gedrucktes genießt (zumindest nach Umfragen des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger) in der Regel noch immer höhere Glaubwürdigkeit; die Leserinnen und Leser schätzen neben der gründlicheren Darstellung die Selektionsleistung wie die journalistische Einordnung und die publizistische Bewertung der Geschehnisse durch erfahrene Beobachter und Kommentatoren.

Zeitungen und Zeitschriften haben die Einführung des Radios überdauert und die Durchsetzung des Fernsehens. Im Zeitalter des Internets steht die Presse vor neuen Herausforderungen " nicht wenige prophezeien zumindest der gedruckten Tageszeitung den Untergang: Warum noch Informationen und Unterhaltung auf Papier, "toten Bäumen", konsumieren, wenn man sie auch " angereichert mit bewegten Bildern und O-Tönen und versehen mit Links zu anderen Quellen " über PC, Notebook oder Mobiltelefon "in Echtzeit" und scheinbar gratis beziehen kann? In den USA (wo die Zeitungen stets einen geringeren Bevölkerungsanteil erreichten als in Deutschland) verlieren auch die besten Tageszeitungen " so die New York Times und das Wall Street Journal " massiv an Auflage. Die Verlage suchen daher verstärkt nach Wegen, im Onlinebereich Geld zu verdienen, und mehrere etablierte Regionalzeitungen wurden bereits eingestellt oder erscheinen nur noch elektronisch im Internet.

Auch in Deutschland nutzen immer weniger gerade junge Menschen die Zeitung. Nach der im Auftrag der führenden Medien und Werbetreibenden jährlich durchgeführten Studie Media Analyse griff 2009 nicht einmal mehr jeder zweite Deutsche zwischen 14 und 29 Jahren mehr oder weniger regelmäßig zur Zeitung " im Jahr 2000 waren es noch gut 60 Prozent. Anzeigenbereiche wie Stellenannoncen oder der Gebrauchtwagen- und Immobilienmarkt sind zu großen Teilen ins Netz abgewandert.

So steht das älteste periodische Medium vor vielen neuen Herausforderungen. Es muss auf dem Anzeigenmarkt konkurrenzfähig bleiben und gleichzeitig im Internet präsent sein. Zeitungs- und Zeitschriftenverlage erstellen eigene Webauftritte, liefern Apps für das iPhone und das iPad. Geld verdient wird dabei allerdings bislang noch kaum. So stellt sich ihnen auch die Aufgabe, neue Finanzierungsquellen zu finden " sei es über Begleitprodukte wie Buch- oder Filmreihen, über Mäzene oder Stiftungen, die gezielt Qualitätsjournalismus und umfangreiche Recherchen unterstützen, oder über direkte staatliche Fördermaßnahmen, wie sie etwa in Frankreich und Österreich längst die Regel sind, in Deutschland aber kaum durchsetzbar sein dürften. Zu groß ist hier die Skepsis gegenüber möglichen staatlichen Einflüssen auf die Medien.

Die Unabhängigkeit der Presse kann allerdings auch durch wirtschaftliche Zwänge gefährdet werden. Konzentrationstendenzen, die gegebenenfalls zu starken Marktstellungen einzelner Konzerne und damit auch zu großem Einfluss auf die Meinungsbildung führen könnten, müssen daher zumindest sorgfältig beobachtet werden.

Auch im Internet ist der Journalismus, für den Presseorgane stehen, weiterhin gefragt. Viele Blogs kommentieren vor allem das, was vorher in der Presse gestanden hat, liefern also Anschlusskommunikation und keine Primärinformation.

Dies allein nützt aber nichts, wenn die Zeitungen nicht gleichzeitig für eine möglichst breite Leserschaft attraktiv bleiben. Sie müssen ihre Stammleser halten " und neue Kunden gewinnen. Viele Zeitungen führten beispielsweise tägliche Kinderseiten ein, manche Zeitschriften " wie Spiegel, Zeit und Geo " entwickelten eigene Kinderhefte, um so die jüngste Leserschaft an das gedruckte Medium heranzuführen. Die angestammten Käuferschichten sollen gleichzeitig durch fundierte Hintergrundberichterstattung, Wahrung der lokalen Kompetenz und umfassende Serviceangebote gehalten werden.

Zeitungen und Zeitschriften werden in 30 oder 50 Jahren vielleicht anders aussehen als heute, sie werden ihr Format, ihr Layout und vielleicht auch ihren Vertriebsweg weiter verändern " ihre wichtigen Funktionen, umfassend zu informieren, Hintergründe zu erhellen und eine fundierte Meinungsbildung zu ermöglichen oder auch spezifische Zielgruppen gezielt anzusprechen und gut zu unterhalten, werden sie aber weiterhin erfüllen müssen. Nur dann sind sie fit für die Zukunft.

Quellentext

Wozu Zeitung?

...zur Orientierung

Zeitungen sind systemrelevant. [...] Das System, für das sie [...] relevant sind, heißt [...] Demokratie. [...] Diese Darlegungen zur Systemrelevanz der gedruckten Presse sind kein Plädoyer für deren Staatsfinanzierung. [...] Die deutschen Zeitungen brauchen kein Staatsgeld. [...] Sie brauchen Journalisten, die neugierig, unbequem, urteilskräftig, selbstkritisch und integer sind. Sie brauchen Verleger, die einen solchen Journalismus schätzen, die also von ihren Zeitungen mehr wollen als Geld [...]. Und sie brauchen Leserinnen und Leser, denen die gute journalistische Arbeit etwas wert ist [...].
Guter Journalismus hat große Zeiten vor sich: Noch nie hatten Journalisten ein größeres Publikum als nach der digitalen Revolution. Noch nie war Journalismus weltweit zugänglich. Und es gab wohl noch nie so viel Bedürfnis nach einem orientierenden, aufklärenden, einordnenden und verlässlichen Journalismus wie heute. Es ist nämlich so: Die Ausweitung des wissbaren Wissens durch das Netz wird auf Kosten ihrer Vertiefung verwirtschaftet. Die Datenmenge nimmt zu, aber die Datenverarbeitung bleibt aus. Da kommt dem Journalismus eine neue Aufgabe zu: [...] Reflexion und Hintergrundbildung. [...]
[...] Die Tageszeitung wird sich des Internets wegen verändern " sehr viel mehr, als die Konkurrenz von Rundfunk und Fernsehen sie verändert hat. Der Inhalt der Zeitung wird ein anderer sein, aber die Zeitung wird erst recht Zeitung sein: Die Texte, die dort stehen, werden Nachrichten im Ursinne sein müssen, Texte zum Sichdanach-Richten. [...] Kein neues Medium hat je die alten Medien verdrängt. Es kommt zu Koexistenzen. Das Internet ersetzt nicht gute Redakteure, es macht gute Journalisten nicht überflüssig; im Gegenteil: Es macht sie wichtiger als bisher. [...]

Auszüge des Eröffnungsvortrags zur Jahrestagung der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche 2009 in Hamburg

Heribert Prantl, "Die Zeitung ist wichtiger als die Deutsche Bank", in: Süddeutsche Zeitung vom 8. Juni 2009

...zur ausführlichen Lektüre
[...] Die Zeitung der Zukunft wird zwei Gesichter haben: ein gedrucktes und ein vernetztes. Die Aktualität, also "all the news that"s fit to print", wie die "Times" für sich in Anspruch nimmt, wird ins Internet abwandern. Das Netz ist schneller als jedes andere Medium. Ihm auf diesem Feld mit einem gedruckten Produkt Konkurrenz zu machen, hat einfach keinen Sinn. Aber als Medienhaus die Aktualität im Netz zu bespielen, hat sehr viel Sinn. Das zeigt auch eine neue Studie des Hightech-Branchenverbandes Bitkom, die den Nachrichtenportalen im Internet einen Nutzungszuwachs von dreißig Prozent innerhalb eines Jahres attestiert, darunter viele Angebote der etablierten Medienhäuser. Für einen Überblick über die Tagesaktualität, die kurze Einordnung der Welt, wie ich sie beim Aufwachen vorfinde, dafür braucht es erst mal keine Edelfedern oder eigene Infrastruktur. Deshalb ist das Konzept der "Newsrooms", das sich nun überall durchzusetzen beginnt, für diese Art des Journalismus perfekt. Für diese.
Eine andere Art des Journalismus wird weiter mit dem gedruckten Wort arbeiten, am Kiosk zu kaufen oder per Abo im Briefkasten zu finden sein. Das sind die Geschichten, die [...] weiterhin in einem aufwendigen Prozess entstehen. [...] Dazu braucht man keinen Newsroom, dazu braucht man Schreiber, die die Welt erzählen. [...]
Die gedruckte Zeitung ist ein episches Medium. Sie berichtet ausführlich narrativ, sie darf etwas Großes aus einer Kleinigkeit heraus erzählen, sie muss eine Meinung haben, Positionen entwickeln und den Mut, sie auch zu vertreten. Sie orientiert im Strom der Nachrichten, der durchs Netz fließt. [...] Bei der Zeitungslektüre verweilt der Leser dort, wo sein Interesse besteht oder geweckt wird durch eine spannende und gut geschriebene Geschichte.
Und der Journalismus? Auch er wird lernen müssen, dass es nicht das eine oder das andere, sondern immer beides zusammen gibt. [...]

Miriam Meckel ist Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen.

Miriam Meckel, "Das epische Medium", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. Januar 2009

...als breite Plattform für gesellschaftlichen Diskurs
[...] "Wozu Zeitung?" Das ist eine gute Frage, weil sie sich in dem gegenwärtigen Medienumbruch viele Menschen stellen " und schlimmer: einige schon nicht mehr stellen. Sie wäre ein guter Anlass zur Selbstvergewisserung, zum öffentlichen Suchen danach, was genau das Bewahrenswerte oder gar Unverzichtbare ist, das die Zeitung speziell und der Qualitätsjournalismus allgemein leistet, und wie man dafür sorgen kann, dass genau das [...] nicht verlorengeht.
[...] Für viele Zeitungsjournalisten scheint die Antwort auf die Frage "Wozu Zeitung?" so selbstverständlich zu sein, dass sie sich gar nicht erst damit aufhalten. Dass nur der professionelle Zeitungsjournalismus die Qualität garantiere, die Voraussetzung für eine informierte Debatte und eine aufgeklärte Gesellschaft sind, ist als Axiom gesetzt. [...]
[...] Ich möchte in keiner Welt ohne professionellen Journalismus leben, doch [...] in einer Welt ohne Journalisten gingen uns die Neuigkeiten nicht aus. Die Lawblogger würden uns Neuigkeiten aus den Gerichtssälen erzählen, Parteimitglieder über neue Gesetzesentwürfe streiten, Foodblogger neue Restaurants erkunden, Medizinprofessoren neue Medikamente bewerten und chinesische und iranische Blogger uns mit Einblicken in ihr Leben bereichern.
Was fehlen würde in einer Welt ohne Journalismus, ohne Massenmedien, wäre neben den großen Plattformen für einen Diskurs der Gesellschaft vor allem das Sortieren und Gewichten, die Systematik und Kontinuität. Fehlen würde eine Struktur, die dafür sorgt, dass die Berichterstattung über wichtige Themen nicht davon abhängt, ob sich zufällig ein Blogger für sie interessiert oder sie sich unmittelbar rechnet, und die die größtmögliche Chance bietet, dass diese Berichterstattung professionell und unabhängig geschieht.
[...] Wir brauchen professionellen Journalismus, und wenn ich es mir aussuchen kann, dann bitte auch in Zukunft nicht nur online, sondern auch auf Zeitungspapier. Aber wir brauchen ihn nicht als verklärtes Ideal, das seine Unverzichtbarkeit behauptet, sondern einen Journalismus, der täglich seine Zuverlässigkeit beweist. Einen Journalismus, der transparent ist, seine Unzulänglichkeiten offenlegt und seine Fehler korrigiert, der hingeht, wo es weh tut, sich die Zeit nimmt, die nötig ist, der recherchiert statt kopiert und Verantwortung für die Folgen seiner Arbeit übernimmt.
Wenn die Diskussion über die Zukunft des Journalismus konstruktiv sein soll, muss sie sich endlich von den falschen Gegensätzen verabschieden. Die Front verläuft nicht zwischen Profis und Amateuren oder zwischen Print und Online. Sie verläuft zwischen gutem Journalismus und schlechtem Journalismus. [...]

Stefan Niggemeier, "Was würde uns fehlen ohne Journalismus?", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. Mai 2009



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