Dossierbild IZPB Massenmedien

8.6.2011 | Von:
Markus Behmer
Christoph Bieber
Klaus Goldhammer
Gerd Hallenberger
Sonja Kretzschmar
Annika Sehl
Hermann-Dieter Schröder

Wo Medienmenschen arbeiten: Internet, Pressewesen, Rundfunk

Entwicklung des privaten Rundfunks

Fernsehen

Seit der Einführung des privaten Fernsehens 1984 hat sich die Sendervielfalt deutlich erhöht: Die Zahl der Programme stieg in der Bundesrepublik bis zum Jahresende 2009 auf über 450 TV-Sender. Sie unterscheiden sich nach der inhaltlichen Ausrichtung ihres Programms. So genannte Vollprogramme zeigen ein breites Spektrum unterschiedlicher Inhalte, sie müssen einen bestimmen Anteil an Informationen, Bildung, Beratung und Unterhaltung enthalten. Damit grenzen sie sich von den "Spartenprogrammen" ab, die ihr Programm mit größtenteils gleichartigen Inhalten füllen.

Das so genannte Free-TV finanziert sich, für den Zuschauer scheinbar kostenlos, vor allem durch die Vermarktung von Werbezeiten bei der werbetreibenden Industrie. Tatsächlich legen die Unternehmen ihre Marketingkosten wieder auf die Produktpreise um, so dass man hier von einer indirekten Finanzierung spricht. Im Gegensatz dazu steht das Pay-TV, bei dem die Zuschauer für die Nutzung des Programms direkt bezahlen.

Die Einführung des privaten werbefinanzierten Fernsehens als Möglichkeit für die Industrie, Produkte in der Öffentlichkeit zu bewerben, hat sich als großer Erfolg herausgestellt. So stiegen die TV-Nettowerbeeinnahmen in der Bundesrepublik seit dem Start des privaten Fernsehens erheblich: Sie verfünffachten sich zwischen den Jahren 1984 und 2009 von 694 Millionen Euro auf 3,64 Milliarden Euro netto. Allerdings konnten die Fernsehsender bislang nicht wieder das hohe Niveau der Werbeumsätze aus der Boomzeit vor dem Jahr 2000 erreichen. Die Wirtschaftskrise 2008/2009 ließ die Werbe-Budgets erneut schrumpfen. 2010 zeichnete sich eine Erholung des TV-Werbemarktes ab, weil die Gesamtwirtschaft und damit auch die Werbeinvestitionen wieder wuchsen. Der Markt für Fernsehwerbung ist fest in der Hand der Privaten: Weniger als sieben Prozent der Nettowerbeumsätze entfielen 2009 auf die öffentlich-rechtlichen Sender.

Werbe-Einnahmen im Fernsehen schrumpfen (2010)Werbe-Einnahmen im Fernsehen schrumpfen (2010)
2008 erwirtschafteten die frei empfangbaren Vollprogramme rund 85 Prozent ihres Umsatzes mit Werbespots, die Spartenprogramme konnten sich zu 65 Prozent aus Werbeerlösen refinanzieren. Klar ist damit, dass andere Einnahme-Quellen im TV-Bereich weiter an Bedeutung gewinnen: Teleshopping-Kanäle verkaufen Produkte direkt über den Bildschirm, andere Programme bieten kostenpflichtige Telefon- und Internet-Dienste an, auch die Einnahmen durch Sponsoring steigen.

Nicht nur auf dem Werbemarkt ist die Bedeutung der privaten Fernsehveranstalter gestiegen, auch konnte eine große Zahl von Arbeitsplätzen geschaffen werden. 2008 waren rund 18000 Personen als feste oder freie Mitarbeitende bei privaten Fernsehsendern tätig.

Von den privaten Anbietern erreichen regelmäßig die beiden Programme RTL und Sat.1 die meisten Zuschauer, die im Schnitt rund 15 Jahre jünger sind als das Publikum der öffentlich-rechtlichen Sender. Während der Zuschauermarkt früher stabil von den öffentlich-rechtlichen Angeboten der ARD und des ZDF angeführt wurde, übernahm RTL 2010 erstmals seit 2003 wieder die Spitzenposition im Kampf um die Einschaltquote (nach vorläufiger Erhebung der GfK-Fernsehforschung Marktanteil 2010: 13,6 %). Danach folgten Das Erste (13,2 %), ZDF (12,7 %) und Sat.1 (10,1 %).

Die 1984 gegründete Mediengruppe RTL Group Deutschland ist der erfolgreichste private Rundfunkanbieter Deutschlands und zugleich Europas größtes TV-, Radio- und Produktionsunternehmen. Zu der Gruppe gehören im deutschsprachigen Raum beispielsweise die Sender RTL, RTL II, VOX und n-tv sowie Super-RTL. Insgesamt kontrolliert RTL 38 TV- und 32 Radiosender in zehn Ländern. Die RTL Gruppe ist wiederum im Besitz der Bertelsmann AG in Gütersloh.

Im Jahre 2000 fusionierte der Filmrechtehändler Leo Kirch die Sender Sat.1, ProSieben, kabeleins und N24 zur ProSiebenSat.1 Media AG. Obwohl einige Teile der Mediengruppe wirtschaftlich erfolgreich arbeiteten, hatte sich der Unternehmer mit seinem weitverzweigten Firmen-Imperium Anfang der 2000er Jahre finanziell verhoben, weshalb dieses daraufhin zerschlagen wurde. Die Mediengruppe ProSiebenSat.1 wird 2010 von den Finanzinvestoren KKR und Permira kontrolliert. Die Sendegruppe bietet in 13 europäischen Ländern Programme an und betreibt in Deutschland die Sender Sat.1, ProSieben, der besonders bei jüngeren Zuschauern von 14 bis 49 (der von den werbetreibenden Unternehmen bevorzugten Zielgruppe) beliebt ist, kabeleins und 9Live. Der Nachrichtensender N24 wurde von der ProSiebenSat.1-Gruppe im Sommer 2010 an private Investoren verkauft. Ein erneuter Verkauf der Gruppe oder einzelner Sender ist für 2011 geplant.

Marktanteile der AGF- und Lizenzsender im Tagesdurchschnitt 2010Marktanteile der AGF- und Lizenzsender im Tagesdurchschnitt 2010
Die Privaten haben wesentliche Entwicklungen der Programmgestaltung im deutschen Fernsehen geprägt. Sie führten neue Sport-, Unterhaltungs- und Erotiksendungen ein und gewannen immer größere Zuschaueranteile. Vor dem Start der Privaten endete das TV-Programm oftmals schon gegen Mitternacht. Vorabendserien und große Familien-Shows, Gewinnspiele und Talk-Formate bekamen von den Privaten einen frischeren Anstrich. Sie führten auch ganz neue Formate wie Reality-TV ein. Viele dieser Sendungen sorgten für öffentliche Debatten und herbe Kritiken, was den Programmen aber trotzdem mehr Zuschauer brachte. Als RTL II im Jahr 2000 die erste Reality-TV-Show "Big Brother" startete, in der die Zuschauer das Leben einer Wohngemeinschaft ununterbrochen verfolgen konnten, trat der Sender damit eine Welle der Entrüstung los " der Beliebtheit der Show tat dies keinen Abbruch. Nach der zehnten Staffel im Jahre 2010 überlegt RTL II aber aufgrund des sinkenden Interesses, mit der Sendung zu pausieren. Viele der erfolgreichsten Sendungen der letzten Jahre, wie zum Beispiel die Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar", sind weitere Formen von Reality-TV-Shows.

Da die Grenzen zwischen den herkömmlichen Mediengattungen immer weiter verschwimmen, betätigen sich auch die Medienunternehmen auf immer mehr Geschäftsfeldern. Bei der Mediengruppe RTL bedient beispielsweise die Tochtergesellschaft RTL Interactive alle Bereiche abseits des klassischen Fernsehens. Dazu zählen Online, Mobile, Teletext, Telefon-Dienste, Teleshopping, DVD, Videovertrieb und Filmverleih, Merchandising und Lizenzierung, PC- und Videospiele. Ähnliche Aktivitäten gibt es auch bei der ProSiebenSat.1-Gruppe.

Quellentext

Fernsehquotenermittlung

Spätestens um 8.30 Uhr eines jeden Morgens schlägt in Deutschland für Programmplaner von Fernsehsendern, Produzenten von TV-Programmen, Werbe- und Mediaplaner der Markenartikelhersteller [...] die Stunde der Wahrheit. Jeweils am Tag nach der Ausstrahlung übermittelt die GfK Fernsehforschung die Einschaltquoten des Vortags. In wenigen Augenblicken stehen die "Winner" und "Loser" des Fernsehvortags fest. [...] Die täglich ermittelten GfK-Daten geben Auskunft, wie viele Zuschauer welchen Alters oder welcher sozialen Herkunft wie lange bei welchem Programm bleiben.[...]

[Ein repräsentatives Forschungspanel] [...] stellt ein verkleinertes Abbild der in Deutschland lebenden deutschen und EU-ausländischen Wohnbevölkerung in Privathaushalten mit mindestens einem Fernsehgerät dar. Auf die Sekunde genau ermittelt die GfK rund um die Uhr und Tag für Tag, wer in Deutschland wann was im Fernsehen sieht. Die Ergebnisse aus den Hochrechnungen der in dieser Stichprobe gewonnenen Informationen liegen am nächsten Tag bei den Anwendern dieser Daten vor. [...]
[...] Die deutsche Fernsehforschung hat die strengste Definition, wer jeweils als Zuschauer gilt. So reicht die Anwesenheit im Raum bei laufendem Fernsehgerät [...] nicht aus, um [...] als Zuschauer zu gelten. Das heißt, dass nur der Teilnehmer im Fernsehpanel, der tatsächlich fernsieht, angehalten ist, sich über das GfK-Meter bei der GfK als Zuschauer anzumelden.[...] Die GfK setzt zur Messung der Fernsehnutzung ein spezielles Messgerät ein, das "GfK-Meter". Es ist an die Empfangsgeräte des Haushalts, das heißt an TV, Videorecorder, Digital-Receiver sowie analoge Satelliten-Receiver, angeschlossen und zeichnet die Programmnutzung der einzelnen Haushaltsmitglieder sekundengenau auf.
Das GfK-Meter misst nicht nur das Fernsehverhalten einzelner Personen [...]. Es erfasst z. B. auch die seitengenaue Nutzung von Teletext und den Einsatz von Videospielen. Darüber hinaus registriert es, wenn Fernsehsendungen, die mit dem Videorecorder aufgezeichnet wurden, später abgespielt werden. Zum GfK-Meter gehört eine Fernbedienung. Diese enthält für jede dem Haushalt angehörende Person eine eigene Taste, mit der sie sich als Zuschauer an- und abmelden kann. [...]
Täglich zwischen 3:00 und 6:00 Uhr werden die mittels GfK-Meter gemessenen und gespeicherten Nutzungsdaten via Modem vom zentralen Rechnersystem der GfK über das Telefonnetz abgerufen. Falls ein Haushalt keinen Festnetzanschluss besitzt, kann auch auf die Technik des Mobilfunks zurückgegriffen werden. [...]
Zur Grundgesamtheit für das Fernsehpanel gehören alle Fernsehhaushalte in Deutschland, bei denen der Haupteinkommensbezieher die deutsche oder der Haushaltsvorstand eine andere EU-Staatsbürgerschaft besitzt. Der Stichprobe des Fernsehpanels gehören seit 1. Januar 2001 5640 Haushalte in Deutschland an. In diesen Haushalten leben rund 13 000 Personen, die in ihrer Gesamtheit repräsentativ für die oben genannte Grundgesamtheit sind.[...]
Einbezogen werden ausschließlich die Haushalte, welche die GfK Fernsehforschung gezielt auswählt und anwirbt. Die GfK erreicht dies über eine systematische Zufallsauswahl von Orten und Straßen, bei der grundsätzlich jeder Haushalt die Möglichkeit hat, in die Stichprobe zu gelangen. [...] Mit Hilfe von Hochrechnungen wird das in der Stichprobe ermittelte verkleinerte Abbild der Fernsehnutzung auf die gesamten Fernsehhaushalte der Grundgesamtheit übertragen. Ein im Fernsehpanel teilnehmender Haushalt repräsentiert zur Zeit circa 6000 Haushalte. [...]

PDF (ca. 900 KB)

Die Rundfunkanbieter haben sich damit in den letzten zehn Jahren zu Multimedia-Anbietern gewandelt, die auf allen Verbreitungswegen präsent sind. Dabei bildet ein TV-Sender selbst nur einen Knoten im Netzwerk größerer Firmen-Strukturen. Ein Beispiel dafür ist die Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar" (kurz: DSDS), die im Netzwerk der Bertelsmann-Gruppe auf allen Ebenen verwertet wird. So können die Fans von DSDS die Aktivitäten der Kandidaten nicht mehr nur über das Fernsehen, sondern mittlerweile auch über das Internet oder kostenpflichtige Handy-Anwendungen sowie in einem eigenen Magazin verfolgen, dann über das Telefon abstimmen, wer ihr Favorit ist und schließlich das Album des Gewinners online oder als CD kaufen. Alles erfolgt über Unternehmen, die der Bertelsmann-Gruppe angehören. Diese Entwicklung der crossmedialen Verwertung scheint ein Trend im deutschen TV-Markt zu sein, da man sich angesichts schrumpfender Werbeeinnahmen immer stärker um zusätzliche bzw. neue Erlösquellen von erfolgreichen Programmformaten kümmert.

Pay-TV-Anbieter gibt es gegenüber werbefinanzierten TV-Sendern in Deutschland vergleichsweise wenige. 2008 waren es insgesamt nur 28 Programme. Klarer Marktführer ist die Sky Deutschland AG, die bis 2009 Premiere hieß, mit rund 2,7 Millionen Abonnenten. Unter den Pay-TV-Programmanbietern befinden sich verschiedene Veranstalter von Spartenkanälen, die über Programmplattformen wie Sky, bei Kabelnetzbetreibern wie KDG, Unity Media, Kabel BW, sowie über Satelliten- (Astra, Eutelsat) und IPTV-Plattformen (wie T-Home Entertain) und im Internet direkt verbreitet werden. Pay-TV-Sender sind nicht oder kaum vom Werbemarkt abhängig, müssen dafür aber ihre Kunden durch besonders attraktive Programme (z. B. die Fußball-Bundesliga) oder hochwertige Inhalte (Kinofilme) zum Abonnement bewegen. Dies ist aufgrund der hohen Anzahl "frei" empfangbarer Kanäle und der damit verbundenen großen Vielfalt in Deutschland nicht immer einfach. Denn die Attraktivität einer noch größeren Programmvielfalt durch Pay-TV ist dem deutschen TV-Nutzer oft nur schwer zu verdeutlichen. Anders sah die Situation dagegen beispielsweise beim Start der ersten Pay-TV Sender in Großbritannien oder Italien aus: Hier konnten analog nur fünf Programme frei empfangen werden. Entsprechend hoch war die Bereitschaft der Nutzer, zu Inhalten im Pay-TV zu greifen. Im Allgemeinen schwanken die Ergebnisse der Pay-TV-Sender mit der Höhe der von ihnen gezahlten Lizenzgebühren für Inhalte wie Serien, Filme und Sport-Rechte und natürlich mit der Zahl ihrer Abonnenten und dem Abopreis.

Quellentext

Quotenmessung im Internet

Im Internetjournalismus geht es vor allem um Klicks. Je mehr [...], desto höher die Quote. [...]

Jeder Onlinejournalist kennt den Glücksmoment, wenn der eigene Text in kürzester Frist einige Tausend Zugriffe produziert " und spürt den Schlag ins Kontor, wenn die Klicks ausbleiben. Die erste Konsequenz: Leserbeschimpfung ("Die Leute wissen eben nicht, was wirklich wichtig ist"). Doch dahinter wölben sich andere Gedanken, die um Themenauswahl, Sprache, Stil, Präsentation kreisen. Der Autor sammelt Erfahrungen damit, was schlecht funktioniert und wohin sich der Publikumsgeschmack bewegt. [...] Verlagsmanager denken anders. Die Klickzählung ist für sie eine Methode, Reichweite zu messen, denn Reichweite ist vermarktbar.
Was aber ist Reichweite? Den Managern sind zuallererst die Seitenaufrufe wichtig, Page Impressions genannt. Sie messen jeden einzelnen Klick im Angebot, auf die Startseite, weiter auf einen Artikel, die nächste Seite, zurück zum Hauptmenü, in ein Spiel und so fort. Page Impressions [...] machen unterschiedliche Angebote vergleichbar. [...] Mit der PI-Zahl wenden sich die Vermarkter an Media-Agenturen und Werbungtreibende, um Anzeigen zu akquirieren. So entsteht ein spezifischer ökonomischer Zwang, der sich direkt auf die journalistische Produktion auswirkt. Es geht darum, möglichst viele verkaufbare Seitenaufrufe auszulösen.
Was klickt? Bilder zum Beispiel, in schneller Reihe hintereinander gestellt. [...] Was noch: Spiele natürlich, beispielsweise Memory-ähnliche Gedächtnistests [...]. Oder Ratespiele: eine Frage, drei Antworten, nächste Seite. [...] Dann gibt es noch einige technische Möglichkeiten. Sie heißen "Suchmaschinenoptimierung" und sollen das eigene Angebot auf die ersten Plätze in den Ergebnislisten der Google-Suche hieven. [...]
Die Jagd nach Klicks hat zwei Folgen. Erstens verlieren die gesetzten Reize ihre Wirkung, [...] eine Bildergalerie, die am Vortag noch enorme Zugriffe produzierte, wird am folgenden Tag weit weniger geklickt. Also muss ständig Neues her, in immer schnellerer Folge. Die Qualität des Angebots ist dabei weniger wichtig als die Masse, denn der Nutzer klickt in jedem Fall.
Zweitens sorgt der Quotendruck dafür, dass innerhalb der Redaktionen Ressourcen umgelenkt werden. Onlinekollegen berichten, wie schwierig es sei, neue Formate zu entwickeln, die das Medium ermöglichen würde. Schöner wäre beispielsweise eine Bilderschau, deren Fotos fließend ineinander übergehen, während ein gesprochener Text die Geschichte zu den Bildern erzählt. Möglich ist das. Nur brachten solche Formen bislang lediglich einen einzigen Klick. Herkömmliche Galerien sind, zugriffsökonomisch betrachtet, wesentlich effektiver. [...] Stattdessen wird der gemeinsame Nenner gesucht, der die größte Masse erreicht. [...] Die Auswahl und Positionierung von Themen wird zum Gegenstand der Vermarktung. Was aber, wenn die Analyse zur Lage am Arbeitsmarkt floppt oder das Hintergrundstück zum Atomkonflikt mit Iran?
Die Quote droht die Wirklichkeit zu verzerren und setzt die Reputation des journalistischen Produkts aufs Spiel. [...] Die Glaubwürdigkeit eines journalistischen Angebots besteht aber gerade darin, dass man von seinem Urteil annimmt, es sei von ökonomischen und anderen Interessen frei.
Doch vielleicht ist die Angst vor Banalisierung auch ganz unbegründet. Klaus Schönbach, Medienwissenschaftler an der Universität von Amsterdam, beobachtet eine Fragmentierung der Leserschaft. "Das Publikum zerfällt in Zielgruppen. Bilder treffen den Massengeschmack. Doch wer sich nur für Literatur oder Außenpolitik interessiert, will vielleicht gar keine Fotos sehen." [...]
Die ersten Medienunternehmen reagieren schon auf diese Entwicklung. Beispielsweise erwägt der Medienmogul Rupert Murdoch, das Onlineabonnement des Wall Street Journal deutlich zu verteuern. Statt möglichst viele Nutzer anzusprechen, will er lieber eine finanzkräftige Zielgruppe erreichen. Ähnlich denkt man auch in der Onlinewerbung. Die Marktforscher von Nielsen Netratings, deren Messungen vielen amerikanischen Werbungtreibenden als Standardgröße gelten, erstellen ihre Ranglisten [...] auf der Basis der auf einer Seite verbrachten Zeit und nicht mehr nach Zahl der Seitenaufrufe. Kleine, spezifische Zielgruppen interessieren sie, von denen man beispielsweise weiß, ob sie sich neben Politik auch für Literatur oder eher für Autos interessieren, ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben, ob sie abends lange lesen oder tagsüber über die Seite flitzen, ob sie regelmäßig wiederkommen. All das kann man ebenfalls messen, nur gibt es bislang noch keinen etablierten, allgemein verbindlichen Standard. [...]

Carsten Polke-Majewski, "237 Gründe, Sex zu haben", in: Die Zeit Nr. 11 vom 6. März 2008

Hörfunk

Mitte der 1980er Jahre gingen auch die ersten privatwirtschaftlich organisierten Hörfunkprogramme in der Bundesrepublik auf Sendung. Die Hörfunkveranstalter haben im Gegensatz zum Fernsehen den Vorteil, dass die Produktion ihres Programms wesentlich kostengünstiger ist. Die privaten Radiosender in Deutschland senden für ein landesweites, regionales oder lokales Publikum. Der private Radiomarkt ist allerdings kein Wachstumsmarkt mehr, die Gewinne sind seit 2000 tendenziell gesunken, die Netto-Werbeeinahmen sind zwischen 2007 und 2009 um etwa neun Prozent auf 678 Millionen Euro gefallen.

2009 waren 244 private Radio-Programme in Deutschland auf Sendung, davon sendeten 55 landesweit und 158 lokal. Den 244 privaten Radiosendern in Deutschland stehen 70 öffentlich-rechtliche Sender gegenüber, die aber oftmals über eine hervorragende technische Verbreitung verfügen. Trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit erreichten alle privaten Sender zusammen im Jahr 2010 nur einen durchschnittlichen Hörer-Marktanteil von 44 Prozent.

Die privaten Hörfunkanbieter finanzieren ihren Programm- und Sendebetrieb, ähnlich wie im TV-Bereich, vor allem durch Werbeerlöse. 2008 machte Werbung 87,4 Prozent der Gesamterträge im privaten Hörfunk aus. Der Markt für Radio-Werbung ist in Folge der Medienkrise 2000 und der Wirtschaftskrise 2008/2009 jeweils deutlich geschrumpft. Daran sind die öffentlich-rechtlichen Sender stark beteiligt: Etwa ein Viertel der Netto-Werbeinnahmen im Hörfunk gingen 2008 an den ARD-Hörfunk, die Privaten hatten einen Anteil von rund 75 Prozent am Werbemarkt.

Werbe-Einnahmen im Radio sinken auf das Niveau von 2001 (2010)Werbe-Einnahmen im Radio sinken auf das Niveau von 2001 (2010)
Das private Radioprogramm ist typischerweise gekennzeichnet durch einen Mix aus Musik- und Informationsprogrammen, die vor allem aus Serviceangeboten wie Nachrichten, Wetter- und Verkehrshinweisen bestehen. Heute dominieren bei privaten wie öffentlich-rechtlichen Sendern nahezu überall sogenannte Formatradios, die über das gesamte Programm hinweg durch einen einheitlichen Musik- und Moderationsstil gekennzeichnet sind, der durch konsequente Marktforschung laufend überprüft wird.

Landesmedienanstalten

Seit 1984 existieren als Aufsichtsorgane für den privaten Rundfunk in allen Bundesländern Landesmedienanstalten. Berlin und Brandenburg sowie Hamburg und Schleswig-Holstein haben ihre Anstalten per Staatsvertrag zusammengelegt. Die Landesmedienanstalten vergeben Lizenzen für private Rundfunkangebote. Gleichzeitig überwachen sie die Einhaltung der Vorgaben aus dem Rundfunkstaatsvertrag; Schwerpunkte bilden dabei die Sicherung der Meinungsvielfalt und die Einhaltung der Richtlinien zur Werbung und zum Jugendschutz.

Darüber hinaus fördern die Landesmedienanstalten auch die Medienkompetenz der Bürger, also ihre Fähigkeit, Medien und ihre Inhalte zielgerichtet und den eigenen Bedürfnissen entsprechend zu nutzen. Dazu stellen sie Informationsmaterial bereit oder bieten Interessierten die Möglichkeit, über "Offene Kanäle" selbst Rundfunkprogramme zu veranstalten. Auch die Förderung der technischen Entwicklung der Übertragungswege und der Medienwirtschaft und Medienforschung fällt in ihren Aufgabenbereich.

Da das Grundgesetz vorschreibt, dass der Staat keinen direkten Einfluss auf den Rundfunk nehmen darf, sind die Landesmedienanstalten "staatsfern" organisiert. Ähnlich den Rundfunkräten der öffentlich-rechtlichen Landesrundfunkanstalten gibt es jeweils unabhängige Aufsichtsorgane, die mit Vertretern verschiedener gesellschaftlich relevanter Gruppen besetzt sind. Diese kontrollieren und entscheiden über Lizenzanträge und die allgemeine Arbeit der Landesmedienanstalt, die jeweils von einem Direktor /einer Direktorin bzw. Präsidenten/Präsidentin oder Geschäftsführer/Geschäftsführerin geleitet bzw. umgesetzt wird.

Wettbewerb und Meinungsmacht

Nationale und supranationale Institutionen überwachen den Rundfunksektor, wenn es um Wettbewerb und Meinungsmacht geht. Das Bundeskartellamt prüft, ob ein oder mehrere Unternehmen eine ökonomische Stellung im Markt einnehmen, die den wirtschaftlichen Wettbewerb verzerrt, und ob es illegale Absprachen im Markt gibt, die den Wettbewerb behindern. Eine ähnliche Aufgabe hat die EU-Wettbewerbskommission: Sie prüft die Umsetzung europaweiter Richtlinien zum Schutz vor Wettbewerbsverzerrungen und kann auch auf der nationalen Ebene tätig werden.

Um den publizistischen Wettbewerb, also die Meinungsvielfalt, zu schützen, gibt es seit 1997 die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich, kurz KEK. Sie unterstützt die Landesmedienanstalten bei der bundesweiten Konzentrationskontrolle. Sobald ein privater Veranstalter mit seinen Programmen in der Bundesrepublik einen Zuschauer-Marktanteil von 30 oder mehr Prozent erreicht, dürfen Landesmedienanstalten und KEK gegen diese Konzentrationstendenzen einschreiten. Ist der Veranstalter dazu noch an Unternehmen beteiligt, die auf angrenzenden (Medien-)Märkten agieren, reichen dafür schon 25 Prozent Zuschauer-Marktanteil. Allerdings gibt es auch Bonusregeln und Abschläge, beispielsweise wenn ein Veranstalter regionale Fensterprogramme produziert oder Drittanbieter in seinem Programm zulässt.

Die deutschen Institutionen " Bundeskartellamt, KEK und Landesmedienanstalten " werden aktiv, wenn Übernahmen oder Fusionen mit Beteiligung von Rundfunkunternehmen anstehen. Dies war zum Beispiel der Fall, als 2005 der Axel-Springer-Verlag, unter anderem Herausgeber der Bild-Zeitung, die Mediengruppe ProSiebenSat.1 übernehmen wollte. Sowohl die KEK als auch das Bundeskartellamt lehnten im Frühjahr 2006 trotz Zugeständnissen des Springer-Verlags den Übernahmeantrag ab.

Die beiden Sendergruppen RTL und ProSiebenSat.1 teilten sich 90 Prozent der Werbeerlöse im Fernsehen, rechnete das Bundeskartellamt vor. Im Zusammenschluss mit dem Springer-Verlag, der eine dominierende Stellung auf dem Markt für Zeitungsanzeigen und im Straßenverkauf von Zeitungen einnimmt, hätte der Zusammenschluss eine marktbeherrschende Stellung des Springer-Verlags auf diesen Medien-Märkten bedeutet.

Auch die KEK hatte Einwände: Die Kombination aus der starken Position der ProSiebenSat.1-Gruppe im bundesweiten privaten Fernsehen mit der überragenden Stellung des Springer-Verlags im Pressemarkt berge die Gefahr der Beherrschung der öffentlichen Meinung, weil andere Anbieter mit ihren politischen Ansichten kaum noch in der Öffentlichkeit zu Wort kämen.

Der Vorstandschef des Springer-Verlags, Mathias Döpfner, warf der KEK anschließend vor, sie übersehe die Verschiebungen des Medienwettbewerbs in die globalen digitalen Vertriebskanäle und betrachte nur isoliert den deutschen Markt. Die KEK antwortete: "Die KEK ist allein dem verfassungsrechtlichen Auftrag zur Sicherung der Meinungsvielfalt verpflichtet."

Letztendlich wurde die Sendergruppe an die internationalen Finanz-Investoren KKR und Permira verkauft. Dieses Ergebnis sorgte für weitere Diskussionen, da viele Medienpolitiker die ProSiebenSat.1-Gruppe lieber in deutschen Händen gesehen hätten. Nach dem Kauf verschmolzen die neuen Investoren die ProSiebenSat.1-Gruppe 2007 mit der bereits in ihrem Besitz befindlichen paneuropäischen SBS Broadcasting Group. Das Unternehmen stieg damit zwar zum zweitgrößten Fernsehkonzern Europas auf, wurde aber auch mit Schulden von über drei Milliarden Euro belastet.

Das Spannungsverhältnis, die Renditeorientierung moderner Medienunternehmen mit gesellschaftlichen Ansprüchen an eine meinungsstarke, pluralistische Medienöffentlichkeit zu verbinden, bleibt eine Herausforderung für die Wettbewerbshüter und privaten Sender.

Digitaler Rundfunk

Die Digitalisierung eröffnet den Rundfunkveranstaltern viele neue Kanäle, um ihre Programme zu verbreiten. Dabei treiben technische, wirtschaftliche und politische Faktoren die Entwicklung an. Die Digitalisierung der Übertragungswege ist, besonders für das Fernsehen, weit fortgeschritten. 2009 nutzten bereits 55 Prozent der Fernsehhaushalte einen digitalen TV-Empfang. Der Empfang über die Kabelnetze erfolgte 2009 zu 30 Prozent und über Satellit zu 74,1 Prozent digital. Das terrestrische Fernsehen, also der Fernsehempfang über Funkwellen, ist seit 2009 komplett auf den digitalen Standard DVB-T (Digital Video Broadcasting Terrestrial) umgestellt.

Digitalisierung in TV-Haushalten 2005-2010Digitalisierung in TV-Haushalten 2005-2010
Der Hörfunk hinkt bei der Digitalisierung des Rundfunks hinterher: Der digitale Radio-Standard DAB (Digital Audio Broadcasting) bzw. der neuere Standard DAB+ konnten sich bislang noch nicht durchsetzen, obwohl seit über 15 Jahren hierfür intensiv geworben wurde. Zwar wird für 2011 ein Neustart von DAB+ erwartet, doch eine Ablösung des analogen UKW-Standards zeichnet sich nicht ab. Während der digitale Rundfunk sich nur schleppend entwickelt, sind Radioangebote über das Internet ein rasch wachsender Markt: Im April 2010 gab es insgesamt 2700 Webradiosender in Deutschland.

Dort stoßen sie auch auf viele neue Konkurrenten. Kabelnetzbetreiber treten mit eigenen Video-Plattformen an, kleine Betreiber nutzen die günstigsten Vertriebskosten von Webradio und -TV, um ihre Sendungen über das Internet zu verbreiten, Video-Portale wie etwa YouTube finden bei den Nutzern großen Anklang: Auf YouTube werden jeden Tag zwei Milliarden Videos abgespielt. Weltweit wurden 2010 pro Minute mehr als 35 Stunden Video-Material auf die Plattform hochgeladen.

Mit der Nutzung wandelt sich auch die Finanzierung. Die Finanzkrise 2008/2009 hat den privaten Rundfunkveranstaltern schmerzhaft die Abhängigkeit vom Werbemarkt demonstriert. Denn die Entwicklung des Werbemarktes hängt wiederum sehr eng von der gesamtwirtschaftlichen Lage ab: Entgegen der betriebswirtschaftlichen Marketing-Theorie reduzieren Unternehmen vor allem dann ihre Werbeausgaben, wenn ihr Absatz sinkt und es ihnen finanziell schlechter geht. Die Werbeeinnahmen im deutschen Privatrundfunk schrumpften daher in der Wirtschaftskrise 2008 um sieben Prozent und gingen auf 4,55 Milliarden Euro netto zurück.

Mit dem Erfolg neuer Programme über digitale Vertriebskanäle verschärft sich die Situation der klassischen werbefinanzierten TV- und Radiosender. Darum ist die Entwicklung des Internets, ob mobil oder stationär genutzt, ein zentrales Thema der Medienbranche, die Anbieter, Nutzer, Werbewirtschaft und Regulierung gleichermaßen berührt.


Publikationen zum Thema

APuZ_3_2011.jpg

Jugend und Medien

Das Internet ist inzwischen fester Bestandteil im Leben vieler Jugendlicher. Das social web e...

fluter Medien

Medien

Der aktuelle fluter beleuchtet neue und alte Medien. Im Scheinwerfer: Investigative Online-Journalis...

Zum Shop

Was mit Graffiti auf Höhlenwänden begann, ist heute vom Bildschirm bis zur Litfaßsäule allgegenwärtig: Bilder bestimmen unser Leben. Das Dossier erklärt ihre Bedeutung in Geschichte und Politik und zeichnet die Entwicklung der Bildkultur nach.

Mehr lesen

Medien: Aufgaben und Funktionen
Themengrafik

Medien

Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung. Medien informieren, kontrollieren, kritisieren - setzen aber auch eigene Themen und beeinflussen die öffentliche Meinung.

Mehr lesen