Dossierbild IZPB Massenmedien

8.6.2011 | Von:
Markus Behmer
Bernd Blöbaum
Dr. Wolfgang Donsbach
Leif Kramp
Margreth Lünenborg
Maja Malik
Klaus Meier
Juliana Raupp
Siegfried Weischenberg

Wer Journalisten sind und wie sie arbeiten

Was Journalisten aus Informationen machen: Nachrichten und News

Medien und Journalisten entwerfen Weltbilder. Erst mittels der kontinuierlichen Nachrichtenversorgung durch die Massenmedien kann ein zusammenhängendes Bild über den Zustand eines Gemeinwesens entstehen. Der Soziologe Niklas Luhmann prägte den Sinnspruch: "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien." Aufgabe des Journalisten ist es, Informationen nach bestimmten Kriterien zusammenzutragen und sie in der Regel an ein breites Publikum zu vermitteln.

Traditionell kommt dem Journalismus die Funktion eines Schleusenwärters (gatekeepers) zu, der darüber befindet, welche Informationen veröffentlicht werden und welche nicht: Auch wenn es durch die Verbreitung des Internets immer mehr Medienangebote gibt, die nicht journalistischen Ursprungs sind und dadurch das Deutungsmonopol der Medien zunehmend an Konturen verliert, behauptet sich der Journalismus weiterhin als primäre Schnittstelle zwischen Weltgeschehen und Bevölkerung. Trotz der Popularität neuartiger Informationsquellen wie privater Blogs, des Internet-Lexikons Wikipedia oder kommerzieller Marketing- und PR-Angebote im Internet sind es nach wie vor Journalisten, die täglich in verlässlicher Kontinuität und mit handwerklichem Können bestimmen, worüber in welchem Umfang berichtet wird. Weil sie die Mächtigen in Politik und Wirtschaft kontrollieren, werden sie daher auch als unabhängige "Vierte Gewalt" im Staat bezeichnet.

Allerdings arbeiten Journalisten nicht autark. Sie sind eingebunden in ein dichtes Netz aus Abhängigkeiten und Zwängen, die beeinflussen, was gedruckt oder gesendet wird. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass zudem eine Vielzahl subjektiver Faktoren wie die Erfahrungen, persönlichen Interessen oder auch Weltanschauungen des Journalisten einen nachhaltigen Einfluss haben. Die News Bias-Forschung, die sich unter anderem mit politischen Einseitigkeiten in der Berichterstattung befasst, hat herausgefunden, dass Berichterstatter dazu neigen, sich bei der Nachrichtenauswahl nach ihrer eigenen politischen Linie zu richten und solche Informationen oder Sichtweisen zu bevorzugen, die ihr entsprechen. Diese Voreingenommenheit manifestiert sich jedoch nicht allein auf persönlicher Ebene, sondern richtet sich auch nach der Redaktion, dem jeweiligen Medium und dem Mediensystem, die allesamt auf den Journalisten einwirken. Was also von den Massenmedien als Nachrichten verbreitet wird, ist das Ergebnis eines komplexen und im Einzelnen nur schwer nachvollziehbaren Auswahl- und Produktionsprozesses.

Seit den 1960er Jahren hat die Kommunikationswissenschaft mehrere Nachrichtenfaktoren identifiziert, die im Redaktionsalltag eine Rolle spielen und in Kombination miteinander zu einer starken Relevanz des jeweiligen Ereignisses führen. Die Forschungserkenntnisse zeigen relativ deutlich, dass medienübergreifend hauptsächlich über negative Ereignisse berichtet wird, bei denen prominente Menschen oder wichtige Nationen eine Rolle spielen und zu welchen es Bildmaterial gibt. Generell wird bevorzugt thematisiert, was vom Leser, Hörer und Zuschauer besonders nachgefragt wird. Ein wichtiger Faktor ist daher auch die Nähe eines Ereignisses zum Publikum, wobei zwischen geographischer und gefühlter Nähe unterschieden wird. Während Bundestagsdebatten durch die Relevanz der Parlamentsentscheidungen für den Alltag der Mediennutzer hierzulande regelmäßig thematisiert werden, wird nur selten über das Hunger- oder Bürgerkriegsleid afrikanischer Bevölkerungsteile berichtet, weil die Schicksale für das deutsche Publikum "zu weit weg" sind, das heißt kaum Bezugspunkte bieten. Demgegenüber geht dem Publikum hierzulande die Nachricht von der Tötung eines Bundeswehrsoldaten im fernen Afghanistan wiederum sehr nah.

Die skizzierten Nachrichtenfaktoren stellen jedoch nicht mehr dar als den kleinsten gemeinsamen Nenner. Es wäre verfehlt zu glauben, dass Journalisten bei ihrer alltäglichen Arbeit bewusst auf einen Katalog von bestimmten Kriterien zurückgriffen, um ihre Auswahlentscheidungen danach auszurichten. Die Arbeit der Nachrichtenmacher lässt sich auch als konstruktives Chaos beschreiben, bei dem eine Vielzahl von internen und externen Einflussfaktoren darüber entscheidet, was schließlich als Nachricht in die Zeitung, auf die Website oder in die Sendung gelangt.

Die 22 wichtigsten Nachrichtenfaktoren in deutschen Redaktionen

Reichweite/Bedeutsamkeit; Nutzen/Erfolg; Schaden/Misserfolg; deutsche Beteiligung; räumliche Nähe; kulturelle Nähe; politische Nähe; wirtschaftliche Nähe; Überraschung; Etablierung/Bekanntheit von Themen; wirtschaftliche, politische und militärische Bedeutung der Ereignisnation; Status des Ereignisortes in Deutschland (Einwohnerzahl, Wirtschaftskraft, politische Bedeutung); Einflussmacht einer Gruppe, Institution oder Einzelpersonen; Prominenz; Personalisierung; Kontroverse; Aggression/Gewalt; Faktizität; Demonstration; bildlich festgehaltene Emotionen; Sexualität/Erotik; Visualität.

Nach: Michaela Maier / Georg Ruhrmann / Karin Stengel, Der Wert von Nachrichten im deutschen Fernsehen: Inhaltsanalyse von TV-Nachrichten im Jahr 2007, (PDF (ca. 1,6 MB))

Jede Nachrichtenorganisation hat ihr eigenes Profil und hält ihre Mitarbeiter dazu an, der redaktionellen Leitlinie entsprechend zu berichten. Eine wesentliche Rolle spielt dabei auch die Ausrichtung auf eine bestimmte Zielgruppe: Ein lokaler Radiosender verlässt sich bei der Nachrichtenauswahl auf andere Kriterien als die Redaktion einer bundesweit ausgestrahlten Nachrichtensendung wie die "Tagesschau". Doch unterscheiden sich auch die Bewertungsmaßstäbe von überregionalen Zeitungen zum Teil eklatant: Während publizistische Flaggschiffe wie die Süddeutsche Zeitung oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung für sachliche und umfassende Berichterstattung bekannt sind, wird ein einflussreiches Boulevardblatt wie die Bild-Zeitung dafür kritisiert, dass sie mit ihren oft reißerischen Schlagzeilen um die Gunst der Leser buhlt.

Journalismus will informieren, aber auch unterhalten, weil er ein Publikum finden muss, um seine Vermittlungsziele zu erreichen. Dies wird umso dringlicher, je mehr der Einflussbereich des Journalismus durch nicht-journalistische Informationsangebote zurückgedrängt wird. Für die klassischen Massenmedien wird es immer schwieriger, die in immer kleinere Interessengruppen zersplitterte Öffentlichkeit zu erreichen. Die Redaktionen sehen sich daher unter Zugzwang, Informationen möglichst in einer leichten, ansprechenden, oft auch oberflächlichen Form zu vermitteln. Dies führt bisweilen zu Sensationalisierungen, Boulevardisierung oder auch zu einem "Fastfood-Journalismus". Während sich der Informationsjournalismus mit seinem hohen Objektivitätsanspruch auf Fakten konzentriert und versucht, wahrheitsgetreu eine verbindliche Realität darzustellen, zielt der Unterhaltungs- oder auch der Boulevardjournalismus konsequent auf Massenattraktivität, Spektakel, Emotionen und Amüsement.

Information und Unterhaltung sind jedoch keine Gegensätze, sondern lediglich unterschiedliche journalistische Herangehensweisen, die sich durchaus ergänzen können, solange die Prinzipien Wahrhaftigkeit, Fairness und Ausgewogenheit sowie Unabhängigkeit und Überparteilichkeit eingehalten werden. Dass Informationen auch spannend und mit unterhaltsamen Elementen angereichert werden, spricht also nicht zwingend gegen das Gebot sachgerechter Berichterstattung. Spiegel Online beispielsweise ist nicht nur bekannt für aktuelle, exklusive und fundierte Berichte, sondern auch für flotte Überschriften ("Hickhack im Hitzestau", "Magie des Pinkepinke-Plans") und auflockernde Bildergalerien, deren Informationsgehalt eher nachrangig ist.

Unterhaltung kann zum besseren Verständnis beitragen, wenn sie nicht nur Aufmerksamkeit generiert, sondern beim Publikum überhaupt erst Interesse für die Nachrichteninhalte weckt. Insbesondere den Machern von Online-Medien wird aber vorgeworfen, sie würden nur allzu bereitwillig den Publikumsbedürfnissen folgen und sich dadurch zum Opfer einer um sich greifenden Boulevardisierung machen: Quote und Klicks vor Qualität. Problematisch ist, wenn schnelle Hingucker und leichte Themen ausgewogenen Analysen und tiefgreifenden Reflexionen vorgezogen werden. Der negativ belastete Begriff der Boulevardisierung geht einher mit einer Reihe von weiteren Schlagwörtern wie "Infotainment", "Politainment" oder "Emotainment", die allesamt Ausdruck einer verbreiteten Skepsis gegenüber der Unterhaltungsdominanz und der Verwässerung professioneller Nachrichtenkonventionen sind.

Quellentext

Eine Nachricht, zwei Artikel:

Das Wunder von Chile: Gerettet!
Auf diesen Kuss ihres Mannes hat die Bergmanns-Frau 69 Tage lang gewartet! Gestern fiel sich das Paar nach mehr als zwei Monaten in die Arme. Endlich! Bis zum gestrigen Abend wurden die meisten der 33 verschütteten Bergleute in Chile aus 700 Meter Tiefe geborgen. Es war die spektakulärste Rettungsaktion aller Zeiten: In einer nur 53 Zentimeter schmalen Rettungskapsel schwebten die Kumpel von Copiapó aus ihrem Verlies in die Freiheit. Alles zum Wunder von Chile ...

Bild vom 14. Oktober 2010, S. 1

Jubel in Chile über gerettete Bergleute
Reibungsloser Beginn der Bergung nach 69 Tagen / Präsident Piñera: Ein Denkmal
COPIAPÓ, 13. Oktober. Rascher und reibungsloser als zunächst angenommen sind am Mittwoch die ersten der 33 Bergleute geborgen worden, die vor 69 Tagen nach einem Einsturz in der Mine San José nahe der nordchilenischen Stadt Copiapó eingeschlossen wurden. Die Rettungskapsel "Phönix 2" funktionierte nach Angaben der Rettungsleitung einwandfrei. Als Erster der Eingeschlossenen wurde der 31 Jahre alte Florencia Ávalos am Mittwoch um 0.10 Uhr an die Oberfläche geholt "

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Oktober 2010, S. 1

In welche Richtung ein Journalist tendiert, hängt einerseits von den Vorgaben seiner Redaktion und seinem Gestaltungsspielraum ab, der von Redaktion zu Redaktion variiert. Andererseits spielt auch das journalistische Selbstverständnis eine große Rolle: Sieht sich der Journalist als Forscher (Präzisions-Journalismus) oder eher als Analytiker (Interpretativer Journalismus)? Engagiert er sich als Advokat der allgemeinen Öffentlichkeit (Anwaltschaftlicher Journalismus) oder als Enthüller (Investigativer Journalismus)? Oder aber zeigt sich der Berichterstatter streitlustig (Thesen-Journalismus), als Ratgeber (Service-Journalismus) oder als Schriftsteller (Literarischer Journalismus)? Diese unterschiedlichen Berufsauffassungen üben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die konkreten Berichterstattungsmuster aus, die in den Nachrichten zum Einsatz kommen.

Um möglichst viele Nutzer zu erreichen, berichten Journalisten nicht nur, sondern üben sich als Meinungsmacher, Welterklärer und Kommentatoren, indem sie einordnen, erzählen und bewerten. Dazu bedienen sie sich je unterschiedlicher Vermittlungsformen und Thematisierungsstrategien. Das "Schwarzbrot des Journalismus" sind die drei Darstellungsformen Meldung, Nachricht und Bericht, mit welchen der Mediennutzer kurz, klar und kommentarlos, also ohne Meinungsäußerung des Berichterstatters, informiert wird. Die Meldung kann dabei als knapper "Küchenzuruf" verstanden werden, bei dem das Wichtigste in ein, zwei Sätzen gebündelt wird. Die etwas längere Nachricht beinhaltet die wesentlichsten Informationen (die so genannten W-Fragen), und der Bericht liefert außerdem noch zusätzliche Hintergrundinformationen zum Geschehen. Die Struktur einer Nachricht ist in Form einer Pyramide mit abnehmender Wichtigkeit aufgebaut. Die Nachricht sollte von hinten zu kürzen sein, deshalb steht an erster Stelle immer das Wichtigste. Es folgen weitere interessante Einzelheiten zum Geschehen, danach die Zusammenhänge und zuletzt etwaige weitere, aber unwesentlichere Details. Hierbei unterscheiden sich Text- und Rundfunknachrichten nicht grundlegend. Die Bedeutung einer Nachricht lässt sich darüber hinaus immer auch an gestalterischen Merkmalen ablesen: Die Größe, der Umfang, teils auch die Farbe der Überschrift, Umfang eines Textes, Länge der Fernseh- oder Radioberichterstattung, Platzierung oder Reihenfolge eines Beitrags, auch Schriftschnitt (Unterstreichungen, titel3druck) oder mündliche Präsentation einer Nachricht signalisieren, für wie wichtig die Redaktion eine Nachricht befindet.

Die W-Fragen

Folgende Fragen werden in einer Nachricht immer zuerst beantwortet:
Wer ist beteiligt?
Was ist konkret geschehen?
Wann hat sich das Ereignis zugetragen?
Wo hat es sich abgespielt?
Wie ist es passiert/abgelaufen?
Warum ist es dazu gekommen?
Woher weiß der Journalist davon bzw. welche Quelle wurde zu Rate gezogen?

Im Bereich der informierenden Darstellungsformen hat sich darüber hinaus das Feature durchgesetzt, das es dem Journalisten ermöglicht, sich personalisierter und szenischer von einem speziellen Fall zum Allgemeingültigen zu bewegen. Im Unterschied zur erzählenden Form der Reportage bleiben die Akteure im Feature aber weitgehend blass und kommen als (repräsentative) Vertreter der Allgemeinheit vor. Die Reportage konzentriert sich deutlich stärker auf das sinnlich Erfahrbare. Die Allgemeinverbindlichkeit steht hier nicht im Vordergrund, sondern vielmehr die Einzigartigkeit der Momentaufnahme. Der Journalist nimmt dabei ungewöhnliche Blickwinkel ein, arbeitet also stark mit Sinneseindrücken und beschreibt seine Beobachtungen en detail. Ähnlich konzentrieren sich auch Portraits und Interviews eher auf erzählerische als informierende Aspekte: Primär geht es um den Zugang zum "Inneren" einer interessanten Person, die Einblick gibt in ihr Leben, ihre Meinung oder ihre Sachkenntnisse.

Mit der Glosse, dem Kommentar oder der klassischen Rezension schwingen sich Journalisten zu Orientierungsgebern, aber auch Richtern und Kritikern auf: Mit ihren meinungsorientierten Beiträgen zeigen sie dem Publikum, was hinter einem Sachverhalt steckt, indem sie sein Für und Wider diskutieren, ein klares Urteil fällen oder ihn pointiert ad absurdum führen. Als Königsdisziplin des einordnenden Journalismus gilt der Essay (von lat. "exagium" = Probe, Versuch), eine sehr persönliche und anspruchsvolle Darstellungsform, bei der Journalisten ihr ganzes stilistisches Können und ihre intellektuellen Fähigkeiten einsetzen, um einen gesellschaftlichen Trend aus möglichst vielen verschiedenen Perspektiven zu betrachten, zu beschreiben und dem Leser geistreich wie geschmeidig Denkanstöße zu geben. Durch den digitalen Medienwandel und die Popularität von Blogs zeichnet sich ab, dass nicht nur die Mediennutzer, sondern auch Journalisten die Vorzüge der persönlich eingefärbten, meinungsbetonten Berichterstattung im Internet zu schätzen wissen. Bei dieser vergleichsweise neuen Darstellungsform werden Journalisten für ihr Publikum nicht nur kenntlicher und öffnen Möglichkeiten zum Dialog, sondern sie können auch die Hintergründe ihrer Nachrichtenauswahl entsprechend transparenter machen.



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