Dossierbild IZPB Massenmedien

8.6.2011 | Von:
Markus Behmer
Bernd Blöbaum
Dr. Wolfgang Donsbach
Leif Kramp
Margreth Lünenborg
Maja Malik
Klaus Meier
Juliana Raupp
Siegfried Weischenberg

Wer Journalisten sind und wie sie arbeiten

Wandel der journalistischen Arbeit

Drei Entwicklungen haben die journalistische Arbeit in und für Printmedien, Rundfunk und Online-Medien in den vergangenen Jahren sehr stark beeinflusst: die Digitalisierung, die Publikumsorientierung und die zunehmende Ausrichtung redaktioneller Arbeit an wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Dadurch wandeln sich die Rolle und die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten, die Organisation der redaktionellen Arbeit und die Inhalte sowie Formen der Darstellung von Ereignissen und Themen. Unverändert geblieben ist der Kern journalistischer Arbeit: aktuelle und relevante Nachrichten auszuwählen sowie verständlich an ein Publikum zu vermitteln, das von den Massenmedien nach wie vor verlässliche und aktuelle Informationen erwartet.

Journalistische Rollen: Die für den deutschen Journalismus typische Konzentration von verschiedenen Tätigkeiten bei einer Person löst sich mehr und mehr auf. In den Redaktionen bilden sich Spezialisierungen heraus: Diese entstehen zum einen für organisierende, verwaltende und koordinierende Tätigkeiten, bei denen das Nachrichtenmaterial ausgewählt, sortiert und in entsprechende Anordnungen gemäß der redaktionellen Leitideen gebracht wird. Von diesen planenden Arbeiten sind Spezialisierungen im Bereich der kreativen, recherchierenden und in Form bringenden Tätigkeiten (Schreiben, innere Gestaltung eines Beitrags) zu unterscheiden. Während der erste Tätigkeitsbereich fest an die Redaktion gebunden ist, weil damit die inhaltliche und formale Komposition des Medienprodukts verknüpft ist, werden Tätigkeiten aus dem Kreativbereich in zunehmendem Maße ausgelagert. Produktionsfirmen und freie Mitarbeiter agieren hier als kostengünstige Zulieferer.

Redaktionsorganisation: Die Redaktion als organisatorischer Kern der inhaltlichen Medienproduktion verändert ihre innere Struktur. Das Nebeneinander relativ autonomer Teilredaktionen wird ergänzt durch Newsroom- und Newsdesk-Modelle. In diesen neuen, zentral ausgerichteten Organisationsformen wird das aktuelle Angebot unter Beteiligung aller Ressorts geplant und koordiniert. Die Koordination umfasst auch Entscheidungen über die Veröffentlichungswege einer Nachricht: in Print, TV, Radio oder Online (Crossmedialität).

Journalistische Inhalte und Formen: Untersuchungen zum Wandel des Journalismus zeigen, dass politische Themen seit 1990 bei aktuellen Nachrichtenmedien an Bedeutung verlieren. Themen aus Wirtschaft und Gesellschaft haben mehr Chancen, von den Massenmedien beachtet zu werden. Die inhaltliche Varianz korrespondiert mit einer größeren Vielfalt journalistischer Darstellungsformen. Neben Meldungen und Berichten werden vermehrt komplexere Formen der Vermittlung, wie Reportagen, Features und Hintergrundberichte, eingesetzt.

Während die ökonomisch motivierten Veränderungen wie Einsparungen in Redaktionen, Outsourcing, weniger Ressourcen für aufwändige Recherchen die journalistische Leistungsfähigkeit gefährden, kann die zunehmende Orientierung am Publikum als Gewinn für einen Journalismus gedeutet werden, der seine öffentliche Aufgabe zunehmend breiter interpretiert. Journalisten werden in Zukunft auf der Basis einer soliden Vermittlungskompetenz verschiedene Vermittlungswege bedienen: klassische ebenso wie internetbasierte Medien.

In den nächsten Jahren werden die meisten Journalisten weiterhin für Print- und Rundfunkmedien arbeiten. Weil das Internet als Vermittlungsweg noch weiter an Bedeutung gewinnen wird, müssen künftige Journalisten-Generationen multimedial denken und agieren ohne die bewährten journalistischen Standards zu vernachlässigen.

Quellentext

"Rucksack-Reporter"

Das amerikanische Fachblatt Broadcast & Cable nennt sie "Rucksack-Reporter" oder "Ein-Mann-Band" " TV-Journalisten, die alles alleine machen: sie recherchieren, drehen, schneiden und produzieren, und oft treten sie auch noch in ihren Beiträgen auf. Sie stehen vor und hinter der Kamera, die sie selbst im Rucksack zum Drehort schleppen. Das ist die Zukunft und immer mehr auch schon die Gegenwart des Fernsehjournalismus in den USA.

Vor zwei Jahren schickte der landesweite Sender ABC solche Einzelkämpfer als Korrespondenten nach Kenia, Indonesien, Indien, Brasilien, Südkorea und in die Arabischen Emirate und feierte diesen Schritt als größte Expansion der Auslandsberichterstattung in 20 Jahren.
Einige lokale Fernsehstationen wie KRON 4 in San Francisco haben bereits vollkommen auf das Modell Rucksack umgestellt und beschäftigen nur noch Einzelkämpfer. Richtig in Fahrt kommt das Modell in den kommenden Monaten, wenn etablierte Networks wie ABC verstärkt darauf umstellen.
Richard Engel, der militärische Korrespondent von NBC, hat seine Kamera im Wert von 3000 Dollar immer mit dabei. ABC hat außerhalb Washingtons kein Korrespondenten-Büro mehr. Journalisten, die für lokale Sender arbeiten, mussten sich im Zuge der Umstellung auf bis zu 30 Prozent Gehalts- oder Honorarkürzungen einlassen.[...]
Früher kümmerte sich der Journalist nur um den Inhalt und der Kameramann um die Technik. Noch früher war ein dritter Mann für den Ton zuständig. Statt 500 000 Dollar jährlich für ein Auslandsbüro kostet die Technik des Rucksackreporters den Sender nur 10 000 Dollar, berichtete das Fachmagazin American Journalism Review. Natürlich gibt es Geschichten, bei denen ein einzelner Reporter im Vorteil ist, weil die Technik in den Hintergrund tritt. Gefährlich aber ist der Zwang zur Ein-Mann-Band. Jason Samuels, ein Journalismus-Professor der New York University und ehemaliger Mitarbeiter von ABC News, warnte in der New York Times, der Druck auf die schrumpfenden Redaktionen führe vermutlich zu Burnout-Erkrankungen bei den verbleibenden Mitarbeitern. [...]

Thomas Schuler, "Im Alleingang", in Frankfurter Rundschau vom 4. Mai 2010



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