Dossierbild Haushalt – Markt – Konsum
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Von der Selbstversorgung zum Konsum - Entwicklung und Situation privater Haushalte


19.11.2010
Erst im 19. Jahrhundert wurden die Grundlagen für die heutige Konsumgesellschaft geschaffen. Sie setzt sich zusammen aus einer Vielzahl privater Haushalte, deren Einkommen, Ausgaben und Wertschöpfung den Wirtschaftsprozess maßgeblich beeinflussen.

Alles aus eigenem Anbau? Eigenproduktion ist heute selten.Alles aus eigenem Anbau? Eigenproduktion ist heute selten. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



Als die meisten Menschen noch weitgehend auf dem Land lebten und arbeiteten, erfüllten sie ihre Bedürfnisse überwiegend durch Eigenproduktion. Diese Wirtschaftsform wird als agrarische Subsistenzwirtschaft bezeichnet. Die Haushalte waren dabei Lebensgemeinschaften, Selbstversorger, Produzenten und Konsumenten in einem. Auch in den mittelalterlichen Städten war dies oft noch der Fall. Diese Selbstversorgung war wenig romantisch. Durch wechselnde Ernteerträge, Hungersnöte, Seuchen und Krieg waren die Menschen Notlagen oft schutzlos ausgeliefert. Die soziale Absicherung in Unglücksfällen erfolgte allein im eigenen Haushalt. Die Haushalte mussten Maß halten. Mangel gehörte zum Alltag.

Mit verbesserten landwirtschaftlichen Methoden und der Industrialisierung wuchsen seit dem 19. Jahrhundert Bevölkerung und Städte. Die Produktion wurde weitgehend aus den Haushalten in Betriebe und Unternehmen verlagert. Die ursprünglichen Produktions-, Konsum- und Lebensgemeinschaften lösten sich auf, weil viele Menschen ihre Hausgemeinschaft verließen, um den Lebensunterhalt anderswo zu verdienen. Sowohl die Wohnsituation in den Städten wie auch die Arbeitsbedingungen für die Fabrikarbeiter, insbesondere für Frauen und Kinder, waren zunächst gesundheitlich und hygienisch katastrophal. Die im Zuge der Industrialisierung steigende Produktion erforderte die Ausweitung des Handels, um notwendige Ressourcen bereitzustellen und die Massenproduktion abzusetzen. Durch die wachsende Produktivität erhöhten sich auch die Spielräume, den erwirtschafteten Gewinn zu verteilen. Doch erst infolge von Arbeitskämpfen und staatlichen Regulierungen kam es zu Einkommenssteigerungen, sozialer Absicherung und Arbeitszeitverkürzung breiterer Bevölkerungskreise.

Mit der steigenden Massenkaufkraft, die es erlaubte, mehr zu konsumieren, als für die Grundbedürfnisse erforderlich war, und mit der wachsenden Freizeit, die es ermöglichte, die neuen, massenhaft hergestellten Konsumgüter auch zu nutzen, waren die Voraussetzungen für die heutige Wohlstands- oder "Konsumgesellschaft" geschaffen. Der Historiker Wolfgang König datiert den Beginn der Konsumgesellschaft in Deutschland auf die 1960er Jahre, während noch die 1950er Jahre nach Ansicht des Historikers Christian Kleinschmidt ein eher asketischer Umgang mit Konsumgütern prägte. Zu dieser Zeit besaß nur eine Minderheit von Haushalten langlebige Konsumgüter wie Fernsehgerät, Waschmaschine, Kühlschrank und Automobil. Der Alltag der meisten Haushalte war dagegen vor allem durch die Notwendigkeiten zur Existenzsicherung bestimmt, die kaum Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten zuließen.

Mit der steigenden Arbeitsteilung, der zunehmenden außerhäuslichen Erwerbstätigkeit, aber auch mit dem wachsenden Bedürfnis nach individueller Selbstentfaltung zerfielen die Haushalte als ganzheitliche Versorgungs- und Dienstleistungsgemeinschaften. Viele ihrer früheren Tätigkeiten wurden nach außen verlagert, zum Beispiel die Nahrungsmittelproduktion oder die Herstellung von Bekleidung. Damit verminderten sich allerdings zugleich die Fähigkeiten, etwas kreativ selbst zu erzeugen. Die Instabilität der Haushaltsgemeinschaften wuchs, und die früher lebensnotwendige Solidarität im Familienverband verlor an Bedeutung. Mit steigenden Einkommen, aber auch wegen der geringeren Zahl der in privaten Haushalten lebenden Personen konnten und mussten auch Dienstleistungen außer Haus vergeben werden: die Betreuung von Kindern und alten Menschen, die Pflege der Wohnungen. So entwickelten sich die privaten Haushalte in der Moderne zu Vergabehaushalten.

Massenproduktion und Massenkaufkraft ermöglichten in relativ kurzer Zeit einen bis dahin kaum für möglich gehaltenen - materiellen - Wohlstand. Gleichzeitig warfen sie aber auch neue Probleme auf: Die starke Ausweitung der Produktion ging zu Lasten der Natur, die als Rohstoffquelle und immer wieder als Abfallbecken dient. Trotz besserer Versorgung der ärmeren Bevölkerungsgruppen wächst inzwischen die Kluft zwischen denen, die am Wohlstand teilhaben, und Bevölkerungsgruppen, die im Leistungswettbewerb nicht mithalten können. Zur Kehrseite der Befreiung vom sozialen Druck des Familienverbandes gehören die sinkende Verlässlichkeit sozialer Bindungen und eine steigende Abhängigkeit von anonymen Systemen. Diese neuen Probleme sind nicht einfach durch mehr Güterwachstum zu bewältigen, und auch die staatliche Regulierung gerät an ihre Grenzen.

Eine Zusammenfassung der geschilderten Entwicklungen bietet der Soziologe Wolfgang Glatzer. Er unterscheidet drei Phasen:
  • In den Mangelgesellschaften strebten die privaten Haushalte vor allem Bedarfsdeckung an.
  • In den Wohlstandsgesellschaften zielten sie auf eine Steigerung des Lebensstandards.
  • In der Risikogesellschaft versuchen sie, die erreichte Lebensqualität zu sichern.