Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland
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1350-1630: Periode einer langen Krise


5.8.2010
Im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit behauptet sich das Judentum trotz Feindseligkeiten in den deutschen Territorialgebieten. Ausweisungen aus den Städten zwingen die jüdische Bevölkerung, auf das Land auszuweichen. Die Hoffnungen auf ein Klima der Toleranz durch die Reformation erfüllen sich nicht.

Die Frankfurter Judengasse, 1462 eingerichtet, war eines der ersten Ghettos. Es bestand bis ins 19. Jahrhundert. Ausschnitt aus Matthäus Merians VogelschauplanDie Frankfurter Judengasse, 1462 eingerichtet, war eines der ersten Ghettos. Es bestand bis ins 19. Jahrhundert. Ausschnitt aus Matthäus Merians Vogelschauplan (© Wikimedia)

Einschnitte durch Pest und Pogrome



Die Folgen der Pest veränderten das bisherige Wirtschaftssystem. Auf dem Land wurden zahlreiche Dörfer aufgegeben, und die Felder lagen brach; es entstanden so genannte Wüstungen, da die Dorfbewohner entweder durch die Pest umgekommen oder in die Städte abgewandert waren. Dort hatte die Pest noch größere Lücken gerissen als auf dem Land, und den Zuwandernden boten sich bessere Lebenschancen als in den Dörfern, wo sie den Grundherren vielfach dienstverpflichtet waren. In Folge des Bevölkerungsrückganges schrumpften auch die Einkünfte der adligen und kirchlichen Grundherren wie der Landesherren. Der Rückgang der Abgaben erhöhte ihren Kreditbedarf, da allein der Unterhalt ihrer Truppen und Kriegszüge hohe Summen verschlangen. Auch die Städte benötigten für Verteidigungsanlagen oder Kriegsführung hohe Kredite. So musste die Stadt Köln 1378 ihre Ausgaben zu 45 Prozent aus Anleihen decken.

Da die Zinsnahme für Christen durch das Kirchengesetz verboten war, nutzten sie den Rentenkauf als ein Mittel, dieses Verbot zu umgehen. Renten waren häufig an Wohnhäuser oder nutzbares Land gebunden, die dem Gläubiger zur Nutzung überlassen wurden. Der Besitzer eines Hauses konnte dieses zum Beispiel für 100 Gulden verkaufen mit der Bedingung, es für 110 Gulden nach einem Jahr vom Käufer zurückzuerwerben. Dadurch erhielt der Käufer indirekt einen Zins von zehn Prozent. Durch die Pest bedingt aber waren viele Häuser unbewohnt, so dass in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts der zu erlangende Zinsgewinn auf fünf Prozent fiel. Dennoch gewann der Rentenkauf in diesem Jahrhundert auch bei den Landesherren an Bedeutung, denn durch die Verfolgungen standen kaum noch jüdische Kreditgeber zur Verfügung.

Neubeginn unter erschwerten Voraussetzungen

Nach den Pestpogromen sollte das jüdische Leben in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert hinein nie wieder die Blüte erreichen, die es vor 1350 erlebt hatte. Dennoch entwickelte sich auch in dieser langen Periode ein Judentum, das sich erfolgreich gegen Bedrohungen behauptete und sogar kreativ entfaltete. Dies zeigt sich in den neuen geistlichen Zentren in Wien und Prag, aber auch in den Leistungen einzelner jüdischer Persönlichkeiten wie Josel von Rosheim. Die größte Leistung in dieser Epoche aber bestand in der Schaffung einer regionalen jüdischen Infrastruktur, die die zerstreut lebenden Juden zusammenfasste und ihnen ein geistliches Leben ermöglichte.

Die Pestpogrome waren nicht überall gleichmäßig aufgetreten. Der Norden und Osten des Reiches waren davon weniger betroffen, so dass in den 1350er Jahren wieder neue jüdische Siedlungsnetze entstanden, etwa im niedersächsisch-thüringischen Raum mit den Zentren Hildesheim, Braunschweig, Goslar, Quedlinburg, Halberstadt und Erfurt. Auch die ehemals bedeutenden Zentren am Mittelrhein lebten in den 1350er Jahren wieder auf. Vor allem in den süddeutschen Reichsstädten drängte Kaiser Karl IV. aus finanziellen Gründen auf die baldige Wiederaufnahme der Juden. So wurden sie in Nürnberg bereits elf Tage nach den Morden wieder als Bürger aufgenommen. Vielfach handelte es sich dabei um Personen, die das Massaker in Verstecken überlebt hatten. In Frankfurt/M. entstand ab 1360 eine jüdische Gemeinde. Im Mittelmaingebiet um Würzburg etablierten sich im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts neue Niederlassungen. In Köln wurden Juden ab 1372 auf Drängen des Erzbischofs wieder zugelassen. 1373 folgte Dortmund als westfälisches Zentrum.

Der Wiederzulassung lagen fast ausschließlich ökonomische Motive zugrunde. Die Städte erteilten nun weitgehend die Schutzbriefe, die für Einzelpersonen nicht selten auf fünf bis zehn Jahre begrenzt waren. Neben den Einzelschutzbriefen gab es aber auch Schutz-Privilegien für die gesamte Gemeinde. Die Fristbegrenzung bedeutete nicht unbedingt die Ausweisung nach Ablauf der Frist, sondern bot den Städten die Möglichkeit, die Schutzgebühr neu zu verhandeln. Die Rückkehr in die alten Städte brachte vielfach eine Verschlechterung der Wohnbedingungen mit sich. Die neuen Judenviertel, die sich bildeten, befanden sich überwiegend nicht mehr im Zentrum und damit in Marktnähe, sondern eher in Randlage, wie in Nürnberg. Dort, wo sie zunächst den alten Standort halten konnten, wie in Frankfurt am Main oder Köln, wurden die Juden im Lauf der folgenden Jahrzehnte verdrängt oder gar der Stadt verwiesen.

Wirtschaftlicher Niedergang

Dennoch gelang es vor allem im Rheingebiet zunächst noch, an die alten ökonomischen Erfolge anzuknüpfen und Interessenten aus allen Ständen mit Kapital zu bedienen. In Köln stellten jüdische Geldleiher im ausgehenden 14. Jahrhundert fast 25 Prozent der Anleihen. Die Geschäfte waren lukrativ, da Fürsten und Städte zu dieser Zeit noch das Kapital der Juden benötigten, zum anderen aber an den Geschäften mit zu verdienen hofften. Deshalb erlaubten sie auch hohe Zinssätze. So einigten sich 1372 der Rat von Dortmund und die benachbarten Grafen von der Mark darauf, dass Juden 36 Prozent Zinsen von Dortmunder Bürgern, aber 72 Prozent Zinsen von Auswärtigen erheben durften. Doch waren die Geschäfte mitunter riskant. Der damals bedeutendste Bankier am Niederrhein, der Kölner Jude Simon von Siegburg, der Kapitalien im Wert von 27000 Mark verliehen hatte, wurde 1377 mit seinem Schwager David hingerichtet. Seine Hinterlassenschaft teilten sich die Stadt Köln und der Erzbischof von Köln.

Hatte Kaiser Karl IV. nach der Sicherung seines Thrones aus fiskalischen Gründen wieder eine eher judenfreundliche Politik betrieben und damit in den Reichsstädten und in seinen Territorien eine erneute Entfaltung gewährleistet, so trug sein Sohn, König Wenzel (Reg.: 1378-1400), durch seine fiskalischen Bestimmungen zum ökonomischen Niedergang der Juden im Reich bei. Um seine Macht zu sichern, aber auch um sich zu bereichern, erzwang er 1385 einen Schuldenerlass zugunsten der süddeutschen Reichsstädte, die bei Juden verschuldet waren. Anschließend befreite er 1390 durch ein Schuldentilgungsgesetz sämtliche Fürsten und Herren sowie die Untertanen von allen Schulden, die sie bei den Juden hatten. Dies traf vor allem die Juden in Mainz, Speyer, Trier und Köln. Unter den Kreditgebern befanden sich auch Frauen, so die Witwe des Fifelin von Dieburg in Frankfurt, bei der der Mainzer Erzbischof verschuldet war. Nur den Frankfurter Juden, bei denen fast der gesamte Adel des Umlandes Kredit hatte, gelang es um 1400, den alten Status zu behaupten. Dafür hatte der Frankfurter Magistrat gesorgt, der 1390 mit König Wenzel eine Ausnahmeregelung getroffen hatte, die der Stadt die alleinige Verfügung über die dortigen Juden garantierte. Zu den finanzkräftigsten Geldleihern gehörte auch hier eine Frau, die Witwe Zorline, auf die 1391 41 Prozent der insgesamt 17 848 verliehenen Gulden entfielen. Zu ihren Kunden zählte wiederum der Mainzer Erzbischof mit einer Schuldsumme von 1000 Gulden.

Außer im Kreditgeschäft waren Juden auch im Warenhandel tätig, vor allem mit Textilien, Getreide und Wein. Sie unterhielten Handelsbeziehungen über Frankreich bis nach Spanien. Die Besteuerungspolitik der deutschen Könige oder Landesherren sowie die aufkommende Konkurrenz christlicher Handelshäuser wie der Fugger, Welser und anderer Augsburger Firmen beendeten allerdings bald die kurze Phase jüdischer Wirtschaftserfolge nach den Pestpogromen.

Das 15. und 16. Jahrhundert sind somit gekennzeichnet durch einen wirtschaftlichen Abstieg jüdischer Kapitalgeber und Händler. Um sich neben seinen Erpressungsmaßnahmen - in der Regel immer wieder außerplanmäßig erhobenen Abgaben - weiterhin laufende Einnahmen aus den jüdischen Gemeinden zu sichern, ernannte König Wenzels Nachfolger, König Ruprecht von der Pfalz (Reg.: 1400-1410), 1407 einen Rabbiner zum "königlichen Reichs-Hochmeister", der von allen Gemeinden die Abgaben für den König einziehen sollte. Auch Ruprechts Nachfolger Kaiser Sigismund (Reg.: 1410-1437) bestimmte 1435 Rabbi Anschel von Köln zum "Obersten Rabbi" des Reiches mit derselben Funktion. Die Juden wehrten sich gegen dergleichen Eingriffe in ihre inneren Gemeindeangelegenheiten, auch wenn sie der Kaiser vornahm. Als Gemeinden wollten sie ihre Unabhängigkeit bewahren, vor allem was die Bestellung von Rabbinern betraf. Der finanzielle Ertrag für den Kaiser blieb jedoch minimal und beweist den ökonomischen Niedergang. Der "Dritte Pfennig" - also ein Drittel des Besitzes -, den die Juden 1434 anlässlich der Kaiserkrönung Sigismunds zahlen mussten, erbrachte nur noch 24000 Gulden.



 

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