Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland
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1650-1815: Territorialstaat und Schutzjudentum


5.8.2010
Im Zuge der Aufklärung formieren sich Initiativen gegen Judenfeindschaft und für eine bürgerrechtliche Gleichstellung. Trotz des wirtschaftlichen Aufstiegs einzelner jüdischer Unternehmer bleibt die Lage der jüdischen Minderheit in den absolutistisch regierten deutschen Staaten von Unsicherheit geprägt.

Moses Mendelssohn (1729-1786) war der bedeutendste jüdische Aufklärer und Philosoph seiner Zeit.Moses Mendelssohn (1729-1786) war der bedeutendste jüdische Aufklärer und Philosoph seiner Zeit. (© Wikimedia)

Wachstum und neue jüdische Zentren



Nach dem Dreißigjährigen Krieg stieg die Zahl jüdischer Einwohner in Deutschland wieder an, etwa neun Zehntel von ihnen lebten nach 1650 in Kleinstädten und Dörfern, also im ländlichen Bereich. In Baden, Württemberg, Hessen, der bayerischen Pfalz, in Franken und Westfalen hatten sich circa 30 Landjudenschaften herausgebildet. In Norddeutschland ermöglichten der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg und die Landesherren von Holstein die Zuwanderung von Juden aus dem Osten. Als 1670 die Juden aus Wien ausgewiesen wurden, sorgte der Große Kurfürst dafür, dass sich die Wohlhabenden unter ihnen in Berlin ansiedeln konnten, wo seit 100 Jahren keine Juden mehr wohnen durften. Auch die nach 1648 aus Polen geflüchteten Juden fanden in Brandenburg und Holstein eine Bleibe.

Ein neues jüdisches Zentrum bildete sich im Hamburger Raum, wo die Grafen von Schaumburg und später dann die dänischen Könige Juden im damals noch selbstständigen Altona günstige Privilegien verliehen. Einigen von ihnen gelang es, auch in Hamburg Fuß zu fassen, doch die Bürgerschaft der Hansestadt stellte die Niederlassung der Juden immer wieder in Frage. Trotz der Schwierigkeiten konnte sich jedoch 1671 unter dem Altonaer Oberrabbinat die Dreigemeinde Altona-Hamburg-Wandsbek mit einer voll entwickelten jüdischen Infrastruktur bilden, die für die künftige Entwicklung der Juden in Deutschland von großer Bedeutung sein sollte.

Die Sefarden in Hamburg

Eine Besonderheit bildeten in Hamburg um 1600 die Sefarden. Dabei handelte es sich um so genannte Conversos, die in Spanien und Portugal nach 1492 zum Christentum gezwungen worden waren, aber wegen der fortgesetzten Verfolgungen durch die Inquisition nach Amsterdam und Hamburg ausgewandert und dort zum Judentum zurückgekehrt waren. Während sie sich in Amsterdam als Juden frei entfalten konnten - wovon noch heute die prächtige portugiesische Synagoge zeugt -, waren sie in Hamburg Einschränkungen unterworfen. Eine Synagoge durften sie nicht errichten, einen Friedhof konnten sie 1611 nur im benachbarten Altona erwerben.

Die Sefarden definierten sich primär über ihre ethnische Herkunft bzw. soziale Stellung, weniger über ihre jüdische Religion, so dass sie zur aschkenasischen Gemeinde in Altona und Hamburg Distanz wahrten und bis zu ihrer Vernichtung unter dem NS-Regime eine eigene Gemeinde bildeten.

Nicht selten adliger Herkunft verdankten diese sozial hochrangigen Bankiers, Makler, Juweliere, Kaufleute und Ärzte ihre herausragende Stellung vielfach der Position als Residenten oder Konsuln auswärtiger Staaten. Da sie mit ihren Handelsbeziehungen über Spanien in die Neue Welt der Hansestadt nach 1600 zu einem wirtschaftlichen Aufschwung verhalfen, versuchte der Hamburger Rat sie gegen den Widerstand der lutherischen Bürgerschaft in der Stadt zu halten. Der adlige Lebensstil dieser Gruppe und ihre internationalen Verbindungen, auch zu den spanischen Conversos, erregten den Neid und den Hass der einfachen Hanseaten. Im 18. Jahrhundert wanderten deshalb die meisten Hamburger Sefarden nach Amsterdam aus, wo ihnen günstigere Lebensbedingungen geboten wurden.



 

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