Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland
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1815-1933: Emanzipation und Akkulturation


5.8.2010
Im Zeitalter der Industrialisierung eröffnen sich den Juden erstmals mehr Freiräume zur Entfaltung. Mehrheitlich patriotisch gesinnt und akkulturiert, werden sie im Kaiserreich zu einer Kerngruppe des aufblühenden Bürgertums – aber auch zur Zielscheibe antisemitischer Abwehrreaktionen.

Große Kaufhäuser waren eine Domäne jüdischer Unternehmner: Innenansicht des Kaufhauses Wertheim in Berlin. 1937 wurde der Konzern von den Nationalsozialisten zerschlagen.Große Kaufhäuser waren eine Domäne jüdischer Unternehmner: Innenansicht des Kaufhauses Wertheim in Berlin. 1937 wurde der Konzern von den Nationalsozialisten zerschlagen. (© Wikimedia)

Politische Einschränkungen der Restaurationszeit



Der Entfaltungsspielraum, der den Juden in zahlreichen deutschen Staaten zur Zeit Napoleons eingeräumt worden war, wurde auf dem Wiener Kongress (1815) durch die restaurativen Staatslenker, die Vertreter der so genannten Heiligen Allianz aus Russland, Preußen und Österreich, wieder eingeschränkt. Mit der Niederlage Napoleons sollten auch die aus der Sicht der Kongressteilnehmer schändlichen Ideen der Französischen Revolution beseitigt und die alte Ordnung wiederhergestellt werden. Auch Frankreich passte sich diesen Forderungen an und setzte das bourbonische Königtum wieder ein. Doch konnten die Errungenschaften der Revolution nicht ganz beseitigt werden, da der Code Napoleon in Kraft blieb. Auch in ehemals von Frankreich kontrollierten deutschen Gebieten - wie in Teilen des Rheinlands - garantierte er bürgerliche Grundrechte.

Vielfach traten allerdings die vorrevolutionären Judenordnungen erneut in Kraft. Juden mussten Städte wie Bremen und Lübeck wieder verlassen, wo sie sich unter der französischen Herrschaft niedergelassen hatten. In Preußen fand das Emanzipationsgesetz von 1812 in den neu erworbenen Landesteilen keine Anwendung. Bayern erließ 1813 ein so genanntes Matrikelgesetz, das die maximale Zahl der jüdischen Familien in den einzelnen Gemeinden festschrieb. Es ist unter pragmatischen und rationalen Gesichtspunkten schwer zu verstehen, warum sich die meisten deutschen Staaten in ihrer Entwicklung zum modernen Wirtschaftsstaat gerade im Hinblick auf die wirtschaftlich aktive jüdische Minderheit Fesseln anlegten und damit wie in Preußen einen ungeheuren Verwaltungsaufwand provozierten. Ein Konzept der planmäßigen "bürgerlichen Verbesserung" durch die Beamten steckte nicht dahinter. Diese hätten die "Judenfrage" am liebsten durch die Taufe gelöst.

Unterstützung fanden sie damit in breiten Bevölkerungsschichten, die das Konzept vom "christlichen Staat", in dem Juden keine Ämter oder gesellschaftsrelevanten Positionen besetzen sollten, befürworteten. Die Intellektuellen des Restaurationszeitalters grenzten die Juden wieder aus und betrieben zum Teil judenfeindliche Propaganda. So auch die Dichter Achim von Arnim und Clemens Brentano, die die Juden in negativen Kontrast zu ihren romantischen Vorstellungen des deutschen Wesens stellten. Vertreter des neu aufkommenden Liberalismus hielten bis in die 1840er Jahre an dem Erziehungskonzept für Juden fest. Der Jude solle "entjudet" und zu einem "nützlichen Mitglied der Gesellschaft" gemacht werden, forderten 1828 die Liberalen im württembergischen Landtag. Die sich anbahnende Emanzipation der Juden wurde vor allem von den kleinbürgerlichen Schichten bekämpft. 1819 kam es in mehreren Städten, so in Würzburg, Frankfurt am Main oder Hamburg, zu den "Hep-Hep-Unruhen", pogromähnlichen Angriffen auf jüdische Bürger und ihren Besitz. Das Schimpfwort Hep-Hep, das man den Juden nachrief, soll sich angeblich auf die mittelalterlichen Kreuzzüge beziehen und die Abkürzung für das lateinische Hierosylima est perdita (Jerusalem ist verloren) bedeuten. Eine andere Vermutung ist, dass die Teilnehmer an den Ausschreitungen einen Lockruf für Ziegen nachahmen wollten, die in zahlreichen Darstellungen als Symbol des Teufels verwendet wurden. An den Unruhen beteiligten sich vor allem Mitglieder des Zunfthandwerks und der Krämergilden, die gegen die "Freihandel" treibenden Juden protestierten, sowie Studenten. Hier dokumentierte sich Konkurrenzneid auf eine bisher marginale und verachtete Minderheit, die sich nun zunehmend in gesellschaftlich gehobenen Positionen etablierte. Die Hep-Hep-Unruhen wurden auch als "Revolte der alten Zeit gegen die neue" interpretiert: Die Ausschreitungen begannen, als im bayerischen Landtag über die Judenemanzipation debattiert wurde. Die an den Übergriffen Beteiligten dagegen wollten die sich auflösende traditionelle Ständeordnung mit ihrer politischen und ökonomischen Benachteiligung der Juden konservieren.

Quellentext

Persönliche Diskriminierung

Johann Jacoby (1805 - 1877) an Jakob Jacobson (1807 - 1858), Königsberg 10. Juli 1832:
Mitten unter frohen christlichen Genossen fühlte ich mich oft plötzlich durch ein dunkles Gefühl beklemmt, das meine Brust gewaltsam einengend den kaum aufdämmernden Frohsinn erstickte; [...]. Oft habe ich über Ursache und Folgen dieser Erscheinung nachgedacht und gefunden, dass Ähnliches gewiss jedem gebildeten und edler denkenden Juden begegnet, sobald er sich über seine unnatürliche Stellung zur Mitwelt aufrichtige Rechenschaft gibt. Der Gedanke: Du bist ein Jude! Ist eben der Quälgeist, der jede wahre Freude lähmt, jedes sorglose Sichgehenlassen gewaltsam niederdrückt! Durch die Staatsgesetze von äußeren Ehren und so vielen Rechten ausgeschlossen, in der Meinung seiner christlichen Mitbürger niedriger gestellt, fühlt der Jude sich durch fremde Überhebung gedemütigt. [...] Mit bürgerlicher Unfähigkeit geschlagen, sehen wir uns von allen Ehrenstellen, Staatsämtern, selbst von Lehrstühlen ausgeschlossen; nicht einmal Offizier, Torschreiber, Feldmesser, Apotheker, Kalkulator, Briefträger, Sekretär kann der Jude werden. Überall wird er in der Entwicklung seiner Fähigkeiten gehemmt, im ungestörten Genuss der Menschen- und Bürgerrechte gekränkt und überdies noch - als natürliche Folge hiervon - der allgemeinen Verachtung preisgegeben.

Edmund Silberner ( Hg.), Johann Jacoby Briefwechsel: 1816 - 1849, Hannover 1974, S. 37 ff. Zitiert nach: Deutsch-Jüdische Geschichte. Quellen zur Geschichte und Politik, Stuttgart 2007, S. 61





 

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