Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland
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Neubeginn


5.8.2010
In Deutschland zu bleiben war für viele Juden in der Nachkriegszeit eine schwierige Entscheidung, die durch antisemitische Vorfälle immer wieder in Frage gestellt wurde. Dennoch etablierten sich jüdische Gemeinden. Seit 1990/91 erhalten sie Zuwachs durch osteuropäische Einwanderer, deren Integration eine aktuelle Aufgabe ist.

Überlebende in den DP-Camps


Noch bevor das NS-Regime am 8. Mai 1945 endgültig besiegt war, hatte sich am 11. April 1945 in dem von den Alliierten befreiten Köln wieder eine jüdische Gemeinde zusammengefunden. Gleiches geschah in anderen Großstädten nach dem Ende der NS-Diktatur. Diese anfänglichen Gemeinden bildeten sich aus den circa 12000 jüdischen Partnern der "Mischehen", ungefähr 8000 deutschen Juden, die den Konzentrationslagern entkommen waren, maximal 3000 jüdischen Männern und Frauen, die im Untergrund überlebt hatten, sowie einigen Hundert Rückkehrern aus dem Exil. Hinzu kamen als eine besondere Gruppe die jüdischen Displaced Persons (DPs).
DPs nannte die UNO die rund 13,5 Millionen Menschen, die vom NS-Regime als Arbeitssklaven, "Hilfswillige" oder als KZ-Häftlinge aus ihrer Heimat verschleppt worden waren und nach Kriegsende in Europa nicht dorthin zurückkehren konnten oder wollten. Unter ihnen befanden sich etwa 50000 jüdische Überlebende der Konzentrationslager. Sie lebten zumeist in eigenen DP-Camps, um nicht mit ihren ehemaligen KZ-Peinigern zusammenzutreffen, von denen einige sich ebenfalls unter den DPs befanden. In die jüdischen DP-Camps, die vorwiegend in der amerikanischen Besatzungszone in Süddeutschland eingerichtet wurden, kamen auch jüdische Überlebende, die vor den antisemitischen Aktionen in osteuropäischen Ländern nach 1945 in den Westen geflohen waren. Auf diese Weise stieg die Zahl der in diesen Camps Lebenden bis zum Oktober 1946 auf circa 141000 Menschen. Sie wollten jedoch zumeist nicht in Deutschland bleiben, sondern versuchten, in die USA oder nach Palästina bzw. Israel auszuwandern.

Selbstorganisation jüdischer Komitees

Obgleich das Leben in einem Camp nicht dazu angetan war, die psychischen Folgen der Konzentrationslagerhaft möglichst rasch zu überwinden, zeugen die kulturellen und sozialen Aktivitäten in den DP-Camps von einem außerordentlichen Optimismus. Es entstanden Sportvereine, Volkshochschulen und Schulen, Zeitungen, Theater- und Gesangsgruppen. Mehrere jüdische Religionsschulen (Jeschiwen) wurden gegründet und Oberrabbinate eingerichtet. Es war eine autonome Kultur, die auf der jiddischen Sprache basierte und kaum etwas mit der deutsch-jüdischen Kultur vor 1933 zu tun hatte. Vom Vertrauen in die Zukunft des jüdischen Volkes zeugt vor allem die hohe Geburtenrate in den DP-Camps. Die aus demokratischen Wahlen hervorgegangenen Komitees nahmen die Selbstverwaltung in die Hand. Im Juni 1945 bildete sich ein "Vereinigter zionistischer Verband", und am 1. Juli 1945 konstituierte sich ein Zentralkomitee der befreiten Juden in der amerikanischen Besatzungszone.



In Erwartung der Auswanderung nach Palästina/Israel entstanden Hachschara-Kibbuzim. In diesen Ausbildungslagern, die von 1945 bis 1948 existierten und von denen es allein in Bayern über 30 gab, wurden die Überlebenden auf ihr Leben in Palästina vorbereitet. Am bekanntesten war der "Kibbuz auf dem Streicher-Hof". Vor 1945 hatte der Hof, auf dem 150 Überlebende ausgebildet wurden, dem NS-Gauleiter von Franken, Julius Streicher, gehört; er hatte den "Stürmer", eines der übelsten antisemitischen Blätter, herausgegeben. Für die Hachschara-Kibbuzim gab es eine eigene Zeitung in jiddischer Sprache: "Landwirtszaftlicher Wegwajzer".
Die meisten jüdischen DPs (1947 rund 118000 von 133000) wollten nicht in Deutschland bleiben, sondern wünschten die Auswanderung nach Palästina und die Gründung eines eigenen jüdischen Staates. Doch die antijüdische Palästinapolitik Großbritanniens verhinderte zunächst eine Realisierung dieses Vorhabens. Erst die Gründung des Staates Israel im Mai 1948 brachte das Ende des Lagerlebens. Von April bis Oktober 1949 ging die Zahl der jüdischen DPs von 165000 auf 30000 zurück; 1952 waren es noch 12000. 1957 wurde mit Föhrenwald, heute ein Stadtteil von Wolfratshausen in Oberbayern, das letzte DP-Lager geschlossen. Die in der Bundesrepublik Deutschland verbliebenen 12000 bis 15000 DPs, die weitgehend aus osteuropäischen Ländern stammten, und eine ebenso große Zahl deutscher Juden, die die Shoah überlebt hatten, bildeten die Keimzelle für die wieder entstehenden jüdischen Gemeinden in Deutschland.



 

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