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Wirtschaft und Gesellschaft

12.3.2012
Die Türkei hat eine rasante wirtschaftliche Entwicklung genommen und zählt heute zu den industriellen Schwellenländern. Allerdings profitieren längst nicht alle von der erfolgreichen Modernisierungspolitik. Problematisch sind die hohe Jugendarbeitslosigkeit, die Benachteiligung von Frauen und das verbreitete Analphabetentum.

Die Börse in Istanbul.Die Börse in Istanbul. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



Wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wandel hängen eng zusammen, ohne dass die Kausalität immer eindeutig wäre. Doch ist zum Beispiel Industrialisierung ohne Verstädterung nicht vorstellbar und eine moderne Dienstleistungsgesellschaft nicht ohne ein entsprechendes Bildungswesen. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung verlaufen aber nicht überall gleichmäßig. Vielmehr entsteht eine in sich vielfältig gegliederte und gebrochene Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur. Das gilt auch für die Türkei. Es fällt deshalb schwer, landesweit gültige Aussagen zu treffen. Doch auch einfache regionale Unterscheidungskriterien (Ost/West oder Stadt/Land) können allenfalls erste Orientierungsschneisen in eine viel stärker differenzierte Wirklichkeit schlagen.

Industrielles "Schwellenland"




Die Türkei nahm im Jahr 2010 mit einem Sozialprodukt von 735,8 Milliarden US-Dollar (in laufenden Preisen) Platz 17 auf der Rangliste der größten Volkswirtschaften der Erde ein. Sie hat damit den Status eines Agrarlandes deutlich hinter sich gelassen und wird zu den sogenannten industriellen Schwellenländern gezählt. Mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von 10 100 US-Dollar (in laufenden Preisen) gehört sie mit ihren circa 74 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern nach den Kriterien der Weltbank zu den Ländern der "oberen mittleren Einkommenskategorie".

Die nach der letzten hausgemachten Krise von 2000/2001 in Angriff genommenen wirtschaftspolitischen Strukturreformen haben das Gerüst der türkischen Wirtschaft, insbesondere den Finanzsektor, nachhaltig stabilisiert. Dies gelang deshalb, weil die seit 2002 amtierende AKP-Regierung den von ihrer Vorgängerin unter dem damaligen Wirtschaftsminister Kemal Dervis mit Unterstützung und unter Aufsicht des Internationalen Währungsfonds (IWF) eingeleiteten radikalen Reformkurs konsequent beibehielt. Begünstigt wurde sie dabei aber auch von der positiven weltwirtschaftlichen Entwicklung in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts. Diese erlaubte es der Türkei, an der starken Globalisierung der Finanz- und Warenmärkte teilzuhaben, was wesentlich zur positiven Wirkung der heimischen Reformmaßnahmen beitrug.

Die heutige Stärke der türkischen Wirtschaft wird durch den Umstand charakterisiert, dass es dem Land gelang, den im Gefolge der globalen Wirtschaftskrise 2008/2009 eingetretenen heftigen Abschwung schnell zu überwinden: Nachdem das Bruttosozialprodukt im Jahr 2009 um 4,7 Prozent geschrumpft war, wuchs die türkische Wirtschaft 2010 bereits wieder um 8,9 Prozent. Für 2011 wird eine ähnlich starke Entwicklung erwartet. Die Türkei knüpfte damit an die erfreulichen Wachstumsraten aus der Zeit vor der Krise an. In früheren Zeiten dauerte es immer mehrere Jahre, bis die Türkei eine schwere Wirtschaftskrise überwinden konnte.


Dieses anhaltende Wachstum bei einer (für türkische Verhältnisse) nur mäßigen Inflation seit 2004 von knapp über oder unter zehn Prozent im Jahr hat zu dem oben genannten Pro-Kopf-Einkommen geführt, dass jetzt etwa dreimal so hoch ist wie im Jahr 2002, als die AKP an die Macht kam. Für die Politik aller türkischen Regierungen im kommenden Jahrzehnt folgt daraus, dass das hohe wirtschaftliche Entwicklungstempo beibehalten werden muss, wenn die politische Stabilität gewahrt werden soll. Denn die Zufriedenheit der Wählerinnen und Wähler hängt nicht zuletzt von ihrem wirtschaftlichen Wohlergehen ab.

Bevölkerungsentwicklung



Das gilt umso mehr vor dem Hintergrund der demografischen Verhältnisse der Türkei: Über die Hälfte ihrer Bevölkerung war im Jahr 2010 jünger als dreißig Jahre. Dadurch entsteht jedes Jahr ein großer Bedarf an neuen Arbeitsplätzen, um den jungen Leuten eine dauerhafte Perspektive für ein auskömmliches Leben in einem sich wirtschaftlich und gesellschaftlich immer stärker modernisierenden Land zu geben. Ohne ein entsprechendes Wachstum ist diese Herausforderung kaum zu bewältigen. Wie groß diese Aufgabe ist, lässt sich daraus ersehen, dass die Jugendarbeitslosigkeit (Altersgruppe 15-24 Jahre) außerhalb der Landwirtschaft im Jahr 2010 bei 25,9 Prozent lag; die Arbeitslosenrate insgesamt betrug circa zwölf Prozent. Diese Zahlen erfassen allerdings nicht den großen Bereich der informellen Schattenwirtschaft. Die dort prekär Beschäftigten erwirtschaften gerade in (groß)städtischen Sektoren oft einen erheblichen Teil der Familieneinkommen.

Die allgemeine Bevölkerungsentwicklung bringt zunächst keine Abhilfe beim allgemeinen Beschäftigungsproblem. Zwar wächst die türkische Bevölkerung bei einer Geburtenrate von knapp unter zwei Prozent im Jahr 2010 langfristig nicht mehr, doch wird es kurz- und mittelfristig infolge des hohen Anteils der jüngeren Jahrgänge ein Wachstum geben. Schätzungen gehen davon aus, dass die Bevölkerungszahl der Türkei in etwa 20 Jahren mit dann 85 bis 95 Millionen Einwohnern ihren Höchststand erreicht haben wird.




 

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